1. #1
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    Ich habe noch eine einzige von ihnen. Eine einzige. Und doch. Wenn ich sie berühre, die kleine Kerbe in der sonst makellosen Oberfläche. Wenn ich die grüne Spirale im gläsernen Innern sehe. Dann erinnere ich mich an das beständige Klacken des Glasmurmelspiels.

    Reminiszenz an zwei durch 18 Jahre Erfahrung getrennte Tage

    H. sitzt nur ein paar Meter entfernt von mir auf einer Bank. Mir entfährt ein leises Kichern. Ich habe mich noch nicht so recht gewöhnt an seinen Aufzug. Keiner der Großen trägt Rüstung und Schwert. Nur H. Und er ist auch einfach nur so da und beobachtet.
    Ich unterdrücke das verräterische Glucksen und wende mich wieder meinen Spielkameraden zu.
    Jade ist dran. Oh strahlend schöne reine Jade! Sie ist Milch und Honig. Zerbrechlich bis in die Spitzen ihrer zartgewachsenen Finger. Nur ihre Augen trüben diese Vollkommenheit unwesentlich. Da, wo man Glanz erwarten würde, liegt eine Vorahnung von Traurigkeit und Schmerz.
    Sie hat sich vom ersten Moment an meine Fersen geheftet. Und ich trage bereitwillig ihre Sachen hinter ihr her. Springe, wenn sie in die Hände klatscht.
    Sie wirft mit einem Aufschrei des Triumphes ihre Murmel. Klack, Klack, Klack. Trifft eine meiner Kugeln, zwei von Ira. Klack, Klack, Klack. Und schon ist sie in Führung.
    Ich schiele unauffällig zu den Murmeln, die nicht im Spiel sind. Im Spiel sind rote, blaue, gelbe. Keiner wollte mit den grünen Kugeln spielen. Während ich mir noch Gedanken darüber mache, warum nie jemand mit den grünen spielen will, stubst mich Ira ungeduldig an. “Komm schon, Du bist dran!”
    Ich greife nach einer gelben Murmel und blicke auf das Spielfeld. Ein gelungener Wurf und ich könnte das Spiel für mich entscheiden.
    Ein leises Scheppern reißt mich aus meiner Konzentration. H. sitzt noch immer ruhig auf der Bank. Wacht über unser Spiel. Er nickt mir zu mit einem verschwörerischen Lächeln..
    Ich werfe sicher. Klack. Klack. Klack. Treffe keine von Jade, treffe keine von Ira. Ich habe drei meiner eigenen Kugeln aus dem Spiel gebracht. Ungläubig schaue ich auf den Spielstand. Nun bin ich raus. Kaum noch eine Möglichkeit zu gewinnen.
    Ich blicke wütend zu H. Er hat doch genickt! Er läßt mich auch immer beim Würfeln gewinnen. Warum nickt er, wenn er mir beim Murmeln nicht helfen kann? Er zuckt entschuldigend mit den Schultern und sein Gesichtsausdruck ist mir fremd.
    Enttäuscht lasse ich mich in den Sand zurückfallen. Jetzt kann ich nur noch das Geschehen beobachten und überlegen, wem ich den Sieg gönne.
    Ira grinst mich an. Er nimmt eine rote und schnippt sie mit Schwung. Insgeheim bewundere ich seine Kraft und die Leichtigkeit seiner Bewegungen. Die Selbstsicherheit. Klack. Klack. Klack. Trifft einer meiner Murmeln, zwei von Jade. Er geht knapp in Führung. Doch hat er seine Murmeln geschickt im Spiel platziert. Fast unmöglich ist es für Jade einer seiner aus dem Spiel zu bringen, ohne die eigenen zu gefährden.
    Zumindest wird es nun interessant. Ich beobachte die beiden Kontrahenten.
    H. ist aufgestanden. Er schärft sein Schwert.
    Jade hält sich nicht lange auf. Sie wirft. Klack. Klack.
    Grün! Sie hat die falsche Murmel gegriffen. Anstatt blau hat sie mit grün geworfen. Und Ira geschlagen.
    Sie lächelt siegreich und beginnt die Murmeln - den Preis - einzusammeln.
    H. greift nach seinem Schild.
    Ira packt Jades Hand: “Halt, wart mal! Du hast betrogen. Ich hab gewonnen!”
    Jade zuckt ängstlich zurück: “Ich habe nicht betrogen. Was meinst Du?”
    Ira deutet stumm auf die grüne Murmel. Sein Gesicht ist von Wut erfüllt. Sein Griff wird fester und Jade quietscht vor Schmerz.
    H. wendet sich ab.
    Ich lange nach der grünen Murmel und lasse sie schnell in meiner Hosentasche verschwinden. Ich spüre eine Kerbe und einen Moment frage ich mich, ob man mit solch einer eingekerbten Murmel besser spielen könne, ob Jade vielleicht wirklich betrogen hat.
    Ira hat es bemerkt. er läßt Jade los und schlägt mir ohne Vorwarnung ins Gesicht. ich spüre einen stechenden Schmerz und ein Knirschen. Dann schießt mir das Blut aus der Nase. Ich werfe meine Arme nach vorn, versuche seine Schläge abzuwehren.
    Ich liege am Boden und spüre seine Tritte gegen meine Beine, meinen Rücken. Kaum noch bekomme ich Luft, aber ich kann Jade weinen hören. Sie ist starr vor Angst. Immer wieder versuche ich mich aufzurichten, immer wieder werde ich niedergeschlagen.
    Dann höre ich H. Zuerst verstehe ich seine Worte nicht, dann begreife ich nicht ihren Sinn. Ich entspanne mich. Ira hört auf zu treten. Kein Widerstand mehr. Er stutzt.
    Zusammengekrümmt sage ich leise: “Es ist spät, Ira. Geh besser nach Hause. Heute nacht wird es kalt im Keller.”
    Er hat angst! Langsam stehe ich auf. Sein Gesicht ist bleich. Er zittert. Er schüttelt den Kopf und rennt weg. Verwirrt blicke ich ihm nach.
    Auch Jade zittert am ganzen Leib. mechanisch sammelt sie die Murmeln ein. Dann blickt sie mich traurig an: “Danke, daß Du mir geholfen hast!”
    Ich will etwas erwidern, doch sie spricht weiter: “Aber das hättest Du nicht sagen dürfen. Seine Eltern sperren ihn manchmal nachts in den Keller, weißt Du!? Das war gemein von Dir.”
    Dann geht auch sie.
    Erst jetzt kommen mir die Tränen. Ich weine vor Schmerz und Wut und Trauer. H. reicht mir ein Taschentuch, verbindet meine Wunden, streicht mir sanft über den Kopf.
    Er nimmt meine Hand und führt mich weg vom Spielplatz. Ich blicke auf zu ihm, kann die Schwielen an seinen Händen spüren.
    “Das war nicht nett.”
    “Was meinst Du?”
    “Ira ist viel stärker als ich. Das war nicht fair. Du hättest mir helfen können.”
    “Ich beschütze Dich nur, wenn es zu gefährlich wird.”
    “Das hier wird noch mal passieren, nicht wahr?”
    “Sehr viel öfter als Du denkst, mein Kind.”
    “Und wird es irgendwann anders?”
    “Du wirst lernen. Es wird Dir wahrscheinlich irgendwann gefallen. Aber es wird auch gefährlicher. Und blutiger.”
    “Und bekomme ich dann auch so ein Schwert?”
    “Nein.”

  2. #2
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    Tachjen nüshen.

    Eine Geschichte vom Erwachen des Gewissens im Kontrast zu kindlicher Grausamkeit und kindischem Gezänke. Kurze und prägnante Sätze vermitteln für mich deutlich die Mischung aus erwachsener Reflektion und der immer noch gebliebenen Hilf- und Verständnislosigkeit.
    Am Ende stört mich nur die Dialoglastigkeit, die die "achtzehn Jahre Erfahrung" zu Gunsten des Situationsberichtes verdrängen. Dadurch wird dem Ganzen das "Nachdenklichkeitsgefühl" genommen.

    Es wird blutiger, ja, aber wir aollten mit der Zeit auch weiser werden, nicht auf jeden Schwertträger zu hören. Wegen Glaskugeln streiten wir Menschen uns und wegen Ölfeldern; eine lästige Angewohnheit.

    Eine geflügelte Umarmung für Dich,
    Long
    Mein Tiger!

    Stolzer Beiwohner einer kollektiven Halluzinationen: Denn ich bin Hopfen-Gandalf

  3. #3
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    Hallo Long!

    Ich habe Deinen Kommentar trotz oder gerade wegen des kleinen Seitenhiebes am Ende mit Freuden aufgenommen.
    Ich persönlich sehe diese immernoch als eine meiner schlechtesten KGs. Daß sie dennoch etwas übermitteln konnte, beruhigt mich wenigstens ein klein wenig. Die Dialoglastigkeit mag sicherlich aus dem verbohrt-erwachsenen Sichtwinkel herrühren, vielleicht aber auch an meiner Unfähigkeit an dieser Stelle Inhalt ansprechender umzusetzen.
    So verbleibe ich mit einer der üblichen Verdrehung der Augen...

    alles liebe
    nüshen

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