Thema: Omerta

  1. #1
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    Omertà

    ~gewidmet


    Lass leise deine Seele tropfen
    durchweiche kalt zerbrochnen Stein
    durstig ist deine verwaiste Kehle

    fülltest heimlich ganze Grotten
    verziert mit diktierten Normen
    hingebend dich selbst verlassen

    Schenke dir Seen voller Mut
    lege einzelnd jedes Steinchen an
    in bitter klagend Mosaik


    .
    Geändert von question (10.11.2020 um 14:35 Uhr)

  2. #2
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    Tut mir leid, aber ich verstehe nicht was dieser Text mit "Omerta" zu tun hat. Meines wissens ist das doch das Gesetz des Schweigens bei der Mafia!?
    Wer früher stirbt ist länger tot!

  3. #3
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    Hallo Pop,
    ja Omerta ist die Schweigepflicht und eigentlich das höchste Gebot der Mafia.
    Diese Bedeutung ist im weitesten Sinne (sie ist zumindest vergleichbar mit dem was das Gedicht ausdrücken soll) auch auf dieses Gedicht zu übertragen.
    Das Gedicht besteht eigentlich aus drei Strophen.Mit der 2. Strophe war ich nie ganz zufrieden und hatte sie deswegen weggelassen. Irgendwie vermischen sich die Zeitformen zu sehr. Ich habe sie jetzt trotzdem mal hinzugefügt. Vielleicht ist es dann leichter einen Zusammenhang herzustellen.

    Gruß
    question
    [Geändert durch question am 08-07-2005 um 09:54]

  4. #4
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    Guten Morgen question!
    Jetzt verstehe ich dein Gedicht etwas besser.Es drueckt fuer mich die Schwere aus die auf der Seele der betroffenen Menschen liegt.Unangenehmes Luegen,grausame Wahrheiten,die man nicht loswird und mit sich herumschleppen muss,oder des Todes ist.
    Dein Gedicht ist schwierig zu lesen,da es sich nicht reimt.Es drueckt den Ernst der Sache dadurch vielleicht besser aus.Reime sind doch oft sehr auflockernd und erleichtern das Mitschwingen in der Atmosphaere des Gedichtes.
    Amrei-lyrics
    Licht ist Nahrung fuer die Seele

    Sammlung

  5. #5
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    Hallo Amrei,

    das Gedicht habe ich vor einigen Jahren für einen Freund geschrieben. Es ist wirklich schwer zu lesen und vielleicht auch schwer zu verstehen, ich werde versuchen es noch mal etwas zu überarbeiten.
    Vielleicht versuche ich es trotzdem mal mit Reimen.
    Die Bedeutung hast du aber eigentlich schon ganz gut zusammengefasst.

    Die Lügen sind für diesen Menschen sehr unangenehm und müssen einen ganz erheblichen Teil seiner Persönlichkeit verdecken , der sich eigentlich nicht verstecken lässt.

    Darin liegt auch das Grausame an dem ihm auferlegten Schweigen . Grausam ist die Wahrheit hier für die Anderen nicht für ihn.
    Das Umfeld in dem er sich befindet verbietet ihm dieses Geheimnis aufzudecken und droht ihm mit Schande und Verbannung.Deswegen spielt der Titel schon eine grosse Rolle für das Verstehen des Gedichts.
    Aber ein Gedicht sollte ja eigentlich ohne Erklärungen auskommen, deswegen war es wichtig für mich Rückmeldungen zu bekommen um zu sehen ob das Gedicht wie es jetzt ist verstanden werden kann.


    [Geändert durch question am 08-07-2005 um 11:58]

  6. #6
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    Hallo question!

    Urversion

    Omertà


    Lass leise deine Seele tropfen
    durchweiche kalt zerbrochenen Stein
    durstig ist deine verwaiste Kehle

    fülltest heimlich ganze Grotten
    verziert mit diktierten Normen
    hingebend dich selbst verlassen

    Schenke dir Seen voller Mut
    lege einzelnd jedes Steinchen
    in bitter klagend Mosaik

    Die Metrik

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxxX
    XxxXxxXxXx

    XxXxXxXx
    xXxxXxXx
    XxXxXxXx

    XxXxXxX
    XxXxXxXx
    xXxXxXxX

    Schöne Worte – grauenhafte Metrik!
    Das macht die schönen Worte dann auch gleich wieder kaputt!

    Aber dank dieses Titels, zudem ich persönlich eine gewisse Affinität habe und der wirklich wunderschönen ersten beiden Zeilen, bin ich gar nicht recht zum Meckern aufgelegt, wie sonst.
    Was mich selbst am meisten erstaunt.

    Deswegen schauen wir uns doch lieber gemeinsam an, was man gegen die Metrikverbrecher machen kann, um den laut um Hilfe schreienden schönen Worten, heldenhaft zur Seite zu stehen.

    Für alle Versionen gilt: Jeweils neue Worte sind fett markiert

    Version I

    Lass leise Deine Seele tropfen
    Durchweiche kalt zerbrochnen(!) Stein (Der Anfang Z1+Z2 ist wunderschön)
    Ist durstig deine trockne Kehle
    (den Sinn der Z3 versteh ich immer noch nicht, aber die Formulierung ist hoffentlich trotzdem annähernd sinngleich)

    Heimlich fülltest ganze Grotten
    Mit diktierter Norm verziert
    Hingebend Dich selbst verlassen

    Ich schenk Dir Seen voller Mut (obwohl hier levampyre protestieren würde, wie ich weiß, weil sie nicht Se-en sondern Sehn ausspricht, aber es geht trotzdem)
    Leg einzeln jedes Steinchen (einzeln=einzelnd, aber richtig ;o)
    In bitter klagend Mosaik

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx

    XxXxXxXx
    XxXxXxX
    XxXxXxXx

    xXxXxXxX
    xXxXxXx
    xXxXxXxX

    Nun sieh einer an.
    Strophe für Strophe eine gute Metrik und es spricht sich sehr gefühlvoll und schön, weil die Worte sehr gut gewählt sind.

    Allein, es sollten eigentlich, wenn möglich, schon gleiche Silbenlängen sein.
    Einzig die letzte Endung könnte man, wenn nötig, variieren.
    Oder aber, es sollte einen Grund haben etwas anderes zu tun – aber einen echten, einen guten Grund eben - wie eine bestimmte Aussage oder einen Perspektivwechsel zu unterstreichen.
    Das aber sehe ich bestenfalls für die letzte Strophe als möglich, weil da das lyr. Ich etwas tut, im Vergleich zum lyr. Du, das in den ersten beiden Strophen beschrieben wird. Wird aber nicht wirklich notwendig sein, glaube ich.

    Sehen wir also, was sich nun machen lässt:

    Version II

    Lass leise Deine Seele tropfen
    Durchweiche kalt zerbrochnen Stein
    So durstig deine trockne Kehle

    Du fülltest heimlich ganze Grotten
    Diktierte Normen zieren sie
    Mit Hingabe Dich selbst verlassen

    Ich schenk Dir Seen vollen Mutes
    Leg einzeln jedes Steinchen an
    In bitter klagend Mosaike(n)


    So, dann hätten wir nun:

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx

    xXxXxXxXx
    xXxXxXxX
    xXxXxXxXx

    Wahnsinn oder?
    – Eine perfekte Metrik, die sich sogar an den natürlichen Aussprachen der Worte sehr stark orientiert (bis auf Seen natürlich).
    Dabei haben sich die Worte fast gar nicht geändert
    – und wie ich nur hoffen kann, auch der Sinn nicht.

    Für Fortgeschrittene:

    Eine andere Möglichkeit ist natürlich den Lesefluss innerhalb einer Strophe vollkommen ungestört zu belassen und damit eine durchgehend fließende und verbundene Leseweise pro Strophe zu erlauben oder zu forcieren.

    D.h., z.Zt. endet eine jede erste und dritte Zeile mit einer unbetonten Silbe.
    Aber jede Zeile, auch die zweiten, fangen ebenso mit einer unbetonten an
    – das erzwingt eine Pause nach dem Lesen einer Zeile und vor Beginn der nächsten.

    Vielleicht ist Dir aber daran gelegen, dass man eine Strophe geschlossen lesen kann oder soll.
    Dann bietet sich an, auf die unbetonte Schlusssilbe einer jeden ersten Zeile, eine betonte in der zweiten Zeile folgen zu lassen.

    Dann ergibt sich:

    Version III

    Lass leise Deine Seele tropfen
    Weich wird kalt zerbrochner Stein
    So durstig deine trockne Kehle

    Du fülltest heimlich ganze Grotten
    Sie verziert mit Normdiktat (ziemlich gezwungen und nicht 100% dasselbe – hier bräuchte es doch mal neue Worte, aber das ist nicht mein Gedicht – und irgendwie geht sogar das hier durch, oder?)
    Mit Hingabe Dich selbst verlassen

    Ich schenk Dir Seen vollen Mutes
    Und leg einzeln jeden Stein (die Größe des Steins ergibt sich ja eh durch das Mosaik ;o)
    In bitter klagend Mosaike(n)

    xXxXxXxXx
    XxXxXxX
    xXxXxXxXx

    xXxXxXxXx
    XxXxXxX
    xXxXxXxXx

    xXxXxXxXx
    XxXxXxX
    xXxXxXxXx

    Auch perfekt.
    Ist ne Herausforderung zu lesen, weil jede Zeile anders betont anfängt.
    Aber wie schon gesagt, wenn man eine Strophe durchliest ohne die Zeilen als Zäsuren zu betrachten stimmt´s perfekt.
    Je nachdem welche Stimmung und welchen Sinnzusammenhang Du suchst, kann ich gerne zu dieser Notation raten.

    Weiter ginge es nun, was dieses Gedicht eigentlich gar nicht braucht, mit Reimen.
    Würd´ ich jetzt auch noch gerne behandeln, aber da mir bei diesem stark verschlüsselten Gedicht mit offenbar persönlichem Hintergrund, die Worte relativ heilig erscheinen und es nicht notwendig ist sie reimen zu lassen, weil alles wohl und abgerundet klingt, lass ich es mit den Reimen bleiben
    – denn da bräucht´s nun wirklich ganz neue Worte.

    Also, fertig.
    Wie gefallen Dir die verschiedenen Versionen eigentlich? Und welche ist Dein Favorit?
    Keine Sorge – ich hab dass mehr als theoretische Spielwiese betrachtet und bin bestimmt nicht böse, wenn Du sagst, dass Dir Deine Urversion am besten gefällt.

    Schönen Gruß

    Ein erstaunlich unbissiger

    bet


    P.S. Das war nur eine Ausnahme!
    Dir gefällt meine Kritik nicht?
    Dann mach’s doch besser!


    Heißes: Protasis
    Romantisches: Sinnenschranken - Schier Maßlose Sucht
    Düsteres: Purgatorium - Rote Rache
    Nachdenkliches: Der gute Mensch - ich bin
    Humorvolles: Der Pfau
    Natürliches: Haiku! (keine Diskussion) - Haiku (oder der 2. Versuch...) - Haiku (steckt an) - Schon mal gesehen?
    Experimentelles: k ö n i g s m o r d
    Kritisches: Jemand ne idee? - mal so richtig ausgekotzt
    Bewundertes: Sternstündlich - Ich bereue nicht - Der Kelch - Der Umzug - The Man II
    Außergewöhnliches : meine gedichte...

  7. #7
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    Hallo Bet,
    erst einmal vielen Dank für die Mühe die du dir gemacht hast. Du warst wirklich sehr unbissig
    Ich habe mir jetzt in aller Ruhe alle 3 Versionen angeschaut.Ich gebe zu dass es mir schwer gefallen ist mich von manchen Formulierungen zu lösen,wahrscheinlich gerade durch den persönlichen Bezug.

    Nun zuerst mein Favorit und dann die Begründungen.
    Entschieden habe ich mich für die erste deiner Versionen.
    Begründung:
    Die meisten Worte sind gleich geblieben, einzig das verwaiste wurde durch trockne erstetzt. Das schadet dem Sinn nicht wirklich und passt nach mehrmaligem Überlegen auch ganz gut. "verwaist" sollte für "Alleine gelassen" stehen.
    "zerbrochenen" durch "zerbrochnen" zu ersetzten gefällt mir auch, da es weicher klingt beim Lesen.

    "Mit diktierter Norm verziert" ist ja nur umgestellt und entfremdet damit den Sinn absolut nicht. Gefällt mir.
    Auch die Änderung von einzelnd in einzeln möchte ich gerne übernehmen.

    Jetzt zur 2. Version
    Gefällt mir vom Klang her eigentlich am besten.
    Einziges Problem ist folgender Vers:
    "Ich schenk Dir Seen vollen Mutes"
    Da geht mir der Sinn in die falsche Richtung.
    So hört es sich für mich an, als wenn das Lyrische Ich
    die Seen schenkt und dabei vollen Mutes ist, also umgangssprachlich: Da bin guter Dinge, wenn ich dir das schenke.Aber die Seen sollen ja gefüllt sein mit Mut für das lyrische Du.

    Zur 3. Version:

    Hier gefällt mir die 1. Strophe sehr gut, vor allem
    "Weich wird kalt zerbrochner Stein"

    "Normdiktat" gefällt mir garnicht und dann sind da halt wieder die Seen vollen Mutes.
    Mit der Größe der Steine gebe ich dir natürlich recht

    Obwohl mir eigentlich schon daran gelegen ist, dass man jede Strophe für sich geschlossen lesen kann.


    Also ich danke dir nochmals für deine Mühe und die wirklich guten Vorschläge.

    Gruß
    question




  8. #8
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    Hallo Pringels,
    Vielen Dank für deinen Vorschlag. Ihr habt mir gute Anstösse gegeben das Gedicht noch mal zu überarbeiten und sei es nur für mich als Übung meinen größten Schwachpunkt- die Metrik- zu verbessern.
    Da das Gedicht gewidmet ist und dem Gewidmeten schon lange übergeben ist wird es in seiner Urform zumindest für ihn so bestehen bleiben.
    Aber die Herausforderung am Gedicht selber werde ich noch mals aufnehmen- vielleicht auch inhaltlich- und dann hier posten.
    Vielen Dank.
    Gruß
    question

  9. #9
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    Hallo!

    Nur kurz.
    Ich kann den Unterschied zwischen
    "Schenke dir Seen voller Mut"
    und
    "Ich schenk Dir Seen vollen Mutes"
    zwar nicht erkennen, aber ums so oder so deutlicher zu machen, ginge natürlich auch:
    "Ich schenk Dir mutgefüllte Seen"
    oder ähnliches.

    Und das "Normdiktat" läßt sich auch ummodeln in ein

    "Ziertest mit diktierter Norm"
    oder
    "Schmücktest mit diktierter Norm"

    Na ja, nur so.

    Viel Spaß beim basteln.

    bet, der Sanfte

    Dir gefällt meine Kritik nicht?
    Dann mach’s doch besser!


    Heißes: Protasis
    Romantisches: Sinnenschranken - Schier Maßlose Sucht
    Düsteres: Purgatorium - Rote Rache
    Nachdenkliches: Der gute Mensch - ich bin
    Humorvolles: Der Pfau
    Natürliches: Haiku! (keine Diskussion) - Haiku (oder der 2. Versuch...) - Haiku (steckt an) - Schon mal gesehen?
    Experimentelles: k ö n i g s m o r d
    Kritisches: Jemand ne idee? - mal so richtig ausgekotzt
    Bewundertes: Sternstündlich - Ich bereue nicht - Der Kelch - Der Umzug - The Man II
    Außergewöhnliches : meine gedichte...

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