Der Rauch meiner Zigarette steigt auf, um sich in einiger Höhe mit der kühlen Nachtluft zu vermischen, bis nichts mehr von ihm zu sehen ist. Ich sitze auf dem Fenstersims, hinter mir das dunkle Zimmer und vor mir die schier endlose Weite der mondbeschienen Landschaft, darüber ein Meer aus Sternen. Ich nehme noch einen tiefen Zug und schnipse dann die Zigarette hinunter ins Dunkel, sehe noch kurz dem schnell kleiner werdenden Lichtpunkt hinterher und wende meine Aufmerksamkeit dann wieder der Ferne zu.
"Es war nicht immer so, und das weißt du", höre ich aus der Finsternis. Ich bin nicht überrascht, von dort eine Stimme zu vernehmen, zögere trotzdem etwas mit der Antwort.
"Natürlich nicht."
"Du kannst etwas dran ändern, das weißt du."
"Ja. Ich meine, vielleicht. Vielleicht auch nicht."
"Also?"
Und das ist der Punkt, an dem ich anfange, mir wirklich Gedanken zu machen. Ich greife nach der Flasche, die neben mir auf dem Sims steht und nehme noch einen tiefen Schluck, bevor ich antworte.
"Ich habe es mir nicht ausgesucht. Es ist einfach so gekommen. Und weil ich es mir nicht ausgesucht habe, kann ich es auch nicht ändern."
"Du belügst dich doch selbst."
Langsam werde ich wütend auf diese Stimme, die sich ihrer Überlegenheit bewußt ist, die nur allzu gut weiß, dass meine Argumente nur verlogenes Gewäsch sind und die weiß, dass sie nur Recht hat mit allem, was sie sagt.
"Was schlägst du vor, verdammt?", keuche ich wütend hervor, Angriff ist die beste Verteidigung, so sagt man jedenfalls. "Soll ich mir morgen einen feinen Anzug anziehen und den Leuten wie auf Kommando die Hände schütteln? Ist es das, was du von mir willst? Dass ich zu einer hirnlosen Maschine mutiere, Lächeln hier, Komplimente da? Wie stellst..."
Ich breche mit im Satz ab, ich weiß selber nicht mehr, was ich in dem Moment hatte sagen wollen und es ist mir auch egal, meine Worte scheinen an dem Menschen, der hinter dieser Stimme steckt, abzuperlen wie Öl und ich weiß selbst, warum sie nicht ihre Wirkung entfalten, glaube ich doch selbst längst nicht mehr daran.
"Nein, natürlich nicht. Du solltest nur mal über deine Situation nachdenken, wirklich nachdenken. Denk dran, du kannst nicht ewig hier rumsitzen, dich hinter dem Rauch deiner Zigarette verstecken und deinen Problemen im Nebel deiner Trunkenheit versuchen zu entfliehen.
Denn du wirst immer von ihnen eingeholt werden, bewegst du dich nicht endlich aus dieser Misere heraus."
"Das weiß ich doch. Weiß ich doch.", wiederhole ich, und es klingt wenig glaubwürdig irgendwie und ich fange langsam selbst an zu zweifeln, was es ist wirklich ist, was ich noch glaube, weiß oder gar will. Aber ich weiß eines genau, ich bin durchschaut.
"Du bist dir dessen also bewußt. Doch was tust du?"
"Es wird schon! Eines Tages.", entgegne ich hitzig. "Es ist ja nicht so, dass ich das alles alleine ändern kann."
"Wenn du meinst.", höre ich die Antwort. Die Stimme scheint einen Hauch Resignation zu enthalten. Es sieht so, als würde ich doch noch die Oberhand gewinnen.
Wie um meinen Triumph zu feiern, greife ich erneut zur Flasche neben mir, doch bin ich zu ungeschickt, sie rutscht vom Sims ab und fällt in die Tiefe, die sich unter mir auftut. Noch bevor ich das Geschehene wirklich realisiert habe und bevor ich den Aufprall vernommen habe, stoße ich mich mit den Händen ab und gleite der Flasche hinterher, hinunter ins Ungewisse. Hinter mir höre ich noch ein leichtes Seufzen.