1. #1
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    Virtuelles Gesicht

    Eine sureale Emotion
    ziemt sich in der virtuellen Welt

    Bezirzt, betatscht, geküsst, geliebt
    und im Halb-Stundentakt betrogen
    neben an im Nachrichtenfenster

    Du gibst dich anders anonym

    stage 1:
    zwanzig Prozent Persönlichkeit,
    gekreuzt und verpackt im Horoskop,
    Fragen sind bessere Antworten

    stage 2:
    scharfkantig zerbricht Distanz
    im Telefonhörer suchst du dein Konzept,
    auch eine Fülle von Silben verstummt

    stage 3:
    vorläufiger Thron deines Podests
    seinen Blick neben dir zu sehen
    grenzt an dein wahres Schicksal

    Nur wer überzeugt, spielt mit -
    kein Anschluss mehr verfügbar
    in deine vermeintliche Welt

    Einsicht kommt spät auf:
    In Anbetracht deines Haifischbeckens
    zittert jede visuell vernetzte Hand

    Wir sind erst in stage 1 verblieben,
    dein trockenes "Gute Nacht" kriecht
    über deine Finger zu mir - bleibt unberührt

    Noch wartest du allein in stage 3,
    du zählst noch nicht -
    in meiner bescheiden realen Welt

    In ihr hätte ich dich gern gekannt


    (24.06.05)
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  2. #2
    apple Guest
    Hallo Olaja ,
    wie in Gezeiten I. angekündigt, hier die Aufarbeitung der während meines Exils liebgewonnenen Zeilen.

    Ich versuche einmal, zwischen die Zeilen zu rutschen und ich hoffe, ich darf und es gelingt mir überhaupt, dorthin zu finden:


    Eine sur(r)eale Emotion
    ziemt sich in der virtuellen Welt


    Die beschriebenene Emotion ist nicht real, sie ist der Realität entlehnt, Traum von Realität und Realität verschmelzen zu einer Blaupause tatsächlicher Gefühlsregungen - jenseits der Wirklichkeit, virtuell

    Interessant ist hier das Wort "ziemen". Aus sprachgeschichtlichen Hintergründen (mittelhochdeutsch "zemen", es gehört sich, und auch auch der Ausdruck "gezemen", etwas gewohnt sein - aber wem erzähl' ich das) kann man sowohl annehmen, daß diese Art der Gefühlsbekundung in der beschrieben Zwischenwelt eingebürgert ist, zur (N)Etikette gehört und auch daß man diese emotionalen Ausbrüche gleichsam gewöhnt ist, ihnen die Besonderheit fehlt.

    Dieser Gedanke wird - wie ich finde - in der zweiten Strophe abermals angeschnitten.

    Diese zwei Zeilen scheinen als Prolog zu dienen, der die folgende Szenerie einläutet.


    Bezirzt, betatscht, geküsst, geliebt
    und im Halb-Stundentakt betrogen
    neben an im Nachrichtenfenster


    Mit surrealen Fein- und Stumpfsinn(lich)keiten wird wahrlos um sich geschmissen. Emotionen werden in alle Richtungen verteilt, schier unachtsam und losgelöst von ihrer eigentlichen Tragweite, die sie real haben würden oder könnten ("im Halb-Stundentakt betrogen, nebenan im Nachrichtenfenster"). Man küsst, man liebt und flirtet mit Lichtgeschwindigkeit und eben mit diesem Tempo sowie eben mit der Geballtheit der unachtsam verteilten Gefühlspuzzlestücke verlieren Emotionen ihr eigentliches Gesicht, obschon ihnen virtuell ein solches verliehen wird. Jedoch sind diese Skizzen pauschal und somit in gewisser Art und Weise dennoch identitätslos, anonym. Maskiert mit Katalog-Emotionen und Pseudonymen ist man im wahrsten Sinne des Wortes dennoch anonym, ανωνυμία - namenlos


    Du gibst dich anders anonym

    Aber dieser Art von Anonymität entsagt das lyr. Du - es hebt sich scheinens durch eine andere Facette der Identitätslosigkeit aus der Masse hervor, was ihm die Aufmerksamkeit des lyr. Ichs einbringt.

    Diese Zeile steht obendrein allein und unterstreicht somit das Ausfallen des lyr. Du's aus der virtuellen Masse.


    stage 1:
    zwanzig Prozent Persönlichkeit,
    gekreuzt und verpackt im Horoskop,
    Fragen sind bessere Antworten


    Die nun aufgezeigten Stadien scheinen nun lyr. Du und lyr. Ich aus der Zwischenwelt herauszuheben, stufenweise. Hier ist die Annäherung noch nicht weit gediehen ("20 Prozent Persönlichkeit") - letztlich hat das übermittelte, geringe Maß an Persönlichkeit immer noch einen pauschalen Charakter inne - gleich einem Horoskop, das auf jeden übertragbar ist oder einem multiple choice-Test, der keine klaren Antworten verlangt, sondern vorformuliertes Wissen pauschal abfragt und zum Ausschluß oder zur Auswahl anbietet. Wohl daruf zielt hier die letzte Zeile ab, könnte aber ebenso darauf gemünzt sein, daß man sich in gegenseitigen Fragen ergibt. Aldann wären entweder die Fragen von einer Natur, die Antworten gleichkommt: Das was gefragt wird, verrät Ansatzweises über das Gegenüber. Oder anstatt Antworten auf gestellte Fragen preiszugeben, bedient man sich der Gegenfrage.


    stage 2:
    scharfkantig zerbricht Distanz
    im Telefonhörer suchst du dein Konzept,
    auch eine Fülle von Silben verstummt


    Die nächste Stufe ist erklommen - die Distanz zerbricht, jedoch "scharfkantig", was eine gewisse Gefahr in sich birgt: Entweder die Gefahr, durch eingebüßte Distanz Objektivität zu verlieren oder "scharfkantig" im Sinne eines Vorboten für eventuelle Konsquenzen dieses Verlustes.


    stage 3:
    vorläufiger Thron deines Podests
    seinen Blick neben dir zu sehen
    grenzt an dein wahres Schicksal


    Die endgültige Bühne scheint eingenommen, doch ist auch dieses Stadium lediglich fähig, an die Wahrheit zu grenzen, aber nicht, tatsächlich in sie überzugehen. Die Vorstellung des lyr. Ich's, den Blick den lyr. Du's wahrhaftig neben sich zu sehen, ist Sehnsucht aber mitnichten Realität.
    Auch ist schon an dieser Stelle wohl absehbar, daß das lyr. Ich diese Stufe nicht eingenommen hat ("seinen Blick", "dein wahres Schicksal"). Es mag sie vielleicht kurzfristig betreten haben, ist jedoch dann zurückgewichen, da die erste Zeile dem lyr. Du noch ein "deines" zukommen läßt. Aber die Distanz wird ab Zeile 2 wieder eingeflochten, wenn das lyr. Ich das Du (deinen) ablegt und zum Er (seinen) werden läßt. Es macht den Anschein, als würde es die Situation aus der Ferne betrachten, sich selbst als Abbild sehen und dementsprechend mit "dein" betiteln.


    Nur wer überzeugt, spielt mit -
    kein Anschluss mehr verfügbar
    in deine vermeintliche Welt


    Lediglich wer zu überzeugen imstande ist, sich in die Zwischenwelt einbringt, als das, was er auch tatsächlich ist, schafft es, den Anschluss in die Wirklichkeit zu erlangen. In diesem Falle versagt die Verbindung, dokumentiert in Telekommunikationsvokabular ("kein Anschluß mehr verfügbar"). Die Welt des Gegenüber ist "vermeintlich" und folglich nur angenommen, Wissen über seine Welt ist nachwievor ausgespart.


    Einsicht kommt spät auf:
    In Anbetracht deines Haifischbeckens
    zittert jede visuell vernetzte Hand


    Hier könnte man den Bezug zu "scharfkantig" aus "stage 2" setzen. Die Gefahr des Erkennens negativer Züge ist in Erkenntnis verwandelt - der virtuelle Gefühlspool weicht und gibt ein wirkliches Haifischbecken preis. Die Vernetzung, die Verbindung, die man glaube, visuell erlangt zu haben, erzittert ob dieser Feststellung.


    Wir sind erst in stage 1 verblieben,
    dein trockenes "Gute Nacht" kriecht
    über deine Finger zu mir - bleibt unberührt


    Das "wir" hat die Stufen 2 und 3 nicht betreten, es ist in "stage 1" verblieben, lediglich das lyr. Ich und das lyr. Du haben sich fortbewegt. Doch wie schon die Strophe zuvor zeigt, hat sich die Betrachtung des lyr. Du's von seiten des lyr. Ichs verkehrt. "Kriecht" ist negativ behaftet und läßt eine nunmehr "existente" Abneigung erkennen - jedoch bezieht sich die Abneigung wohl auf die trockene Natur der entgegengebrachten Worte. Sie sind leer, ohne jeglichen Lebensaft, schlichtweg trocken.


    Noch wartest du allein in stage 3,
    du zählst noch nicht -
    in meiner bescheiden realen Welt

    In ihr hätte ich dich gern gekannt


    Das lyr. Du ist allein zur 3. Stufe geschritten und wartet dort. Doch das lyr. Ich urteilt aus seiner "bescheiden realen Welt" heraus, aus einer Perspektive tatsächlicher Emotionen und Begebenheiten, in der die virtuell gereichten Hände einander nicht zu halten vermögen. Nicht so. Gerne hätte es sein Gegenüber wirklich gekannt, aber aufgrund der beschriebenen Hintergründe war das nicht möglich und es verbleibt der Wunsch nach Realität.

    Diese letzte Aussage steht wieder allein, was die Stellung des lyr. Ich's nunmehr aufzeigen könnte.

    Löst man sich dann nochmal vom Text und betrachtet die Form, so steht lyr. Du und auch lyr. Ich alleine (jeweils eine Zeile), zwischen Ihnen die virtuelle Begebenheit und angerissene Realität, strophen- und stufenweise sind sie von eineinander getrennt durch das, was sie einst zu verbinden schien.

    Und mal wieder: sehr gerne gelesen, Eure Schuldigkeit.
    Ich bin mehr als angetan


    Liebe Grüße
    apple
    [Geändert durch apple am 03-08-2005 um 14:18]

  3. #3
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    Die grosse olaja
    Da muss ich doch glatt mal schauen
    Also das Gute zuerst:
    Ich hab erst halbwegs gepeilt worum es geht als ich apples Kritik gelesen hab vorher fand ich es nur von der Sprache her schön.
    Mich stört als einziges das Wort Stage, mag halt keine Anglizismen in deutschen Gedichten. Die einzelnen Bühnen hätte man sicher auch anders wiedergeben können
    Ansonsten war es eigentlich wie ich es erwartet habe: Lesenswert und ein Gedicht, was einen zum Nachdenken, Deuten und Sinnieren einlädt.
    Ich war mal freundlich
    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  4. #4
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    Die beschriebenene Emotion ist nicht real, sie ist der Realität entlehnt, Traum von Realität und Realität verschmelzen zu einer Blaupause tatsächlicher Gefühlsregungen - jenseits der Wirklichkeit, virtuell
    Reale Emotion? Pleonasmus. Vice versa. Keine virtuellen Emotionen. Die gibt es nicht. Nur reale

    Die nun aufgezeigten Stadien
    Stages war schon richtig

    Auch ist schon an dieser Stelle wohl absehbar, daß das lyr. Ich diese Stufe nicht eingenommen hat ("seinen Blick", "dein wahres Schicksal").
    Deswegen sind sie doch sequentiell. Bedingt 'Stufe 2' erst erklommen zu haben

    der virtuelle Gefühlspool weicht und gibt ein wirkliches Haifischbecken preis
    Du wärst erstaunt wie sich die Erkenntnis von positiven Zügen sich mit einem (realen) Haifischbecken vereinbaren lässt

    Ich bin mehr als angetan
    Ich auch!

    [Geändert durch EteRnaL¿KniGhT am 09-08-2005 um 19:18]

  5. #5
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    Salut ihr drei.

    @apple:
    Vielen Dank für deine ausführliche Stellungnahme, Zurechnungsfähige.

    Im Grunde triffst du mit deiner Interpretation sogar meine Intension, was natürlich nicht unbedingt das Ziel ist, aber doch ein netter Beigeschmack. Deine Worte sind grösstenteils schlüssig, wenn auch an manchen Stellen unsicher?
    Momentan weiss ich gar nicht mehr zu sagen, zudem war auch ich nun einige Zeit im Exil und muss mich erst noch in das Gesagte vertiefen.

    Zu einem späteren Zeitpunkt folgt mehr, wenn du (dich gedulden) magst?

    @Demon:
    Eher klein und dennoch frage ich mich, was unklar war? Freundlich sein steht dir gut, aber bei mir darfst du auch unfreundlich sein, wenn es nötig ist.

    @Ritter der Ewigkeit:
    Dir muss wohl nichts erklären, aber du mir: Du hier?
    Nun fragt sich noch, ob du tatsächlich angetan vom Inhalt bist oder ob da noch mehr dahinter steckt?

    Ich warte übrigens schon gespannt auf dein Gedicht - und natürlich dann auf das CH - Dichtertreffen! Aber mir liegt ein anderes Gefühl im Magen. Eines, das sich bald entfalten möchte...


    Liebe Grüsse an euch drei und danke,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  6. #6
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    Salut Nina.

    Danke. Schlicht, aber dafür umso ehrlicher. Welche Namen sich wann fügen weiss ich allerdings nicht. (Einmal mehr, wenn du Zeit hast, ICQ?)

    In fernen Welten schwelgend,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

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