1. #1
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    Hi @all!
    Ich muss vier Rilke Gedichte nach der Form beurteilen. Ich hab hier meine Lösungsvorschläge und wäre dankbar, wenn Ihr die beurteilen könntet!


    Der Panther
    http://www.onlinekunst.de/rilke/Der_Panther.htm
    Reimform:
    3x Kreuzreim
    Versfuss:
    fünfhebiger Jambus
    Reimtyp:
    ungerade Zeilen: weiblicher Reim, reiner Reim
    gerade Zeilen: männlicher Reim, reiner Reim


    Ich bin so jung
    http://www.onlinekunst.de/rilke/01_ich_bin_so_jung.html
    Reimform:
    unbestimmt (abaab)
    Versfuss:
    fünfhebiger Jambus + unbetonte Schlusssilbe
    Reimtyp:
    weiblicher Reim, reiner Reim


    Gestern hab ich im Traum gesehn
    http://www.onlinekunst.de/rilke/weissemaria.html
    Reimform:
    Paarreim dann Kreuzreim
    Versfuss:
    vierhebiger Jambus
    Reimtyp:
    männlicher Reim, reiner Reim


    Dein Garten wollt ich sein zuerst
    http://www.onlinekunst.de/rilke/02_dein_garten.html
    Reimform:
    unbestimmt 1. Strophe dann Paarreim
    Versfuss:
    vierhebiger Jambus
    Reimtyp:
    weiblicher Reim, reiner Reim


    Vielen Dank für eure Hilfe!
    mfg hennes

  2. #2
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    Hallo hennes,

    Vorsicht beim Panther! Deine Analyse trifft ins Schwarze, bis auf S3V4. Selbiger Vers zählt nur 4 Hebungen. Und an der Stelle wird die formelle Analyse überhaupt erst spannend, da der Text dort seine eigene Regel (5 Hebigkeit) bricht. Dieser Bruch durch einen kürzeren Vers korrespondiert mit dem Inhalt, in dem es da heißt: Aufhören zu sein!
    Zum reinen Reim würde ich noch erwähnen, daß es sich um einen Endreim handelt, d.h. die Gleichklangsparallele tritt am Versende auf.

    In "Ich bin so jung" sitzt die Falle woanders. S1V4 ist kein durchgehender fünfhebiger Iambus. Das Schema ist folgendermaßen: xXxxXxxXxXx. Es kommt nur zu vier Hebungen, dafür aber anfangs zur Dreizeitigkeit. Dieser Bruch ist hier schwer am Textinhalt Dingfest zu machen.
    Für das Reimschema kennst du keinen Namen, aber es ist gewiss nicht unbestimmt. Ich würde es als Variante eines Schweifreims bezeichnen. Ein "richtiger" Schweifreim funktioniert nach dem Schema aabccb. Wir haben nur 5 Verse und das umarmte Reimpaar wird durch einen einzelnen Vers vorweggenommen.

    Wo du bei "Gestern hab ich im Traum gesehen" einen vierhebigen Iambus siehst, ist mir allerdings schleierhaft. Jeder Vers beginnt mit einer Hebung, also fällt Iambus schonmal aus. Die Silben alternieren auch nicht in ihrer Betonung, sondern ergeben ein Mischmetrum, welches in S1V1-4 und S2V1-3 diesem Schema folgt: XxXxxXxX. In S2 kommt Rilke mit dem zwischengeschobenen dreizeitigen Glied ins Straucheln. Hier müßten zwei Senkungen auf "allen" fallen, um dem Schema aus S1 zu entsprechen. Das Wörtchen wird aber nach der natürlichen Stammsilbenbetonung auf der ersten Silbe betont, was dann zur Folge hätte, daß zwei betonte Silben aufeinander träfen: XxXXxXxX. Man könnte auch generell iambisch lesen: xXxXxXxX. Dies würde zumindest der Betonung auf Satzebene entsprechen, bringt aber den Leser zum Stolpern. Er verpaßt es auch in den Folgeversen, das Metrum zu festigen. So ist ein eineindeutiges Metrum nicht zu etablieren, wenn man an den prägnanten Verspositionen einsilbige Wörter verwendet. Zum letzten Vers hin besteht ein Enjambement, d.h. der Vers wird über das Versende hinaus fortgeführt. Der Text ist generell eher schwach, hätte von mir weder Ohs noch Ahs erhalten.

    Im letzten Text ist wiederum das Reimschema nicht unbestimmt. Ich würde in S1 für eine Variante des umarmenden Reims plädieren, der in sich ein Reimtriplet/einen Haufreim birgt. Der einzig nicht iambische Vers ist S1V5, selbiger ist volltaktig (also trochäisch). Wiederum tritt die Abweichung hier an einem Zeilensprung (Enjambement) auf.

    Zu einer anständigen formellen Analyse gehört aber noch weit mehr als nur metrische Begutachtung. Und zur metrischen Begutachtung gehört weit mehr, als nur eine Betrachtung der Reimschemata und Betonungsrhythmen. Du solltest Strophen- und Verszahlen nicht unbeachtet lassen und vielleicht auch über inhaltlichen Aufbau sprechen, z.B. in der ersten Strophe erzählt ein Ich, in der zweiten ein Du oder in der ersten Strophe wird der Traum geschildert, in der zweiten das Erwachen usf. Syntaktischer Bau ist ebenfalls interessant, d.h. wie sind die grammatischen Satzstrzkturen, überwiegen Hauptsätze oder Nebensätze, gibt es Reihungen, oder eine bestimmte bevorzugte Wortart, etc. Allein die grafische Form ist für diese Zeit vielleicht noch nicht so interessant. Für die klangliche Betrachtung könnten beispielsweise auch Vokalketten oder Konsonantenhäufung interessant werden.
    __________
    ps.: Meint Beurteilung der Form, einfach zu sagen, wie die Form ist oder auch ihre ästhetische Wirkung zu erläutern, bzw. Thesen über das Warum der Form anzustellen?
    [Geändert durch levampyre am 28-06-2005 um 09:00]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

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