Thema: Abgelenkt

  1. #1
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    Abgelenkt



    Seltsam, wie immer wieder die Gedanken abdriften, sagte er sich, als er - der Tageszeit und der Umgebung zum Trotz - seinen Blick und die Träume nicht von der grünen Thermoskanne lösen konnte. Er hatte sich gerade gewaltsam wieder in die Unterhaltung, die neben ihm herplätscherte, zurückgerufen; hatte die letzten Stichworte, die nebenher eingedrungen waren, noch einmal bewusst nach-denken müssen, um wieder im Thema zu sein.

    Grün war sie, diese Kanne, jadegrünes transparentes Plastik ließ den silbernen Kolben durchschimmern. Eine seltsame Farbe für eine Thermoskanne, aber passend zum lindgrünen und rauchblauen Keramikgeschirr auf dem Tisch. Die Reflexionen der beiden Anderen und des hellen Fensters und der Lampe über dem Tisch, die sich im Grün fanden, drohten seine Gedanken erneut in einen Strudel zu ziehen. Er lenkte sich ab, indem er sich die Frage stellte, warum zum Teufel um diese Uhrzeit eigentlich das Licht eingeschaltet sein müsse.

    Er wollte nicht zurückkehren in den Wirbel der Vergangenheit, der ihn gerade noch in seine Jugend zurückgetragen hatte; nicht wieder an die verschleierten jadegrünen Augen denken, bitte nicht die sanft gebogenen Wimpernkränze langsam für ihn schlagen sehen. Er wollte nicht zurückdenken, an den Grund, aus dem sie das braun gesprenkelte Jadegrün verhüllt hatten, Minuten vorher… damals. Schmerzhaft hatte sich bei der Erinnerung sein Magen zusammengezogen und seinen Unterleib hatte er fast gleichzeitig sehr bewusst gespürt. Verdammte Erinnerung an diese wunderbaren Momente. Verdammte Erinnerung an die Lust in diesen grün verhangenen Augen, Lust am Sich-Gehen-Lassen, … damals. Nicht wieder, bitte!

    Die Frage, wer denn nun eigentlich das Licht angemacht hatte, beschäftigte ihn weiter, fast zwanghaft, und er kam zu dem Schluss, dass es natürlich Ellen gewesen war. Ellen, die ihren hochglänzenden Designer-Esstisch mit der nachtblauen Glasvase im rechten Licht sehen musste. Die weiße Lilie darin erstrahlte wie Plastik im Kunstlicht, an einer Seite zart rosé schimmernd, von dem Widerspiel der Äpfel in ihrer silbernen, eckigen Obstschale. Ein wunderschöner Anblick. Wie ein Stillleben. Eine Inszenierung des Tisches, alles planvoll gestaltet und ästhetisch, genauso, wie Ellen selbst.

    Er hörte ihre Stimme, die sorgsam modulierend die Planung des Geburtstages hervorbrachte. Keine Betonung saß an falscher Stelle, kein Fleckchen zierte den weißen Tisch, alles perfekt ausgeleuchtet, keine Geste unterstrich das falsche Wort. Keine Strähne ihres schwarzen Haares wurde unbedacht zurückgestrichen, sollte sie sich aus der Position wagen. Eine gelungene Gesamtkomposition.

    Er war wieder ganz hier. Die Erinnerung an das Erinnerte merkte er nur noch im Hintergrund, sie ließ seine Gedanken sich leicht anfühlen, und seinen Magen schwer. Er stimmte Ellen zu, was den Samstagabend anging, bestätigte mechanisch, dass der Partyservice seines Chefs sicher die beste Wahl sei und blickte dann fragend auf seine Tochter. Auch Kirstin nickte und signalisierte ihr Einverständnis mit den Planungen.

    Es würde Kirstins Fest sein, es sollte ihr Fest sein; doch Ellen hatte es in die Hand genommen. Noch konnte sie es. Denn noch ließ Kirstin sie gewähren, noch hatte sie nicht die ganze Entwicklung durchschritten, auf dem Weg zum Ebenbild ihrer Mutter.

    Kirstin suchte seinen Blick. Und sanft schaute er zurück in diese jadegrünen Augen mit den braunen Sprenkeln.




  2. #2
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    Hallo therzi!

    Was Du hier machst, ist sehr heikel. Denn ein unaufmerksamer Leser könnte leicht einen kleinen Nebensatz überlesen, den vom "in die Jugend zurück gehen" und das Ende und somit die ganze Geschichte falschverstehen. Denn dann könnte er/sie vermuten, Objekt der vergangenen/erinnerten Lust sei nicht Ellen, jene perfekte und so doch auch langweilige frau, sondern Kirsten, die Tochter des Protagonisten und Ellen. Aber das nur nebenbei.
    Du entwirfst geschickt eine Atmosphäre geradezu vollkommener Harmonie, die jedoch in ihrer Vollkommenheit steril und kalt wirkt. Das "alles-hat-seinen-festen-Platz" verhindert jede Chance der Spontanität und scheinbar ist es auch genau das, wonach sich der Protagonist sehnt.
    Das Festhalten an dieser kühlen Atmosphäre um ja nicht den verlockenden erinnerungen zu erliegen gelingt Dir.

    gern gelesen,
    gott

  3. #3
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    Hallo gott,


    Danke für Dein Lesen. Ich hatte tatsächlich zunächst im Schluss-Satz die Formulierung ", die so sehr denen ihrer Mutter glichen" und dafür im Absatz davor "auf dem Weg zu Ellens Ebenbild". Ich hoffe aber, dass die Hinweise vorher dennoch nicht missverstanden werden. Die Intention ging eigentlich eher dahin, dass die Vergangenheit und die damals vorhandene Lebendigkeit und Spontaneität Ziel des Sehnens sind. Dier Erinnerung wird zu schmerzhaft und deswegen unterdrückt, da die Gegenwart aus dem perfekten Konstrukt besteht. Danke schön, noch mal,


    liebe Grüße
    Anke

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