1. #1
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    Meine Finger sind starr.
    Sie haben dich losgelassen
    aus bitterwacher Erinnerung.

    Nun greift nur noch die Zuversicht
    nach dem verwitterten Schweigen,
    das ich einst für einen Vogelruf hielt.
    Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, gestorbener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.

    Rene Char

  2. #2
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    Guten Morgen Herbstzeitlose!
    Schoene Wortwahl und interessantes Bild fuer ein so kurzes Gedicht.Ich verstehe die Verbindung mit dem Titel nicht ganz,
    Auch ohne es zu verstehen gefaellt mir dein Gedicht irgendwie,wuerde mich auf Erklaerung freuen.
    Amrei-lyrics
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  3. #3
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    Hallo Herbstzeitlose,

    Du hast ein großes Gedicht geschrieben. Vielen Dank dafür.
    Mir kommt es nicht zu, daran herum zu mäkeln, aber ich hätte zwei kleine Vorschläge:

    In der ersten Zeile würde ich "starr" durch "kalt" ersetzen.
    Am Anfang der zweiten Strophe würde ich "nur noch die" durch "nie wieder" erstzen. Zudem würde ich in der letzten Zeile das "einen" streichen. Für mich lebt das Gedicht gerade davon, dass alles Überflüssige weggelassen wird.

    Ich weiß nicht, ob ich damit den Sinn deines Gedichtes verkehre, aber ich fände gerade die zweite Strophe dadurch etwas klarer.

    Viele Grüße,

    Julius

  4. #4
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    Hallo Amrei-lyrics,
    herzlichen Dank für Deine positive Einschätzung meines Gedichtes.
    Bei kurzen Texten muß meiner Meinung nach jedes Wort eine intensive Aussage an den Leser tragen, sonst kommt der Inhalt nicht rüber. Ich persönlich schließe dabei auch die Überschrift mit ein. In diesem Fall soll durch die Überschrift deutlich werden, dass es sich um eine seelische Lähmung handelt, die auf den Körper übergreift und nicht um eine Starre, die durch Kälteeinwirkung hervorgerufen wird.
    Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt?

    Liebe Grüße
    Herbstzeitlose


    Hallo Julius,
    auch Dir ein dickes Dankeschön für Deinen netten Kommentar und die Veränderungsvorschläge, die ich keineswegs als "Rummäkeln" auffasse, sondern als konstruktive Auseinandersetzung mit meinem Gedicht.
    Den Begriff "starr" möchte ich nicht durch "kalt" ersetzen. Die Erklärung findest Du in meiner Antwort bei Amrei-lyrics.
    Bei Deinem zweiten Vorschlag würde sich tatsächlich meine Aussage ändern. Die Zuversicht greift einen alten Zustand auf, um dem einst darin verborgenen positiven Inhalt erneut die Möglichkeit zum Erwachen zu geben. Oder habe ich da zu kompliziert gedacht?
    Und bitte, nicht enttäuscht sein, Julius, auch mit Deinem dritten Änderungsvorschlag kann ich mich nicht anfreunden, sonst klingt für mich die letzte Zeile zu "abgehackt".
    Aber ich möchte Dir versichern, dass ich sehr erfreut über Deine intensive Auseinandersetzung mit meinem Gedicht bin und erneut erstaunt darüber, wie viele Interpretationsmöglichkeiten ein kleiner Text doch beinhaltet.

    Lieben Gruß
    Herbstzeitlose

    Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, gestorbener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.

    Rene Char

  5. #5
    Shadow ist offline koffeinhaltiger Techniker
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    hallo hzl,

    ein sehr schönes, gelungenes gedicht. ich bin jetzt eine zeitlang davor gesessen und habe es einfach immer wieder gelesen, es gefällt mir und fesselt mich sehr.

    ich würde in s1z3 "bitterwach" durch etwas ersetzen, das die gegenwärtigkeit der erinnerungen hervorhebt. dieses wort war das einzige, an dem ich mich in dem ganzen gedicht irgendwie gestoßen habe... vielleicht "bitterpräsent"? dann hast du mit 6-8-10 auch eine gleichmäßige verlängerung der silbenanzahl, was die erstarrung und damit einhergehende verlangsamung auch so widerspiegelt.

    die letzte strophe weckt ein bild von verweifelter - eigentlich hoffnungsloser - hoffnung in mir...

    wirklich gelungen
    "if you don't learn from history, then you are an idiot by definition."
    -- vasim yasinovski

  6. #6
    apple Guest
    Hallo Herbstzeitlose,

    ich reihe mich in den Lobesreigen ein, jedoch ohne irgendeine Verbessung anzubieten, sondern versuche mich in einer Interpretation, da es mir das Stück unheimlich angetan hat.

    Meine Finger sind starr.
    Sie haben dich losgelassen
    aus bitterwacher Erinnerung.


    Hierzu hast Du schon eine Ausführung gemacht, die ich jedoch aufgrund des Titels auch angestrebt hätte: ob der entgegengebrachten Kälte sind die Finger erstarrt, scheinbar im letzten Ergreifen sind sie und gleichsam der Moment eingefroren, eingefroren wie sich Erinnerung in ihrer Archivierung darstellt. "bitterwach" trifft es hier für mich auf den Punkt. Das Erkennen der Situation ist von bitterer Natur, aber es ist ebenso ein Augenblick des Erwachens aus einem Traum, den man hegte.

    Interessant finde ich an dieser Strophe, daß beide Sätze mit einem Punkt ihren Abschluß finden, was die Endgültigkeit zu untermalen imstande ist.

    Nun greift nur noch die Zuversicht
    nach dem verwitterten Schweigen,
    das ich einst für einen Vogelruf hielt.


    Nur noch die Zuversicht ist hier fähig, nach etwas zu greifen, jedoch ist es nicht das lyr. Du. Diese Ebene haben wir bereits verlassen. Lediglich greifbar ist "verwittertes Schweigen", ein Schweigen, das ebenso den Erinnerungen zuzuschreiben ist und in ihnen mit der Zeit verfällt, verwittert. Es umschreibt in Kombination mit der greifenden Zuversicht die Leere, die nunmehr existiert - das lyr. Du ist weder greifbar noch hörbar, mit beiden Händen faßt man folglich ins Leere und entsinnt sich der Zeiten, in denen man des andern Wort noch vernahm und es positiven Charakter inne hatte, wie es Vogelstimmen vermögen. Hier ist eine deutliche Verwebung mit dem "bitterwach" der ersten Strophe zu finden. Beide Beschreibungen bedienen sich eines morgentlichen Bildes.

    Bemerkenswert finde ich zudem die Verknüpfung der Zeilen und Strophen in sich, die ich zu erkennen glaube:

    Strophe 1, Zeile 1 / Zeile 2: Finger / loslassen
    Strophe 1, Zeile 3 / Strophe 2, Zeile 1: Erinnerung / Zuversicht
    Strophe 2, Zeile 2 / Zeile 3: Schweigen / Vogelstimmen
    Strophe 1, Zeile 1 / Strophe 2, Zeile 1: Finger / greift
    Strophe 1, Zeile 2 / Strophe 2, Zeile 2: loslassen / schweigen
    Strophe 1, Zeile 3 / Strophe 2, Zeile 3: bitterwach / Vogelstimmen


    Insgesamt: ich bin beeindruckt, wirklich.

    Äußerst gerne gelesen

    Liebe Grüße
    apple

  7. #7
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    Hallo,

    @shadow: Ich finde das "bitterwach" einfach wunderbar und so schön poetisch, es beinhaltet doch genau die Gegenwärtigkeit der Erinnerungen – und noch viel mehr. "bitterpräsent" – bitte(r) nicht! Dadurch gehen einige Dimensionen verloren und es reduziert sich einfach auf "bittere" Erinnerungen, die noch präsent sind.

    @apple: Ich will hier nicht eine Metakritik starten, aber ich wollte doch kurz sagen, dass ich deine gute Auseinandersetzung mit dem Werk sehr gern gelesen habe. Es ist immer interessant zu sehen, wie andere ein Gedicht interpretieren.

    @herbstzeitlose

    Sehr schöne, assoziationsträchtige Zeilen. Gefällt mir wirklich sehr, sehr gut.

    Das Werk lebt von der Achse „starre Finger“ – „loslassen“ – „greifen“ und von den dichten Bildern "bitterwache Erinnerung", "verwittertes Schweigen"

    Obwohl Apple einige meiner Gedankengänge beschrieb, werde ich soch noch kurz transparent machen, wie ich mir das Werk einverleibt habe:

    Meine Finger sind starr.
    Sie haben dich losgelassen
    aus bitterwacher Erinnerung

    Aus bitterwacher Erinnerung sind die Finger starr geworden und haben „dich“ losgelassen. Kann schon sein, dass hier ein lyrisches Du (eine konkrete Person) im Spiel ist, aber es muss nicht mal unbedingt. Ich kann mit dem „dich“ auch ganz andere Motive verbinden, welche losgelassen werden (Lebensmut, ein konkretes Lebensziel, Optimismus, Energie etc). Ich lese es wie eine Beschreibug einer Apathie oder einer Depression, oder ein psychisches Loch halt einfach.
    Nur der Titel weist auf konkrete, körperliche Auswirkungen hin, d.h. die starren Finger kann man offensichtlich wörtlich nehmen. Also psychische Gründe für körperliche Lähmungserscheinungen – das gibt’s ja.

    Nun greift nur noch die Zuversicht
    nach dem verwitterten Schweigen,
    das ich einst für einen Vogelruf hielt.

    Hier finde ich zugegebenermassen dann doch auch, dass ein personales lyr. Du (entsprechend den Ausführungen von Apple oben) Sinn macht. Zunächst verband ich eine Beziehung damit, welche durch das lyr. Ich zunächst als sehr stimmig und schön erlebt wurde (für einen Vogelruf hielt), dass aber dann die Stimmung durch die Zeit einen Verwitterungsprozess durchmachte und sich Schweigen einstellte. Dies habe ich aber schliesslich doch verworfen, denn gerade das verwitterte Schweigen war es ja, das für einen Vogelruf gehalten wurde und nicht das Vorangegangene. Zudem war grad so schön dran, hier mal keine Beziehungskiste zu sehen.

    Also habe ich mir das Werk (entsprechend meinen vorgegebenen Assoziationsbahnen von Strophe 1) komplett Gefühlsmässig einverleibt d.h. es geht nur um die Stimmung und die Psyche und ihre körperlichen Auswirkungen auf das lyr. Ich.
    Ich fühle „das verwitterte Schweigen“ z.B. so: Ruhe und Stille, die Abkapselung und das „in sich gehen“, sich abschotten wurde durch das lyr. Ich zunächst für einen Vogelruf gehalten, für einen Ruf der Selbstfindung. Doch dies ist durch die Zeit verwittert. Nicht Selbstfindung, sondern psychische Selbstzerstörung hat eingesetzt. Nun sehnt sich das lyr. ich nach diesem ruhigen Hort zurück.

    Sehr gern gelesen und freundlichen Gruss

    Andvari

  8. #8
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    Bitte entschuldigt, dass ich so lange auf eine Antwort warten lies. Aber die Zeit war mal wieder ein großer Streßfaktor.

    @Shadow: Danke für die Auseinandersetzung mit meinem Gedicht und Deine positive Einschätzung. Zu Deinem Verbesserungsvorschlag möchte ich anmerken, dass mir der Begriff "bitterpräsent" zu nüchtern klingt für eine emotional stark geprägte Aussage wie ich sie hier verwendet habe, zumal ich das "wach" eingesetzt habe, um auf die gegenwärtigen Erinnerungen hinzuweisen.

    @apple: Ich habe mich sehr über Deine Worte gefreut und bedanke mich für die umfangreiche Arbeit, die Du Dir mit meinem Text gemacht hast.
    Ich finde es immer wieder spannend, zu erfahren, wie unterschiedlich oftmals die Interpretationsansätze der Leser sind. Und eigentlich möchte ich gar nicht groß in sie eingreifen oder sie gar richtigstellen und dadurch das bereits geprägte Bild verändern. Schließlich hat jeder Leser ein Recht auf seine individuellen Eindrücke, die beim Verinnerlichen eines Textes in ihm entstehen und sich zu einem ganz persönlichen Erlebnis verweben.
    Satzzeichen, das hast Du richtig erkannt, setze ich gerne zur Verstärkung des Inhalts ein. Besonders bei kurzen Texten ist das ein gutes Hilfsmittel.
    Die Verknüpfung der Zeilen und Strophen war nötig, um bei der Kürze des Textes ohne Wortwiederholungen den Inhalt so zu vernetzen, das er homogen wurde.
    Es bleibt mir nur noch zu bemerken, liebe apple, dass ich Deinen Kommentar ebenfalls äußerst gerne gelesen habe.

    @Andvari: Deine Interpretation erweist sich sehr aussagekräftig in verschiedene Richtungen und ich freue mich, dass Du so unterschiedliche Motive erkennst. Mir ist es ein Anliegen, dass ein Gedicht vieldeutig ist. D.h. je nach Stimmungslage des Lesers in einem anderen Licht erscheint und somit ständig einen Wandel erfährt. Es ist mir wichtig, gelingt aber nicht immer, jeden Leser in seiner ganz persönlichen Gefühlslage zu erreichen und zu einem, nur ihm eigenen Erleben, zu veranlassen.
    Auch Dein Beitrag war mir ein großes Lesevergnügen.

    Euch allen ein herzliches Dankeschön für Eure Mühen.

    Einen lieben Gruß
    Herbstzeitlose
    Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, gestorbener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.

    Rene Char

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