Thema: Fensterplatz

  1. #1
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    Die Schirme öffnen sich, wie morgendliche Blüten,
    um deren Stiele sich die nassen Hände krampfen,
    ein jeder schützt am Körper seine Einkaufstüten,
    wenn neben ihm in Pfützen Kinder stampfen.

    Die Autos schneiden Schneisen in den Film der Straße,
    der stet sich nährt vom Niedergang der nassen Mächte,
    fast alle ärgern sich, wenn auch in Maßen
    und flüchten sich in volle U-Bahn-Schächte.

    Du sitzt und siehst vergnügt wie andere rennen,
    - der ganze Platz wirkt durch die Pfützen wie ein See -,
    bringst deine Zigarette rasch zum Brennen,
    und schätzt dich glücklich, hier in dem Café.

    [Geändert durch Zacken am 05-08-2005 um 19:12]
    Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
    daß der Unrast ein Herz schlägt.
    Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

    Es ist Zeit.


    Paul Celan

  2. #2
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    Hallo Zacken,

    nach deinem lesenwerten Beitrag im Wohnzimmer, einem Ort an dem man solcherlei eher selten findet, machte ich mich gleich auf, mir deine Texte durchzulesen. Da die epische Kurzprosa eher weniger mein Interessengebiet ist, bin ich bei diesem Text stehen geblieben.

    Er ist zwar nicht besonders tiefgründig, aber dafür erinnert er mich an den letzten Berliner CSD, als plötzlich ein Platzregen ausbrach und unser Grüppchen gemütlich in einem geschlossenen Café saß und den bunten Figuren beim Rennen zusah.

    Einen Kritikpunkt möchte ich zu bedenken geben, das ist der Sprachstil, immerwieder eine sehr situationsabhängige und subjektive Sache, aber deswegen nicht weniger wichtig. Ich erkläre diesen Aspekt immer wieder gern mit der These, dass es wahre Synonymie nicht gibt. Beim Beispiel Fahrstuhl-Lift sprechen die Fachleute von Referenzidentität, weil das Wort dasselbe Ding, also denselben Referenten bezeichnet, der Sprachstil aber ein völlig anderer ist. Ein ebensolcher Stilunterschied, nur sehr viel deutlicher, besteht bspw. zwischen pissen und urinieren.

    Nun ist es immer schwieriger Stilunterschiede festzustellen, wenn die bezeichneten Dinge außerhalb einer Referenzidentität liegen, also nicht denselben Referenten bezeichnen. Mir springen bspw. Wörter wie stet und nährt in einem Text, der eher legèr und modern (Einkaufstüten, U-Bahn, Zigarette) gehalten ist, sofort unangenehm ins Augen. Nicht, weil es unangenehme Worte wären, sondern weil sie einen stilistischen Bruch im Sprachgewebe des Textes erzeugen.

    Bsp.: Ein Fahrstuhl bringt sie in die Suite des Hotels, die luxuriös ausgestattet ist. Feinstes Damast ziert die Wände.
    Im Unterschied zu: Ein Lift bringt sie in die Suite des Hotels, ...

    Diese Unterschiede mögen in meinem Beispiel wirklich kaum spürbar sein, in einem Gedicht, einem Sprachkunstwerk, verstärkt sich solch ein Effekt jedoch.

    Die Gefahr bei "Archaismen", wie sie hier auftauchen, ist, dass diese schnell lächerlich wirken. In deinem Gedicht haben sie sogar etwas Spöttisches. Die Frage des Stils ist eine brisante. Vorallem wenn man handwerklich darüber hinaus ist, sich mit der Einhaltung eines sauberen Metrums abzumühen, was du eindeutig bist, sollte man beginnen, sich für solche Aspekte zu sensibilisieren.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

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