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    Die Wahrheit über Dämonen

    Lange Zeit glaubten die Engel im Himmel, Dämonen (und auch all die anderen Geschöpfte der Hölle) sein vollkommen böse. Eigentlich war das von jeher eine alberne Vermutung, da ja auch kaum ein Engel vollkommen "gut" ist. Sie arbeiten schließlich nur für das Gute -ein Job halt.
    Den Dämonen ging es ähnlich. Sie arbeiteten hart auf der Gegenseite -also für den Teufel- und hatten keinen privaten Kontakt mit den Angestellten der konkurrierenden Firma Gottes. So war es seit der alte Mann die Welt entworfen hatte und doch änderte sich diese Situation, in dem Moment als sich ein Engel und ein Dämon erstmals wirklich begegneten.
    Es ist die Geschichte von Kurushio und Dete, die sowohl das Leben im Himmel, als auch in der Hölle verwirrte, veränderte und (so sagen wenigstens Viele) verbesserte.

    Dete war ein vielversprechender junger Engel. Sie hatte sich aufmerksam dem Bibelstudium gewidmet, recht passabel Harfe spielen gelernt, eine zusätzliche Ausbildung in "Seelenrettung" abgeschlossen und die "allumfassende Liebe" in ihr Herz gelassen.
    Ihre Prüfung brachte ihr das Diplom zum Engel 4ten Grades ein und so bekam sie schon in einem für einen Engel recht jungem Alter ein paar Sphären-Flügel verliehen, die es ihr ermöglichen sollten nicht nur von Wolke zu Wolke sondern auch zur Erde hinab zu fliegen.
    Vielleicht hätten die Erzengel und Heiligen, die den vorbereitenden Workshop für "die Arbeit auf der Erde" leiteten, bemerken können, daß Dete ein wenig zu neugierige Fragen stellte, und daß sie vielleicht gerade aufgrund ihrer Jugend, Abenteuerlust und der Ernsthaftigkeit, mit der sie sich ihrer Berufung widmete, auf der Erde eine Gefährdung der alten Regeln darstellen könnte, doch die meisten der Ausbilder hatten Dete schon in der Engel-Grundausbildung unterrichtet und waren viel zu stolz auf ihre steile Karriere um ihr revolutionäres Potential zu bemerken.
    Nur Dete selbst bemerkte die Veränderung in ihrem Denken während des Workshops deutlich. Sie hatte so viele Fragen zu ihrer zukünftigen Arbeit auf der Erde und die Erzengel und Heiligen, die sie bisher sehr bewundert hatte, wußten nur wenige Antworten. So hieß es, es wäre ihre Aufgabe den Menschen Gottes allumfassende Liebe näher zu bringen, doch als Dete in einem Rollenspiel die Darsteller der Menschen umarmte und küßte rief der Ausbilder Gabriel sie zurück. Er erklärte, die Engel sollten sich auf der Erde auf rein geistige und seelische Liebe beschränken und nur diese Liebe den Menschen schenken. Diese Einschränkung von etwas, das doch allumfassend sein sollte verwirrte Dete zutiefst.
    Noch verwirrter war Dete, als ihrem Workshop-Kurs ein männlicher Kurs vorgestellt wurde, um sie auf die Begegnung mit männlichen Wesen vorzubereiten. Nun sah sie, daß es neben den männlichen Heiligen und Erzengeln tatsächlich auch gewöhnliche männliche Engel gab, die jedoch durch einen gesonderten Himmelsabschnitt und einen völlig andern Tagesablauf so gut wie nie Kontakt mit ihren weiblichen Kollegen hatten. Bisher hatte Dete nur darüber flüstern hören. Wieder durfte Dete ihre Liebe zu diesen Kollegen nicht körperlich zum Ausdruck bringen. Sie fragte warum das so sei und erhielt die Antwort: man laufe Gefahr Sex für Liebe zu halten. Von Sex wußte Dete nur, daß es eine Sünde war (außer zwischen verheirateten Menschen) jedoch nicht, was es mit männlichen Wesen oder Liebe oder Körperlichkeit zu tun hatte.
    Auch nachdem ihr die heilige Jungfrau Maria den Akt des "miteinander schlafens" als Form der menschlichen Fortpflanzung erklärt hatte, ließ Detes Verwirrung und Neugierde nicht nach. "Warum war es schlimm, wenn die Menschen "nur so" Sex hatten und nicht zur Fortpflanzung? Was erschien den Menschen so großartig daran?" Und die wichtigste Frage von allen: "Warum sollte Sex gegensätzlich zur Liebe sein? Konnte es denn nicht auch sein, daß Menschen miteinander schliefen und sich dennoch auch liebten?
    Außer vor dem Sex wurden Dete und ihre Kollegen auch eindringlich vor Dämonen gewarnt. Dete hatte in dem Pflichtkurs: "Selbstverteidigung für Engel" viele Wesen der Hölle und die verschieden Möglichkeiten sich gegen Angriffe von ihnen zu verteidigen durchgenommen, doch so gut auch ihre Noten waren, wirklich gesehen hatte sie ein Wesen der Hölle noch nie. Der junge Engel hoffte beinahe auf die Begegnung mit solchen Geschöpfen auf der Erde, sie war neugierig und wollte wissen, wie Jemand aussieht, der vollkommen böse ist.
    Detes Meinung über Dämonen geriet jedoch während des Workshops ins Schwanken. Erstmalig bekam sie hier nämlich einige Auszüge der geheimen Videos zu sehen, die Spionageengel mit Hilfe gut verborgener Überwachungskameras am Eingang zur Unterwelt aufgenommen hatten. Zugegeben, einige der Gestalten, die dort ein und aus gingen sahen wirklich furchterweckend aus, aber gerade unter den Dämonen (die ja so gefährlich sein sollten) gab es einige, die Dete eigentlich ganz süß fand - die Hörner gefielen ihr.
    Darüber hinaus schienen ihr die Dämonen intelligent und sensibel zu sein - und vor Allem taten sie nicht viel anderes, als das was sie selbst auf der Erde tun sollte: Sie durchschauten und verstanden die Seelen der Menschen. Nur der Liebe brachten sie sie nicht näher.
    Der Ausbilder Petrus wies die Workshop-teilnehmer darauf hin, daß nicht ein einziges Mal das Leuchten der Liebe zwischen den Inkubi und Sukubi zu sehen war, und das, obwohl sie sich viel berührten und sich auf Arten küßten, die Dete noch nie gesehen hatte. "Sex!", sagte Petrus verächtlich, "sie haben nicht den kleinsten Funken Liebe in ihr Herz gelassen."
    "Aber dann muß man den Armen doch helfen", meldete sich Dete zu Wort. Sie empfand Mitleid für diese Geschöpfe, die eine sehr harte intellektuelle Arbeit verrichteten ohne von der Liebe und ihren heilenden Kräften zu wissen. "Wir sollten ihnen unsere allumfassende Liebe schenken, wenn wir ihnen begegnen, und ihre bemitleidenswerten Seelen retten, so wie es unserer Berufung als Engel entspricht."
    Petrus hielt jedoch gar nichts von diesem Vorschlag und erläuterte noch einmal eindringlich, daß man sich als Engel auf der Erde ganz besonders vor Dämonen in Acht nehmen müsse, da diese Wesen in der Lage seien die Engel zu durchschauen und zu verstehen, wie sonst nur Gott es kann. "Begegnest du auf der Erde einem Dämon, halte dich von ihm fern und rufe die himmlischen Heerscharen um Hilfe!", sagte Petrus.
    Dete verstand die Furcht vor Dämonen nicht. Bisher hieß es sie sollte ihre Liebe allen schenken, sogar ihren Feinden, also warum sollten die Dämonen von diesem himmlischen Grundsatz ausgeschlossen sein? Auch fand Dete die Vorstellung jemand könnte sie verstehen geradezu verlockend, da ihre Ausbilder und Kollegen ihre Verwirrung offenbar nicht nachvollziehen konnten.
    Aufgrund all dieser Widersprüche war Dete froh als der Workshop endlich vorüber war und sie zur Erde gesanndt wurde. Sie betete zu Gott um Verzeihung dafür, daß sie sich freute die verbohrten alten Heiligen und Erzengel weit über sich zu lassen und sich ein eigenes Bild von der Erde machen zu können und begann ihre Arbeit auf der Erde voller Eifer und Zuversicht.

    Kurushio war seinem Arbeitgeber Luzifer schon früh als mustergültiger Dämon aufgefallen. Er fehlte auf keiner der höllischen Orgien, hatte mit so ziemlich jedem weiblichen Wesen der Unterwelt geschlafen ohne auch nur Zuneigung zu empfinden, hatte selbst des Teufels Großmutter verführt, in jahrelangem Studium ein enormes Wissen erworben, gelernt, daß Wissen und Sex zu Macht verhelfen können und dieser Erkenntnis entsprechend seinen Charakter entwickelt.
    Kurushio hatte sich vom gewöhnlichen Kesselheizer schnell zum Fegefeuerwart und schließlich in die Buchhaltung hochgearbeitet, wo er die Neuzugänge an menschlichen Seelen überwachte und katalogisierte. Er hatte in einem (für einen Dämon) bemerkenswert jungem Alter die Meisterprüfung "Manipulation" bestanden, die ihm den Titel des selbstständigen Inkubus nebst der Genehmigung sich in eine Königscobra zu verwandeln einbrachte. Nun durfte er auf die Erde hinauf und dort Menschen manipulieren und verführen, wie es die Angestellten Luzifers schon seit ihrer ersten berühmten Operation im Paradies taten. Außerdem verdoppelte sich sein Gehalt.
    Kurushio konnte also mit Recht stolz auf sich sein, als sein Arbeitgeber und Herr ihm persönlich zu dem Meistertitel gratulierte und ihm einen Job auf der Erde anbot. Kurushio sollte seine Begabung nutzen um den Menschen Wissen und Sexualität näher zu bringen und somit ihre Seelen auf die "richtige Seite", die Seite des Teufels, ziehen.
    Die vorbereitenden Kurse über die Arbeit auf der Erde machten Kurushio sehr viel Spaß. Er glänzte mit seinem Wissen über die Menschen und deren Sitten und Eigenschaften und lernte noch einiges Wissenswertes dazu. Völlig albern und überflüssig erschienen ihm lediglich die ständigen Warnungen vor Engeln und vor der Liebe. Laut seinen Professoren wimmelte es auf der Erde geradezu von Angestellten der Gegenseite, die ihrerseits die menschlichen Seelen auf die Seite Gottes, zu ziehen versuchten. Hierbei sollten sich diese Wesen angeblich der gefährlichen "allumfassenden Liebe" bedienen, die die Angestellten Luzifers schon seit Anbeginn der Zeit vergeblich auszumerzen versuchten.
    Kurushio verstand diese ständige Furcht vor der Liebe nicht. Er konnte sich unter "Liebe" überhaupt nichts vorstellen. Er kannte zwar die Warnungen und unheimlichen Beschreibungen (man sollte einen Stich im Herzen spüren, weiche Knie, einen roten Kopf und Schwindelgefühl bekommen), doch er selbst hatte noch nie irgendetwas empfunden, das Liebe auch nur im entferntesten ähnelte und wie jeder gute Dämon verachtete er diejenigen Höllenbewohner, die jemals dieses krankhafte Gefühl empfunden hatten und in der Betriebspsychiatrie davon geheilt werden mußten. So etwas könnte ihm nie geschehen.
    Auch vor den Engeln fürchtete Kurushio sich nicht. Während seine Professoren sie als gefährliche und gnadenlose Kämpfer beschrieben, die darüber hinaus auch noch die Gabe besaßen Dämonen zu durchschauen (was sonst niemand kann), schienen Kurushio die Engel, die er dank der hervorragenden Leistungen der Spionagedämonen, die geheime Kameras nahe der Himmelspforte platziert hatten, auf einem Video betrachten konnte, eher sensible, intelligente und auch bemitleidenswerte Geschöpfe zu sein. Kurushio bemerkte, daß die Engel genau die gleichen Begabungen zu besitzen schienen wie er und seine Kollegen: Sie sahen Dinge, die anderen Wesen oft verborgen blieben und verstanden die Seelen der Menschen. Doch im Gegensatz zu den Dämonen, schienen sich die Engel für die menschlichen Seelen völlig aufzuopfern und Spaß schien ihnen gänzlich fremd zu sein. Kurushio bemerkte, daß männliche und weibliche Engel verschiedene Türen zum Himmel benutzten und anscheinend gar keinen Kontakt miteinander hatten, obwohl die meisten von ihnen wirklich sexy und einige sogar wunderschön waren.
    Welch bedauernswerte Wesen, die nur für andere zu leben schienen und dabei selbst so völlig am Leben vorüberflogen. Er hoffte beinahe einem dieser Geschöpfe auf der Erde zu begegnen (natürlich einem weiblichen) und ihren Engelskörper aus der Nähe betrachten zu können. Den Befehl sich sofort in Sicherheit zu bringen, falls er einem Engel begegnen sollte, und die Häscher der Hölle mit ihren Höllenhunden zur Hilfe zu rufen, hielt Kurushio für reichlich übertrieben. Außerdem wußte er wie Wesen aussahen, die die Höllenhunde in ihrem Gebiß gehabt hatten, und bei den schönen Körpern der Engel hielt er es wirklich für Verschwendung.
    So begann auch Kurushio, nachdem er alle Kurse besucht hatte und keine Probleme mehr mit der Transformation zur Schlange hatte, voller Begeisterung mit seiner manipulierenden und verführenden Arbeit in der Welt der Menschen.

    Kurushio und Dete arbeiteten beide eine Weile auf der Erde, ohne sich über den Weg zu laufen.

    Dete stürzte sich auf der Erde mit Feuereifer auf ihre Aufgabe. Von früh bis spät bemühte sie sich um die Seelen der Menschen unter denen sie nun lebte. Oft schlief sie nicht, aß nichts und fand kaum mehr genug Zeit für ihre Gebete.
    Zunächst blühte der junge Engel in ihrer Arbeit regelrecht auf. Dete liebte die Erde (was kein Wunder ist, wenn man nur den Himmel kennt), liebte die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Sie konnte völlig in der Betrachtung eines Blattes, oder einiger Sonnenstrahlen auf einer Wasserpfütze versinken. Dete hatte eine Aufgabe, die sie gut erfüllte - das machte sie glücklich.
    Doch schon bald erlitt Dete ihre ersten Rückschläge. Es begann damit, daß sie den Auftrag erhielt einem männlichen und einem weiblichen Menschen die Liebe näher zu bringen. Die beiden Menschen waren ihr schon als eindeutig einsam und unglücklich aufgefallen und Dete freute sich ihnen helfen zu können. Tatsächlich umgab die beiden Menschen schon in Kürze das Leuchten der Liebe und Dete war beglückt, als sie beobachtete, daß sich ihre beiden Patienten gegenseitig wahrhaft himmlische Liebe schenkten.
    Doch dann geschah das Unglück. Dete mußte mit ansehen, wie ihre beiden Menschen Sexualität entwickelten und schließlich sogar unverheiratet und ohne Kinderwunsch miteinander schliefen. Das Schlimmste daran war jedoch nicht die Sünde an sich, sondern die Tatsache, daß Dete wirklich nichts Schlimmes an diesem sexuellen Akt finden konnte. Im Gegenteil: Sie beobachtete das Pärchen entzückt beim Sex und fand sie wunderschön. Ihre Körper erstrahlten im Leuchten der Liebe und Dete fand es sei ein wahrhaft himmlisches Bild.
    Von diesem Tag an versuchte Dete das Phänomen des Sex zu ergründen. Sie beobachtete viele Paare und kam zu dem Schluß, daß der Himmel sich irrte, wenn er Sex als vollkommen böse betrachtete. Vielmehr schien es ihr darauf anzukommen ob der Sex mit Liebe oder mit Macht gekoppelt war - mit Liebe war er einfach schön.
    All dies erklärte Dete, als sie sich mit einigen Kollegen und ihrem Mentor zum monatlichen Beratungsgespräch traf. Doch die Engel verstanden sie nicht. Detes Mentor Moses warf ihr vor versagt zu haben, da sie nicht eingriff als das ihr zugeteilte menschliche Pärchen unehelichen Sex hatte. Davon, daß es kein bloßer Sex, sondern ein wunderschöner körperlicher Ausdruck von Liebe war wollte er nichts wissen, für ihn galt nur die Sünde.
    Dete fühlte sich unverstanden und einsam. Sie wußte, daß sie im Recht war, konnte aber ihre Kollegen einfach nicht überzeugen. Wütend stürzte sie sich wieder in ihre Arbeit.
    Doch es passierte ihr noch ein paar Mal, daß sich die von ihr ausgehende allumfassende Liebe mit Körperlichkeit zwischen den Menschen verband. Und obwohl Dete Videoaufnahmen machte und Moses und ihren Kollegen dieses unglaublich intensive Leuchten der Liebe während der menschlichen Körperlichkeiten zeigte, blieben diese stur. Dete würde sich in einen Wahn verrennen sagten sie, und das Leuchten sei überhaupt nicht stärker als je zuvor gesehen, nein es sei eher auffallend schwach und Dete habe sicher etwas mit den Augen.
    So kam es dazu, daß Dete als Sonderling und Versagerin betrachtet wurde. Sie kam immer seltener zu den Beratungsgesprächen und unterließ es letztendlich ganz. Dete fühlte sich immer einsamer und mißverstandener. Nur mit Gott konnte sie noch in Gebeten über ihre Erkenntnisse und Gedanken sprechen. Und wer schon einmal gebetet hat weiß, daß er nicht antwortet, sondern nur zuhört.
    Oft saß sie Trost suchend auf den Fensterbänken der Schlafzimmer liebender Paare, betrachtete wehmütig das intensive Leuchten und wünschte sich auch so geliebt zu sein.
    Die Arbeit fing an sie aufzureiben, die schlaflosen Nächte begannen sich in ihrem Gesicht abzuzeichnen - die Einsamkeit in ihren Augen - und das Fliegen machte ihr keine Freude mehr. Dete begann mehr und mehr an dem Sinn ihrer Arbeit und an dem Himmel an sich zu zweifeln und irgendwann brach sie unter dem Druck zusammen.

    Kurushio genoß das Leben auf der Erde zunächst in vollen Zügen. Es ist schwer sich vorzustellen, was für ein Genuß der Anblick von grünem, saftigem Gras, oder das Erlebnis eines Regengusses für einen Bewohner der Hölle darstellt, der bisher nur in Hitze, Feuer und Glut gelebt hat. Kurushio machte stundenlange Spaziergänge im Regen und verführte mit viel Geschick Menschinnen. Der Dämon tarnte sich als Schriftsteller. Auf diese Weise war es ihm ein Leichtes über Bücher und Lesungen teuflisches Wissen unter die Menschen zu streuen. Am meisten Spaß brachte ihm jedoch die Arbeit mit einem jungen und enthaltsamen Priester, den er von der Tyrannei Gottes befreien sollte. In harter Arbeit gelang es Kurushio in jenem Priester eine starke Begierde nach seiner hübschen Nachbarin zu wecken. Er brachte den Priester dazu das Mädchen durchs Fenster zu beobachten, sich die Wärme ihrer Haut vorzustellen - und die Weichheit ihrer Brüste. Bald schon wurde der junge Mann von sexuellen Fantasien und Träumen geplagt und es war sein größter Wunsch geworden, die Nachbarin berühren und küssen zu können.
    Kurushio war stolz auf seinen durchschlagenden Erfolg, doch als er endlich zufrieden die erste Verabredung seines Opfers mit der schönen Nachbarin beobachtete, geschah das Unglaubliche: In dem Moment, in dem der gefallene Priester in die Augen des Mädchens sah bemerkte Kurushio ein sanftes, beinahe schüchternes Leuchten in dem Herz des jungen Mannes. Er erste Kuss war dann zwar genauso unzähmbar und leidenschaftlich, wie Kurushio es geplant hatte, aber mit ihm griff jenes Leuchten auch auf das Mädchen über. Sobald die beiden Menschen auch nur aneinander dachten, konnte Kurushio nun dieses seltsame Licht beobachten, das immer stärker zu werden schien. Es war dem Dämon beinahe unheimlich, doch andererseits kam er nicht darum herum zu bemerken, wie schön das Leuchten war.
    Kurushio arbeitete nun noch härter um sein Opfer möglichst schnell dem höllischen Allheilmittel "Sex" auszusetzen (denn er ahnte, daß dieses hübsche Leuchten Liebe und somit das grausame und gefährliche Gegenteil von Sex war). Doch als er sein Ziel erreichte und Priester und Nachbarin miteinander schliefen, erreichte das Leuchten eine Intensität die kaum mehr als irdisch bezeichnet werden konnte.
    Kurushio lag, als Schlange verwandelt, hinter einem Heizungsrohr und beobachtete ungläubig die Szene, die sich ihm bot. So schönen Geschlechtsverkehr hatte er noch nie gesehen. Es schien ihm als hätte er das ganze Gebiet der Körperlichkeit bisher nie wirklich verstanden und diese beiden Menschen, die "sich liebten" kamen ihm wie eine Offenbarung vor.
    Kurushio behielt diesen Gedanken für sich, denn er wußte, was seine Kollegen von der Liebe hielten, aber er machte sich nicht mehr über jene verachteten Dämonen lustig, die während der beriebsinternen psychologischen Treffen die Liebe beschrieben. Vielleicht beneidete er sie sogar.
    Kurushio beobachtete immer wieder Menschen, die Sexualität aus Liebe betrieben und er begann es als einen unerträglichen Mangel zu empfinden, daß er nicht lieben konnte. Die höllischen Orgien, die ihm bisher viel Spaß gebracht hatten, erschienen ihm nun grob und lieblos und schon bald nahm er an ihnen nicht mehr teil. Auch verführte er keine Menschen mehr oder suchte junge Mädchen in ihren Träumen heim.
    Kurushio vereinsamte. Da er noch nicht einmal mit seinem Psychater über seine Sorgen reden konnte beschrieb er all seine Gedanken in langen Briefen an Luzifer, in der Fantasie wenigstens sein hoch intelligenter Arbeitgeber und bewundertes Vorbild würde ihn verstehen. Er schrieb über die Schönheit der Liebe und darüber, daß auch er sich nach Liebe sehnte. Er erklärte Luzifer, daß er es für unfair hielt die armen Dämonen zu demütigen und zu bestrafen, wenn sie den "Fehler" begangen hatten zu lieben, da die Angestellten der Hölle ja nun wirklich nicht auf die schönen Seiten des Lebens verzichten müssen, nur weil sie die Menschen um diese Seiten beraubten. Sogar eine Statistik über die zu erwartende Verbesserung des höllischen Betriebsklimas bei Erlaubnis von Liebe zwischen den Angestellten und über die Möglichkeit so die Ausgaben für Psychologen zu reduzieren arbeitete Kurushio aus. Allerdings wagte er nicht jene revolutionären Briefe abzuschicken. Er hatte Angst so zu enden, wie viele andere Denker vor ihm, die das herrschende Weltbild hinterfragten.
    Kurushio begann zu bezweifeln ob er seinen Meisterbrief als Dämon überhaupt verdiente. Er war einsam, frustriert und fühlte sich nicht mehr erfüllt.
    Kurushio schien sein Leben leer und sinnlos ohne Liebe zu sein.

    Genau in dieser Verfassung der Einsamkeit und mit dem Gefühl von Niemanden verstanden zu werden begegneten sich Dämon und Engel.
    Kurushio ging Nachts durch den Regen in dem Park seines Zuständigkeitsbezirks spazieren und versuchte wenigstens so weit zu Ruhe und Frieden zu finden, daß er schlafen könnte, da sah er Dete auf einer Bank sitzen. Durch den Regen klebte ihr das weiße Gewand am Körper und zeigte ihren Engelskörper in seiner ganzen Schönheit.
    Dete wußte sofort, daß es ein Dämon war, der durch den Park auf sie zukam, doch wie schon gesagt war sie am Rande ihrer Kräfte angekommen und hatte nicht mehr die Energie um zu fliehen. Außerdem hatte der Regen ihre Flügel verklebt.
    Kurushio fühlte sich von der leuchtenden Gestalt auf der Bank wie magisch angezogen und als er gleichzeitig erkannte, daß sie ein Engel war, und daß ihr Gesicht von Tränen glänzte, vergaß er all seine Vorsicht und wurde von dem Wunsch sie in den Arm zu nehmen und zu trösten überwältigt.
    Kurushio trat zu Dete und hob sie vorsichtig auf - sie schien ihm so wertvoll, so zerbrechlich - und als sie den Kopf hob und ihm in die Augen blickte, spürte er wie sie gleichzeitig direkt in seine Seele blickte. Kurushio stürzte tief, tief in ihre Engelsseele hinab.
    So begegneten sich Dämon und Engel erstmals in der Geschichte der Welt wirklich. Sie sahen sich direkt in ihre einsamen, unverstandenen und verzweifelten Seelen - sie verstanden den Schmerz und Kummer, der ja auch der ihre war - und die Liebe leuchtete in ihrer ganzen Pracht, während Dete sich in der Weichheit von Scherlons Lippen verlor. "Ich liebe dich Dämon", sagte sie nach einem unendlichen Augenblick. "Und ich liebe dich", sagte Kurushio - und es war so unbeschreiblich schön zu lieben.
    Kurushio brachte Dete in seine Wohnung, wo er sie von ihrem durchnäßten Gewand befreite. Die Nacht war ewig und alles war Liebe - egal in welcher Form. Sie hielten und heilten einander und Sex, Liebe, Verständnis und Wissen - alles wurde durcheinander gewirbelt und vermengt bis es kein Gut und Böse, kein Richtig und kein Falsch mehr gab. Es war als wäre erstmals das Universum in Ordnung und die Wahrheit gefunden.

    Als Kurushio am nächsten Morgen erwachte, lag ein Engel, nackt und schlafend, in seinem Arm. Es wurde ihm warm ums Herz und er spürte es aufleuchten, als es an der Tür klingelte. Sanft küsste er seiner Dete auf die schlafenden Augen, suchte seine Kleidung zusammen, die auf dem Fußboden verstreut war, lief hinunter zur Tür und öffnete sie. Vielleicht hätte er das nicht tun sollen, andererseits hätte Kurushio das, was nun geschah ohnehin nicht aufhalten können.
    Dem Betriebspsychologen der Hölle genügte ein Blick auf Scherlons hell leuchtendes Herz um seinen Verdacht bestätigt zu wissen. Kurushio schrie nicht, als er von groben Händen gepackt und in einer Zwangsjacke abgeführt wurde. Willig und mit gesenktem Kopf folgte er den Häschern der Hölle, denn er fürchtete sonst Dete zu verraten, die schutz- und ahnungslos im ersten Stock schlief.
    Dete erwachte jedoch nur Minuten später, da ihr im Schlaf die Wärme von Scherlons Körper fehlte. Bei dem Gedanken an diesen geliebten Körper wurde ihr sofort wieder glühend heiß, ihr Herz erstrahlte in Liebe und leidenschaftliche Begierde übermannte sie.
    Doch als Dete ihren Arm nach Kurushio ausstreckte war er fort. Dete öffnete ihre Augen und schaute sich um. Sie war nackt und unbewaffnet und spürte die Nähe der Häscher der Hölle. Panik überkam sie, als sie zum Fenster rannte und ihren Geliebten sah, der in einer Zwangsjacke abgeführt wurde. Der Engel wollte schreien, wollte sich nackt und schutzlos wie sie war zwischen Kurushio und die schrecklichen Häscher werfen, aber sie stand nur stumm am Fenster und starrte ungläubig auf das Geschehen. Nur vor Minuten war ihr Leben noch so schön wie nie zuvor gewesen und jetzt war es schlimmer, als sie es sich je hatte vorstellen können. In diesem Moment schlug einer der Höllenhunde an. Der Betriebspsychologe der Hölle drehte sich um und sah einen Engel an Scherlons Fenster stehen.
    Alles was in den nächsten Augenblicken geschah ging so schnell und durcheinander, daß es unmöglich ist es in geordneter Form zu Papier zu bringen.
    Dete erstarrte, der Psychologe begriff, die Häscher der Hölle brüllten vor Wut über den Anblick eines himmlischen Wesens. Dete schrie auf, die Höllenhunde sträubten ihr borstiges Nackenfell und knurrten und Kurushio bekämpfte plötzlich seine Fesseln. Die gefürchteten Kämpfer stürmten Kurushios Wohnung und es wäre binnen Sekunden um den wehrlosen Engel geschehen gewesen, wenn ihr nicht die himmlischen Heerscharen im letzten Augenblick zur Hilfe gekommen wären. Diese "Kampfengel" stürzten auf die Erde hinab und rissen ihre junge Kollegin mit sich in die Höhe. Unter ihr schnappten die Zähne der Höllenhunde ins Leere.

    Im Himmel wurde Dete, die in Ohnmacht gesunken war sobald die Engel sie ergriffen hatten, sofort auf die Krankenwolke gebracht. Als sie ihre Augen wieder öffnete war sie von Schwesternengeln umgeben, die sich an ihren Decken zu schaffen machten, ihren Puls fühlten und ihr vorsichtig ihr zerzaustes Haar ordneten. Die Kollegen lächelten Dete zwar liebevoll und mitfühlend, doch gleichzeitig auch etwas ängstlich an. Dete konnte sich gut vorstellen, was für ein Entsetzen es im Himmel ausgelöst haben musste, daß sie in der Wohnung eines Dämons und dann auch noch nackt in seinem Schlafzimmer aufgefunden wurden war. Der Gedanke, was ihr Mentor Moses wohl dazu sagen würde brachte Dete beinahe zum lächeln, aber dann dachte sie an Kurushio, der von den Häschern abgeführt wurden war und unendliche Trauer ergriff sie. Wo mochte ihr Geliebter nun sein? Und würde sie ihn je wiedersehen?
    Die folgenden Tage glitten an Dete vorbei, ohne daß sie es wirklich bemerkte. Immer wieder dachte sie an Kurushio, an seine Haut, seine Hände und, ach, seine Küsse.
    Die Schwesternengel behandelten sie rücksichts- und liebevoll und auch andere Kollegen Detes kamen sie besuchen doch Dete bemerkte dennoch, wie tief getroffen die Engel von ihrem Verhalten waren. Sie war schließlich der Musterengel gewesen, daß Vorbild für alle Engelsschüler, und nun war sie tiefer gesunken als sich ihre Kollegen auch nur vorstellen konnten. Sex allein war schon eine unfassbare Sünde für einen Engel, aber daß es sich hier auch noch um Sex mit einem Dämon gehandelt haben sollte war für alle Bewohner des Himmels ein schier bodenloser Schock. Dete war noch sündiger als sündig.
    Dete hätte die scheuen panickerfüllten Blicke der anderen Engel wohl kaum ertragen, wenn sie während ihrer Tage auf der Krankenwolke nicht auch gegensätzliche Erfahrungen gemacht hätte, die ihr das Gefühl gaben nicht ganz allein, und vielleicht sogar im Recht, zu sein.
    Schon kurz nach ihrem Erwachen kam ein junger Schwesternengel an Detes Bett um ihr einen Becher warme Ambrosia zu bringen. Doch kurz bevor dieser Engel ging, beugte sie sich noch zu Dete herunter und guckte sie verständnisvoll an: "Ich habe auch einen Liebhaber.", gestand sie Dete flüsternd, ,,Er ist Verwaltungsengel. Ich treffe mich heimlich mit ihm. Oh wie ich es hasse unsere Liebe verstecken zu müssen. Und das soll der Himmel sein, allumfassende Liebe und so, ja solange es bloß kein Mann ist den man liebt, pff.", und sie schnaubte verächtlich.
    So suchten viele Engel, die Körperlichkeiten nicht aus ihrer Liebe ausklammern wollten, das Gespräch mit Dete. Es war zwar keiner unter ihnen, der einen Dämon liebte, aber sie alle bewunderten Dete für ihren Mut eben dies zu tun. In ihren Augen war Dete keine Versagerin, sondern eine wahre Heldin, die endlich gewagt hatte längst veraltete Regeln zu brechen.

    Kurushios Erfahrungen in der Hölle ähnelten denen seiner Geliebten - nur daß mit ihm um einiges gröber umgegangen wurde.
    Man schliff den jungen Dämon unter wüsten Beschimpfungen durch die gesamte Hölle, so daß jeder sein hell leuchtendes Herz sehen konnte. Kurushio wurde Opfer von groben Spott, Aggressivität und Schlägen. Selbst seine Freunde und Verwandten beschimpften und bespuckten ihn, als er von den Häschern der Hölle grob mißhandelt durch die Straßen der Hölle auf die Psychiatrie zu geschleift wurde. Kurushio war der Stolz seiner Eltern gewesen, das strahlende Vorbild seiner Cousins und Cousinen und nun liebte er. Doch damit nicht der Schande genug. Kurushio war sogar so weit gegangen, einen Engel zu lieben. Einen Engel! Den schlimmsten Feind aller Dämonen. Nein, diese Schande würde seine Familie nicht vergessen.
    Kurushio nahm die haltlose Wut, die auf ihn einprasselte jedoch kaum war. "Sie sind nur so aggressiv, weil sie nicht lieben dürfen", dachte er bei sich, "das ist wirklich nicht gut fürs Betriebsklima." Ansonsten waren Kurushios Gedanken nur bei Dete. Er hatte sie in sich zusammensinken sehen, als die himmlischen Heerscharen sie ergriffen. Was hatten diese wohl mit ihr getan? Sie würden ihr doch wohl nichts antun, oder doch? Solange Dete nichts geschah war es ihm egal was mit ihm passieren würde.
    Irgendwann endlich wurde Kurushio, zerschunden und geschlagen, in eine Zelle in der höllischen Psychiatrie gesperrt. Es handelte sich um die "Ausnüchterungszelle" in der er bleiben sollte, bis sein Herz nicht mehr leuchten würde, doch in Gedanken an seinen Engel glaubte Kurushio kaum, daß es so bald damit aufhören würde. So kurz er
    Cavete-Late-Night-Lesen, die Lesebühne in Marburg an der Lahn, immer am ersten Mitwoch des Monats.
    Wer bei uns auftreten möchte melde sich mit Textprobe per e-mail bei mir.

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  2. #2
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    irgendwie wurde das Ende abgeschnitten. Ich liefere es morgen nach.
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  3. #3
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    *wow* total super, die geschichte ist echt toll....bin auf das abgeschnittene ende gespannt....
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

    "Heavy" by Denise Levertov

  4. #4
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    Es handelte sich um die "Ausnüchterungszelle" in der er bleiben sollte, bis sein Herz nicht mehr leuchten würde, doch in Gedanken an seinen Engel glaubte Kurushio kaum, daß es so bald damit aufhören würde. So kurz er auch nur von der Liebe gekostet hatte, ohne sie war sein Leben nicht mehr lebenswert.
    Wahrscheinlich wäre Kurushio wirklich in dieser Zelle vor Kummer eingegangen, wenn es sich nicht um eine Gruppenzelle gehandelt hätte. Er verbrachte zwar nur wenige Tage in der Ausnüchterungszelle, aber diese Tage hätte er ohne seine mitgefangenen Kollegen, die auch alle das Leuchten der Liebe im Herzen trugen, sicherlich nicht überstanden. Kurushio hatte noch nie Dämonen getroffen, die so freundschaftlich und mitfühlend miteinander umgingen. Ja er fühlte sich unter den gefangen Dämonen in der Psychiatrie wohler, als er sich je unter Dämonen gefühlt hatte. Sie versorgten seine Wunden und machten ihm Mut, wenn Kurushio vor Unglück darüber Dete verloren zu haben glaubte den Verstand zu verlieren.
    Alle Dämonen in der Zelle liebten und sollten in der Psychiatrie davon geheilt werden. Hier konnte Kurushio endlich über die Gedanken sprechen, die er sich über die Liebe gemacht hatte. Die Anderen waren völlig seiner Meinung darüber, daß Liebe in der Hölle erlaubt werden müsste. Sie bewunderten Kurushio für den Mut einen echten Engel zu lieben und sahen in ihm einen wahren Revolutionär und Freidenker. Von seinen Mitgefangenen erfuhr Kurushio, daß die gesamte Psychiatrie voller liebender Höllenbewohner war. Es gab, außer der Liebe zwischen Mann und Frau, die unterschiedlichsten Geschichten, wie zum Beispiel Kinder, die ihre Haustiere liebten, Mütter, die Liebe zu ihren Babys empfanden, oder Dämonen, die wahre Freunde hatten, die sie liebten.
    Oh, wie sich Kurushio wünschte mit Luzifer dieses Thema diskutieren zu können, der Teufel würde einsehen müssen, daß Kurushio mit seiner Meinung über die Liebe im Recht war.

    Doch das Diskutieren war gar nicht mehr nötig. Kurushio hatte die Briefe, die er an Luzifer geschrieben und nie abgesendet hatte, ganz vergessen, doch diese Briefe existierten noch. Als der Dämon, der Kurushios Job auf der Erde übernahm, dessen Wohnung auf der Erde bezog fand er einen Stapel an Luzifer adressierte Briefe in einem Fach in Kurushios Schreibtisch und da es ein sehr pflichtbewusster Dämon war, leitete er die Briefe sofort an seinen Arbeitgeber weiter.
    Luzifer, der, wie schon am Anfang dieser Geschichte bemerkt, wirklich viel von Kurushio hielt, laß all die Briefe von seinem Angestellten in einer Nacht durch, machte sich seine Gedanken und ließ Kurushio am nächsten Tag aus der Zelle zu sich bringen.
    "Es hätte sie Einiges erspart, wenn sie mir diese Briefe früher hätten zukommen lassen mein lieber Kurushio", sagte Luzifer. "Dies ist eine sehr schöne Arbeit, gut durchdacht und argumentiert. Ich denke sie haben Recht, ich sollte dieses Liebeding wohl erlauben."
    Kurushio verbrachte den ganzen Tag und die halbe Nacht in Beratung mit dem Teufel. Er erklärte Luzifer all seine Ergebnisse zum Thema Liebe und er erfuhr sogar den Grund warum Liebe in der Hölle so streng verboten gewesen war. Der Punkt war nämlich, daß Luzifer, als Leiter der gesamten Unterwelt, sein Herz gleich zu Beginn der Welt hatte entfernen lassen um nicht durch irgendeine Art Gefühl von seiner aufreibenden Arbeit abgelenkt zu werden. Aus diesem Grund konnte der Teufel sich einfach nicht vorstellen, daß Gefühle für seine Arbeiter wichtig sein könnten. Da Gott jedoch so sehr auf seiner "allumfassenden Liebe" herumritt, nahm Luzifer an, daß Liebe etwas rein himmlisches sei, das in der Hölle nichts zu suchen hatte.
    So wurde dank Kurushio, dem Reformierer, wie er später genannt wurde, Liebe in der Hölle legal und das Leben für viele Angestellte dort sehr viel angenehmer. Kurushio selbst bekam von Luzifer eine großartige Karriere in Aussicht gestellt, doch der junge Dämon bat seinen Chef darum das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Er wollte auf die Erde hinauf und von dort aus alles versuchen um seine Dete wiederzufinden. Vielleicht wurde sie von den himmlischen Heerscharen gefangengehalten. Vielleicht hatten sie auch im Himmel eine Psychiatrie?

    Kurushio hätte sich nicht solche Sorgen machen müssen, denn Dete befand sich gar nicht mehr im Himmel.
    Von den Gesprächen mit jenen anderen Engeln, die Affären hatten, in ihrer Meinung bestärkt, hatte Dete sich nach einigen Tagen auf der Krankenwolke dazu durchgerungen mit Gott persönlich zu sprechen. Dete hatte sich genau überlegt, was sie Gott sagen wollte, doch als sie vor ihm stand zitterte sie vor Angst und Aufregung. Da nahm Gott seinen unglücklichen kleinen Engel in den Arm und eine Welle göttlichen Verstehens und Liebe schwappte über sie.
    Dete mußte Gott nichts erklären, denn er hatte sie die ganze Zeit beobachtet, hatte ihre Gebete gehört, sich von ihnen überzeugen lassen und nun hier auf Dete gewartet um sie zu trösten und ihr zu helfen.
    Gott hatte einfach keinen blassen Schimmer von Sex gehabt, denn obgleich er oft auch als "der alte Mann" bezeichnet wurde und am liebsten in Gestalt eines alten Mannes mit Rauschebart im Himmel umherflog, war Gott geschlechtslos. Er konnte sich die wahre Bedeutung von Sex daher erst mit Hilfe von Detes Geschichte und ihren langen Erklärungen über die Gebete, die sie von der Erde aus geführt hatte, vorstellen. Vorher hatte er einfach angenommen dieses ganze Sexding müsse vollkommen böse sein, da sein Erzrivale Luzifer so viel davon hielt. Außerdem hatte er es ursprünglich wirklich nur zur Fortpflanzung der Menschen geplant, damit er selbst nicht dauernd Lehmmännchen bauen mußte. Gott hatte nicht geahnt wie wichtig Sex für die Liebe werden würde.
    Natürlich tat Gott sein Fehler, den Sex betreffend, furchtbar leid und er ließ sofort im ganzen Himmel Sexualität legalisieren. Es wurde ein Ausschuß gegründet, der die Aufklärung der Engel über Sexualität und Verhütung plante und die Wolkenbänke zwischen dem männlichen und dem weiblichen Himmel wurden eingerissen.
    Dete jedoch schickte Gott in den Vorruhestand, denn er wußte, daß sein Engel den Dämon Kurushio wirklich liebte und ihn suchen mußte. Dete nahm ihre neuen Flügel (denn sie war zum Engel 6ter Klasse befördert wurden, daß war besonders wegen der höheren Rente gut) und flog zurück zur Erde.

    Ob Dete und Kurushio sich auf der Erde wiedergefunden haben und was später aus dem, sowohl in der Hölle als auch im Himmel, berühmten Paar wurde ist nicht überliefert und im Endeffekt ist es auch nicht wichtig. Wichtig ist nur, daß Kurushio und Dete sich so sehr liebten, daß sie damit die Welt in der sie lebten veränderten - und solch eine Liebe wünsche ich auch dir.



    So, das ist das Ende. Ich habe diese Geschichte für meinen Freund Kurushio geschrieben und sie ihm gemeinsam mit einer Tonfigur, die einen Engel und einen Dämon eng umschlungen darstellt, zu Weinachten geschenkt. Damals hatte ich jedoch das Ende noch mehr "happy end"-mäßig. Dieses Ende gefällt mir jedoch sehr viel besser.
    Schön, daß es dir gefällt Sternentraum. Wahrscheinlich bist du ein "besserer" Leser als Kurushio Ach Scheiße. Liebeskummer gehört nicht hier her. Ich hoffe das Ende macht dir Freude.
    Liebe Grüße Dete
    Cavete-Late-Night-Lesen, die Lesebühne in Marburg an der Lahn, immer am ersten Mitwoch des Monats.
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  5. #5
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    ja, das ende ist toll.....die ganze geschichte ist super, und sie gibt mir mut.....aber wie du schon gesagt hast, liebeskummer hat hier nichts zu suchen.....

    noch einmal gratulation zu dieser geschichte....ich habe sie mir schon abgeschrieben, in mein kleines büchlein....für mutlose zeiten....
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
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  6. #6
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    Noch einmal: Es freut mich wirklich riesig, daß die Geschichte dir Freude, Mut, oder was auch immer bringt. Das läßt sie mir irgendwie nützlich erscheinen.
    -und zum Liebeskummer: Laß den Kopf nicht hängen, oder was sagt man da? Ich glaube ich schaffe das, und wenn ich meinen Liebeskummer überstehen kann, kannst du das auch. Ach egal, ich weiß ja nicht mehr von dir als ein Paar Gedichte, also sollte ich dir keinen Rat gegen Liebeskummer geben wollen. Außerdem habe ich ja selber keinen. Schnüff. Danke auf jeden Fall über deine Rückmeldung zu der Geschichte. Es schmeichelt mir, daß du sie dir abgeschrieben hast (werde ganz rot
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  7. #7
    Kirbenee ist offline träumiges Lächelgrün
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    Hallo Dete
    Eine wirklich schöne geschichte hab ich da rausgekramt. Zwar leicht kitschig und durchschaubar, aber trotzdem tut sowas doch immer wieder dem Herzen gut. Was ist schon gut und was ist böse? Mit deiner Geschichte hast du auch irgendwie Kritik an der Kirche geübt und das gefällt mir. Revolution im Himmel und in der Hölle, auf dass alle zu Menschen werden.

    LG Kirby
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  8. #8
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    eine sehr schöne geschichte! die intention ist sehr gut rüber gekommen, es freut mich, das andere auch so viel über "abstrakte" sachen (also wie gut und böse) nachdenken.

    gern gelsen!
    lg, sorrow

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