1. #1
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    Ich bin jetzt einen Abend hier, und las mehr über Metrik als je zuvor.
    Was ist mit modernen Gedichten bekannter Dichter?
    Ist sie in jedem Vorhanden?
    Eigentlich gibt es in der Kunst doch keine Regeln ...
    Das dachte ich zumindest bis hierher
    Ist mein Sinn für Sprache unvollständig, wenn ich provozierenderweise den Lesefluss störe und scheinbar wahllosen Zeilensprung betreibe
    ... aber mir letztendlich doch etwas dabei denke...


    Gebt mir Antworten, ich brenne darauf


    Bin keine Dichterin sondern eine 18jährige Schülerin, die sich manchmal mit Worten beschäftigt
    ""Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche nicht!""

    Aus "Also sprach Zarathrustra" von Friedrich Nietzsche

  2. #2
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    Du hast doch wenigstens das Sprechzimmer gefunden...

    ...ist es da wirklich zuviel verlangt, daß Du erstmal liest, was Du dort vorfindest?

    Offensichtlich.

    Wieso benötigst Du einen Vordenker, der dir alles haarklein wiederkäut, was hier ohnehin schon ausgiebig beschrieben wurde?

  3. #3
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    Ja ich fand es...

    Und das, was ich hier las gab keine Antwort auf die Frage, die ich hier gestellt habe.

    Ich brauche keinen Vordenker, aber ist es falsch zu fragen?

    Mit dem Post versuche ich mich vielleicht auch ein kleines bisschen an eure Gewohnheiten usw. hier zu gewöhnen.

    Habe auf eine freundlichere Antwort gehofft!

    Danke
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  4. #4
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    @Danse: Weil das Forum den entsprechenden Untertiel trägt? (Und nicht "sucht irgendwo eine Antwort")

    However. Zur Anfrage.

    Hallo Heiress, Willkommen an Bord vom offiziellen Badewannenkapitän. Ohne mich selbst als ausgemachten Experten auf allen Gebieten hier bezeichnen zu wollen, versuche ich mal ein paar Antworten zu finden - und, nachdem ich das meiste von Dir gelesen habe, mich ein wenig mit dem grundlegenden Problem auseinanderzusetzen. (Zusammengefasst aus ein paar LitWiss- und ASW-Vorlesungen an der Uni Kiel vor Ewigkeiten.)

    Metrik ist in einem gewissen Sinne wichtig für Lyrik, ohne Zweifel. Was die meisten aber gerne vergessen, ist, daß Metrik seinen Ursprung als Analyse-Instrument, nicht als Konstruktions-Instrument hat. Metrik ist ein hervorragendes Mittel, um herauszufinden, warum ein Gedicht, sprachwissenschaftlich betrachtet, "schön" ist, warum einen Stellen zum Stutzen bringen, etc.

    Der/die Dichtende ist nicht darauf angewiesen, jedes dieser Elemente benennen zu können. Mit einem vernünftigen hochdeutschen Sprachgefühl reichen die Worte "holprig" und "flüssig" voll und ganz aus, um ein Gedicht so zu verfassen, daß es flüssig klingt - bzw. an den Stellen hoplert, an denen es holpern soll.

    Soviel zum Rhythmus. Gehen wir mal davon aus, daß ein Rhythmusbruch beabsichtigt ist(Dein "ich habe mir etwas dabei gedacht"), hier wird es schwieriger. Das Problem tritt an der Stelle auf, an dem der Leser nicht versteht, warum dieser Bruch zu statten kommt. Er muss anfangen nachzudenken - fort von der reinen Strukturanalyse, die jeder Siebtklässler zu meiner Zeit beherrschte, zur Interpretation. (Und wenn unter einem deiner Gedichte nur eine Sammlung von XxXxXx/xXxxXxx zu finden ist, zusammen mit dem Kommentar, Du könntest nicht einmal einen Rhythmus beherrschen, also lass es gleich - dann ist eine keine Kritik. Es ist wie auf die Frage "Was ist ein Auto?" mit "Die Buchstaben A,u,t,o" zu antworten. Dies gilt natürlich nur, solange der Bruch eine Intention hat.)

    Kritik und Interpretation muss sich hingegen damit befassen, ob der Bruch sprachlich oder inhaltlich zu rechtfertigen bzw. notwendig und angemessen ist. Banal ausgedrückt - der Sprung von "Ich mag Dich sehr" zu "Ich liebe Dich" rechtfertig keinen massiven Bruch. Der Sprung von "Ich hasse Dich" zu "Ich liebe Dich" hingegen schon. (Schreibe jetzt bitte, bitte kein Gedicht mit diesem Beispiel. ) Die Intention, die Du hast - oder, ganz wichtig, irgendeine andere, die er hineininterpretiert, muss aber für den - einigermassen reflektierten - Leser ersichtlich werden.

    Um es hier einigermassen kurz zu halten, zum letzten Punkt. Sprachstil. Wie so oft gibt es auch hier tausend Meinungen, die größte Trennlinie bei Poesie ist die zwischen den Verfechtern von Schlichtheit und denen von Komplexität.

    Komplexität hat es etwas leichter, weil sie eher etwas Neues schaffen kann - "Deine bananenverwobenen Netze atmeten tief aus" - und sich der Leser dann immer blöd fühlt, weil er nicht versteht, was gemeint ist. Er kann es dann gut finden, weil es neu, innovativ, kreativ ist.

    Schlicht und gleichzeitig schön zu schreiben hingegen ist ein echtes Problem. Wie poetisch kann der Satz "Ich sah dir in die Augen" schon klingen? Wie banal und abgedroschen wirkt er eigentlich mittlerweile? Die wenigsten trauen sich noch, so zu schreiben, und die meisten davon nennen es dann Haiku oder Senryu, um nicht als Erich-Fried-Verschnitt ausgelacht zu werden. In meinen Augen ist die Herausforderung, ein sprachlich schlichtes, inhaltlich tiefes und auch noch schönes Gedicht zu schreiben, die größte Herausforderung, die es in der Poesie gibt. Aber da mögen andere anderer Meinung sein, ist auch gut so.

    Nun bin ich kein Dozent für kreatives Schreiben, aber ich finde - persönliche Meinung -, Du hast durchaus Potential, und somit mein einziger wirklicher Rat: Schreibe. So viel Du kannst, mit so viel Mühe, wie Du nur kannst. (Veröffentliche hier nicht mehr als 2 Gedichte/Tag/Rubrik. ) Und distanziere Dich immer vom Werk, lies es noch einmal, ohne darüber nachzudenken, was Du damit meinst. Wenn Du es dann immer noch gut findest, wirf es den Kritikern vor, vergiß nicht, daß diese sich Zeit für Dich nehmen - und manchmal sogar Mühe geben, vergiß nicht, daß es nicht nur schlechte Dichter, sondern auch schlechte Kritiker - oder sogar nur bloße Strukturanalytiker, die sich Kritiker nennen - gibt, und daß Du nicht perfekt bist. Intention alleine reicht nicht - um sie zu verdeutlichen, findest Du hier in den Theorie-Threads all die netten Hilfestellungen, wie auf wen was wirkt.

    Einen schönen Abend wünscht

    kurushio

  5. #5
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    Vielen Dank kurushio, du hast mir doch wirklich auf die Art und Weise weitergeholfen, wie ich es mir erhofft hatte

    zu Erich Fried : Aber gelesen haben sie ihn bestimmt

    Wünsche dir ebenfalls einen schönen Abend und gehe mal eine rauchen, auf das mich die Muse küsst....

    Heiress
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  6. #6
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    Hallo Heiress,

    auch von mir ein verspätetes Willkommen.
    In der Kunst gibt es, da stimme ich dir zu, keine Regeln, Normen oder Dogmen mehr, die dich in deiner künstlerischen Kreativität oder Kunstausübung beschränken könnten. Dennoch, ist ein Kunstwerk von einem planenden, konzipierenden Wesen geschaffen, so entbehrt es nicht gewissen inneren Gesetzmäßigkeiten, die individuell für dieses Kunstwerk sind. So, wie es eine Gesetzmäßigkeit ist, daß ein Apfel nach unten fällt, so kann es z.B. das Gesetz eines bestimmten Kunstwerks sein, daß es in jeder Zeile am Ende eine Kadenz (Schlußformel) gibt, mit der eine grammatische Phrase aufhört. Vielleicht passiert dies, weil es der Künstler bewußt so geplant hat, vielleicht passiert es aber auch intuitiv.

    Daß ein Apfel plötzlich nach oben fliegt, ist unwahrscheinlich. Daß aber ein Kunstwerk mit seinen eigenen Gesetzen bricht, ist gar nicht so selten. In jedem Falle wird ein Bruch aber von einem sensiblen Rezipienten bewußt oder unbewußt wahrgenommen. Die Stelle, an der sich die Gesetze ändern oder ganz außer Kraft treten zieht dadurch sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Als Künstler kann man damit hervorragende Effekte erzielen, z.B. inhaltliche Bereiche abgrenzen oder besonders hervorheben. Es empfiehlt sich für einen Künstler daher immer, die selbst bestimmten Gesetze des Kunstwerkes nur dann zu brechen, wo es inhaltlich oder sprachlich sinnvoll ist.

    Nehmen wir also an, daß es in unserem obigen Beispielkunstwerk plötzlich einen Vers gibt, bei dem Phrasenende und Kadenz nicht zusammen am Zeilenende stattfinden, sondern wo die grammatische Phrase über das Zeilenende hinaus in die nächste Zeile führt. Dieses Phänomen nennt man gemeinhin "Zeilensprung" oder "Enjambement". Kommt es also zu einem Enjambement, bedeutet das einen Bruch in der inneren Gesetzmäßigkeit des Kunstwerkes und dies bedeutet auch, daß eine solche Stelle die Aufmerksamkeit des Lesers sehr stark auf sich zieht. Das ist effektiv, wenn es an dieser Stelle etwas gibt, das diese höhere Aufmerksamkeit des Lesers rechtfertigt, z.B. eine inhaltlich markante Stelle. Gibt es eine solche Rechtfertigung nicht, enttäuscht und frustriert das den Leser und das liegt vielleicht nicht gerade im Sinne des Erfinders.

    Daher ist es immer wichtig, sich als Künstler selbst zu fragen, wie sinnvoll eine sprachliche Figur oder ein Gesetzbruch gerade ist. Auch ein völlig beabsichtigter Bruch kann in die Hose gehen oder seine Wirkung verfehlen. In meinen Augen ist das die eigentliche experimentelle Lyrik.


    Was die Metrik betrifft, so stimme ich mit meinem Vorredner in diesem Punkt nicht überein, daß sie lediglich ein Analyseinstrument wäre. Das ist in meinen Augen Unfug und beschränkt den Begriff auf einen unzureichenden Inhalt. Metrik bezeichnet das Phänomen, daß es in bestimmten Versen poetischer Sprache zu einer klanglichen Musterbildung kommt, d.h. daß die phonetischen (akustischen) Elemente der Sprache sich in einem Vers zu Perioden und Parallelen ordnen.

    Beispiel: Ein süßer Has' im Rasen saß. Hier sind die Worte so geordnet, daß jede zweite Silbe stärker betont ist, wobei am Versanfang eine weniger stark betonte, am Versende eine stärker betonte Silbe steht. So kommt es zu einem Rhythmus, der sehr gleichmäßig und fließend klingt und den man im Schema vielleicht so darstellen könnte: xXxXxXxX. Wir sehen an diesem Schema sehr gut, daß der Vers auf der phonetischen (akustischen) Ebene der Betonung aus Perioden und Parallelen aufgebaut ist. So gibt es bspw. ebenso viele schwachtonige Silben, wie starktonige (Parallele), während der Vers insgesamt aus einer kurzen Periode (xX) besteht, die vier mal hintereinander völlig identisch wiederholt wird. Der Vers ist metrisch. Man nennt diese spezielle Figur unseres Beispiels "vierhebiger Iambus" oder auch "iambischer Tetrameter". Ein bestimmtes Metrum kann im Gedicht zum Gesetz erhoben werden, in dem man es überwiegend aus solchen oder ähnlichen Mustern aufbaut.

    Das Gegenteil von Metrik ist Prosaik. Ein Vers ist prosaisch, wenn er sich nicht hauptsächlich aufrgund phonetischer Elemente, die zu periodisch-parallelen Mustern gefügt sind, gliedert. Gleichzeitig bezeichnet der Begriff "Metrik" aber auch die gesamte Lehre vom Versbau, also die Theorie, die bemüht ist, die individuellen metrischen Phänomene der einzelnen Sprachkunstwerke zusammenzufassen und ihre grundlegenden Prinzipien zu erklären. Kenntnis über diese formalen Möglichkeiten zu haben, rückt die ästhetische Wahrnehmung phonetischer Gliederungsstrukturen in den Bereich des Bewußten. Den Versuch über eine solche Verslehre findest du, bei Interesse, wenn du in meinem Profil auf den www-Button klickst und dort im Menü den Punkt "Literaturtheorie" wählst.

    Innerhalb der modernen Lyrik spielt Metrik nicht mehr eine solch übergeordnete Rolle, wie dies noch vor ca. 120 Jahren der Fall war. Prosaische Verse haben sich etabliert, die wiederum eigenen z.T. sehr komplexen Gesetzen und Prinzipien folgen. Auch tritt seit der Etablierung der konkreten Poesie neben der Phonie (Klang), der Syntax (Grammatik) und der Semantik (Bedeutungsinhalt) auch zunehmend die Graphie (Optik) ins Blickfeld der Aufmerksamkeit dichterischen Schaffens.

    Vielleicht konnte dir auch dieser kurze Abriß weiterhelfen.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  7. #7
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    Schöner Beitrag.

    Ich will ja meiner Vorrednerin im übrigen nicht widersprechen - und man sollte auf sie hören, sie hat Ahnung -, aber auf Deiner Internetseite sagst Du selbst mehr als deutlich, daß Metrik eine strukturanalytische Lehre ist... Aber das diskutieren wir besser mal im Sundance aus.

    Viele Grüße nach Norden,
    kurushio

  8. #8
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    Verdammte Spitzfindigkeiten. Aber ja, das können wir gerne mal im Sundance ausdiskutieren. Falls du übrigens demnächst wieder hier im Norden weilst, sag Bescheid! Ich habe einen literarischen Veranstaltungstipp für kommenden Dienstag.
    --LeV

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