1. #1
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    Guten Abend,

    gebe erst und nehme dann, nicht wahr? Wohlan, das möchte ich versuchen. Zur Orientierung: Die ersten drei Strophen Gottschedt's Original aus einer älteren Odensammlung zuerst.

    „Schoenste Muse deiner Zeit,
    Unvergleichliche Louise!
    Hilf doch meiner Schuechternheit,
    Die dich itzt so gerne priese,
    Lehre du mich selber dichten,
    Hilf mein schlechtes Rohr erhoehn;
    Denn dein Lob so rein und schoen,
    Als du singest, einzurichten,
    Muß mein Lied so ungemein,
    Als dein ganzes Wesen seyn.


    Wahrlich! Ein so edler Geist
    Wird nicht überall gefunden,
    Der, was Witz und Tugend heißt,
    Durch ein festes Band verbunden.
    Selbst bey Maennern sieht man selten
    Solcher Gueter Zahl vereint;
    Als in deinem Thun erscheint;
    Wo sie wahrlich zwiefach gelten;
    Weil man niemals mehr Verstand
    Bey so zarter Jugend fand.


    Kann doch weder Stolz noch Geiz
    In dein starkes Herze dringen,
    Noch der Eitelkeiten Reiz
    Deine große Seele zwingen!
    Deiner Mutter Witz und Tugend,
    Einsicht und Belesenheit,
    Fuehrt dich zur Gelehrsamkeit,
    Und vergoettert deine Jugend;
    Welche so schon, wie du bist,
    Englisch mehr, als menschlich ist. [...]"

    Meine zeitgemäße Interpretation, ich konnte seine demütige Art nicht länger ertragen, folg nun. Natürlich sollte seine Art die meine sein:

    Heute, gluecklichstes der Weiber,
    Ist dein schoenster Tag gekommen:
    Zwischen all der Damen Leiber
    Hab ich dein’ für mich genommen.
    Ich, der dich zur Tat verfuehret,
    Waehrend du vom Wein berauscht
    Nachts an meiner Brust gelauscht,
    Bin’s, der dich zur Goettin kuehret.
    Ja, fuer mich dahin zu leben,
    Bleibt das Goettlichste der Streben.

    Als die Amme meiner Kinder
    Duerft’st du sie fuer mich gebaeren,
    Knaben mehr und Maedchen minder,
    Gleich als ob es deine waeren.
    Euch nach meinem Wert zu ziehen,
    Den ich dich naechst unverwandt,
    Laut im Ton, mit harter Hand,
    Lehr’, wie die, die dir geliehen.
    Oh niemals reust du die Stunde,
    Die uns eint’ im ew’gen Bunde.

    Jetzo schweig und heiß beklommen,
    Allerglücklichste Louise,
    Diesen schoensten Tag willkommen
    Als ein Bluemchen meiner Wiese.
    Schenk mir deine reichsten Jahre
    Und die Unschuld deiner Jugend,
    Mein zu sein bleibt deine Tugend,
    Die ich fuer dich reinlichst wahre,
    Wie du’s sollst, da’s meine Gabe,
    Mir zu Ehren bis ins Grabe.

    Liebe Grüße,
    Toni

  2. #2
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    Hallo Toni,

    bravo! Die edle Form dieser Stanzen adelt den Inhalt.

    Die Satire ist sehr gut gelungen. Nur zu den "kroenenden Sentenzen" der zweiten und dritten Stanzen haette ich Bemerkungen. Bei "Oh niemals reust du die Stunde" stoert mich etwas die Betonung auf "mals". ("Niemals, oh, reust du die Stunde" "Niemals, Schatz, reust..."). Aber vielleicht stoert es auch nicht und ist sogar reizvoll, wenn man es mit ironischem Pathos spricht.

    "Wie du’s sollst, da’s meine Gabe,
    Mir zu Ehren bis ins Grabe." Hier finde, grammatisch, fuer eine Sentenz ich's zu verschachtelt.

    Liebe Gruesse,
    Rolf-Peter

  3. #3
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    *lachen muss*

    Ja, zu verschachelt, zweifelsohne. Mit Hypotaxen war ich schon immer ganz schnell bei der Hand, wobei es gerade hier, Gottschedt gab ja ein eindeutiges Vorbild, einfacher besser gewesen wäre - nicht nur an der von dir genannten Stelle (siehst du, was ich meine?). Die beiden Verse passen mir bis heute nicht und ich hätte gewiss noch einmal, und sei es mit Gewalt, etwas daran geändert, wenn ich sie nicht gleich nach der Fertigung veröffentlicht hätte.

    Und vielleicht stört dieser Bruch im Metrum wirklich nicht, aber ich hätte deinen Vorschlag damals wahrscheinlich sofort angenommen. Schließlich passt er und macht den Rhythmus "sauber".

    Schön, dass sich doch noch jemand ein Herz gefasst hat.

    Danke,
    Toni

  4. #4
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    Ohne Zweifel, eine sehr gut formulierte Satire. Nur, ob der Inhalt 'zeitgemäß' ist, das wage ich zu bezweifeln. Trotzdem, mit Schmunzeln gern gelesen.

    *gl*


    N.

  5. #5
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    Das freut mich,

    über das "zeitgemäß" streiten wir lieber nicht. Ich ahne, wie es ausgeht ...

    Toni

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