Das fahle Mondlicht legt sich über das bergige Land und die Kälte der Nacht streckt ihre klammen Finger nach den letzten Menschen, die noch über die Straßen der Stadt wandern, aus. Es ist eine erstaunlich ruhige Zeit der Schatten in der großen Siedlung, woran das liegt, mag in den funkelnden Sternen stehen.

„Wer mit dem Odem eines Drachen spielt, muss damit rechnen, sich über kurz oder lang daran zu verbrennen.“ flüstert eine Frauenstimme in der kalten Dunkelheit.
Im Mondenschein huscht eine Gestalt über die Dächer. Die Person trägt ein schwarzes, kuttenähnliches Gewand, das auf der Höhe der Hüfte von einer breiten, roten Kordel zusammen gehalten wird. An eben dieser Kordel ist auch ein Schwert befestigt, auf dessen Scheide die taleanischen Schriftzeichen für „War, Sein und Werden“ eingefasst sind - jeder Gelehrte hätte sie bereits von weitem erkannt.
Flick wie eine Raubkatze auf der Jagd springt die Gestalt von Dach zu Dach, um auf dem First eines niedrigeren Hauses Inne zu halten und auf die leere Straße hinab zublicken. Fast ohne jegliches Geräusch nimmt sie sodann nochmals einen kurzen Anlauf um auf eine Mauer zu springen, von der aus sie ohne größere Mühe hinab auf die Straße gleiten kann.
Noch im Schatten nimmt die Gestalt ihre Kapuze ab und das Gesicht Andôky Malaches, eine Schankmaid des "Dracheneis“ und ehemalige Magierin im königlichen Heer kommt zum Vorschein. Langsam tritt sie aus dem Schatten heraus und lässt ihren Blick durch die menschenleere Straße wandern.
Strahlen des kalten Mondlichtes fallen auf das Gesicht der jungen Frau und als sie an einer Wasserpfütze vorbei geht, die noch vom Regen der letzten Tage zeugt, blickt sie sich kurz selbst ins Gesicht. Die Spiegelung auf dem Wasser ist unscharf, aber trotzdem erkennt Andôky sich selbst. Fast wäre sie erschrocken. Ihr Blick ist kalt wie Eis und nichts darin erinnert an die höfliche und friedfertige Frau, die sie am Tag noch gewesen ist.
Langsam geht sie einige Schritte und während sie einen Fuß vor den anderen setzt, streift sie das Oberteil der Kutte ab. Das Band an ihrer Hüfte, das vorher dazu gedient hat, das Gewand zusammen zu halten, verhindert nun, dass der Stoff rutscht. Unter der roten Kutte hat die Frau ihre gewöhnliche Kleidung an, das Einzige, das nicht zu ihrer Alltagskleidung gehört ist das Armband aus schwarzem Leder und weißen Perlen an ihrem linken Handgelenk. Seit dem Austritt aus dem Heer hatte sie all ihre Zauberkraft verloren und nun vermochte sie nur noch mit Hilfe der weißen Perlen, die von kleinen Silda-Drachen gewonnen werden, zaubern.
Woher sie kommt, das weiß nur sie, denn die, denen ihr Besuch gegolten hat, würden nie wieder reden werden.
Die alte Wunde, die Rahiims Mord in ihr hinterlassen hatte, ist heute Nachmittag wieder aufgeplatzt, als sie die Gruppe von Söldnern in der Schankstube entdeckt hat, die Rahiim damals im Hinterhalt verraten hatten. Der brennende und verlangende Durst nach Rache ist wieder in ihr aufgestiegen - er war ihr nicht unbekannt, in unzähligen schlaflosen Nächten hat sie sich nach Rache gesehnt, und doch konnte sie diese Gedanken immer wieder zurückdrängen. Heute ist ihr das nicht gelungen und so ist sie zu einem Racheengel geworden.
In dieser kalten Nacht haben die Diebe schließlich für ihre Tat bezahlt, Andôky sorgte dafür. Getötet hat sie keinen der Männer, denn Leben ist in ihren Augen ein heiliges Gut, über das man nicht ohne weiteres richten kann. Nein, jeder der Diebe trägt ab dieser nächtlichen Begegnung mit ihr einen ganz eigenen Denkzettel und sie würden bestimmt nicht reden.
Auch wenn Andôky einen neuen Mann kennen gelernt hat, so ist die Liebe zu Rahiim noch stark in ihrem Herzen verankert und im Namen dieser Liebe würde sie fast alles machen, nur nicht töten.
Auf dem Weg zu der kleinen gemütlichen Schenke, in der sie gleich wieder bedienen durfte, beruhigen sich die Gedanken der Frau wieder und erst in diesem Moment wird ihr ganz klar, dass die Nächte mit all den Racheträumen nun wohl ihr Ende haben würden. Die Träume, in denen sie Rahiim, ihren geliebten Gefährten immer wieder verbluten sieht und den Tätern Strafen, die schlimmer sind als der Tod an den Hals hetzt. Die Trugbilder, die sie immer wieder weinend aufwachen lassen. Plötzlich und unerwartet schießt ihr dann aber doch noch eine Frage durch den Kopf: Hat sie Rahiim denn nun wirklich gerächt oder war die Tat, die ihre Hand heute ausführte nur dazu da, um ihr ein reines Gewissen zu geben? Schließlich war sie am Tod ihres Gefährten damals auch Schuld gewesen - irgendwie zumindest. Als Kampfmagierin hatte sie vor langer Zeit schließlich auch einige Heilzauber gelernt gehabt. Zweifel vergiften Andôkys Gedanken. Sie hat ihn nicht heilen können, schließlich musste sie sich selbst heilen, was aber wenn sie schneller gewesen wäre, damals, in dem Moment, als die Götter die Weichen gestellt haben?

Leise raschelt der Stoff, als sie dem Lauf der Straße folgt und in der Dunkelheit verschwindet und als die Sonne am nächsten Tag ihre warmen Strahlen über Talean, das friedliche Königreich, sendet, begreift Andôky, dass ihre Rache vergebens war. Immer noch wird sie von den Bildern eines verblutenden Mannes gequält, immer noch kreisen ihre Gedanken um ihn und plötzlich ist sie sich nicht sicher, ob sich das jemals ändern würde.