1. #1
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    Als das Gewitter anfing, war sie schon zu weit gegangen um noch umzukehren. Zumindest redete sie sich das ein. In Wahrheit spürte sie ein deutliches Gefühl der Erleichterung, als der Donner zu grollen begann und sobald die ersten Blitze zuckten durchfuhr es ihren Körper wie ein Stromschlag, verbunden mit dem Wunsch getroffen zu werden. Der Nieselregen setzte ein, sie wandte ihren Blick vom verdunkelten Himmel ab und lief weiter die enge, menschenleere Straße entlang. Sie liebte den würzigen Geruch der in der Luft hing und atmete bei jedem Schritt tief ein. Gehen und atmen - nur gehen und atmen. Als sie die Wiese erreichte ließ sie sich erschöpft ins hohe Gras sinken. Der Regen wurde heftiger und prasselte auf ihren Körper nieder, der wie leblos dalag und hilflos wirkte, wie ein Embryo außerhalb des Mutterlaibs, wie ein verlassenes Kitz, das zu schwach war um Schutz zu suchen. Weil es vielleicht auch jegliche Hoffnung auf Schutz verloren hatte.
    Ihre Gedanken wirbelten wie aufgewühlter Staub durcheinander, während ihr Blick fest auf die schwarze Wolkendecke gerichtet war. Es war verrückt, sie war verrückt. Doch manchmal gab es keinen anderen Ausweg, als ein bisschen verrückt zu werden.
    Die harten Tropfen schmerzten auf ihrer empfindlichen Haut, doch sie wehrte sich nicht. Vielleicht war es gerade dieser Schmerz, der sie am Leben hielt, ihr das Gefühl der Lebendigkeit vermittelte. Sie spürte es, sie spürte sich, obwohl es ihr oft schwer fiel überhaupt etwas zu spüren. Der Gedankenstaub legte sich langsam und fügte sich zu einem klaren Bild zusammen. Panisch presste sie die Lider nach unten und ihre Finger bohrten sich in die nasse Erde. Sie wollte es nicht sehen, sie wollte nichts mehr sehen. Nie wieder.
    Mit dem Bild kamen die Gefühle und Erinnerungen, wie eine schäumende Welle, die alles unter sich begrub und keinen Platz für weitere Empfindungen ließ. Ihr Griff lockerte sich auf einmal und sie gab auf, sich gegen die Flut zu wehren. Sie war schon viel zu stark.
    Ihre ganzen Wahrnehmungen fixierten sich plötzlich auf Friedhof. Steinerne Gräber, die dicht beieinander lagen und jedes für sich eine Atmosphäre der Endgültigkeit ausstrahlten. Der Tod kroch hinter ihnen hervor und zog mit seinen lauernden Augen und beängstigendem Flüstern die gesamte Umgebung in die Dunkelheit hinab. Auf einem Friedhof ist kein Lachen zu hören, kein Glück zu sehen. Man würde meinen, dass die Begraben etwas Besseres verdient hatten als so viele Tränen und Trauer. Wenigstens ein kleines Lächeln hätte man ihnen gönnen können.
    Der Regen prasselte noch immer und die Blitze zuckten in schneller Aufeinanderfolge. Sie schlug die Augen auf und versuchte den Friedhof aus ihren Erinnerungen zu verbannen. Sie wollte nicht an Friedhof denken. Denn der Friedhof war alles andere als friedlich für sie.
    An jenem Tag hatte sie viel zu viel Zeit dort verbracht. Sie hatte gar nicht hingehen wollen, aber vielleicht hätte sie sich sonst ein Leben lang schuldig gefühlt. Ihre Augen waren auf das Gras gerichtet, das an diesen Novembernachmittag mit Frost überzogen war. Eingefroren. Die Welt war eingefroren, als hätte jemand die Zeit angehalten. Nur zu spät. Jetzt hielt sie still und in dem Moment, wenn man sie gebraucht hätte, war sie vorbei gezogen wie ein D-Zug. Die Kleidung der Leute war schwarz und die Gesichter ausdruckslos. Sie wirkten wie ein Klumpen und irgendwie nicht sehr lebendig. Daniel hätte sie verachtet. Sein Leben lang hatte er von genau diesen Leuten nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie jetzt, als er in einem Holzkasten lag, der tief unter der Erde vergraben werden würde. Dort wo ihn niemand sieht, wo er möglichst schnell vergessen werden konnte. Denn sie wollten vergessen, das bemerkte man trotz ihrer erzwungenen Ausdruckslosigkeit. Die Zeremonie war kurz und die Blumen auf dem unpersönlichen Sarg waren so wenige, dass sie verloren aussahen. Blumen. Sie hatte keine mitgebracht. Es sollte nicht so sein, das war alles ganz falsch, das war nicht Daniel. Er hatte verbrannt werden wollen. Wie viele unzählige Stunden hatte sie in ihrem Zimmer verbracht und er hatte ihr von seinem Traum erzählt. Wenn er starb, sagte er mit abwesender Stimme, wolle er keinen Stein auf einem Friedhof, wo der Tod zu Hause war und gefürchtet wurde. Der Tod war Freiheit, er war Erlösung. Er wolle verbrannt werden, bis nur noch Asche übrig war, bis er kein sichtbarer Bestandteil dieser Welt mehr war. Einfach weg und keine Überbleibsel, die beweint werden konnten. „Wo soll die Asche hin?“ hatte sie ihn mit naiver Stimme gefragt, ihr war nicht bewusst gewesen, dass er wirklich über seinen Tod sprach. Sie hatte es als ferne Theorie angesehen, eine sinnlose Fantasie. „Die Asche soll ins Meer“ hatte er geantwortet und ein Lächeln hatte seine blassen Lippen umspielt. Sie hatte ein bisschen gelacht. „Vielleicht werden wir ja zusammen verbrannt“, doch er hatte nichts geantwortet sondern in die Leere gestarrt. Sie hätte sein Schweigen deuten sollen. Vielleicht hätte sie es verhindern können, irgendwie.
    Als der Sarg unter der Erde verschwunden war, löste sich die Ansammlung langsam auf. Leute strömten auseinander und auf ihre Autos zu. Manche schüttelten bedauernd den Kopf oder tupften mit einem Papiertaschentuch an ihren nicht vorhandenen Tränen herum. Oberfläche. Wie Plastikfigürchen. Sie sah ihnen nach und trat schließlich vorsichtig an das frische Grab heran. Sein Name war in Stein gemeißelt, die Erde aufgewühlt, die Blumen dufteten. Sie fröstelte und zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn. „Tut mir Leid, Daniel“ flüsterte sie, doch ihre Worte verloren sich im Novemberwind. Wie in Trance sank sie langsam im feuchten Gras auf die Knie. Die Empfindungen begannen zu weichen, und die Taubheit nahm von ihrem Körper Besitz. Tränen wären in diesem Augenblick befreiend gewesen, aber alles was sie fühlte war eine Schwindel erregende Leere, eine unsichtbare Macht, die die Gefühle aus ihr heraus saugte und sie als Hülle zurückließ, ein empfindungsloses Häufchen Elend auf einer viel zu großen Welt. Schließlich begann es zu regnen, doch sie blieb liegen, verloren. Er war nicht mehr da, und sie war alleine. Doch er war schon immer alleine gewesen, und sie hatte es nicht gemerkt. Bis er sich selbst befreit hatte – weil sie ihn nicht befreien hatte können. Der Regen tropfte.
    Und jetzt, im darauf folgenden Sommer tropfte er schon wieder, doch erfasst hatte sie es immer noch nicht. Es regnet, Daniel. Siehst du, wie es regnet? Wenn du hier wärst, würdest du mich an der Hand nehmen und wir würden versuchen, die Tropfen zu zählen. Doch es sind zu viele, Daniel. Vielleicht würde ich meine Zunge herausstrecken und sie auffangen, weil ich eben doch irgendwo noch ein kleines Kind bin, und du würdest neckend über mich lachen. Aber all diese Jahre lang, Daniel, war dein Lachen echt?
    Das Gewitter hörte nicht auf, es war eines dieser endlosen, die einem das Gefühl verleihen, dass der Himmel nie wieder verstummen würde. Bring mich um, bitte, bitte, bring mich um. Bring mich um und bring mich gleich danach zu Daniel. Ich habe noch so viele Fragen an ihn. Ihr ganzer Körper bis hin zu den Fingerspitzen wurde von einer prickelnden Gänsehaut überzogen. Wo bist du jetzt, Daniel? Sind die Knochen unter der Erde wirklich der einzige Rest von dir?

    Wie aus der Überschrift hervorgeht, die Geschichte ist noch nicht zu Ende... wobei ich im Moment am Überlegen bin, ob ich sie überhaupt weiterschreiben soll
    Freue mich über Anregungen ^^

    Lg
    Lea
    Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Und der Arme sagte bleich:"Wär ich nicht arm wärst du nicht reich!"

  2. #2
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    Hallo leasternchen!

    Auch wenn es Dir gelingt, die Szenerie ansprechend zu beschreiben, die Thematik wurde leider schon allzu oft behandelt. So fällt Dein text auch nicht weiter neben all den anderen auf. Dir bleibt da eigentlich nur, die Geschichte fortzusetzen und neue, seltener betrachtete Gesichtspunkte einzubringen oder den vorliegenden ersten Teil soweit zu überarbeiten, daß er entweder durch Stil oder Inhalt hervorsticht.

    Wie gesagt, das Erzählerische ist nicht zu bemängeln (aber schau noch mal nach Rechtschreibung etc.), aber der text an sich wird kaum im Gedächtnis haften bleiben, so wie er jetzt dasteht.


    alles liebe
    gott

  3. #3
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    Danke für deine Antwort

    Werde daran arbeiten!
    Aber sag mir, wo ist ein Rechtschreibfehler? Ich verklage mein Wordprogramm und meinen Deutschlehrer
    Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an. Und der Arme sagte bleich:"Wär ich nicht arm wärst du nicht reich!"

  4. #4
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    Hallo leasternchen!

    Es sind ein paar kleinere Fehler drin, Du hast zuweilen Wörten vergessen oder Wortendungen, aber ich mag jetzt nicht den ganzen Text durchklauben. Was mir allerdings in Erinnerung geblieben ist, war der Mutterlaib. Da müßte schon ein e rein, sonst sprichst Du vom Brot

    alles liebe
    gott

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