Sie sah in den Himmel.
Die Luft war feucht.
Sie betrachtete die Wolken.
Sanfter Nieselregen stach ihr ins Gesicht.
Was nun? Sie kam sich verloren und hilflos vor.
Hinter mehreren Fassaden fand sie ihren ruhigen, friedliebenden Charakter, den sie einfach nicht akzeptieren konnte. Doch wenn sie sich mit ihrer Persönlichkeit, also sich selbst, nicht identifizieren wollte, wer war sie dann? Hatten andere Menschen nur eine Seele und sie gleich fünf? Warum musste sie sich nur so verstellen und sich selbst hintergehen, indem sie stets versuchte, die Verhaltensweisen der anderen zu imitieren? Mal gab sie sich brav, mal intelligent, mal rebellisch. Nie so, wie ihr wahrer Charakter es vorsah.

Er hatte ihr geholfen. Er hat sie unterstützt, in welchen Bereichen er nur konnte. Er hat sie geliebt, hat ihr beigestanden, hat ihre Individualität aus ihren Fesseln befreit. Doch nun? Wo war er?
Ihre Augen verspürten einen ungeheuren Druck. Heiße Tränen liefen über ihre Wangen. Der Wind streichelte ihr Haar, ähnlich wie er es früher tat. Warum hat es nur ihn getroffen?
Ausgerechnet ihn. Sie brauchte sich keine Vorwürfe zu machen. Zwar überfielen sie an dem Abend, wie häufig, unbegründete Heulkrämpfe, sie warf mit Gegenständen nach ihm, schrie und fluchte. Doch das konnte nicht der Auslöser gewesen sein. Er hat sie doch wie immer angestarrt mit seinen großen, traurigen Augen voller Geduld. Er ging, er kam zurück. Sie erinnerte sich nur noch an das Blut auf seinem Hemd. Und an diese Augen. So ausdruckslos quollen sie aus ihren Höhlen, gar nicht mehr wiederzuerkennen. Es war nicht ihre Krankheit, die seinen Tod bewirkt hat. Es war sein Unternehmen, sie selbst traf keine Schuld. Er hatte immer versucht sie zu heilen und schließlich erzielte er darin große Erfolge.
Kein Grund zu Vorwürfen. Er selbst sollte sich dafür schämen, sie mit dem Kind alleine gelassen zu haben. Nicht die geringste Schuld traf sie. Nicht die geringste!

Die Frau schrie, weinte, monologisierte. Leicht zögernd betrat die junge Krankenschwester das Zimmer. Sie blickte auf die Frau, welche ihren Mann ebenso wie ihr Kind brutal mit einem Küchenmesser ermordet haben soll.
Als diese ihren Blick aufnahm, schenkte sie ihr das schönste und bezauberndste Lächeln, das sie zu bieten hatte und wirkte mit einem Mal vollkommen verändert.
"Helfen Sie mir!" ,raunte sie ihr zu, "Es liegt eine Verwechslung vor! Bitte holen Sie mich hier heraus, ich ertrage es nicht länger!" Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken glaubte ihr die Schwester jedes Wort und lies sie gehen.
Drei Monate später fand sie sich selbst im gleichen Zimmer wieder.

[Geändert durch Shantala am 03-06-2005 um 14:43]