1. #1
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    eure meinung- bitte

    Das hier ist keine Kurzgeschichte. Es ist der Anfang von einer längeren Geschichte- ich wollte euch hiermit alle um eure Meinung fragen- brauche jetzt eure Hilfe, wie sie ist, was ich ändern sollte... Danke schonmal.
    Alles Liebe,
    eure

    Sisty





    Ihre Hände hielten dieses kalte Metall nervös in der Hand, und auf eine Art und Weise, die klar machte, dass sie noch nie im Leben so ein „Ding“ von nahem gesehen hatte, geschweige denn, berührt hatte. Wenn man sie so sah, konnte man denken, sie wäre jemand, der sein ganzes bisheriges Leben lang noch nie eine Pistole gesehen hatte. Eine lächerliche kleine Pistole. Doch diese Pistole hier in ihrer Hand hatte so etwas von Endgültigkeit, dass es ihr Angst machte. Natürlich hatte sie schon oft diese Fernsehhelden betrachtet, die mit erhobener Pistole um die Ecke schlichen und dann schossen, so etwas sah man nun mal alltäglich, man musst nur den Fernseher anknipsen. Aber diesen Tod selber in den Händen zu halten, war viel mehr, als man von ihr verlangen konnte. Mit einmal zitterte sie so heftig, dass sie zu Boden ging, und die Waffe mit einem einzigen Klirren, dass noch nicht einmal annähernd so laut war, wie sie vermutet hatte, auf den Boden fiel. Zitternd blieb Leila liegen, fuhr sich über ihr Gesicht und bemerkte, dass ihre Hände blutverschmiert waren. War das alles wirklich passiert? Ja, es war passiert, und wenn sie nicht wollte, dass sie genauso grauenvoll starb wie Freddy, dann musste sie jetzt etwas unternehmen. Jetzt, und nicht irgendwann. Mit einer entschlossenen Bewegung packte Leila die Waffe, sprang nach oben und drückte einmal auf den Abzug. Der Knall war so laut, dass sie kreischend drei Schritte zurück stolperte, umknickte und zu Boden ging. Sie war sich bewusst, dass sie jetzt voll in dem Blickfeld der Männer sein musste, und sie war sich auch darüber im Klaren, dass die Männer zwar erst ihre Überraschung überwinden mussten, das allerdings nicht mehr als 2, höchstens 3 Sekunden dauern konnte. Das würde niemals reichen, um wieder auf die Beine zu kommen. Noch während sie darüber nachdachte, zischte eine Kugel so knapp an ihrer Schläfe vorbei, dass sie es nicht nur surren hörte, sondern den Luftzug auch noch spürte. Leila hob in einem letzten Impuls die Pistole und schoss. Für ihren Geschmack hatte sie jetzt schon zweimal zu viel auf den Abzug gedrückt, aber es war noch lange nicht vorbei. Bis die Leute in der Nachbarschaft erst einmal begreifen würden, was hier vorging und die Polizei anriefen, konnte es schon lange zu spät sein. Beinahe hätte Leila hysterisch aufgelacht. Die Polizei würde ihr auch nicht sehr viel helfen können, mal ganz davon abgesehen, dass Leila ja auch an dem Banküberfall beteiligt war. Sie war zwar beim besten Willen keine Mörderin, und zu diesen Dreckskerlen gehörte sie schon lange nicht, aber es war wohl für jeden Menschen hier glasklar, dass die Polizei sie genauso für den Mord an Freddy sowie für die 2 Millionen verantwortlich machen würde. Was dann geschehen würde, daran wollte sie beim besten Willen nicht denken. Wieder zischte eine Kugel so nah an ihr vorbei, dass es schon gar kein Wunder mehr sein konnte, nein, die Männer wollten sie nicht treffen, noch nicht. Ihnen war wohl, ebenso wie Leila klar, dass hier keiner von ihnen mehr rauskommen würde, ehe die Polizei da war, jetzt ging es nicht mehr einfach um Konkurrenz, jetzt ging es um die Freiheit, darum, wer es schaffen würde, zu fliehen, oder wer es zumindest schaffen würde, alle Vorwürfe der Bullen jemand anderes in die Schuhe zu schieben und vielleicht auf Bewährung davonzukommen. Denn alle, die 4 Männer, Leila und McCarey wussten, dass sie das Kind finden mussten. „Ihr könnt nicht gewinnen!“ Leilas Stimme hörte sich nicht so ruhig und streng an, wie sie gehofft hatte, sondern eher gehetzt und panisch. „Ich bin die einzige, die weiß, wo der Junge ist, und ich werde es auch niemandem verraten!“ Bei ihren letzten Worten hatte sie noch einmal auf den Abzug der Waffe gedrückt, es war zwar ein Blindschuss, aber er schien getroffen zu haben, denn McCarey stöhnte auf. Leila begann wieder zu zittern und schmiss die Waffe einfach fort, so weit wie möglich von sich weg. Wenn jetzt die Bullen kämen, wäre sie wohl, von ihnen allen, die am wenigsten Verdächtige, ohne Waffe. Einer der vier Männer hatte sich über den zusammengesunkenen McCarey gebeugt und redete auf ihn ein. Leila konnte von ihrer Entfernung aus- die Männer befanden sich direkt neben dem Tresor, während Leila vor einem der Schaufenster am anderen Ende der Halle stand- nicht alles mitkriegen, aber doch zwei Worte, die McCarey erstaunlich kraftvoll und laut aussprach, zwei Worte, die ihr die größte Furcht ihres Lebens einjagten: „Tötet sie!“ Leila wusste, was sie zu tun hatte, sie hatte es bereits mit Freddy so abgesprochen, für den Fall, dass es einer von ihnen nicht schaffen würde. Und trotzdem wusste sie, dass sie so oder so sterben würde, aber vielleicht schaffte sie es ja auch, die Chance war da, zwar unglaublich klein, aber sie war da. Noch ein letztes Mal zögerte sie, aber wenn sie an Freddy dachte, gab es ihr den letzten Mut, den sie brauchte. Sie atmete noch einmal tief ein. Dann nahm sie Anlauf und sprang durch das Schaufenster hindurch. Das Geschrei der Männer hinter ihr ging unter dem Klirren der Glasscheibe und dem mechanischen Geheule der Alarmanlage unter.








    Victor bewegte sich schnell und flink, und trotzdem gelang es Julian, ihn bereits nach wenigen Sekunden aufzuholen. Der 17jährige lachte wie ein kleines Kind und warf seine engelsblonden Haare zurück. Angel würde er deswegen genannt, als ob er ein Engel wäre. Nein, er war beim besten Willen kein Engel, voll mit Alkohol und Drogen, wie er es jetzt war, in die kindische Rauferei mit seinem besten Kumpel verwickelt und von anderen Straßenkids angefeuert. Dabei war er noch nicht einmal immer ein Straßenjunge gewesen. Ganz im Gegenteil, er war auf die Realschule gegangen, bis er 13 war, und hatte sie dann einzig und alleine aus Langeweile beendet. Seine Pflegeeltern waren davon zwar nicht begeistert gewesen, aber sie hatten auch nie versucht, ihn daran zu hindern, vielleicht lag das daran, dass er ihnen ungefähr so egal war wie ein Stück Wurst auf einer Vollkornsemmel. Victor wurde nach vorne geschleudert, und Julian stürzte sich auf ihn. Mit einmal begriff Victor, dass es vielleicht gar kein Spiel mehr war. Dass Julian jetzt begann, puren Ernst zu machen. „Mörder!“ kreischte er und biss ihm in den Arm. Victor war so überrascht, dass er sich zuerst gar nicht wehren konnte. Mörder. Als ob er, Julian, noch nie in seinem Leben auch nur einen einzigen Menschen getötet hatte. „Du Wichser, du Mörder, du Schwein!“ Und da wusste Victor, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, auf den er so lange gewartet hatte. Ewigkeiten hatten sie immer spielerisch gegeneinander gekämpft, aber jetzt wusste Victor, und wahrscheinlich wusste Julian es auch, dass einer von ihnen sterben würde. Jetzt oder nie. Es bereitete ihm Angst, aber nicht so große, wie er immer gedacht hatte. Er war ein Straßenjunge, hier gab es Gesetze, die er nicht zu brechen wagte. Seit er mit 14 Jahren auf die Straße gegangen war, hatte er noch nie eines dieser Gesetze missachtet. Djarko wollte nicht, dass man seine Gesetzte missachtete. Er richtete sie aufs Töten aus, machte Killer aus ihnen, und Victor war bis jetzt einer seiner besten Schützlinge. Djarko mochte ihn auf eine seltsame Art, nicht so, wie eine Mutter ihr Kind mag. Es war fast so, als brauchte er Victor, und schon alleine deshalb wusste Victor, dass er gewinnen würde. Nicht Julian. Julian war ein Weichling, hatte es noch lange nicht verkraftet, selber töten zu müssen. Die Luft füllte sich mit den anfeuernden Rufen ihrer „Kameraden“, die sich im Halbkreis um sie gruppiert hatten. Julian hielt plötzlich ein Messer in der Hand. Victor stöhnte kurz auf. Er hatte es immer gewusst, dass es so weit kommen würde. Immer. Aber jetzt blieb ihm keine Zeit mehr zum Nachdenken. Kurzentschlossen griff Victor nach seinem eigenen Messer, bugsierte es schnell und sicher aus seiner Manteltasche und stürzte sich dann mit lautem Gebrüll auf Julian. Er spürte einen harten Schlag, als er zusammen mit seinem ehemaligen Kumpel auf der Straße aufstieß, aber gleichzeitig sah er auch, dass von Julians Arm aus Blut in Strömen floss. Victor hatte also sein Ziel getroffen. Wenn auch nicht da, wo er es eigentlich wollte. Im selben Moment, als er abermals zustieß, zuckte er unter einem grauenhaften Schmerz in seiner Schulter zusammen, und er bemerkte, dass das Blut nun auch von seiner Schulter herabfloss. Noch mal traf Julian Victor mit seinem Messer, diesmal genau in den Bauch, und Victor stöhnte auf. Schnell stieß er abermals zu, um gleich danach mit seiner Faust blindlings auf Julian einzudreschen. Julian begann anscheinend ebenfalls damit, doch Victor konnte vor lauter Blut nichts mehr sehen, er schlug einfach weiter, in der stillen Hoffnung, Julian tödlich zu treffen. Im selben Moment, indem Julian einen langen, keuchenden Laut von sich gab und in Ohnmacht fiel, hörte Victor hinter sich eine Stimme, die so scharf wie eine Messerklinge. „Ihr Spinner, hört auf, verdammte Scheiße noch mal!“ Victor zuckte zusammen und richtete sich ruckartig auf, wenigstens versuchte er es, denn gleichzeitig wurde er von einem Schmerz gepackt, der ihn wieder auf den Boden sinken ließ. „Djarko, es tut mir leid.“ Mehr konnte er nicht mehr sagen, vor sich sah er nichts mehr als ein grelles Weiß, dass immer mal wieder menschliche Konturen annahm. „Was hast du dir dabei gedacht? Du hättest ihn gleich niederschießen sollen. Verdammt Angel, du hast eine WAFFE!“ Das letzte Wort sprach Djarko fast schreiend aus. Victor konnte sich gut vorstellen, wie sein Gesicht mit den buschigen Augenbrauen vor Wut verzehrt war. Er wusste, dass Djarko ihn jetzt auf keinen Fall in Ruhe lassen wurde, mit seinen Standpauken, und so tat er das einzige, was ihm noch übrig blieb: Er richtete sich stöhnend auf und versuchte, sich ein paar Schritte von Djarko zu entfernen. „Victor!“ Victor stöhnte abermals auf. Inzwischen konnte er seine Umwelt wieder einigermaßen gut wahrnehmen. Er erkannte, dass Djarko mit einer Pistole rumwedelte und genau vor Julian stand. „Victor, worauf wartest du? Mach ihn fertig!“ Victor wusste genau, dass er es nicht konnte. Nicht so. Das war unfair. „Du hast doch selber gesagt, man soll sich an die Gesetze der Straße halten? Oder etwa nicht?“ „Du bist ein Killer, Victor. Vergiss das nie, niemals. Und jetzt nimm diese Waffe.“ Victor fasste zitternd nach der Waffe, umklammerte sie erst mit beiden Händen. „Ich bin verletzt, Djarko. Ich will mich ausruhen.“ Angel hatte erst gar nicht erwartet, dass diese Worte auch nur irgendeine Wirkung zeigten. Djarko blieb, wo er war und sah ihn herausfordernd an. Victor packte die Waffe mit der rechten Hand und legte seinen Finger sanft auf den Abzug. Dann schwenkte er mit der Waffe, bis diese auf Julians Kopf deuteten. Julian gab ein Seufzen von sich und öffnete die Augen. Und genau in diesem Augenblick schoss Victor. Julians Augen waren weit aufgerissen vor Entsetzen, und nur einen Sekundenbruchteil danach explodierte sein Kopf und hinterließ ein Gemisch aus Blut und einer grauen Masse. Victor ließ die Waffe fallen und starrte Julians Leiche an. Für einen kleinen Moment war er nahe dran, zu weinen. Doch dann biss er sich auf die Zunge, presste die Hände zusammen und drehte sich hastig um. Er spürte den Schmerz gar nicht, den ihm die Wunden bereiteten. Mit schnellen, raschen Schritten entfernte sich Victor von Djarko und den anderen Jugendlichen. „Komm nachher in mein Büro, Victor“ Victor deutete ein Nicken an, beschleunigte seinen Schritt noch mehr, und rannte schließlich. Er hielt erst nach einigen Minuten wieder an, als er weit genug von den anderen entfernt war. Dann brach er vor Erschöpfung zusammen.


    Als er wieder aufwachte, war es bereits dunkel geworden. Die Häuserblocks um ihn herum schienen ihn erdrücken zu wollen, und als Victor nach Luft schnappte, schien es, als würde es überall nach Teer stinken. Seine Brust schmerzte bereits nach dem ersten Atemzug, und in seiner Schulter war ein dumpfes Pochen. Victor schüttelte rasch den Kopf um wieder einigermaßen in die Wirklichkeit zurückzukehren. Es gelang ihm nicht. Vor seinen Augen wurde es wieder für eine Sekunde lang schwarz, und er spürte seinen eigenen Herzschlag in der Brust rumoren. Dann endlich kam er wieder richtig zu Bewusstsein, und das war vielleicht der schlimmste Augenblick in seinem Leben. Er hatte seinen besten Freund getötet. Dieser Gedanke fraß sich in seinem Gedächtnis fest und ließ ihn nicht mehr los. Es war nicht dass erste Mal, dass Victor mutwillig getötet hatte. Aber es war das erste Mal, dass ihm der Verlust des Menschen, den er getötet hatte, so nahe kam. Unwillig schüttelte Victor abermals den Kopf und fuhr sich mit den dreckverschmierten Händen durch die fettigen Haare. Er musste wahrlich kein gutes Bild bieten. Und Djarko würde sehr sauer sein, wenn er nicht bald kam. Victor bemerkte, dass das Blut aus seinen Wunden nie aufgehört hatte zu laufen, und als er aufstand, konnte er nur schwankend gehen. Er musste bloß einem einzigen Polizisten begegnen, um sich verdächtig zu machen. Wahrscheinlich reichte auch ein ganz normaler Mensch, der nicht gerade von der Straße kam, um ihn in den Knast zu bringen. Wenn du erst mal im Krankenhaus bist, ist es eh zu spät. Die stecken dich da wegen Verdacht auf die Intensivstation, egal, ob du dir nur den kleinen Finger verstaucht hast oder einen Herzanfall hattest. Wenn du von da aus abhauen willst, geht irgendwo eines dieser Geräte los, und wutsch, bist du wieder eingefangen. Victor stützte sich schwerfällig auf einer Mülltonne ab, und blieb keuchend stehen. Er würde es nie bis zu Djarko schaffen. Victor stöhnte abermals. Sein Kopf dröhnte so laut, als würde eine ganze Elefantenherde darin auf und abgehen. Für einen kurzen Augenblick war Victor der Versuchung nahe, einfach bloß auf den Boden zu sinken und einzuschlafen. Es konnte sein, dass er aus diesem Schlaf erst im Knast wieder erwachte. Die Polizei suchte nach Djarko, suchte nach seinen Angestellten. Sie alle wussten das, und trotzdem versuchten sie den Gedanken zu verdrängen, dass sie bald kein freies Leben mehr leben konnten. Denn es wurde nicht allzu lange dauern, bis die Bullen Djarko finden würden. Und dann war eh alles zu spät. Victor versuchte, diese Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Wichtig war jetzt nur, es bis zu Djarko zu schaffen. Ungesehen. Er biss noch einmal die Zähne fest aufeinander, dann setzte er sich langsam in Bewegung. Er war kaum um die Häuserecke gegangen, als er auch schon in der Innenstadt stand. Auch noch die Innenstadt! Obwohl er sich hier gut auskannte, war hier immer Leben. Keine Chance, niemanden zu begegnen. Und trotzdem musste er es einfach riskieren. Plötzlich hörte er eine Stimme, die so zielstrebig auf ihn gerichtete war, dass Victor zusammenzuckte: „Hey Vic!“ Victor drehte sich um. Und sein Herz fing an zu rasen. Er hatte es von Anfang an gewusst, dass es nicht so einfach sein konnte, den Gedanken an einen guten Freund zu vertreiben. Er hatte gewusst, dass er vielleicht Alpträume und Halluzinationen bekommen würde. Aber das, was er jetzt sah, konnte weder ein Alptraum, noch eine Halluzination sein. Das was er jetzt sah, war echt. Victor sprang hastig einige Schritte zurück. Er sah in die dunklen, fast braunen Augen, die im hellen Licht der Straßenlampen einen fast geheimnisvollen, beängstigenden Ausdruck annahmen. Die schwarzen, glatten Haare fielen dem Jungen in das feingeschnittene, aber trotzdem grob wirkende Gesicht. „Julian!“ Aber das konnte nicht sein. Julian war tot. Gestorben, für immer. Er selbst war es gewesen, der Jul umgebracht hatte, er selbst hatte gesehen, wie das Blut hochgespritzt war. Und trotzdem... „Ja, du hast recht, Vic. Ich müsste eigentlich tot sein. Aber wer sagt denn, dass wir Menschen sind? Wer sagt das? Du? Ich? Nein, keiner, Vic. Wir sehen uns noch. Bald.“ Nach diesen Worten war Jul auch schon wieder verschwunden. Doch in Victors Kopf hallten immer noch seine letzten Worte nach. „Wer sagt denn, dass wir Menschen sind?“ Was hatte er mit wir gemeint? Victor musste einfach bloß verrückt geworden sein, so verrückt, dass er schon anfing, zu halluzinieren. Das war die einzige Erklärung. Vor Victors Augen wurde es schwarz, und er spürte die Schmerzen in seiner Schulter und in seinem Bauch. Er durfte jetzt einfach nicht in Ohnmacht fallen. Doch er wusste, dass er es nicht mehr lange aushalten wurde. Seine Beine gaben nach, und er sackte vorne über. Plötzlich blendete ihn etwas helles, unwahrscheinlich leuchtendes und grelles, und dann hielt ein Auto quietschend neben ihm. Irgendjemand packte ihn am Arm und zerrte ihn in das Auto. Und dann bekam er gar nichts mehr mit.


    „Soso. Du hättest aber trotzdem nicht wegrennen sollen.“ Alleine die Stimme, mit der Djarko zu ihm sprach, machte Vic klar, dass dieser wirklich sauer sein musste. Und trotzdem konnte er noch etwas anderes in Djarkos Augen entdecken. Etwas, was ihm neu war. Sorge. Mit einmal wusste Victor, dass er für Djarko vielleicht noch mehr als eine Kampfmaschine war. Vielleicht... Victor hatte nie jemanden gehabt, der sich um ihn gesorgt hatte. Umso dankbarer war er gewesen, als er zu Djarko gestoßen war, wo sich wenigstens jemand um ihn kümmerte, der seinen Namen kannte. Und er war der Beste. Vic war Djarkos Liebling, das wusste jeder. Dass hätte auch Julian wissen müssen. Julian... „Jul!“ Victor schrie diese Worte fast, dann richtete er sich ruckartig von dem Stuhl auf, auf den Djarko ihn noch vor einer Minute gesetzt hatte. „Hey Angel, ganz ruhig.“ Victor keuchte. Und dann begann er zu weinen. Es war das erste Mal seit langem, dass er in Djarkos Anwesenheit geweint hatte. Er stand einfach so da, in der Mitte von Djarkos Büro und weinte. Um seine Schulter war ein weißer Verband geschlungen. Und auch seine Hüfte fühlte sich einbandagiert an. Und trotz allem stand er hier und weinte. Nicht vor Schmerzen. Er trauerte um seinen besten Freund. „Vic...“ Im nächsten Moment hielt Djarko ihn schon in seinen Armen, und Vic schluchzte. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis der sich wieder aus Djarkos Umarmung löste und wieder auf den Stuhl fallen ließ. Vor seinen Augen war alles verschwommen. „Er lebt, Djarko, er lebt.“ Seine Stimme war noch heiser und rau, so, als hätte er schon lange nicht mehr gesprochen, aber doch klar und deutlich. Djarko schüttelte bloß stumm den Kopf. Er sah auf eine seltsame Art und Weise verzweifelt aus. Vic sah ihm an, wie er überlegte, wie er lange überlegte, bevor er ihm ganz direkt in die Augen sah und meinte „Ich weiß, Angel. Ich weiß es. Und du wirst es auch bald wissen.“ „Wer sind wir, Djarko?“ Er hatte gar keine Antwort erwartet. Es war Victor schon von Anfang an klar gewesen, dass er auf diese Frage wohl keine Antwort erhalten wurde. Nicht an diesem Tag. „Wir sind... es ist spät, Victor, du solltest dich jetzt zur Ruhe legen. Morgen wartet ein anstrengender Tag auf dich, und du bist heute sowieso nicht in bester Verfassung!“ Vic schüttelte nur den Kopf und gab ein Seufzen von sich. Djarko war wieder ganz der Alte. Er stand von seinem Stuhl auf und sah Djarko für einen kurzen Augenblick enttäuscht in die Augen. Dann wandte er sich ab und schritt auf die Tür zu. „Vic!“ Er drehte sich noch nicht einmal um, als Djarko ihn wieder zurückrief. „Vic, nur Geduld. Du wirst es noch früh genug erfahren.“ Victor ging zur Tür hinaus und zog sie hinter sich zu. Seine Augen brannten noch. Er rieb sich kurz mit den Händen über sein Gesicht. Hoffentlich sah man ihm nicht an, was er getan hatte. Weinen gehörte hier wohl wirklich nicht dazu. Aber im Stillen war Vic Djarko dankbar, dass er ihn hatte gewähren lassen. Seine Schritte hallten auf dem Korridor wieder. Die Wände waren mit zahlreichen Graffitis besprüht. Es war eine schäbige Behausung, in der sie hier wohnten. Victor wusste, dass Djarko nicht nur auf der Straße lebte. Er wusste, dass er noch irgendwo, weit von hier entfernt, an der Ostküste ein besseres Versteck hatte. Aber man wurde ihn kriegen, wenn er versuchen wurde, bis dahin zu kommen. Und außerdem war Djarko wohl noch lange nicht bereit, seine Schützlinge hier aufzugeben. Erst, wenn er die besten 10 von ihnen herausgefiltert hatte, hatte er ihnen einmal gesagt, erst dann wurde er mitsamt ihnen zurückkehren, um sie an der Mission teilnehmen zu lassen. Keiner wusste, was für eine Mission das war. Aber das war auch unwichtig. Für ein Straßenkind war es das höchste, unter Djarkos Obhut zu gelangen, und war man erst einmal dort angelangt, so hatte man nur noch dieses eine Ziel: An der Mission teilnehmen zu können. Auch für Vic war es ein Ziel. Es war das Ziel überhaupt. Victor hatte die Tür erreicht, die nach draußen führte. Er öffnete sie. Die Dunkelheit nahm ihm für einen Augenblick die Sicht, als er heraus trat ins Freie. Er fröstelte, es war kalt, viel zu kalt dafür, dass es bereits März war. Seine blonden Haare wurden vom Wind aufgewirbelt und fielen ihm ins Gesicht. Er hatte vieles zum Nachdenken. Zum ersten Mal seit langem freute er sich auf den alten Keller, in denen 11 von ihnen untergebracht waren. Djarko hatte mehrere Schlafmöglichkeiten für seine Schützlinge, jeweils etwas für 10- 15 Leute. Der Keller war wohl einer der ungemütlichsten Räume, denen Vic je in seinem Leben begegnet war, und doch freute er sich heute darauf. Vielleicht hatte Djarko den Keller für ihn und seine Freunde ausgewählt, weil er am nächsten an Djarkos Büro lag. Victor betrat den alten Kellerraum. Er war heute der letzte, der sich hier niederließ, es musste wohl schon spät sein. Einzige und allein Julian fehlte. Mit einmal wurde Vic bewusst, dass sie nun nur noch zu 10 hier waren. Vielleicht die 10 Auserwählten? Er schüttelte unwillig den Kopf. Djarko konnte ja nicht geahnt haben, dass Jul sterben wurde. Nein, Jul war nicht tot. Er hatte ihn ja selber gesehen. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr verblasste Julians Bild vor seinem Auge, und desto mehr glaubte er daran, nur eine Halluzination gehabt zu haben. Nicht mehr und nicht weniger. Er legte sich auf seine alte, zerfranste Decke und rollte sich eng zusammen. Irgendjemand hatte ihm seine Decke zum Zudecken weggenommen. Aber das war nichts neues. Es kam eigentlich auch nur Ryan dafür in Frage, der Kleinste von ihnen allen. Vic mochte Ryan, er war sein zweitbester Freund gewesen, als es Jul noch gegeben hatte, und nun war er wohl sein Bester. Er wurde diese Nacht auch ohne Decke zurecht kommen.
    Kurz bevor Vic einschlief, erinnerte er sich noch einmal kurz an das Gespräch mit Djarko. Da war ein Satz gewesen, der ihn irgendwie gestört hatte. Er war schon halb eingedöst, als ihm der Satz doch wieder einfiel. „Du wirst es noch früh genug erfahren.“ Früh genug für was? Mit einmal versank er in der Dunkelheit um ihn herum und ihm fielen die Augen zu. Und er hatte die Frage wieder vergessen, als er am nächsten Morgen die Augen öffnete.
    >>Maktub<<, sagte endlich der Händler.
    >>Was ist das?<<
    >>Um das zu verstehen, muss man Araber sein<<, antwortete er. >> Aber die Übersetzung wäre ungefähr so: >Es steht geschrieben.< << (aus: Der Alchimist, Paulo Coelho)

    Maktub.
    ~kratzbeere~

  2. #2
    Registriert seit
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    51
    also, ich habe mir mal die Zeit dafür genommen, und mir des durchgelesen... ich finde die Geschichte echt klasse, nur solltest du den Namen nicht immer ändern und dir mal aussuchen, wie die den nennen wollen, Victor, Vic oder Angel, des verwirrt einen nämlich ein bisschen. Aber sonst ist des trotzdem eine klasse Story, schreib schnell weiter, ich bin echt voll gespannt, wie's weitergeeht *zitter*

    machh weiter sso,
    HDNGDL,
    deine Kira
    Du lebst so lange, bis andere aufhören, dich zu lieben

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