1. #1
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    Die Gedanken sind frei!

    Nassgeschwitzt zerwälze ich mich wund in Laken.
    Diese Nacht erzählt mir von den düstren Träumen
    und versteift den Nacken, die Gesänge schwellen
    an. Die Kreise kreuzen Lichter, schlagen Dellen.
    Viel zu oft zerreden Irre, zu enträumen
    meine Kanten, auszutesten. Eure Weise
    nag ich an. Nur hier will ich die Freiheit fragen.

    Freiheit, unbestimmtes Nomen, lässt du mich im Stich?
    All mein Herzblut, meine Seele hab ich dir geschenkt.
    In dir sah ich Glaube, Hoffnung, Leben, das mich hält.
    Du erscheinst mir rotumrandet als die eine Welt,
    die alles hält. An dir sind Gut und Böse noch gelenkt.
    Alles, alles wird zerbrechen, wenn du wieder weinst.
    Manchmal bin ich eingrenzt und weine nur um dich.

    Die Gedanken sind doch frei, so wollen sie es sagen.
    Haben gegenseitig Blut in Schuhe sich geschoben,
    Böse warst du, hab Respekt, doch achte deine Töne,
    jene spiegeln dein Moralgefüge und ziehst Löhne,
    die ungeachtet aller Taten deine Bilder loben.
    Angepasst und schön verzogen, um dich abzuriegeln.
    Wehr dich nicht, dein Ego wird dich oft genug noch plagen.

  2. #2
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    hallo,

    zuerst die "kritik":
    laken - plagen ist ein unreiner reim und stört irgendwie den gesamteindruck ein bisschen. überhaupt ist strophe 1 von unreinen reimen geprägt, ist das vielleicht sogar absicht? falls ja, sollte dies auch in schwellen - dellen seinen niederschlag finden, oder? interessantes reimschema jedenfalls.

    der inhalt:
    strophe 1 malt ein wunderschönes bild von einem geplagten menschen in der nacht. spricht sie von einem menschen, der sich mehr als individuum und weniger als teil eines gesamten sieht? "zu enträumen meine kanten" und "eure weise nag ich an" lassen dies vermuten.

    "freiheit, unbestimmtes nomen" gefällt mir sehr gut als ausdruck dessen, wie vage der begriff freiheit von menschen verwendet und verstanden wird. wir wollen freiheit, schön und gut, aber *was* ist das? gut getroffen!
    ansonsten zeigt mir strophe 2 einen menschen, der die freiheit über alles hält und - so mein gefühl - dabei möglicherweise enttäuscht wird.
    "an" die freiheit sind gut und böse gelenkt? ich verstehe, was du meinst, aber ist das wirklich deutsch?
    ist s2z6 als ein hinweis auf die aktuelle weltlage zu verstehen?

    s3z1 steht in krassem gegensatz zu s1, in der der mensch noch als individuum dargestellt wurde. im gesamten bleibt mir diese strophe allerdings verschlossen.

    ich werd noch länger drüber nachdenken und hoffentlich noch mehr posten können.

    mfg.t
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  3. #3
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    Hi Shadow,
    sorry, dass ich deine Kritik erst jetzt bemerke, aber ich schau hier nicht oft vorbei und meine E-Mail Benachrichtigungsfunktion ist, warum auch immer, nicht funktionstüchtig.

    Zu den unreinen Reimen: Den einzigen unreinen Reim, den ich habe, ist jener von Laken auf fragen in der ersten Strophe. Ich weiß nicht, welche unreinen Reime du noch gesehen hast. Ich finde jedoch diesen einen unreinen Reim nicht sonderlich schlimm, da er in phonetischer Hinsicht eigentlich gar keiner ist. Ich spreche zumindest das "aken" bei Laken eigentlich nicht anders aus, als das "agen" bei fragen. Das kann aber auch am leicht sächsisch angehauchten Dialekt meinerseits liegen.

    S1: Dieser "Mensch" will ein Individuum sein, hat es aber bisher noch nicht geschafft, deswegen plagen ihn düstre Träume, er fühlt sich dabei nicht wohl. Er wird damit nicht fertig. Die Freiheit soll dabei als Grundlage zur Ausbildung von Individualität gelten.

    S2V1 hast du sehr gut erfasst. Genauso hatte ich es mir gedacht. Dieser Begriff wird viel zu weit gefasst und viel zu schwammig interpretiert. Trotzdem erhofft sich das lyrische Ich diese Freiheit.
    Die Enttäuschung hast du auch gut erfasst. Es erreicht die wahre Freiheit einfach nicht.
    S2V5: Ich weiß nicht, ob das richtiges Deutsch ist. Ich hatte es zumindest dafür gehalten. Ist "bei" als Präpositionsersatz für "an" vielleicht besser, was meinst du?
    S2V6: Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wenn du diese Interpretation für logisch hältst, dann ist eine von mehreren Deutungsmöglichkeiten.

    Strophe 3: Tipp: Sieh die Strophe als Abrechnung des lyrischen Ichs mit einem lyrischen "Ihr". Es versucht sich nun von der Last zu befreien. Es fühlt sich verraten und sieht seine Werte im lyrischen Ihr geheuchelt. Den Rest, den diese Strophe aussagt, überlasse ich dem Leser.

    Viele Grüße,

    Hojaro

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