Und nachts ist das Bett so leer.
Wenn ich von der großen Terasse, auf der ich wieder alleine getrunken habe, in das großzügig geschnittene Schlafzimmer wanke und alles ablege nur nicht die Trauer, dann ist das Bett so leer. Keine behaarte Brust, die sich im ruhigen Takt der Nacht auf und ab bewegt und niemand, der das Laken unter Träumen zerknüllt.
Es ist viel zu einsam geworden in diesem riesigen Haus, das plötzlich mir gehört, mit dem Garten und dem weißen Eisenzaun, der gehört mir auch plötzlich. Und das Bett, das ist jetzt auch meines. Aber welchen Wert hat das schon, was will man mit einem Bett, wenn man es mit keinem teilen kann. Wenn man nur sein eigenes Versagen und sein Schuldgefühl einladen kann, im Bett zu schlafen, in diesem Bett bitte, es ist sonst so leer in dem Bett, und Versagen und Schuld nur leicht die Köpfchen schütteln und zur Tür gehen um woanders zu schlafen, man wolle nicht hier schlafen, zu viel sei passiert und nun, man tue soetwas eben nicht. Und dann Gute Nacht, wünschen sie und Bis morgen sagen sie und man hofft ja, dass sie morgen nicht mehr wiederkommen, weil morgen, da liegt neben mir wieder diese behaarte Brust mit den Armen und den Beinen und dem Gesicht dran, die liegt dann neben mir. Die Vorhänge wehen ein bisschen umher und das sieht hübsch aus, sieht nicht so hübsch aus wie die Brust im Takt, aber.
Die Fenster stehen immer offen, schon damals taten sie das, und wenn ich darueber nachdenke, dann habe ich diese Fenster noch niemals geschlossen gesehen und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das wohl ist, wenn diese Fenster zu sind. Ist es nicht seltsam, ueber was man nachdenkt, wenn man niemanden hat, mit dem man theoretisch reden koennte, es aber nie tut weil man sich nichts sagen muss unter all den Kuessen und Gefuehlen und geruechen?
Ach. Die Fenster, die Fenster in die Welt, die Fenster in ein Dorf, ein Dorf ohne Augen und Ohren, aber mit einem großen geschwätzigen Mund. Niemand hatte je etwas gesehen oder gehört, aber die Münder der Frauen an den Hauseingängen und in den Schrebergaerten, die wussten genau Bescheid. Zerissen hatten sich die Münder, jeden einzelnen Tag. Hatte man doch nie gesehen, wie ich das Haus durch den Hintereingang verließ weil vorne eine ganz andere Frau hinein kam, so wussten es die Münder doch, wussten ganz genau Bescheid. Wussten auch, dass hier in diesem alten, frisch renovierten und teuer erstandenen Haus Sünde geschehen war. Und sie fanden es verwerflich, die Muender schaemten sich fuer das, was ich tat.
Und ich fand es auch verwerflich, schaemte mich. Aber ich vergaß, dass ich es verwerflich fand und mich schaemte, wenn ich in das Gesicht sah, und diese Augen, die auch dazugehörten, ein bisschen glitzerten weil das Gesicht glücklich war. Ich fand es so verwerflich, dass ich der ganz anderen Frau das Gesicht einfach weggenommen hatte, aber was soll man denn tun. Ich habe das Gesicht so geliebt wie nichts anderes auf dieser Welt und bin mir sicher, die andere Frau hat es nie geliebt. Es war nunmal ein Gesicht und der Mann, der dahintersteckte, war auch nur ein Mann, so einer wie es sie Tausende gibt.
Ich habe Unrecht getan und so viel dafür bekommen; manche sagen mir, es wäre keine Sünde gewesen, sondern Liebe, das seien zwei verschiedene Dinge und ich solle glücklich sein. Ich hätte einen Mann geliebt und er hätte mich geliebt und dann hätte er diese Entscheidung getroffen und mir das alles geschenkt und seine Augen haben dabei geglitzert. Und dann hat er die ganz andere Frau auch angesehen und seine Augen haben nicht geglitzert, glaube ich, und ihr gesagt, alles hätte sein Ende und seines wäre nun da. Und Türen wurden geschlossen und die ganz andere Frau und ich waren in einer Sache vereint: wir hatten verloren. Sie den Kampf um das Haus und ihre Würde als Ehefrau und ich den Einzigen auf dieser Welt, der meine Schönheit sah und für einen kurzen Augenblick waren wir wie im Drama vereinte Schwestern. Und als ich die Zigarette ausdrückte und sie ihre, drückte ich das Papier in meiner Hand, das mich zur reichen Frau machte, fester und ging. Warf keinen Blick zurück und zog in ein Haus, in dem sie die Wandfarbe ausgesucht und den Gasherd kein einziges Mal benutzt hatte.
Es war ihr erbautes Reich, das so plötzlich meines geworden war, obwohl ich nie einen Ring am Finge oder gar Kinder von ihrem Mann unter meinem Herzen trug. Hatte mir diesen unschätzbaren Reichtum erschlichen, sagen viele, die andere Frau degradiert und ihr alles weggenommen. Aber ich frage mich immer, wenn ich auf der Terasse sitze, wer hier wem etwas weggenommen hat. Hat sie mir mein reines Gewissen genommen ,mit den Tränen in den Augen- habe ich ihr den Mann, den sie nie geliebt hat, genommen - hat Gott mir den Mann genommen, den ich immer geliebt habe - hat er uns beiden etwas genommen und auch beiden etwas geschenkt, eine Erkenntnis vielleicht, dass es für jedes Richtig auch ein Falsch gibt?
Und wennn ich darüber nachdenke, dann will ich sie stets anrufen, sie bitten, mir zu verzeihen, mir meine Gefühle zu verzeihen und manchmal muss ich schmunzeln, weil vielleicht will sie mich auch anrufen und mich bitten, ihr alles zu erklären und sie verstehen zu lassen. Vielleicht ist das alles so.
Sie hat das Dorf verlassen, einen Tag nach dem er uns verlassen hat; mit großem Gepäck und großem Stolz hat sie das Dorf hier hinter sich gelassen und ich war alleine in diesem Haus, wo jeder Schritt so laut in den Fluren hallt und ich jeden Tag darauf hoffe, nicht mehr nur den Hall meiner eigenen Schritte zu hören. Und nachts ist das Bett so leer.
[Geändert durch CherryBlossomGirl am 17-08-2005 um 03:22]