Thema: I - Zyklus

  1. #1
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    I - Zyklus

    An stillen Wassern trachten Stunden,
    sie weiten meine fahle Sicht
    Das schwere Blut übt mir Verzicht,
    noch bist du nicht an mich gebunden

    Oh, könnte ich dich doch erkunden,
    dir harren, auch im Tageslicht
    Ein jeder Blick zu dir besticht,
    versüsst mir bitter meine Wunden

    Ich flehe, um dich zu erringen,
    beginne Verse dir zu dichten
    und kann dir einzig Scham erbringen

    Gelüste sollte ich vernichten,
    dein Wart zu sein wird nicht gelingen,
    mit einer andren muss ich richten

    (26.06.05)

    II - Zyklus
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  2. #2
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    hoi olaja
    dem titel fühle ich mich mal nicht verpflichtet. der text gefällt mir, wie gewohnt...
    d.h. nicht ganzwie gewohnt. denn einmal in ruhe gelesen, verstehe ich dein gedicht auf anhieb!!! (das wolltest du doch hoffentlich?
    zwei feinheiten, die mir gerade so einfallen, aber eigentlich nur übertriebene spitzfindigkeiten sind: ins2 sprichst du von "tageslicht". daraus entnehme ich rückwirkend, dass mit "stillen wassern" und "fahle sicht" eine nächtliche stimmng gemeint war, die ich so nicht gerade erkannt habe. ich verstand es eher als deine gemütslage, was ja aber in romantischer technik (natur-stimmung) dasselbe wäre. mit zb. "dunklen" wassern wäre das für mich inhaltlich klarer gewesen. egal.
    "dein wart" klingt sehr schön, aber fast nach dem herrn von der vogelweide, sprich ungewohnt altertümlich. wäre es aber nicht "die warte" (festung, turm..., was du ja gemeint hast)?
    jedenfalls möchte ich nochmals betonen, dass ich an deinem gedicht nichts auszusetzen habe.
    a schöna tag.
    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  3. #3
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    lass mich dein hausmeister sein...
    auch ganz gut. ich nehme das "was du ja gemeint hast" von vorigem kommentar zurück, da es tatsächlich auch noch anders zu verstehen wäre.
    wir harren deiner erklärung, olaja!
    .
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  4. #4
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    Hallo olaja,

    Formal einwandfreies, fünffüssiges Sonett – wunderbar gemacht.
    Auch wenn dein kreativer Umgang mit der Sprache bei einer freieren Form wohl eher noch wirkungsvoller zum tragen kommt, finde ich es vollauf gelungen.

    Auf leporello bin ich fast ein wenig neidisch. Ich kann nicht behaupten, alles „begriffen“ zu haben... (ok, ok ein Gedicht kann man nicht begreifen - ich weiss).
    Bei der Geschichte mit dem Tageslicht stelle ich mir vor, dass es auf die Träume abzielt -> wäre doch das „erkunden“ und „harren“ nicht nur in den Träumen, sondern auch im „Tageslicht“ möglich...

    Ein Problem habe ich mit: „noch bist du nicht an mich gebunden“ (aha, es wird dann schon noch ) und dann in S4 „dein Wart zu sein wird nicht gelingen“... ich sehe nicht ganz woher der Wechsel kommt (vielleicht auf Grund des letzten Verses „mit einer andren muss ich richten“?).

    Zu mäkeln finde ich nichts (dies werde ich bei Gelegenheit eher bei Zyklus IV tun ).
    Hat mir sehr gut gefallen – gern gelesen.

    Gruss Andvari

  5. #5
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    Salut ihr drei.

    @lepi:
    Der Titel ist auch nicht weiter wichtig: Er sagt bloss aus, dass dieses Werk das erste in meinem Zyklus ist. Dieser wird eventuell noch präziser benannt, wenn mir was Treffendes einfällt.
    Ich freue mich natürlich von dir verstanden zu werden. Das Sonett verleitet zu Strenge, auch in Bezug des Inhalts, damit meine ich einer gewisse Klarheit.
    Mit "Tageslicht" brachte ich persönlich Offenheit in Verbindung (wie Andvari auch anmerkte): Dass lyr. Ich wünscht sich sehnlichst dem lyr. Du seine Liebe zu gestehen.
    Und auch "stille Wasser" und "fahle Sicht" bringe ich nicht zwingend mit Dämmerung und Abend in Verbindung. "Fahle Sicht" verstehe ich eher auch im übertragenen Sinn.
    "Wart" ist tatsächlich ein wenig veraltet und ich bezog ihn nicht unbedingt auf einen Hauswart. Wart im Sinne von Aufseher, Wächter oder positiver ausgedrückt: Beschützer.

    @Sonnenträumerin:
    Mit Verwahrer triffst du meine Intension (siehe oben). Im Prinzip sind es sechs Gedichte in einem Zyklus (du liegst richtig in Mehrzahl sind es Zyklen ). Vielleicht ist dies zu undeutlich gekennzeichnet.

    @Andvari:
    Bei der Sonettform gibt es auch inhaltliche Strukturierungen, an die man sich halten kann. Eine mögliche: Eine These in den Quartetten und eine Antithese in den Terzetten. Ich habe keine wirklichen Thesen aufgestellt, mich aber an diese Form angelehnt. In den ersten beiden Strophen Sehnsucht und Liebesträume des lyr. Ichs, in den letzten beiden Ernüchterung und Einsicht. Das lyr. Ich glaubt, nie das lyr. Du besitzen zu können.
    P.S: In IV gibt es wahrlich einiges, wenn nicht alles zu bemängeln. Trotzdem hat auch dieses Werk nebst einem Sonett - im Zyklus - seine Daseinsberechtigung.


    Vielen Dank für eure Resonanz.

    Liebe Grüsse,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  6. #6
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    Im Großen und Ganzen kann ich mich eigentlich nur anschließen. Dein Sonett gefällt auch mir sehr gut und war erfrischend zu lesen. Deine Ausdrucksweise ist durchaus sehr ansprechend, ich beneide dich um solche Einfälle ^^

    lg, Janny
    War for peace
    is like
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  7. #7
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    Danke, Janny.

    Du solltest mich nicht beneiden, sondern schreiben. Inspiration und somit auch gute Einfälle was die Metaphorik betriff kann man sich von überall her holen: Bücher, Gedichte, Natureindrücke, Alltag etc.

    Wer wachsam und geduldig sucht, der findet.

    Liebe Grüsse,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

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