Thema: Familienfoto

  1. #1
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    Es ist schon spät, als ich vor der hölzernen Wohnzimmertür stehe. Ich habe keine Lust einzutreten, aber ich muss. Beim herunterdrücken der goldfarbenen Türklinke sehe ich ein Bild, wie mit einer Kamera geschossen, vor mir. Es zeigt den dunklen Raum, indem nur das Licht des Fernsehers die Finsternis durchbricht. Mein Vater schläft auf dem langen, meine Mutter auf dem kurzen Sofa. Zwischen ihnen liegt halb verborgen auf der weißen Decke aus Schafswolle unser Hund, Xevie.
    Langsam schiebe ich die Tür auf und das Foto in meinem Kopf wird Wirklichkeit. Ich gehe in den verdunkelten Raum und starre auf den Fernseher. Ich mag ihn nicht. Es ist ein Plasmafernseher und so groß, dass er nicht in das Regal passt. – Es gibt Leute, die schrauben sich solch einen Koloss mit einer Wandhalterung über ihr Bett. Einschlafen unter einem gut 60kg schweren, mit ein paar Schrauben montierten Sternhimmel. Wie beruhigend.- denke ich mir bei jedem Anblick erneut. Wer in dieses Zimmer kommt, sieht sofort, dass so gut wie die ganze Raumausstattung aus Holz ist. Der Tisch, das Regal, der Schreibtisch, der Boden und die Deckenvertäfelung, nur der Fernseher nicht.
    Vor sich hinlaufend steht er da und ich frage mich, ob ich ihn nicht einfach ausschalten sollte. Doch der Ausschalter hat in diesem Raum zwei statt einer Funktion. Der Bildschirm wird mit einem sterbenden weißen Stern in der Mitte schwarz und wirkt Tod. Logisch. Was aber weniger logisch, aber für mich auf eine seltsame Art und Weise faszinierend ist, ist dass meine Eltern auf einen Schlag wach werden und mich sofort mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen mustern und fragen, weshalb ich den Film ausgemacht hätte, da sie den Film noch zu Ende sehen wollten. Ich hatte keine Lust auf diese Frage, ebenso wenig auf meine Antwort, also lasse ich zu, dass der getarnte Soldat den Techniker erschießt.
    Stattdessen stelle ich leise meine Sporttasche auf den weinroten Teppich ab und gehe in die Mitte des Fotos. An dieser Stelle stehend hat Dustin direkte Sicht auf mich und meine Bewegungen. Es ist, als wäre ich ein Zirkusdompteur, der in das Zentrum der Manege tritt um die volle Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Diese zeigt sich mir in dem Moment, als ich ihre spitzen Ohren wie Satelliten in meine Richtung drehen und ihre kleinen schlitzförmigen Augen sich öffnen und die tiefbraunen, im Licht des Fernsehers glitzernden Augen unter den goldblonden Härchen hervor linsen. Mit einem inneren Grinsen setzte ich mich im Schneidersitz auf den Boden, womit ich einen stummen Startschuss abgebe. Als sie aufspringt stehen ihre Harre wie die Borsten einer Bürste zu Berge, welche sie mit einem kräftigem, schnellen Schütteln – erinnert mich immer an eine der riesigen Putzrollen in den Autowaschanlagen – ebnet. Für diese zwei Sekunden übertönt sie mit ihrem Halsband und den daran baumelnden Metallplaketten den Streit zwischen dem General und dem Gefreiten. Während Dustin seinen zerbissenen Tennisball sucht, um ihn mir zu bringen, merke ich, dass meine Mutter in den zwei Sekunden wach geworden ist und versucht mit ihren verschlafenen Augen gegen das grelle Licht der Schlacht im Fernsehen anzukämpfen. Mit einem verschlafenen „Hey!“ begrüßt sie mich, während Dustin schwanzwedelnd, mit einem zerbissenen Etwas im Maul, auf mich zu läuft. „N’Abend!“ entgegne ich wobei ich den Ball aus ihrem Maul zerre. Das Spielzeug in meiner Hand, fragt sie mich wie es mir geht und ob es etwas Neues gibt. Ich schmeiße es in die Richtung des Schreibtisches und Dustin schnellt hinterher, „Nein, gibt nichts Neues!“. Mit einem dumpfen „Pop“ prallt der Ball am Stuhlbein ab und rollt zurück in meine Richtung. Ihn weiter im Visier rennt Dustin gegen das andere Bein. Nach einem kräftigen Schnauben hechtet sie wieder zu dem Übertäter und bringt ihn zu mir zurück. Ich schmeiße den Ball noch ein paar Mal und verfolge nebenbei gedankenverloren das sinnlose Gefecht auf dem Bildschirm. – Die Menschheit und Natur zu zerstören ist einfacher, als sie zu fördern und beschützen. Warum machen es sich viele Menschen nur immer so einfach? – Meine Mutter fragt mich, ob ich, bevor ich gehe, noch auf Arte umschalten kann. „Klar“, antworte ich und taste mich zu der Anlage, die aus zwei Receivern, zwei Videospielern und einem DVD-Spieler besteht. Nach fünf falschen Knöpfen finde ich schließlich den Richtigen und schalte auf das gewünschte Programm. Nur fünf Mal verdrückt. Normalerweise suche ich länger, da ich so selten hier unten bin, dass ich mich einfach nicht auskenne. Ich hebe meine Tasche auf, gehe zur Tür und werfe einen letzen Blick auf das Foto. Dustin steht in der Mitte und lässt den Tennisball auf den Teppich fallen, sie wird sich gleich wieder auf ihre Decke legen und dösen. Meine Mutter schläft bereits wieder und mein Vater hat sich in meinem Bild nicht verändert. Leise schreite ich rückwärts durch die Tür und präge mir beim schließen das Foto wieder ein. Unser Familienfoto.
    "Paradoxien erinnern uns daran, dass eine Bewältigung der Welt, in der wir leben, immer nur in Grenzen möglich und somit - unmöglich ist." - Martin Seel -

  2. #2
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    Hallo Xanders_Shadow2,
    deine Geschichte bzw den kleinen "Schnapsschuss" aus diesem Familienleben gefällt mit wirklich gut.
    Es gelingt dir mit diesem Foto das Lebensgefühl/die Lebenseinstellung aufzufangen, was in einem Foto doch sehr schwierig ist. Mir gefällt der Titel besonders gut und natürlich wie du merkst auch die Idee das ganze Szenario als Foto darzustellen.
    Deine Art zu schreiben ist angenehm, denn du schreibst nicht nur ein Ereignis runter sondern schmückst es mit Gedankenspielen. Auch die Rolle des Hundes ist treffend.
    Einerseits vielleicht das einzige Lebendige in diesem Foto andereseits spiegelt er für mich auch eine Facette des Lebensgefühls des lyrischen Ichs wieder. "Ja ich hole den Ball"-"La ich schalte auf Arte". Der Hund rennt gegen das andere Bein-das lyrische Ich findet erst nach mehrmaligen Anläufen den Sender Arte. Das lyrische Ich wirkt hier auf mich genauso verloren und liegen gelassen wie der Hund.

    Arte- gefällt mir besonders gut , denn damit beschreibst du die Art von Menschen die sich ihr Leben genauso einfach machen wie alle anderen und untätig dem Leiden und dem Verfall der Gesellschaft gegenüberstehen. ABER meinen sie seien das Gegenteil, weil sie ja Arte schauen. Und auch der Hinweis, dass alles aus Holz ist ausser das TV Gerät passt da gut rein.
    Auch die Beziehung der Eltern untereinander fängst du gut ein.

    Also sehr sehr gerne gelesen!!
    Großes Kompliment.
    Gruß
    question
    [Geändert durch question am 10-07-2005 um 12:59]

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