Ein halbes Jahr lang hatten wir uns nicht gesehen und jetzt saßen wir an diesem wunderschönen See in unseren kleinen Stühlen mit unserer Angel in der Hand. Mein Vater und ich wollten nach dieser langen Zeit, die er im Ausland gearbeitet hatte, endlich mal wieder etwas zusammen unternehmen. Wir entschieden uns angeln zu gehen, da wir das früher, als ich noch klein war, ab und zu gemacht hatten. Also badeten wir in der Wärme der heißen Sonnen und die Fische badeten vor uns im See und warteten nur darauf etwas zu essen von uns zu bekommen.
"Denkst du, dass wir etwas fangen werden?", fragte mich mein Vater.
"Ich weiß es nicht."
"Die Fische haben bestimmt Hunger.", sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
"Ich weiß nicht.", antwortete ich und mein Lächeln verschwand.
"Wir müssen etwas fangen, auch wenn wir dafür bis spät in die Nacht hier sitzen."
Eigentlich hätten wir uns soviel zu sagen haben müssen, aber irgendwie passte etwas nicht. Früher haben wir oft etwas unternommen, aber je älter ich wurde, desto weniger machten wir etwas zusammen. In der Pubertät kam ich von Freunden in Einsamkeit und von der Einsamkeit kam ich wieder zu Freunden. Mit den Freunden war das aber auch so eine Sache. Man wurde immer fremder und fremder - vielleicht, weil ich auf diese kleinen Intrigen keine Lust mehr hatte. Seit er weggefahren war, war ich nur noch Einsam, aber ich gewöhnte mich schnell daran und empfand es nur als Kleinigkeit. Außerdem fand ich Gefallen daran. Jetzt war er wieder da.
Ich schaute mich um und bemerkte, wie sehr ich die Natur gern hatte. Ab und zu sprang ein kleiner Fisch aus dem Wasser und tauchte dann rausch wieder ein. Vögelschwärme flogen über Köpfen hinweg und ich fragte mich, wo sie wohl hinwollten.
"Wie läuft es bei dir mit der Schule?", riss mich aus meinen Träumereien.
"Achja, alles bestens. Die Schule ist nicht schwer und es gibt nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste."
"Das ist gut. Ich bin stolz auf dich, dass du das alles so gut hinbekommst."
Wir wurden Beide wieder leise und starrten auf den See und auf unsere Posen. Bei denen geschah auch nichts.
Ich weiß noch, wie ich mich gefreut hatte, als ich meinen Angelschein gemacht habe. Ich war noch klein - vielleicht 10 oder 11 Jahre alt. Den Gedanken, dass ich an jedem Wochende mit meinem Vater angeln gehen würde und dass wir Beide die größten Fischen aus den schönsten Seen rausholen würden, fand ich damals unheimlich toll. Dazu ist es leider nie gekommen.
Ich blickte in die Ferne und machte mir Überlegungen, was wir hier überhaupt taten. Wir waren uns auch fremd geworden. Aber nicht wegen dem halben Jahr - das Fremdwerden hatte schon viel früher begonnen. Und ich fühlte mich so, alsob ich nur noch alleine etwas sein konnte. "Mein Vater und ich" oder "Ich und mein Vater" passte einfach nicht mehr. Vielleicht hatte ich mich zu sehr an die Einsamkeit gewöhnt.
"Ich hab einen dran.", sagte ich, aber nicht glücklich, sondern eher gezwungen, da er mich sonst mich sonst darauf aufmerksam gemacht hätte und das wollte ich nicht.
Ich zog ihn an Land. Er hatte keinen Fisch, ich aber schon. Seitdem Tag lebte ich mein Leben und er seins. Überschneidungen wurden selten, bis sie irgendwann völlig aufhörten.