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  1. #1
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    Vergangenheitsbewältigung


    An meiner Tür schlagen Masern
    Ihre Nägel durch meinen Kopf.
    Sie erzählen von den Brettern
    Aus denen zähes Harz noch troff.

    Ich Baumhirte hock´ davor,
    Während Ringe umherkreisen,
    Deren Sinn noch niemand erfuhr,
    Und mir Schattenmauern schmeißen.

    Zackenfinger krallen die Wand
    Bis starre Steine gebrechen.
    Und das Holz stöhnt so wutentbrannt -
    Ich fürchte, es will Dich rächen.

    Ja, die Tür schwankt ins maßlose
    Zwischen gesteinigten Wällen
    Und der Finsternis meiner Klause,
    Wo mich Gespinste behellen.

    Schattenmähnen flechten Stricke
    Und werfen sich mir hintendran:
    Ich bracht´ Dich doch um die Ecke -
    Wieso fängt alles nochmal an?


    -27|IV|2005-

  2. #2
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    Ha, Danse, Deine Verse - wie schaffst du es, in die wenigen Worte so viel Aussagekraft und Interpretationsmöglichkeiten zu legen?
    Ich denke, man sollte Masern nicht allzu ernst nehmen. Verschleierte Zackenkronen behalten ihre Konsistenz, obwohl sie luftig leicht spielend ihre unverständlichen Runden drehen. Man kann sie lächelnd beobachten. Und man schlägt die Tür zu, bevor sie aus den Kreisen ein Gitter weben. Wer könnte wohl wirklich behaupten, dass alles nochmal anfinge?

  3. #3
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    hey danse,
    ein gelungenes gedicht. man merkt eigentlich gar nicht, dass reime vorhanden sind weil du immer unreine verwendest. es gefällt mir recht gut, interpretieren könnte man wieder stundenlang. du wechselst öfters die metrik, bewusst?
    manchmal klingt es ein wenig mühsam, das gedicht wirkt an sich ziemlich träge.

    -> ins Maßlose

    alles in allem gelungen
    considerate la vostra semenza:
    fatti non foste a viver come bruti,
    ma per seguir virtute e conoscenza.
    (Dante Alighieri)

    Mein Sammelsurium

  4. #4
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    Tja, Pully, ich bin halt begaaaabt.
    Aber Deine Zusammenfassung reißt sämtliche Motive aus dem Zusammenhang und würfelt alles durcheinander. Gut, ich habe meine Bilder wieder bis auf´s äußerste chiffriert - aber sie beinhalten dennoch eine (für mich klare) Hintergrundsituation.



    Gut beobachtet, Goosie.
    Hier habe ich mal versucht, Bewußtseinsstörungen sich auch in verschrobenen Reimen kristallisieren zu lassen. Die Metrik habe ich (mal wieder) nicht sonderlich beachtet, daher die Wechsel. Die Trägheit ist jedoch Absicht, um die zähfließende Realitätsauflösung zu reflektieren.
    Freut mich, daß es gefällt.



    e.c.,
    Na?
    Ratlos?

  5. #5
    barfly Guest
    auch mir gefällt es

    das lyr. ich auf der suche nach einer vergangenheitsbewältigung, meint die (unschöne) vergangenheit überwunden zu haben. das lyr. ich dachte, es hätte die vergangenheit um die ecke gebracht und mit ihr das dazugehörige bewusstsein. das funktioniert aber nicht, wenn man nur verdrängt, deshalb fängt alles noch mal an.

    es ist sehr interessant, wenn man es auch als kritik zu lesen versteht. kann vergangenheitsbewältigung in einem gedicht verarbeitet werden und wenn ja, in was für einem maße ist es noch als gedicht anzuerkennen, wenn lediglich die viel zitierten seelenqualen enthalten sind.
    dieses gedicht nimmt sich der vergangenheitsbewältigung als übergreifendes thema an. kein einzelner aspekt, der zu bewältigen wäre, sondern eine allgemeine haltung zum eigenen bewusstsein.

  6. #6
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    Hi
    hmm deine Metaphern sind mal wieder gut gelungen, Danse.
    Dadurch erhält das Gedicht Tiefgang und man kann sich damit sehr lange beschäftigen, und trotzdem immer wieder neue Puzzle-Stücke finden.
    Was mir bei deinen Gedichten jedoch fehlt, ist das Experiment.
    Du verlässt dich auf deine starken Bilder , lässt jedoch andere Faktoren, die ein Gedicht noch interessanter machen könnten, außer acht.Du könntest dem Gedicht eine außergewöhnliche Form geben, oder interessante Perspektiven einbauen (siehe "Kopfkrieg" von Bogus).
    Was immer dir einfällt!
    Bisher perfektionierst du nur Bewährtes, wirklich überraschenden Stoff lieferst du jedoch nicht.
    Auch stört mich dass du die Metrik manchmal (wie in diesem Fall) einfach weglässt,
    wieso denn ? Ich denke die Arbeit ist es wert.
    Wobei in diesem Gedicht die träge Stimmung relativ gut rüberkommt.

    Soweit von mir
    Bibedibu

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  7. #7
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    Hallöchen!

    Also, ich habe schon viele Gedichte von dir gelesen, Danse_Macabre, denn Gedichte über "Nicklichkeiten" waren ja Werke mit großem Beitraganstieg und es artete stets in Konflikte aus, was eine interessante Abendlektüre war. Ich habe mich jedoch immer zurück gehalten und wollte nicht auch noch meinen Senf dazu geben, denn ich fand solche Gedichte niveaulos und simpel. Ich wollte auch dieses Gedicht erst gar nicht lesen, aber ich bin froh es doch getan zu haben, denn dieses Gedicht gefällt mir sehr! Du verwendest Worte die einen Film in meinem Kopf abspielen lassen und schießlich alles vernebeln, was mir sehr gefällt. Ich hoffe du schreibst öfters solche guten Gedichte und nicht wieder solche niederwertigen, wie dein Gedicht über die "Nicklichkeiten"... Solche Gedichte bekommen zwar einen großen Ansturm, sind jedoch eindeutig unter deinem Niveau!

    Gruß!
    Verdi
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  8. #8
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    @Danse,

    na, wenn ich nicht wüüüüüsste, dass du begaaaabt bist, wüüüürde ich deine Verse doch wohl nicht lesen, oder?

    Es war halt nur eine meiner eigenen Interpretationen zu deinem Stück, im Atom komprimierten Kurzformat. Soll ich noch einmal nach daieieinem Sinn suchen?

  9. #9
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    +++

  10. #10
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    Danke, Leute.



    Bibedibu,
    Experiment?
    Beachte die Reime.



    verdigrism,
    Laß Dich mal nicht von gewissen Späßen am Rande blenden, Dir entgeht so eine Menge. Denn abseits dieser Scheuklappen habe ich viele ähnlich gute Stücke geschrieben.



    Linespur,
    Es ist ja gut und schön, daß Du die variable Wiederholung gewisser Elemente erkennst - jedoch bleibst Du an der Stelle stehen und hälst Dir fortan die Augen zu. Auf weitere diesbezügliche Zusammenhänge wie z.B. die durch die Variationen stetig immer weiter steigende Bedrohung und Umschließung des lyr Ichs gehst Du gar nicht ein - daher muß ich bezweifeln, daß Du hier mehr als die einfachen Worte verstanden haben könntest. Damt bist Du jedoch noch weit von einer zum Urteil befähigenden Erkenntnis entfernt.



    Pully,
    *grinz*
    Wirklich äußerst kompakt.



    Chris1,
    Hey, schön, Dich mal wieder hier zu lesen.

  11. #11
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    An meiner Tür schlagen Masern
    Ihre Nägel durch meinen Kopf.
    Sie erzählen von den Brettern
    Aus denen zähes Harz noch troff

    Also das erinnert mich jetzt an das Plattencover von Ceremony, wo jemand durch die eigene Hand einem anderen, dessen gezeichnetes schmwezverzerrtes Gesicht gut zu sehen ist, einen Nagel in den Kopf schlägt. Übrigens eine psychedelische Kultscheibe aus den 70ern. Ein bischen hat es auch von Roman Bunka, "Dein Kopf ist ein schlafendes Auto" Irgendwie möchte man die ganze Zeit das Starthilfekabel herausholen. Aber es gelingt dem Autor wirklich den Leser permanent in einem unbefriedigenden Spannungszustand zu halten, weil das Gedicht trägt und vermittelt Neugier und Stimmung, versagt uns dann aber den Höhepunkt. Allerdings ist es so meilenweit vom Klischee entfernt und eigensinnig, das es das Recht des Pioniers auf seiner Seite hat.

    never surrender

    demon17

    [Geändert durch demon17 am 05-05-2005 um 12:00]

  12. #12
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    So, e.c., endlich gibt´s eine Antwort für Dich:

    Zu S1:
    Gute Interpretationsarbeit, aber vermutlich chancenlos.
    Ich habe keine so konkrete Aussage in S1 verpacken wollen. Für mich ist´s eine Szenenbeschreibung: Das lyr ich sitzt vor seiner geschlossenen (verbarrikadierten) Zimmertür und kann nichts anderes machen, als die Maserung des Holzes dieser undurchdringlichen Tür zu studieren und sich seinen quälenden Gedanken (Nägeln) hinzugeben. Das lyr Ich wird quasi von der unüberwindlichen Tür verspottet, die ihn nicht vor seinen Gedanken entfliehen läßt.
    Die harzenden Bretter bilden dann das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf ab: Die Gedanken, die das lyr Ich plagen, beziehen sich auf begangene Fehler, die nun zu dieser verschlossenen Einöde führten. Das Harz versinnbildlicht, daß die früheren Taten/Geschehnisse noch nicht abgeschlossen sind und nun eine zähe Auseinandersetzung stattfindet.
    Unterschwellig ging es mir aber in der Tat um zwischenmenschliche Zerwürfnisse, wie Du es ansprichst.


    S2:
    Gut erkennst Du die Doppelbödigkeit des Hirten (in der Tat das lyr ich): Da er hier eingeschlossen vor toten Brettern (Tür/Fehlern seiner Vergangenheit) vegetiert, besetze ich den "Hirten" mit Deiner negativen Auslegung ("gegen das Interesse des Schwächeren").

    Im weiteren begehst Du allerdings sehr eigene Interpretationswege, die mit meinen Absichten nichts mehr gemein haben. Die umkreisenden Ringe beziehen sich auf die Jahresringe(Maserungen) von Bäumen und Brettern und ich verdeutliche damit Zeit. Die Vergangenheit holt das lyr ich immer stärker ein und die damaligen Fehler geistern - plötzlich wieder akut - als düstere Schatten durch die Zelle des lyr Ichs. Das "noch niemand von ihnen (den Fehlern) erfuhr", soll verdeutlichen, daß diese Vergangenheit noch nicht abgeschlossen ist und möglicherweise bedrohliches enthält.


    S3:
    Hier verweise ich mit dem lyr Du erstmals deutlich, daß das lyr Ich seine Gedanken ganz konkret auf Geschehnisse rund um eine Person seiner Vergangenheit richtet und von den Erinnerungen an mit dieser Person verbundene Vorfälle (gescheiterte Beziehung?) verfolgt wird. Diese Erinnerungen brechen sich ihre Bahn selbst noch in das vernagelte Gefängnis des lyr Ichs und beginnen hier, selbst dieses letzte Refugium zu zerstören. "Rächen" verweist ebenfalls ganz direkt auf ein Bedrohungsszenario.


    S4:
    Nicht schlecht.


    S5:
    Ebenfalls erstaunlich gute Ansätze.



    Verfolgungswahn schließe ich bei dem Begriff "Bewußtseinsstörung" mit ein. Der Titel eröffnet in der Tat mit einem Versprechen, daß der Text nicht ganz erfüllt. Damit lasse ich der Phantasie des Lesers Raum, da mein Ende spektakulär, aber nicht gänzlich vollendet ist. Du hast Recht: Es bestehen Möglichkeiten...





    demon17,
    *grinz*
    Danke, gut umrissen.
    Ich wollte dem Leser Andeutungen vermitteln, aber seine Neugier nicht mit Fakten erfüllen.





    pringles,
    Du solltest Dich erstmal ausführlich mit der phonetischen Reimlehre befassen...
    Das meiste, was Du bezüglich der Reime vorbringst, ist falsch.


    Zu Deiner Interpretation:

    S1:
    hehe, nicht übel.
    Die weiteren Feinheiten sind ja schon bei e.c. besprochen.


    S2:
    Nicht ganz, aber wiederum ein guter Ansatz.


    S3:
    hehe, Du beschreitest den Weg des Wahnsinns mit mir...
    Zwar faktisch etwas schräg, aber sinngemäß dennoch passend zu meiner Intention.


    S4:
    Schuldgefühle ist ein Volltreffer, aber der Rest ist weit gefehlt.


    S5:
    naaaja...


    Die Details mißverstehst Du zwar teils, aber insgesammt fängst Du sehr gut die Zusammenhänge der Hintergründe und Emotionen in meinem Stück auf.

    Mein Kompliment, Du machst Dich!


  13. #13
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    Thumbs down

    Ganz ehrlich?
    Ich hasse es!
    Und warum?
    Weil es perfekt ist.
    Scheiße - entschuldige diese Obszönitäten, aber ich wollte deine Arroganz wegwischen, indem ich irgendeinen Denkfehler, irgendeine lyrische Grausamkeit finde.
    Nichts da.
    Hiermit ergebe ich mich dir.
    Asche auf mein Haupt.
    Das ist so schlimm.
    Kämpfe!

  14. #14
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    das klingt erbärmlich aber ich glaube ich bin zu dumm , um das gedicht zu mögen.. keine ahnung
    gruß julia
    Nach Leben lechzend seh ich mich
    und bin hier selbst der ohne Wahl,
    Gedanken sind so weinerlich,
    den Tod zu leben ist die Qual
    Lebend lechzend Herzgeflüster by Dornenreich



    So Sei Es...........

  15. #15
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    lol, von beitrag zu beitrag wird es lächerlicher. himmelblau, meinst du wirklich arroganz kannst du "wegwischen" indem du einen "denkfehler" findest. was soll dieses andauernde spamming?
    considerate la vostra semenza:
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