1. #1
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    Universal Soldier

    Ein älterer Herr, an sich nicht arm an Weisheit, fuhr einst, Geschäftsreisen wegen, durch ein kleines Dorf am Fuße eines großen Berges. Sein Wagen zog eine Staubwolke hinter sich her, und die Sonne glitzerte im aufgewirbelten Sand. Als er ein Stückchen hinter dem Dorf durch ein Allee fuhr, sah er neben einem Baum einen Jungen Mann stehen, das Tuch, in das Brot eingewickelt war, fiel ihm nicht auf. Aus Neugier hielt er an. Der Staub senkte sich auf die Kleidung des Jungen. Sein Gewehr hatte der Junge geschultert. Und der Helm hing ihm tief ins Gesicht. Der Geschäftsreisende stieg aus dem Wagen und hob zum Gruße seinen Hut.
    " Mensch, Junge, was machst du denn hier?", fragte ihn der Alte nicht ohne Interesse.
    "Ich warte auf den Hauptmann, Herr!"
    "Aber der Krieg ist schon lange vorbei. Geh zu deiner Familie, die braucht dich mehr als dein Hauptmann."
    "Das kann ich nicht, Herr."
    "Warum nicht? Ist deine Familie umgekommen?"
    "Nein, Herr! Daran liegt es nicht."
    "Junge, jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Warum gehst du nicht zu deiner Familie?"
    "Der Hauptmann hat mir befohlen hier auf ihn zu warten."
    "Ja und? Der Krieg ist vorbei! Die anderen von euch sind sicher schon wieder Heim. Hat der Hauptmann denn nicht gesagt was du machen sollst wenn er nicht wieder kommt?"
    "Nein, Herr!"
    "Und deshalb wartest du jetzt hier?"
    "Ja, Herr."
    "Potzblitz, das nennt man Treue!", staunte der Alte, nicht ganz ohne Neid.

    Den Blick in die Vergangeheit gerichtet, sah er sich selbst. Da stand er jetzt. Glanzvoll in der dritten Reihe, der Fünfte von links. Der Fünfte von links in einer Menge von Hunderten. Dann stand er ganz vorne. Mit einem Säbel und viel Schmuck an seiner Uniform führte er Hunderte in den Krieg. Als er wieder in der Allee stand rannen Tränen über seine Wangen und verschwanden im grauen Bart. Und als er sich umdrehte, um zu seinem Wagen zu gehen, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
    Ohne Abschied fuhr er los. In die Richtung, aus der er gekommen war. Wie in Trance' fuhr er die Straße entlang. Alles abseits der Bäume verschwamm. Nur er hörte das Artilleriefeuer, das nicht weit von ihm nieder gehen konnte. Er fuhr so lange, dass die Sonne einmal unterging, und nur Pausen zum Tanken unterbrachen seinen Heimweg. Er fuhr so lange, dass er, als er zu Hause ankam, den Schrecken vom Vortag schon fast vergessen hatte. Mit Entschlossenheit betätigte er die Klingel, auf deren Schild sein Nachname geschrieben war. Ein junges Mädchen öffnete die Tür und staunte nicht schlecht, als so unerwartet ihr Vater wieder vor der Tür stand. Alle Menschlichkeit war aus dem Gesicht des Alten gewichen. Und seine Tochter fragte unsicher:"Was ist los? Warum bist du schon wieder da?"
    "Wo ist Mutter?", fragte der Vater seine Tochter.
    "Drüben."
    "Gut."
    Er ging zügig in den Hauseingang, und da seine Tochter nicht von selbst Platz machte, schob er sie nicht ungrob zur Seite. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen ging er die abgelaufenen Stufen des Fachwerkhauses in den Keller hinab. Dort fand er zwischen verschiedenem Gerümpel eine Truhe, die er feierlich öffnete. Den Inhalt nahm er heraus und ging dann die Stufen wieder hinauf. Im Flur musste er, um vorbeizukommen, wieder seine fassungslose Tochter beiseite schieben. Dann ging er in den ersten Stock hinauf, und schloss die Tür des Badezimmers hinter sich ab.
    Kleidung wurde abgelegt und eine Uniform wurde angezogen. Damals passte die Uniform besser, doch das störte ihn nicht. Seinen Bart rasierte er ab und seine langen, grauen Haare schnitt er kurz. Stiefel wurden poliert, eine Pistole in ihren Halfter gesteckt und ein Säbel in seine Scheide. Da stand er wieder. Ganz allein, vor sich selbst im Spiegel. Als er so die Tür wieder aufschloss und das Zimmer verließ, standen Frau und Tochter vor ihm. Er machte einen Schritt auf sie zu und sie wichen erschrocken zurück. Folgten ihm allerdings, als er die Treppen hinabstieg. An der offenen Haustür blieb er noch einmal stehen, drehte sich um und salutierte zackig.
    Dann ging er hinaus und mit funkelnden Orden und Abzeichen stieg er in seinen Wagen ein, sah sein Fachwerkhaus mit den abgelaufenen Treppen zum letzten Mal und fuhr wieder in die Richtung aus der er gekommen war, und fuhr wieder schnell.
    Hielt wieder nur um seinen Tank aufzufüllen und wieder untermalte das Grollen des Krieges seine irrsinnige Fahrt. Er fuhr noch schneller und stets wurden Grollen und Schlachtenlärm in seinen Ohren lauter.
    Mit Getöse krachten Granatsplitter in die Karosserie und sein Wagen zerriss den über die Straße wehenden schwarzen Rauch der Explosionen. Links und rechts von ihm, auf den Feldern und Äckern. In den Gräben und Straßen starben die Unzähligen die er bereits hatte sterben sehen, noch einmal. Wieder kam er durch das Dorf. Der Krieg war hier bereits gewesen. Der Hauptmann sah aus seinem Wagen das übliche Bild, das er schon so oft hatte sehen müssen.
    Einige Kilometer hinter dem verwüsteten Dorf stand ein wartender Soldat.
    Kugeln zischten durch die Luft und rissen die Rinde von den Bäumen der Allee. Mit quitschenden Reifen hielt der Hauptmann neben dem Soldaten an.
    Er stieß die Beifahrertür auf und rief ihm einige Befehle zu, die allerdings von dem Lärm in seinen Ohren verschlungen wurden.
    Der Junge verstand trotzdem und ging zur Beifahrertür.
    "Steig ein Junge, es geht wieder los!", rief ihm der Hauptmann zu.
    Etwas verwirrt aber denoch frohen Herzens stieg der Junge mit den Worten, "Jawohl, Herr Hauptmann!" in den Wagen ein.

    Die tief zwischen den Bäumen der Allee stehende Abendsonne blendete den Hauptmann, als sie sich auf den Weg gen Krieg machten.
    Die Grammatik macht das Reimen nur unnötig kompliziert.

    Renn!

  2. #2
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    Hallo Jonas,
    Deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen.
    Dein Titel hat mich neugierig gemacht, obwohl ich ihn während ich deine Geschichte gelesen wieder vollkommen vergessen habe. Was auch ganz gut war denn eigentlich gibt er ja schon Hinweise auf den Verlauf der Geschichte.
    So habe ich sie gelesen und war am Ende überrascht. Dir ist es gelungen die Geschichte so zu gestalten, dass ich zumindest ein ganz anderes Ende erwartet habe.
    Als dein älterer Herr nach Hause fuhr und sich seine Uniform anlegte war ich mir schon fast sicher, dass die Story ein herzergreifendes Ende nehmen würde. Ich dachte er fährt zu dem Soldaten und gibt ihm dem Befehl nach Hause zu seiner Familie zu gehen, damit er ohne das Gefühl zu haben seine Treue vernachlässigt zu haben mit ruhigem Gewissen nach Hause gehen kann.

    Mir hätte dieses Ende natürlich auch gereicht Ich mag solche herzergreifenden Geschichten. Aber natürlich hat dein Ende so viel mehr Anspruch und verleitet zum Nachdenken. Dann habe ich den Text ein zweites mal gelesen und nun fielen mir auch die kleinen Hinweise/Voraussdeutungen auf den Verlauf der Geschichte auf. Auch Hinweise die auf den Charakter des älteren Herren schließen lassen.
    Ich finde es ist dir sehr gut gelungen zumindest mich ein wenig auf die falsche Fährte zu locken um dann den Vorhang für das unerwartete und nachklingendes Ende zu öffnen.

    Sehr gerne gelesen!

    Gruß question

    [Geändert durch question am 08-07-2005 um 20:57]

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