Thema: wut

  1. #1
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    "Despite of my rage I'm still just a rat in a cage"

    Peter lebte in Oberhausen. Leider war es da nicht besonders schön, so musste er sich das Leben nehmen.
    Wenn man im Nachhinein die Stationen seines Daseins analysiert und sein zugegebenermassen nicht überraschendes Ableben in einen systematischen familiären und gesellschaftlichen Zusammenhang stellt, fällt einem als erstes auf, dass Peter immer mittwochs früh nach Hause kam und sich dort mit (gespielter) Hingabe seiner Frau widmete. Vergessen wir die Kinder bloss nicht. Er schlug sie nicht, dafür ging er mit ihnen an sonnigen Sommertagen in den Tiergarten oder ins Freibad - auch eine Art von Züchtigung. Seine Frau arbeitete als Sekretärin in einem Betrieb, der für die maschinelle Fertigung von Zahnrädern zuständig war. Sie verdiente nicht schlecht, besser sogar als Peter, was ihn wütend machte. Überhaupt war er oft wütend. Seine Kinder schauten immer doof aus der Wäsche und belästigten ihn mit ihrem langweiligen Geschwätz. Hatte er denn wissen können, das die kleinen Bastarde so lästig sind. Dazu trugen sie seine Gesichtszüge, was ihn ärgerte.
    Seine Frau, Petera, holte das Öl für die Fritöse nie pünktlich, sie schnitt das Fleisch in zu grosse Stücke, kaufte falsche Milch, putzte nie gründlich in allen Ecken. Mann, dieses Miststück konnte einfach NICHTS richtig machen. Darüber hinaus war sie hässlich. Am liebsten hätte er sie windelweich geschlagen, aber er traute sich nicht. Er frass die ganze Wut in sich hinein und gab sich nach aussen hin völlig entspannt und gut gelaunt. Manchmal, wenn es Vollmond war oder im Herbst die ersten Blätter auf die leeren Quartierstrassen fielen, dachte er an seinen Computer und ans Internet. Ja, dann schlüpfte er durch den Bildschirm und schlief in den unendlichen Weiten der Glasfaserkabel zufrieden und traumlos bis es morgen wurde und er wieder zur Arbeit musste.
    Als er seinen Sohn, Pete, der mittlerweile auch schon 9 Jahre alt war zum Tennis-Club fuhr, sagte er:
    "Du musst besser sein in der Schule."
    "Aber Papi, du weisst doch, dass ich mir Mühe gebe."
    "Ja."
    Dann war es soweit: er war beim Clublokal angekommen. Während Pete aus dem Auto stieg, - tapsig sah er aus mit seiner grossen Sporttasche - sagte sein Vater:
    "Ich wünsche dir ein gutes Spiel und hoffe, dass du gewinnst."
    Dabei wusste er ganz genau, dass sein Sohn eine Null im Tennis war. Er hatte ja selbst gesehen, wie er vor kurzem von einem 7-Jährigen Loser locker besiegt worden war. Sein Sohn taugte nichts, so viel stand fest. "Wahrscheinlich hat er die Gene von Petera geerbt" dachte Peter.
    Er fuhr nach Hause zurück und auf halbem Weg kam ein Anruf von seiner Frau. Dass er ihr doch bitte noch einen Salat und ein bisschen Rahm im Supermarkt holen könne. Klar doch.
    Dann beschleunigte er auf 100 Sachen und fuhr in den alleinstehenden Baum am Strassenrand. Seine Wut war verflogen, wie er da säuberlich gefaltet im Innern seines zerquetschten Polos seine letzten Atemzüge machte.
    [Geändert durch wasfüreingefühl am 23-07-2005 um 17:34]
    donnerstag - nie wieder
    fernsehzimmer

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    Malgré soi, on est de son siècle. Auguste Comte

  2. #2
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    hi dasG

    vielen dank für dein lob. deine interpretation oder auffassung der geschichte deckt sich mit meiner und auch dein sprichwort passt sehr gut dazu.
    ja, die namen sind bewusst gewählt, da eben auch petera und der kleine pete durchaus mit peter zu vergleichen sind. beide leben auf die selbe art und weise wie peter, indem sie die fassade der gutbürgerlichen familie aufrechterhalten und gute miene zum bösen spiel machen. auch sie hätten wohl viel an peter auszusetzen, bloss ist die geschichte nicht aus ihrer sicht erzählt - und so halten sie den mund.

    ja, es ist wohl wichtig, dass es gewisse möglichkeiten gibt seine wut rauszulassen. und die meisten menschen tun dies auch, indem sie sport treiben, musik machen oder sich der liebe hingeben. bloss gibt es immer wieder ausnahmefälle wie peter und seine familie. und dann kann es durchaus vorkommen, dass diese leute eines tages ihrer ganzen aufgestauten wut freien lauf lassen und es zur tragödie kommt - natürlich ohne das man etwas geahnt hätte.

    mfg
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  3. #3
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    Hallo,

    habe deine Geschichte gelesen und sitze nun mit leicht gemischten Gefühlen vor meinem Computer.

    Einerseits finde die Perspektive und das Thema sehr gelungen.

    Andererseits ist mir alles ein wenig zu offensichtlich.
    Alles liegt sonnenklar auf der Hand, alles logisch. Vielleicht hättest du den Text ein bisschen ausbauen sollen und die ideale Fassade zeigen sollen, in die sich dann immer wieder Risse einschleichen, bis sich am Ende mosaikartig alles in dem Moment zusammenfügt, als Peter aufs Gas drückt. Wäre ein anderer Ansatz, will aber nicht sagen, dass der unbedingt besser ist. Ist halt nur meine bescheidene Meinung.

    Ach noch was: "Despite of my rage ..." - Smashing Pumpkins, Bullets with Butterfly Wings, gell?

    Kürbisgroße Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
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