Thema: Andersch haut

  1. #1
    Registriert seit
    Jan 2003
    Ort
    Schweiz
    Beiträge
    2.865
    Andersch haut

    "Andersch haut ischs cho, auz mus je deicht hetti." U mis Mami siita mengisch, we de Urgrosspapa oder d Urgrossmama umi i üsi Zytt chemi were si nüpme woou. I ha si nie pchennt, o nid mis Mami ù nid asmau mi Grossmama hetta das juscht. I iiras aute Taage redt si nüt meh va de Zuekunft ù gugget wäh lieber z Auta nomau aan. Nid auz ischa guet gsi dazumau, mengs o hört. A däm Tag, wa si zächni cho isch, hetta iiras Mama müesse stärbe. Jungi würde mu hüt sääge, epa um di vierzg jährig ischa iiras Mama denn gsi. Aber niemer hets witter verwunderet, si hetta drizäh Chinn ufd Wäut bracht, mini Grossmama ischa zjüngschta gsi. Mit sübezää het si de Chrebstod va ihras Papa dürlitte. Wäg va dehiim het sia müesse u ga schaffe, was het si andersch wele.
    Itz, wa si säuber merkt, wi iiras Endi nochet, isch iiras Stärbe scho lang i iira ufgnos. Si hett mer scho lang nüpme va iiras Mama vùrzeut. I löscher Zytt redt si mee vamena Chnächt, wa bi iine dehiim ufum Hoof gwärchet het. Vam Schüü gittes auz möglichs z vùrzele. Wi är as schwers Lääbe ghäbe hiigi us uneelecha ù win är Cheeseryybueb hetta müesse si ù scho mit öufi va dehiim wäg. Nai o win är het müesse stäärbe, aaliinig us aarma Tschooli. Ä sigi de böscht Chnächt gsi, wa si je asmau ghäbe higi. We si aso uber iimse Liide verzöut, de merken i aube iinisch, wi wenig sia über iiras Lääbe jammeret. Debii het sia wiss Gott was auz düürgmacht. Am Endi vam erschte Chrieg isch sia uf d Wäut cho, hetta Hungersnöt, Früügeburte, Chrankhiite ù de ander Chrieg uberstanne ù hetta ging umi Nüüs gseh. Vam Härdbode, vam offene Chöömi ù vam chaute Brünewasser dehiim ina nüi Zytt iichi. Wa iiras Vatter no zäme mitum Pfarrer zerschta Völo im Dorf bsässe hett, fahrta as jeda hüt uf de teerete Strasse mitum Zwöitouto uma. Sia ischa ging scho a fortschrütlecha Mentsch gsi, wi iiras Vatter. Nüt het si gschüchet: A ki Wöschmaschina oder Mikrowälla, mit allum chunt sia zrächt. Vor guet drüüne Jaar, wa sia no biz besser zwäg gsi isch u no nid aso veruckt Schmärze i de Chnü ghäbe het, hara amena schöne Meietag sogar ziigt, wi mu Pingpong gspüüt. Si ischa begeischteret gsi. I hana as juschts Lüüchte i iiras Uuge gsee ù ha mer uf iinisch chene vorschtele, win es denn gsi isch, wa sis zerschte Mau mitum Grosspapa i iimse Outo usgfahre isch. Mi Grosspapa hetta nämlech mit sym Brueder zäme zerschta Outo im Dorf bsässe ù das ischa denn as Uufsee ù nas Gredt gsi. Nid alli hiina haut nützytlechs Bluet ghäbe u no hüt gittes settig.
    Wen i mini Grossmama aso gseh ù o meerke, wi gär sia sych a auti Zyte bsünnt, aber o wie zfrüde sia hüt naarisch isch, de deichen i mengisch ma setti de Vurgangehyt nid natruure. Zuekunft chunnta o no früi gnue. Auz ischa haut andersch gsi ù auz ischa o andersch cho.


    (16.06.05)

    [Geändert durch olaja am 16-06-2005 um 13:41]
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  2. #2
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    München
    Beiträge
    716
    Hallo Olaja,
    könntest du das auch bitte "übersetzt" reinsetzen? Ich würde es gerne ganz verstehen.Viele Wörter lassen sich ja erahnen aber ich würde mich trotzdem über eine Übersetzung freuen, damit ich es mal so "in einem Durch" lesen kann.
    Danke
    gruß
    question

  3. #3
    Registriert seit
    Jan 2003
    Ort
    Schweiz
    Beiträge
    2.865
    Wenn es gewünscht wird, gerne.

    Anders halt

    "Anders halt ist alles gekommen, als man es je gedacht hätte." Und meine Mutter sagt manchmal, wenn der Urgrossvater oder die Urgrossmutter wieder in unsere Zeit zurückkämen, wäre ihnen nicht mehr wohl. Ich habe sie nie gekannt, auch nicht meine Mutter und nicht einmal meine Grossmutter hat das richtig. In ihren alten Tagen spricht sie nicht mehr von der Zukunft und schaut lieber das Alte noch einmal an. Nicht alles war dazumal gut, vieles auch hart. An dem Tag, als sie zehn wurde, musste ihre Mutter sterben. Jung, würde man heute sagen, etwa um die vierzig Jahre alt war ihre Mutter damals. Aber niemand hat dies weiter erstaunt, sie hatte dreizehn Kinder zur Welt gebracht, meine Grossmutter war das jüngste. Mit siebzehn dann hat sie den Krebstod ihres Vaters durchlitten. Weg von zu Hause musste sie und arbeiten gehen, was blieb ihr anderes übrig.
    Jetzt, wenn sie selber merkt, wie ihr Ende näher rückt, hat sie ihr Sterben schon lange in sich aufgenommen. Sie hat mir schon lange nicht mehr von ihrer Mutter erzählt. In letzter Zeit spricht sie mehr von einem Knecht, der bei ihnen zu Hause auf dem Hof gearbeitet hat. Von Jules ("Schüü") gibt es alles mögliche zu erzählen. Dass er ein schweres Leben gehabt habe als uneheliches Kind und wie er Käsereijunge sein musste und schon mit elf von zu Hause weg. Dann auch wie er sterben musste, alleine als armer Kerl. Er sei der beste Knecht gewesen, denn sie jemals gehabt hätten. Wenn sie so von seinem Leiden erzählt, dann merke ich ab und zu, wie wenig sie über ihr Leben klagt. Dabei hat sie weiss Gott was alles durchgemacht. Am Ende des ersten Krieges kam sie auf die Welt, hat Hungersnöte, Frühgeburten, Krankheiten und den andern Krieg überstanden und hat immer wieder Neues gesehen. Vom Erdboden, vom offenen Kamin und vom kalten Brunnenwasser zu Hause in eine neue Zeit hinein. Ihr Vater besass noch zusammen mit dem Pfarrer das erste Fahrrad im Dorf und heute fährt ein jeder mit dem Zweitauto auf den geteerten Strassen. Sie war immer schon ein fortschrittlicher Mensch, wie ihr Vater. Nichts hat sie gescheut: Keine Waschmaschine oder Mikrowelle, mit allem kommt sie zurecht. Vor gut drei Jahren, als sie es ihr gesundheitlich noch besser ging und sie noch keine schlimmen Schmerzen in ihren Knien hatte, habe ich ihr an einem schönen Maitag sogar gezeigt, wie man Pingpong spielt. Sie war begeistert. Ich habe ein richtiges Leuchten in ihren Augen gesehen und konnte mir auf einmal vorstellen, wie es war, als sie das erste Mal mit dem Grossvater in seinem Auto ausgefahren ist. Mein Grossvater besass nämlich mit seinem Bruder zusammen das erste Auto im Dorf und das war dazumal ein Aufsehen und ein Gerede. Nicht alle hatten neuzeitliches Blut und auch noch heute gibt es solche.
    Wenn ich meine Grossmutter so sehe und auch merke, wie gern sie sich an alte Zeiten erinnert, aber auch wie zufrieden sie heute eigentlich ist, dann denke ich manchmal man sollte der Vergangenheit nicht nachtrauern. Die Zukunft kommt auch noch früh genug. Alles war halt anders und alles kam auch anders.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  4. #4
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    München
    Beiträge
    716
    Hallo olaja,

    Alles in allem finde ich , dass es eine sehr schöne und respektvolle Liebeserklärung an eine Mutter ist.
    Sehr gut gefällt mir :
    Jetzt, wenn sie selber merkt, wie ihr Ende näher rückt, hat sie ihr Sterben schon lange in sich aufgenommen. Sie hat mir schon lange nicht mehr von ihrer Mutter erzählt. In letzter Zeit spricht sie mehr von einem Knecht, der bei ihnen zu Hause auf dem Hof gearbeitet hat. Von Jules ("Schüü") gibt es alles mögliche zu erzählen. Dass er ein schweres Leben gehabt habe als uneheliches Kind und wie er Käsereijunge sein musste und schon mit elf von zu Hause weg. Dann auch wie er sterben musste, alleine als armer Kerl. Er sei der beste Knecht gewesen, denn sie jemals gehabt hätten. Wenn sie so von seinem Leiden erzählt, dann merke ich ab und zu, wie wenig sie über ihr Leben klagt
    Nicht nur weil hier Bewunderung für "die Mutter" raussticht sondern auch weil es wie ich finde oft wirklich so ist, dass Menschen die in Vergangenem schwelgen über Dinge/Erlebnisse erzählen denen sie vorher, in ihren Augen vielleicht nie genug Beachtung geschenkt haben. Aber vielleicht auch um von der Reflektion ihres eigenen Lebens abzulenken. Kann das schwer beschreiben was ich damit sagen will. Ich hoffe, du verstehts wie ich das meine.
    Gruß
    question

  5. #5
    Registriert seit
    Jan 2005
    Ort
    Schweiz
    Beiträge
    364
    Halo,

    Auso wynes schynt, hett di de Boschùng Peter chene ynspiriere (i’m currently reading)

    Habs mal gelesen und wirken lassen (=> kein analytisch fundiertes Re erwarten)

    Auf jeden Fall hat mich der Text sehr angesprochen. Erinnerungen an meine eigene Grossmutter flackerten auf und ich musste ob einiger parallelen schmunzeln. Ich habe mir nicht genau überlegt, was mich den Text nun mögen lässt, aber ich vermute mal, dass die genau passende sprachliche Schlichtheit und das Vermögen des Textes, in mir Bilder und eigene Erinnerungen entstehen zu lassen eine wichtige Rolle spielen. Irgendwie lässt du den Text auf schöne Art und Weise plätschern und setzt hie und da markante Punkte. Und dies mit einer Trockenheit, die mir sehr gefällt und die ich in vielen älteren Menschen aus der Region wieder finde. Besonders positiv aufgefallen sind mir:

    “Itz, wa si säuber merkt, wi iiras Endi nochet, isch iiras Stärbe scho lang i iira ufgnos“ (hier musste ich kurz innehalten und überlegen, was denn mit „iiras Stärbe“ gemeint ist – hätte auch ihr eigenes Sterben meinen können)
    „Vam Härdbode, vam offene Chöömi ù vam chaute Brünewasser dehiim ina nüi Zytt iichi.“
    Meiner Meinung nach ein Wurf. Grosses Kompliment.

    Und natürlich der Schluss „Auz ischa haut andersch gsi ù auz ischa o andersch cho.“

    Natürlich könnte auch das Senslerdeutsch eine Rolle spielen – Berührung setzt Nähe voraus. Die ungewohnte sprachliche Nähe trifft vom ersten Wort an. Und berührt.

    Hier kann ich meinen Standardspruch mal Senslerdeutsch posten:

    Seer gäär glääse hùi.

    A lieba Gruess

    Andvari

  6. #6
    Registriert seit
    Jan 2003
    Ort
    Schweiz
    Beiträge
    2.865
    @question:
    Danke. Ich würde den Text eher als Liebeserklärung an die Grossmutter sehen, die Mutter tritt nur im ersten Satz des Geschehens auf.
    Übrigens: In Hochdeutsch klingt und wirkt der Text für mich sehr viel kälter und natürlich profaner.

    @Andvari:
    Mit der Inspiration liegst du goldrichtig. Seine Texte gefielen mir sehr und berührten mich heimatlich.
    Ich sprach sogar noch mit meiner Grossmutter über Boschungs Isidor (ja, mein Text ist autobiografisch ) und wie es der Zufall will: Der beschriebene Knecht in meinem Text (Schüü) bot die (teils biografische) Vorlage für Boschungs Isidor...
    Merci. Schön, dass es dir gefällt.

    Liebe Grüsse an euch beide,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  7. #7
    Registriert seit
    Apr 2005
    Beiträge
    1
    Mir gfauts o sehr guet, die seislerischi Version viu besser aus die hochdütschi. I finde prinzipieu, dasme Mundart Texschte i Mundart söu la, das macht se so schpezieu, wie i däm Fau o. ;o)

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Haut..
    Von LiebHabEngel im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 17.11.2006, 18:39
  2. Aus der Haut
    Von Kerlchen40 im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 02.09.2006, 09:50
  3. Haut-nah
    Von heimlicheFeder im Forum Erotik
    Antworten: 22
    Letzter Beitrag: 11.08.2006, 20:21
  4. Haut an Haut
    Von Chrissi86 im Forum Erotik
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 01.05.2006, 14:57
  5. Haut an Haut
    Von Michael_Lüttke im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 10.02.2006, 15:12

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden