Jans Zimmer. Spartanisch eingerichtet, evtl. vereinzelte Poster an den Wänden. Die Tür befindet sich in der rechten Seitenwand. Alles in allem beengt und dunkel. Es vermittelt nicht wirklich den Charme des faustschen Studierzimmers, scheint aber mit eben dieser Absicht von seinem Bewohner eingerichtet. Beleuchtet nur von einer nackten, von der Decke hängenden Glühbirne. An der Rückwand rechts, ein vollständiges Öffnen der Tür verhindernd, ein kleiner Tisch mit nur einem Stuhl,beides offenbar von IKEA, darauf eine fleckige Tischdecke, schlampig gestapeltes, schmutziges Geschirr, mehrere leere Bierflaschen. Links daneben ein Wäschekorb, darin, darauf und daneben offenbar schmutzige, achtlos abgelegte Kleidung. Wiederum links daneben, an der Rückwand ein schmales Bett, welches durch mehrere große, an die Wand gelehnte Kissen auch als Sofa dient. 2 Meter davor auf dem Boden ein kleiner Fernseher mit angeschlossener Spielekonsole, rund um das Bett/Sofa leere bzw. halbvolle Cola-, Wasser- und Bierflaschen, mehrere angebrochene Pakete Papiertaschentücher. Über dem Bett hängt an der Wand eine Schwarz/Weiß-Kopie, die ein Foto von Sophie zeigt. Neben dem Bett eine alte Holzkiste. Im Vordergrund rechts vor einem gedachten Fenster ein Schreibtisch, an dem sich der Studierzimmerschwindel manifestiert: Darauf und darunter verteilt viele Blätter Papier, teilweise zerknüllt, eine halb heruntergebrannte Kerze die jedoch von einem an der Vorderkante angeklemmten, kleinen Strahler vollkommen überflüssig gemacht wird, auf keinen Fall Federkiel und Tintenfaß, stattdessen ein Computer der älteren Generation. Auf dem Bett sitzen Sophie und Jan, beide tragen die dem studentischen Chic der Jahrtausendwende entsprechende Freizeitkleidung: alte Sportjacken, Cordhosen, abgetragene Turnschuhe. Jan dazu eine Mütze. Im Hintergrund läuft leise Musik, beispielsweise Nightswimming von REM. Jan raucht eine „Tüte“ (keinesfalls übertrieben groß oder konisch, sondern durchaus realistisch dimensioniert), ascht in eine leere Bierflasche, zu der er sich mehrmals ungelenk herunterbeugt. Beide schauen teilnahmslos gradeaus, lauschen offenbar der Musik.

Das Lied endet. Beide schauen weiter gradeaus.

Sophie: Gülle.
Jan (zieht an der Tüte): Gülle?
Sophie: Wegen dem Lied. Ich mußte an früher denken, vor dem Studium, als wir doch „auffem Dorf“ gewohnt haben. Es hat dort immer nach Gülle gerochen…
Jan: Das hat‘s.
Sophie: Irgendwie hab ich diesen Geruch immer geliebt. Natürlich, es hat gestunken, aber in dem Gestank war sowas wie Heimat und Geborgenheit. Man wußte, man ist da wo man hingehört, wo man jeden kennt.
Jan (zieht wieder an der Tüte, verzieht das Gesicht): In einer Heimat, die nach Scheiße stinkt. Aber ich weiß, was du meinst. Hier wird‘s in hundert Jahren nicht nach Gülle riechen. Manchmal vermisse ich ihn auch, den Geruch mein ich. Und die alten Zeiten.
Sophie: Das ist jetzt fast schon wie eine andere Welt für mich, soweit weg und doch erst ein Jahr her. Und manchmal habe ich das Gefühl, noch nicht in einer neuen Welt angekommen zu sein. Wir sind noch nicht wirklich in irgend etwas neuem angekommen, als wären wir noch auf dem Weg zwischen dem was war, und dem was kommt.
Jan: Aber du hast Phil, du hast schon etwas dazugewonnen. Und ich? Ich hab nur etwas verloren, dass ich nie hatte.
Sophie: Das ist nicht fair und nicht wahr. Erstens macht es das nicht immer einfacher, und zweitens hast du mit Phil in gewisser Weise auch was dazugewonnen. Einen Freund, meine ich.
Jan: Den Besten. Aber auch das macht es nicht immer einfacher.
Sophie: Es tut mir leid.

Beide schauen weiter schweigend gradeaus. Jan zieht noch einmal an der Tüte, betrachtet sie dann mißtrauisch, abwägend. Sie ist ausgegangen. Er läßt den Stummel in eine leere Bierflasche fallen, lehnt sich zurück. Er legt ungeschickt den Arm um Sophie, streichelt versuchsweise ihre Schulter, nimmt den Arm dann abrupt wieder zurück. Sophie schaut auf ihre Uhr. Beide stehen auf, gehen zur Tür, bleiben dort kurz stehen, einander gegenüber, schauen sich kurz in die Augen. Sophie geht. Jan steht zunächst unschlüssig an der Tür.

Jan(erst unsicher, dann bestimmter): Mir tut es auch leid, ja, mir tut es auch leid. (geht zum Schreibtisch, knipst den Strahler an, schreibt etwas auf ein Blatt Papier, dabei immer wieder aufschauend, rezitiert schließlich ans Publikum gewandt

und wenn es uns gelingt auf diesem weg zwischen den welten,
kurz pause zu machen, und, wie früher, zu zelten,
an Pfingsten, z.B., nur Camping, - mit Bier,
mit Feuerchen machen, im jetzt und im hier,
mit drei, vier Freunden, weil wir mehr nicht brauchen,
und abends, - wenn's uns gut geht - , vielleicht einen rauchen,
und reden, über dinge, die uns wichtig sind,
mal nüchtern betrachtet, was waren wir blind…

und wenn es uns gelingt, auf dem weg, den wir gehn,
kurz stehen zu bleiben, zurück zu sehn,
retrospektive, ohne zu flennen,
bevor sich traum und wirklichkeit trennen.

Er blickt wieder auf das Papier, zerknüllt es dann hektisch und wirft es weg. Er macht den Strahler aus, geht nach hinten. Er zieht sich neben dem Wäschekorb aus, bis er nur noch etwas zu große Boxershorts trägt . Die Shorts sollten von der Sorte sein, wie man sie von Zeit zu Zeit bei einer der großen Kaffeeröstereien im Doppelpack erhält. Er nimmt aus der Holzkiste eine nicht ganz frische, dünne Bettdecke, legt sie über das Fußende des Betts, stopft alle Kissen bis auf eines in die Kiste, legt sich aufs Bett. Nach kurzer Zeit fängt er an, mit der linken Hand in der Boxershorts zu onanieren, übrstreckt dabei seinen Kopf nach hinten. Er hält kurz darauf inne, dreht sich zum Publikum, fingert, die Linke weiter in der Unterhose, mit der rechten Hand ein Taschentuch aus einem der Pakete, onaniert weiter, dreht sich, zum Orgasmus kommend, zur Wand, liegt kurz mit dem Rücken zum Publikum, dann wieder erschöpft auf dem Rücken. Er setzt sich im Bett auf betrachtet das Taschentuch.

Jan: Naja, immer noch mit Abstand das persönlichste, was ich in meinem Leben zu Papier gebracht hab.

Er läßt das Taschentuch neben sein Bett fallen, nimmt sich aus einer kleinen Metalldose eine fertig gebaute Tüte, „flamed“ das überschüssige Papier ab, pustet die Asche ins Zimmer, sein Oberkörper fällt zurück aufs Bett, zündet die Tüte an.
Dunkel. Die Tüte glimmt in kurzen Abständen dreimal auf. Vorhang.