Thema: Der Gedanke

  1. #1
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    Ein Tag wie jeder andere. Wie gewohnt fuhr sie mit der Straßenbahn heim. Wie gewohnt wartete sie geduldig, wie gewohnt stieg sie ein.
    Doch heute spürte sie bei all diesen routineartigen Dingen eine erschreckende Leere. Es wird am harten Arbeitstag liegen, verharmloste sie ihre Empfindungen.
    Die Straßenbahn war zu dieser Stunde wie immer überfüllt, trotzdem fand sie einen Platz neben einer älteren, rundlichen Frau und gegenüber von einem jungen Paar, welches rückwärts fuhr. Hinter ihr hielt sich eine junge Mutter links an einer Haltestange fest, während sie mit der rechten Hand den Arm ihres Kindes umklammerte. Als alle Türen verschlossen waren, setzte sich die Bahn in Bewegung. Wie gewohnt das sanfte Klicken, dann das hohe Summen, gefolgt vom Geräusch der Räder auf den Schienen.
    Zwei Sitze weiter, aber noch so, dass sie ihn gut erkennen konnte, saß ein großer, braungebrannter Mann mit hellen blauen Augen, welcher sie unentwegt anstarrte. Nach kurzer Zeit sah sie erbost zurück. Ihre Blicke begegneten sich kurz. Ihr Herz begann vor Aufregung zu schlagen und sie spürte, dass er ihr zulächelte. Die Art und Weise wie er sie anschaute wurde ihr zunehmend unheimlicher. Bis er ihr schließlich sogar zuzwinkerte! Das ganze war ihr mehr als unangenehm. „Hoffentlich verschwindet er bald!“, dachte sie verzweifelt, „Er soll mich zufrieden lassen!“.
    Nach einigen ewig langen Minuten erhob er sich schließlich und verließ die Bahn, wobei er im Vorbeigehen noch immer die Augen auf sie gerichtet hielt.
    Er verschwand, die Tür schloss sich, wieder das gewohnte Klacken gefolgt vom lauten Summen. Die Bahn beschleunigte auf dieser Strecke. Erleichterung, ja sogar Freude stieg in ihr auf. Entspannt blickte sie aus dem Fenster.
    Plötzlich ein ohrenbetäubendes Geräusch – ein kurzer, starker Ruck ließ die Straßenbahn erschüttern. Die Mutter verlor ihr Kind und es fiel den Gang hinab, sie selbst schlug an der Stange auf, bei dem Versuch es zu halten. Die Sitzenden hatten es etwas leichter, doch wurde auch das junge Paar von seinen Sitzen geworfen. Die Frau neben ihr klagte über Nackenschmerzen.
    Wer nicht unmittelbar unter einer Verletzung zu leiden hatte, lief nach vorn, um zu sehen was passiert war. Unter diesen Menschen war auch sie. Neugierig drängte sie sich an den zum Teil verärgerten Personen vorbei bis zur Fahrerkabine. Die Scheibe war eingerissen. Der Fahrer stand zitternd vor der Bahn und versuchte einer am Boden liegenden Person zu helfen. Ein Fußgänger hatte den Unfall verursacht, so viel stand fest. Der Fahrer muss die Vollbremsung betätigt haben. Doch anscheinend geschah dies zu spät – erst jetzt entdeckte sie die Blutspritzer am Glas. Schaudernd stieg sie aus.
    Am Boden lag ein schwer verletzter, blutüberströmter Mann. Erschrocken blieb sie stehen. Sie spürte den starren Blick seiner blauen Augen. Sie merkte wie dieser Blick sie durchdrang. Er öffnete den Mund – doch er brachte kein Wort mehr heraus. Verzweifelt tastete der Fahrer zusammen mit einigen Passanten nach dem Puls.

    Sie machte kehrt und fuhr mit einem Bus heim. Erst als sie zuhause in den Spiegel sah, bemerkte sie ihre tränenüberströmten Wangen.

    [Geändert durch Shantala am 29-05-2005 um 20:05]

  2. #2
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    Shantala, dies ist ein sehr ausdrucksstarkes Werk, das wohl jeden Leser berührt. Du gibst ein wirklich abgerundetes Bild. Dennoch, das Ende gefällt mir irgendwie nicht. Es ist mir zu grausam in seiner Endgültigkeit.

    Liebe Grüße

    N.


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