Thema: Die Wespe

  1. #1
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    Es war in der zweiten Nacht, nachdem sie gegangen war, als sich eine Wespe, und er fragte sich noch, was eine Wespe mitten in der Nacht in seinem Zimmer verloren habe, in einem Netz verfing, welches eine Spinne über der Fensterbank errichtet hatte. Die Spinne muss recht klein, zumindest aber vom tage-, vielleicht wochenlangen, geduldigen Warten auf Beute so geschwächt gewesen sein, dass es ihr lange nicht gelang die nötige Menge an Gift aufzubringen um die Wespe zu lähmen, und so summte und rumorte diese in seine lethargische Schlaflosigkeit hinein und begann schließlich panisch und lautstark mit ihrem Hinterleib gegen die leere Bierdose zu schlagen, welche auf der Fensterbank stand und wie eine Zeltstange den tragenden Mittelpunkt des Spinnennetzes bildete. Die Dose trug einen schwedischen Schriftzug und nur zu gut erinnerte er sich daran, wie sie sie damals gekauft hatten, eine Dose Bier für sie und ihn, mehr konnten sie sich bei den teuren Bierpreisen in Schweden nicht leisten, und sie später im Licht der Mitternachtssonne am Ufer des Sees, an dem ihr Zelt stand, getrunken hatten. Er hatte sie aufgesammelt und in seinem Rucksack verwahrt, am Morgen nach dieser hellen Nacht, in der aus ihrer Freundschaft ihre Beziehung geworden war, in der sie sich, erst am Ufer und später im Zelt, zum ersten Mal geliebt hatten, und noch während er sich auf den lustvollen Schmerz vorbereitete, den ihm die Einzelheiten dieser Nacht im nächsten Augenblick bereiten sollten, wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass sie sehr lange wegbleiben würde, ja, dass sie wahrscheinlich niemals zurückkehren würde.

    Wie es aber nun einmal ist mit diesen Erkenntnissen, die zu real und zu erschütternd sind, als dass man sich mit ihnen auseinandersetzen könnte, wusste sich sein Verstand dagegen zu wehren in dem er sich ablenkte, und bei dem Wort „zurückkehren“ erinnerte er sich an die Erzählungen seiner Oma, wie damals ihr Mann, seines Zeichens sein Opa, heimgekehrt war aus Russland, äußerlich gealtert und innerlich zerstört, und wie es danach gewesen war, mit dem Schweigen eines Mannes der nicht mehr der war, der sie Jahre zuvor verlassen hatte. Aber das konnte nicht seine Großmutter gewesen sein, keine von beiden, denn sein Großvater väterlicherseits war in Afrika gewesen, nicht in Russland und hatte verhältnismäßige Freuden genossen, erst die eines Bordmechanikers bei der Luftwaffe, später die der englischen Kriegsgefangenschaft, aus der er schon bald nach Hause zurückkehrte. Was den Kandidaten mütterlicherseits betraf, so war dieser erst nach Kriegsende in Erscheinung getreten, so dass keiner sagen konnte, ob er sich erst durch die in den ‚dunklen Jahren’ erfahrenen Traumata zu dem Ekel entwickelt hatte, als das er nach seinem Tod wider jedes Anstands bei Familienzusammentreffen gerne dargestellt wurde, oder ob seine sadistisch-proletenhafte Natur auf frühere Ereignisse, vielleicht sogar auf Angeborenes zurückging. Wie dem auch war, er musste diese Erzählungen, an die er sich doch so lebhaft zu erinnern glaubte, anderweitig aufgeschnappt, aus Gelesenem und Gehörtem mühsam zu eigenen Erinnerungen zusammengebaut haben und ohne auf diese plötzliche Selbsterkenntnis einzugehen wandten sich seine Gedanken wieder ihr zu.

    Wie wäre es wohl, wenn sie, vielleicht nach Jahren, plötzlich und unerwartet, äußerlich und innerlich verändert, versehrt, wieder auftauchen würde und in seinem unbequemen Nest aus Schmerz und Selbstmitleid gewann er die Sicherheit, dass alle Veränderung doch nichts ändern würde, dass er sie immer noch lieben würde. Was sollte daran auch etwas ändern, denn Äußerlichkeiten, das hatte er lange schon festgestellt, interessierten ihn nicht an ihr. Zugegeben, er hatte sie attraktiv gefunden, schon als er sie das erste Mal sah und später in jedem Augenblick, den er sie betrachten konnte, und besonders wenn sie rauchend, mit übereinandergeschlagenen Beinen da saß und Gitarre spielte, alles um sich herum vergaß und ihr Anblick alles Übrige zu einer nebensächlichen Kulisse degradierte. Geliebt aber hatte er von Anfang an etwas Größeres, etwas das hinter dieser äußerlichen Attraktivität lag, das so tief in ihr war, dass alle äußere Schönheit allenfalls eine schimmernde Ahnung dieses inneren Glanzes seien konnte. Dieser Glanz, dieses ‚Große’, wie er es in Ermanglung eines besseren Wortes stets genannt hatte, wiederum, dessen war er sich sicher, konnte von allen inneren Veränderungen und Verletzungen niemals vernichtet werden; verschüttet, ja, verstümmelt vielleicht, aber er würde stets in der Lage sein es zu finden, wiederzufinden, denn er hatte es ja entdeckt, erkannt, besser als jemals jemand in der Lage sein würde es zu erkennen. Er würde sie ungeachtet aller Probleme wieder in die Arme nehmen und bei ihr bleiben für immer, und fast sah er sie schon im Türrahmen stehen, stellte sie sich in einer abgerissenen, feldgrauen Uniform vor, mit müden Augen..
    In diesem Moment jedoch begann das Gift der Spinne zu wirken, die Wespe verstummte und sank fast lautlos gegen die Bierdose, wo ihr Körper dem Schriftzug einen neuen, unbekannten Buchstaben hinzufügte, bis er langsam unter einem Geflecht von hauchdünnen Fäden verschwand.
    [Geändert durch Zacken am 13-07-2005 um 00:34]
    Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
    daß der Unrast ein Herz schlägt.
    Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

    Es ist Zeit.


    Paul Celan

  2. #2
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    Als die Wespe sich im Netz verfing, wusste ich noch nicht einmal, was eine Wespe ist, oder eine Spinne, ein Netz, ein Zimmer oder die Nacht.

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