Ich befinde mich im Gefängnis. Nein, in Untersuchungshaft, Gefängnis klingt zu ernst, zu hoffnungslos. Ich soll jemanden umgebracht haben. Natürlich habe ich das auch, aber es wäre ja zu unbedacht von mir, diese Tatsache überall preis zu geben. Das bleibt unser Geheimnis. Wenn Sie, der das lesen, ein Polizist vom Frauengefängnis sind, ergibt sich natürlich ein mehr oder weniger großes Problem für mich.
Ich habe ihn getötet, gut! Dann gebe ich es demnächst auch öffentlich bekannt. Eine lebenslängliche Haftstrafe erhalte ich ohnehin. Irgendeiner dieser Paragraphen und der Personen, die ihr Leben damit verschwenden letztere auswendig zu lernen, sorgt bestimmt dafür.
Ich werde dann wahrscheinlich einen Hungerstreik beginnen. Oder mir die Pulsadern öffnen. Aber sind innere Blutungen nicht viel schöner? Ich werde die Reißzwecken herunterschlucken, die ich in meiner Handtasche mitgenommen habe.
Eigentlich brauche ich sie nicht. Aber meine Tasche beinhaltet immer Dinge, die ich dem ersten Anschein nach nicht brauche. Schließlich bin ich mir darüber im klaren, dass man unterwegs meist nur das benötigt, woran man vorher noch nicht gedacht hat. So lautet die Schicksalsregel. Vielleicht wird das Vorhaben mit den Reißzwecken doch zu schmerzhaft, Pulsschlagadern erscheinen mir in diesem Fall passender.
Wenn ich hier doch nur eine Badewanne hätte.....
Ich weiß noch genau, wie mein Freund aussah, als er es getan hatte. Er lag in einer bis zum Rand gefüllten Wanne, mit all seiner Kleidung, die Arme aufgeschnitten.
Ich habe noch das Bild vor Augen, als sich das purpurrote Blut langsam im Wasser verteilte, bis alles eine matte, rötliche Farbe annahm. Trotzdem behielt sein Anblick etwas ästhetisches. Ich habe ihn fotografiert. Später erzählte ich fragenden Personen, ich hätte nur ein letztes Abschiedsfoto benötigt, für den Fall dass es tödlich enden sollte.
In Wirklichkeit zog mich nur das rote Blut an. Wunderschön. Hypnotisierend.
Dann betrat das Kind den Raum. Es sah etwas blass aus um die Nase. Ich führte es ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Anschließend rief ich den Krankenwagen. Mein Freund hatte knapp überlebt – entgegen meiner Erwartungen.
Als er wieder die Wohnung betrat nach einem langen Krankenhausaufenthalt, umarmte er das Kind und mich und meinte er würde uns lieben. Ich erwiderte seine Umarmung. Ich liebte ihn ja auch, sagte ich monoton. Für einen kurzen Moment glaubte ich, er wäre erlöst worden, hätte ich den Notarzt damals nicht alarmiert. Das Kind strahlte. Seine blauen Augen leuchteten auf. Er küsste es auf die Stirn. Dann schickte ich es zum Spielen nach draußen. Natürlich hatte das Kind auch einen Namen. Doch wir nannten es nur das „Kind“. Es hörte darauf, erkannte es als seinen Vornamen an. Mit dem Ausdruck „Kind“ wollte ich meinem Freund anfangs nur klar machen, dass ich das Kind nicht wollte, es demnach also seines war.
Irgendwann hat sich der Begriff dann als Name bei uns eingebürgert. Ich war schließlich ganz unvorbereitet als ich es gebar. Er hatte nur einen kurzen Moment bei mir ausgenutzt, an dem ich all meinen aufgestauten, unterdrückten Gefühlen freie Bahn lies. In so einem Moment entstand das Kind.
Heute leidet es unter Asthma. Ich hatte mir während der Schwangerschaft das Rauchen angewöhnt. Mein Freund wollte mich deshalb verlassen, doch er traute sich nicht. Ich war und blieb diejenige, die das Geld nach Hause brachte.
So wie viele es von mir behaupteten, hielt man auch ihn für psychisch verstört – nur war er zudem noch außerstande einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden.
Fragte man mich, würde ich sagen unsere ganze Gesellschaft sei verstört.
Schließlich hat das, was sich Leben nennt, nicht den geringsten Sinn. Ein Beispiel: Ich habe meinen Vorgesetzten erdrosselt, so weit, so gut. Da ich aber im Gegensatz zu ihm weiterlebe, ist es nahezu sinnlos mich nun einzusperren. Was habe ich davon? Was hat er davon? Der Tod ist das schönste am Leben – er sollte mir dankbar sein. Wer den Tod möglichst bald geschenkt bekommt, hat Glück. Ist man tot, existiert man einfach nicht mehr. Nichts. Leere. Ewiger Schlaf. Das ist wenigstens etwas klares, eindeutiges.
Das Leben hingegen ist eine von den Menschen erbaute Fassade. Wenn ich die Polizistin vor meinem Zimmer jetzt mit unzähligen Reißzwecken ersteche, ist es dann noch immer so wichtig, dass sie Polizistin war?
Welche Rolle man auf der Erde übernimmt, ist nicht von Bedeutung. Durch Verkettung unglücklicher Umstände sind wir hier, und leben nicht so, wie wir es eigentlich sollten. Ich verfechte damit nicht die Intelligenz. Nachdenken ist wichtig. Was mich stört, sind die geregelten Abläufe im Gesellschaftsleben. Die Rollen.
Schon im Alter von 11 Jahren kam ich dieser Sätze wegen in eine psychiatrische Praxis. Frei nach dem Motto "Was nicht passt, wird passend gemacht".
Dort habe ich knapp 3 Jahre später meinen Freund kennen gelernt. Von allen Kindern in der Klinik zeichnete ich mich als besonders hartnäckig aus. Kein Psychiater in den Gruppentherapien, dem ich nicht um einiges voraus war.
Mein Freund war manisch-depressiv. So nannten sie es zumindest. Wenigstens verstand er mich, im Vergleich zu anderen Personen, relativ gut. Mich störte nur seine depressive Seite. Genauso ärgerte ihn meine abweisend kalte Art. Heute plante er mir die Sterne zu kaufen, morgen saß er mit einem Messer in der Hand zitternd auf seinem Bett und wollte sich töten.
Im Laufe der Therapie gab es seinerseits 10 Selbstmordversuche. Ich selbst war ihm kein gutes Vorbild: Ich zählte 20.
Für mich war das alles der reine Beweis, dass kein Gott die Erde geschaffen hat – eine indirekte Bestätigung der Evolutionstheorie.
Schließlich hätte eine höhere Macht keinen Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut. Mein Freund und ich waren reine Mutationen.
Ein beruhigender Gedanke. Zögernd nahm ich eine Hand voll Reißzwecken.
Ich überlegte, dann warf ich sie meinem Mithäftling in die Schuhe.
[Geändert durch Shantala am 13-07-2005 um 12:59]