1. #1
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    Question

    Hallo,

    ich habe Probleme mit zwei Schiller-Texten.
    Wäre klasse, wenn mir hier jemand weiterhelfen könnte, ich hab nämlich echt keine Ahnung was Schiller einem mit diesen Texten sagen will.
    Bitte so einfach erklären, so dass ich das verstehe
    Danke schon mal!

    Hier sind sie:

    Über das Pathetische

    Darstellung des Leidens – als bloßen Leidens – ist niemals Zweck der Kunst, aber als Mittel zu ihrem Zweck ist sie derselben äußerst wichtig. Der letzte Zweck der Kunst ist die Darstellung des Übersinnlichen und die tragische Kunst insbesondere bewerkstelligt dieses dadurch, dass sie uns die moralische Independenz von Naturgesetzen im Zustand des Affekts versinnlicht. Nur der Widerstand, den es gegen die Gewalt der Gefühle äußert, macht das freie Prinzip in uns kenntlich; der Widerstand aber kann nur nach der Stärke des Angriffs geschätzt werden. Soll sich also die Intelligenz im Menschen als eine von der Natur unabhängige Kraft offenbaren, so muss die Natur ihre ganze Macht erst vor unsern Augen bewiesen haben. Das Sinnenwesen muss tief und heftig leiden; Pathos muss da sein, damit das Vernunftwesen seine Unabhängigkeit kundtun und sich handelnd darstellen könne.
    Man kann niemals wissen, ob die Fassung des Gemüts eine Wirkung seiner moralischen Kraft ist, wenn man nicht überzeugt worden ist, dass sie keine Wirkung der Unempfindlichkeit ist. Es ist keine Kunst, über Gefühle Meister zu werden, die nur die Oberfläche der Seele leicht und flüchtig bestreichen; aber in einem Sturm, der die ganze sinnliche Natur aufregt, seine Gemütsfreiheit zu behalten, dazu gehört ein Vermögen des Widerstandes, das über alle Naturmacht unendlich erhaben ist. Man gelangt also zur Darstellung der moralischen Freiheit nur durch die lebendigste Darstellung der leidenden Natur und der tragische Held muss sich erst als empfindendes Wesen bei uns legitimiert haben, ehe wir ihm als Vernunftwesen huldigen und an seine Seelenstärke glauben.



    Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen

    Diese moralische Zweckmäßigkeit wird am lebendigsten erkannt wenn sie im Widerspruch mit andern die Oberhand behält; nur dann erweist sich die ganze Macht des Sittengesetzes, wenn es mit allen übrigen Naturkräften im Streit gezeigt wird und alle neben ihm ihre Gewalt über ein menschliches Herz verlieren. Unter diesen Naturkräften ist alles begriffen, was nicht moralisch ist, alles, was nicht unter der höchsten Gesetzgebung der Vernunft stehet; also Empfindungen, Triebe, Affekte, Leidenschaften so gut, als die physische Notwendigkeit und das Schicksal. Je furchtbarer die Gegner, desto glorreicher der Sieg; der Widerstand allein kann die Kraft sichtbar machen. Aus diesem folgt, „dass das höchste Bewusstsein unserer moralischen Natur nur in einem gewaltsamen Zustand, im Kampfe, erhalten werden kann, und dass das höchste moralische Vergnügen jederzeit von Schmerz begleitet sein wird.“
    Diejenige Dichtungsart also, welche uns die moralische Lust in vorzüglichem Grad gewährt, muss sich eben deswegen der gemischten Empfindungen bedienen und uns durch den Schmerz ergötzen. Dies tut vorzugsweise die Tragödie, und ihr Gebiet umfasst alle möglichen Fälle, in denen irgendeine Naturzweckmäßigkeit einer moralischen, oder auch eine moralische Zweckmäßigkeit der andern, die höher ist, aufgeopfert wird.


  2. #2
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    "Der letzte Zweck der Kunst ist die Darstellung des Übersinnlichen und die tragische Kunst insbesondere bewerkstelligt dieses dadurch, dass sie uns die moralische Independenz von Naturgesetzen im Zustand des Affekts versinnlicht."

    Solche Sätze schrecken schon zunächst einmal ab. Aber Schiller formuliert es auch einfacher:

    "Man gelangt also zur Darstellung der moralischen Freiheit nur durch die lebendigste Darstellung der leidenden Natur und der tragische Held muss sich erst als empfindendes Wesen bei uns legitimiert haben, ehe wir ihm als Vernunftwesen huldigen und an seine Seelenstärke glauben."

    Die Natur ist, wo alles anfängt. Der "Affekt", die Hingabe an das Gefühl und an die Leidenschaften. Jeder begreift das, der sich selbst in aufgewühlten Situationen fand, wo die ganze Welt über dir hereinbricht, und es keinen Ausweg zu geben scheint, als sich darein zu fügen, zu ergeben. Zu verzweifeln.
    Zu einem späteren Zeitpunkt - am nächsten Morgen vielleicht schon - wenn das überwältigende Gefühl gewichen ist und du mit einem klaren (obwohl ermatteten) Auge auf deine Situation blickst, und sie in irgendeiner Form zu bewältigen suchst, bereust du vielleicht sogar das, was du in der Tiefe der Gefühle getan und gesagt hast. Mit klarem Kopf hättest du anders gehandelt, hättest Argumente für diese oder jene Handlungsweise gefunden, statt nur weinend oder schreiend dazustehen.

    Denjenigen, der sogar in den schlimmstmöglichen Lagen noch seinen Verstand wach halten kann ohne sich in seine Gefühle zu ergeben, den nennt Schiller erhaben. Und nur der kann erhaben sein, der sich auch wirklich in schlimmen Situationen bewährt hat. Das pathetische - das ja viele an Schiller "kritisieren", dass alles so übertrieben, in letzter, tragischer Konsequenz und Leidenschaft ausgeführt ist - ist deswegen da, weil gerade daran sich die Stärke eines Charakters und eines "Moralgefühls" beweist, und nicht in Alltagssituationen.
    Schiller will zeigen, dass es möglich ist klaren Kopf zu bewahren, auch wenn gerade Murphys Law sich glänzend an dir austobt, wenn deine Bude brennt, deine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, dein handy kaputt und dein Auto verliehen..... dann macht deine Freundin mit dir Schluss, und du sollst sie nicht anschreien, nein. Schau ihr in die Augen, sag dass du ihre Entscheidung nachvollziehen kannst, nimm sie ein letztes Mal in die Arme und leg dich im Einklang mit der Welt und deiner Vernunft unter der nächsten Brücke schlafen.

    Jeder würde sagen, dass das nicht möglich ist, dass das doch nicht in unserer Natur liegt. Als Menschen rasten wir eben nun mal aus wenns hart auf hart kommt, und das zeugt doch nur von der Tiefe unserer Gefühle. Dem würde Schiller wohl widersprechen. Er will dem Menschen zeigen, dass das nicht so sein muss, dass tiefe Gefühle auch da sein können ohne dass man rumbrüllt oder nen Stuhl gegen die Wand schmeißt oder auf Rachefeldzug geht. Die hehre Kraft des menschlichen Intellekts sollte dazu genutzt werden, eben dieses NICHT zu tun, sondern das, was ethisch und moralisch richtig ist.

    "Je furchtbarer die Gegner, desto glorreicher der Sieg"

    Je schlimmer das Schicksal dich zuschanden richtet, desto stärker kannst du aus diesem Konflikt herausgehen, wenn du dich nicht zugrunde richten lässt. Das Mittel dafür ist das Sittengesetz, das sich in eben solchen Situationen bewährt.

    Zur Rolle der Vernunft und des Sittengesetztes könnte wohl noch mehr geschrieben werden, aber ich fürchte mein Beitrag ist sowieso schon zu lang geworden...
    Soviel jedenfalls zu meiner "Interpretation" dieser beiden Passagen. Vielleicht hilft es dir ja weiter.

    Das gehört jetzt vielleicht nicht hierher, aber ich las gerade mal wieder die aktuelle Debatte darüber, ob der Mensch nur ein Sklave seines Gehirns sei. Das ist im Prinzip die selbe Frage, die Schiller hier vehement mit "Nein!" beantwortet haben möchte. Der menschliche Intellekt IST fähig sich über die Naturnotwendigkeit hinwegzuheben und freie, moralische Entscheidungen zu treffen. Ob die aktuelle Diskussion wohl irgendwann noch zu dem selben Schluss gelangen wird? Oder ist alles doch noch viel komplizierter, als wir oder Schiller denken?
    Geändert von Nachteule (01.09.2014 um 23:53 Uhr) Grund: Doppelposting

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