Thema: Ein Abschied

  1. #1
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    Weiss man denn, wie Abschied schmeckt
    In bittren Zeiten, in der Wut?
    Wenn bösen Worten böse Taten
    Schnell folgen, scheuernd heisse Glut.
    Dem fliehend alten Ehrdukaten,
    Selten wird ihm noch gedacht

    Manchmal, wenn bei dunkler Nacht
    Die Herren geiseln, Pöbel schreit,
    Wenn im versteckten Geister höhnen
    Sich eines bald zum andern reiht,
    die Kämpfer der Medusa fröhnen:
    Weiss man dann, wie Abschied schmeckt?
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  2. #2
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    Ich wage mal eine Interpretation:

    Grundsätzlich handelt es sich um eine Trennung, einer Lösung einer Beziehung zweier Personen.
    Im ersten Vers wird das Thema eingeleitet: Die Bedeutung eines Abschiedes.(Das Beenden einer gemeinsamen Biographie und damit verbunden das Beenden gemeinsamer Erfahrungen und Gefühle, dass verlieren eines Menschen)
    Schmecken wird hier benutzt, um die Unmittelbarkeit (man kann es mit einem der fünf Sinne erfassen) des Abschiedes darzustellen. Zugleich wird dann in Vers 2 die Problematik des hier beschrieben Abschiedes eingeleitet: Die eigentliche Bedeutung von Abschied (s.o.) geht unter wird bzw. sprichwörtlich durch einen anderen Geschmack (Bitterkeit) überlagert, im Zuge des negativen Kontextes, in welchem der Abschied sich vollzieht (bittere Zeiten/Abschied oder Konsequenzen des Abschiedes verursachen „Wut“). Dann, in Vers 3f werden die Bedingungen aufgeführt unter denen die Beziehung sich löst: Es folgen „böse Worte“ und „böse Taten“. Hier kann man sich etwa Streitgespräche oder gar Handgreiflichkeiten vorstellen, woraus ein langanhaltender Schmerz entspring: das heiße Scheuern von Glut. Glut schwelt und kann deshalb als metaphorisches Mittel verstanden werden, diesen resultierenden Schmerz als langwierig und quälend zu verstehen. Dies wird zudem durch das Verb „scheuern“ unterstützt. Hier kann man sich das Bild der scheuernden Hose hervorrufen (auch wenn das jetzt eher komödiantisch anmutet): Es ist ein unangenehmer Schmerz, der lange stört und den man in dem Moment nicht beseitigen kann: Man trägt ihn mit sich rum
    Zuletzt dann die Kritik an diese Art von Trennung. Die Dukaten sind eine Metapher für die Wertigkeit des Anstandes (Gold = hoher Wert/Auch: Ideeller Wert der Dukaten) der verloren geht während dieser Trennung, jedoch noch vorhanden sein sollte, nach einer innigen Beziehung. „fliehend“ unterstreicht diese Aussage: Durch die Art der Trennung geht jeglicher Respekt und Anstand für einander rasant (fliehend) verloren, welche man sich in Jahren (über die Länge der Beziehung kann nur spekuliert werden) aufgebaut hat. Das Wertvolle (die gemeinsame Vergangenheit) geht anstandslos verloren im Zuge der Trennung.

    Strophe zwei schließlich war eine harte Nuss, aber ich habe es versucht:
    Nach der absolvierten Trennung befinden sich die „Getrennten“(so will ich sie mal nennen) alleine irgendwo wieder. Dunkle Nacht könnte hier eine Metapher sein, für die düsteren Gedanken, die man an den ehemaligen Partner hegt, bzw. an die Trennung. In Kombination mit „manchmal“ lässt sich auch vermuten, dass Strophe zwei den Leser in eine zeitlich weiter entfernte Szenerie entführt. Demnach bedeutet uns dies, dass die „Getrennten“ auch in der Zukunft, an die düstere Vergangenheit (dunkle Nacht) denken und deswegen rastlos nachts aufwachen, da noch keine Bewältigung der damaligen Situation stattgefunden hat. Es stellt sich sogar noch als schlimmer da:
    Die Herren (das Sinnbild für das Dominierende = Schmerz/Wut) geißelt (ich denke „geiseln“ war nur ein Tippfehler oder dachtest du an „Geiseln“?) bzw. verursachen Schmerz (angesichts der Vergangenheit).
    Der Pöbel (Sinnbild für das Unterlegene = vllt. Einer der „Getrennten“) leidet. Denkbar wäre auch, dass sich
    hier der Getrennte selbst geißelt, indem er sich den dunklen Gedanken hingibt (Folterer und Gefolterter in
    einer Person). Vllt. Ergibt sich hier für die Person ein fiktives Streitgespräch mit dem ehemaligen Partner (Geist = Sinnbild für das Tote oder hier: das Ehemalige) und hört den ehemaligen Partner höhnen und dies aus dem „Versteckten“, weil die Person nicht mehr Anwesend ist und der Gepeinigte nicht auf das Höhnen direkt antworten kann. (Eventuell denkt die Person über Gesagtes nach, und befindet, das er damals anders hätte reagieren sollen). Dann steigert sich die Person in diese Gedanken hinein („sich eines bald zum andern reiht“) und die Gedanken scheinen ein Kampf zu werden, welcher hier allerdings nicht gewonnen werden kann, da alles zu Stein wird, was die Medusa erblick (stimmt nicht ganz genau, aber ich denke dies ist, was mit der Metapher gemeint war) Eventuell könnte auch gemeint sein, dass dann Zug für Zug auch die Gefühle zu Stein werden. Das Alte verliert an Bedeutung oder Schlimmer, das schmerzhafte Gefühl verwandelt die Person selbst in Stein.
    Und nun schließt das Gedicht mit der anfänglichen Frage ab: Weis man dann wie Abschied schmeckt?
    Hier wird noch einmal mithilfe des Waisenverses die Anfangsthese verdeutlich: Durch die bittere Trennung ist man nicht mehr in der Lage die wahre Bedeutung des Abschiedes wahrzunehmen. Eine gemeinsam schön verlebte Zeit verliert durch die drastische Trennung jeglichen Wert. Und der Anstand und der Respekt, welchen man noch besitzen sollte, schwindet.

    Ich hoffe mal, dass ich den Kern einigermaßen getroffen habe.

    Alles in allem finde ich das Gedicht sehr gut, obwohl mir zwei Sachen negativ aufgefallen sind:
    1)
    Strophe 1 Vers 3f: Wenn bösen Worten böse Taten schnell folgen, scheuernd heiße Glut
    Wenn es so gemeint ist, wie es sich liest, heißt es doch, dass die Taten den Worten folgen. Dann allerdings steht „scheuernd heiße Glut“ in der Luft und hat keinen gramm. Bezug mehr, müsste also als „Endprodukt“ mit einem Doppelpunkt abgetrennt werden.
    Oder du meintest: den bösen Taten und den bösen Worten folgt die Glut schnell. Dann müsste ein Komma zwischen „Worten“ und „böse“ und es müsste bösen lauten.
    2)
    Gleiche Stelle: das schnell bei „Schnell folgen“ stört beim Lesen, da sowohl "schnell", als auch „folgen“
    unbetont sind

    Aber ansonsten finde ich "Ein Abschied" sehr gelungen. Besonders gefallen, haben mir gleich die ersten Zeilen, also das Schmecken des Abschiedes und die Überlagerung durch das Bittere, eihergehend mit der Metapher des Verlustes der wahren Bedeutung eines Abschiedes (falls es so gemeint war)


    [Geändert durch Seraphin am 18-05-2005 um 22:27]

  3. #3
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    Hallo Seraphin,
    Entschuldige die verspätete Antwort - aber darüber haben wir ja schon mal kurz per Mail kommuniziert

    Grundsätzlich geht es in meinem Stück um etwas anderes, das aber nur situationsbezogen begriffen werden kann und auf das ich nicht näher eingehen will hier.

    Deine Interpretation zeigt mir jedoch, dass das Stück meiner Intention folgen kann, nämlich der, auch auf eine persönliche Beziehung anzusprechen.

    Zu deinen Kritikpunkten:
    1) bösen Worten folgen böse Taten, die heisse Glut scheuern. Das sollte m.E. in der Syntaxkonstruktion, die ich im GEdicht verwendet habe gramm. korrekt sein

    2) schön kann betont, oder unbetont sein, als Einsilber, ist hier aber wirklich unbetont. folgen ist ein Zweisilber bei dem die erste Silbe betont ist: Xx

    Na, ich hoffe meine (zugegeben kurze) Antwort bringt dir was

    Gruss
    Satch
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  4. #4
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    Ja, man weiß es, wenn man davon gegessen hat oder gezwungen wurde zu probieren. Aus Höflichkeit schluckt man und "lächelt".

  5. #5
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    Ach was, jetzt habe ich ganz vergessen zu antworten (sollte aber keine Retourkutsche sein

    schön kann betont, oder unbetont sein, als Einsilber, ist hier aber wirklich unbetont. folgen ist ein Zweisilber bei dem die erste Silbe betont ist: Xx
    Du meinst das Wort "schnell"? Ja, ist schon richtig, finde ich dennoch nicht gut, da ich "schnell" gerne betont auspreche, um es nicht langsam klingen zu lassen.

    Grundsätzlich geht es in meinem Stück um etwas anderes, das aber nur situationsbezogen begriffen werden kann und auf das ich nicht näher eingehen will hier.
    ja gut, dass ist natürlich für den Interpreten schwer zu fassen. Es sei denn ich wäre dein Biograph

  6. #6
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    Ups, jetzt habe ich deine Antwort wieder übersehen *hüstel*

    Der Inhalt eines Stückes liegt im Auge des Betrachters.
    Ich kann durchaus mit meinem Stück "a" gemeint haben und du liest "b" daraus heraus. Das ist weder falsch noch irgendwodurch unanständig oder ähnliches. Genau das ist das Schöne an Gedichten. Die Grundintention des Dichters muss nicht unbedingt waschecht an den Leser kommen, es reicht wenn gewisse Grundsteine vorhanden sind.
    So hast du zum Beispiel eine sehr Interessante Interpretation abgeliefert, die wirklich vieles des Eigentlichen enthält, aber das ganze dann auf einer anderen personellen Stufe gesehen.
    Finde ich toll
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