1. #1
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    Im Tal des schlangenfressenden Adlers erhebt sich das Betongebirge
    des Molochs Mexiko-Stadt; vierzig mal dreißig Kilometer frißt sich der
    Krake in die Ebene des Mondsees hinein.Wo einst Tenochtitlans
    Pyramiden in den Himmel ragten, irren nun Millionen durch das Laby-
    rinth der Sraßen, auf der Suche nach Pesos, Sex, Liebe und Glück

    In den Kaschemmen und Hinterhöfen Tlalnepantlans kämpfen Männer
    in stacheldrahtumzäunten Boxringen bis zum Tod; heruntergekommene
    Frauen lassen sich vor jubelndem Publikum von schwarzen Mastinos
    besteigen, Santeriapriester opfern ihren blutdürstigen, grausamen Göttern
    Hühner, Katzen und in der Gosse ausgesetzte, schreiende Babies

    An den Kreuzungen des Paseo de la Reforma, der immerverstopften
    Schlagader der Stadt, im Nebel des Smogs, blasen Feuerspucker ihre
    Flammenbälle in die purpurfarbene Dämmerung, ihre geschundenen
    Lippen mit dreckigen Lappen kühlend; grellgeschminkte Huren, Rasier-
    messer in ihren Taschen tragend, streiten lärmend um jeden Freier

    Junge Latinos, sie tragen braune Stoffhosen und weiße Unterhemden,
    ihre Arme sind stark und tätowiert, kämpfen mit Messern, Totschlägern,
    Fahrradketten und nägelbespickten Baseballschlägern um jeden Zentimeter
    ihres Barrios; ihr haßerfülltes Blut vermischt sich mit dem trockenen Staub
    der kotbespritzten Straßen und tränkt den immerdurstigen Moloch Stadt

    In der Metrostation Hidalgo treffen sich die heimat- und elternlosen Kinder
    des ganzen Landes; sie betteln Touristen an, lachen, rauchen und spielen
    ihre namenlosen Spiele, die niemand sonst versteht; in ihren jungen Indio-
    gesichtern, von Leid und Sucht gealtert, spiegeln sich fünfhundert Jahre
    der Unterdrückung, seit der bärtige Mann aus dem Osten ihr Land betrat

    Sie rauchen ketamingetränktes Marihuana, Crack knistert in selbstgebauten
    Pfeifenköpfen, gierig schnüffeln sie die berauschenden Dämpfe ihrer Klebstoff-
    tüten, die Körper und Seele zerstören; halbblind von gepanschtem Kaktusschnaps
    schlafen sie zu Dutzenden in Seitenstraßen, Alleen des Elends; obszöne Gesten
    machend, locken sie Pädophile aller Länder zu sich, ihre kleinen, braunen Körper

    zu lächerlichen Preisen verschachernd, immer auf der Flucht vor Todesschwadronen
    und korrupten Polizisten, die mit gezogener Waffe die Hälfte ihres kargen Lohns
    verlangen.Manchmal erinnert sie ein mitfühlender Blick, ein gutes Wort oder ein
    im Müll gefundener einäugiger Teddybär daran,daß sie nur Kinder sind; dann weinen
    sie, weinen lautlos und ungehört im Herzen ihrer menschenfressenden Stadt






    [Geändert durch Nocturnal am 13-06-2005 um 04:25]
    "Säufer des schweren Saftes, versiegelt im durchsichtigen Bernstein ihrer Träume." William S. Burroughs

  2. #2
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    Nocturnal,
    wow!!!! Eine sehr eindrucksvolle Beschreibung. Nur gut, dass die Stadt sich zwar ausdehnen kann, aber immer am Boden bleibt, während der Adler in den Lüften kreist und ab und zu ein Bröckchen fallen lässt, das sich zu tragen nicht lohnt.

    *gl*

    N.

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