Thema: Prophetie

  1. #1
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    Schon seltsam. Man begegnet schließlich nicht jeden Tag einem Propheten. Schon gar nicht seit die biblischen Zeiten vorbei sind.
    Und was für ein erbärmlicher Prophet! Um seine glänzende Halbglatze lungerten einige gelblich verfilzte Haarbüschel. Der Anzug, den er trug, war irgendwann vielleicht einmal vornehm gewesen. Nun war er abgetragen, löchrig und starrte vor Dreck. Hin und wieder durchfuhr ihn ein ungesundes Zittern und er keuchte unnatürlich.
    Am ersten Tag stand er in der Fußgängerzone, hielt in einer Hand ein Pappschild mit seiner kurzen Botschaft. Mit der anderen fuchelte er wild in der Luft herum, während er immer und immer wieder seinen einen Satz wiederholte. Ich dachte nur: 'Wieder so ein Spinner!' und ging an ihm vorbei. Zumindest wollte ich das. Grad in dem Moment jedoch, als ich seinen ungewaschenen Körper riechen konnte, den Schweiß und den Alkohol, erstarrte ich kurz. Sein Satz hatte mich getroffen. Doch ich ging weiter. Schließlich konnte man nicht jedem Verrückten auf der Straße zuhören.
    Ich kam jeden Tag an ihm vorbei. Und jeden Tag hörte ich seine Prophezeiung. Ich wußte nicht recht, wie ich mir erklären sollte, daß dieser Satz etwas in mir berührt hatte. So verspürte ich immer mehr ein nagendes Unbehagen. An einem Tag versuchte ich mich in Gedanken über ihn lustig zu machen, um dieses Gefühl zu vertreiben. Am nächsten ignorierte ich ihn. Dann suchte ich nach einer tieferen Bedeutung hinter seiner Behauptung. Das Unbehagen blieb.
    Ich nahm jeden Tag die Passanten wahr, die, ebenso wie ich, vorbeieilten, die Blicke gesenkt oder starr geradeaus gerichtet. Sich durch den ranzigen Gestank quälten und an etwas anderes zu denken versuchten.
    Und so sehr ich ihn mit jedem Tag mehr verabscheute, so wollte ich nicht Teil dieser Menge sein und hob irgendwann meinen Blick, schaute ihm in die Augen. Ich sah Verzweiflung. So pur. So ehrlich. Daß ich stehenblieb. Ich blieb stehen und zwang ihn durch meine Präsenz innezuhalten. Ich wollte nun wissen, was er da prophezeite. Doch noch bevor ich zu einer Frage ansetzen konnte, schüttelte er den Kopf und fuhr mich unwirsch an: "Verschwinde! Dich meine ich nicht." Und in seinen Augen stand Neid.
    Ich schloß meinen Mund wieder und sperrte die Frage ein. Der Prophet setzte seine Litanei fort und ich stand da, etwas verloren, aber ich glaubte ihm. Ich hörte seine Prophezeiung, sah die Menschen und wußte, daß er recht hatte.
    Er war fort am nächsten Tag. Ich fühlte mich gut, rechtschaffen. Er war eine Belästigung gewesen. Für alle Sinne. Ich widmete mich wieder meinem Tagwerk, erfreut, daß dieser stinkende Parasit weg war.
    Und eigentlich war es auch nur ein Scherz gewesen. So hatte es zumindest angefangen, als ich das erste Mal einen Freund am Telefon mit diesem einen Satz verabschiedete. Und ich sein Entsetzen am anderen Ende spürte, sein Schlucken hören konnte. Es fing an einen gewissen Reiz auf mich auszuüben.
    Ich kritzelte die Prophezeiung hier und da auf Plakate in der Innenstadt, in Telefonzellen. Ich unterschrieb meine Briefe nun mit einem originellen Post Scriptum. Ich murmelte den Satz manchmal leise vor mich hin, wenn ich durch eine Menge ging und registrierte amüsiert die Angst der Menschen. Ab und zu ertappte ich mich auch dabei, daß ich in die sanfte Litanei verfiel, wenn ich allein war.
    Meine Freunde und Bekannten begannen mich zu meiden, aber ich hing mittlerweile zu sehr an der Prophezeiung, um sie einfach loszulassen. Bei jeder Gelegenheit erwähnte ich sie. Und zu der Angst in den Augen der Menschen gesellte sich etwas anderes. Es war jener Neid, mit dem mich der Prophet angesehen hatte.
    Es war ja auch nicht ernst gemeint gewesen. Nur ein Scherz. Wie hätte ich wissen können, daß tatsächlich...
    Nur frage ich mich, warum sie mich ausgerechnet beneidet haben. So viel besser war es auch nicht, verschont zu bleiben. So toll ist das hier auch nicht.

  2. #2
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    Eine Erzählung mit intensiven Aussagen, die sehr zum Nachdenken anregen. Durch den wirklich gut ausgearbeiteten Spannungsbogen wird man hineingezogen ins Geschehen, und fühlt sich letztendlich fast wie beteiligt.

    Ein gelungenes Stück, das mich fasziniert.

    Es grüßt
    Pully

  3. #3
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    Danke, Pully, für Deine schmeichelnden Worte.

    gott

  4. #4
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    Hey echt gelungen

    aber trozdem verstehe ich sie nicht,
    kann mir das jemand erklären?
    Was ist der Sinn, welcher Satz war das??
    Hilf mir aus der Zwickmühle heraus,
    nicht leben und nicht serben zu können.

  5. #5
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    Hui, soviel Beachtung...

    @ linespur: Allein die Tatsache, daß Du Dich so oft an die Geschichte herangewagt hast, ehrt mich. Mir sind die sprachlichen ängel durchaus bewußt. Aber erstens zitiere ich da die üble, böse Werksblindheit. Und zweitens kann ich mich manchmal von manchen Formulierungen nicht trennen, auch wenn ich merke, daß sie eher unschön sind. Dazu brauche ich dann meistens etwas Zeit und Abstand. Das kann aber mitunter Jahre dauern .

    @ Antigona: Der Satz, der hier als Prophezeiung im Raum steht, spukt zwar durchaus in meinem Kopf rum und hat in meinem Umfeld ein ums andere Mal Erschaudern ausgelöst, aber ich wollte ihn nicht nennen, da ich sonst zuviel verraten hätte.
    Vielleicht auch deshalb, da jeder Mensch andere Assoziationen zu unheilvollen Prophezeiungen hat. Ums zu erklären. Dieser Satz drückt kurz und knapp eine Katastrophe aus. Wie weitgehend bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

    Danke für Eure Kritik,
    gott

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