Thema: Großstadt

  1. #1
    Registriert seit
    Mar 2005
    Beiträge
    539
    I
    Der Geruch nach kaltem Zigarettenrauch und abgestandenem Bier hätte ihn eigentlich bereits längst vertrieben haben sollen, doch er blieb weiter auf seinem Barhocker sitzen, dessen Schaumstofffüllung man durch die aufgeplatzen Nähte schon sehen konnte. Er blickte zur Barkeeperin, einer drallen Blondine Mitte Vierzig, die ihre besten Jahre nicht nur schon längst hinter sich, sondern auch anscheinend vergessen haben musste und jetzt dabei war, die Zapfhähne zu polieren. Sein Blick wanderte weiter, er sah die Glasscherben und die Bierpfütze an der Stelle, an der die Trucker vor ein paar Stunden gesessen hatten. Bevor es zu einer ernsten Prügelei gekommen war, hatte die Blonde den am ärgsten Betrunkenen von ihnen sanft herausbugsieren gekonnt, worauf sich die anderen schnell verzogen hatten, bis der Ecktisch, wie alle anderen Tische, schließlich leer stand, bis auf ein einsames Glas, an dem noch Schaumreste klebten und welches ihn daran erinnerte, dass er immer noch Durst hatte.
    "M'am, ein Bier noch, bitte."
    "Hör zu, Kleiner, du hattest schon genug."
    "Mit Verlaub, das ist Ihre Auffassung."
    "Hey, jetzt mal ernsthaft; du bist weder alt genug, um irgendwas zu trinken, noch, um zu dieser Stunde in so einer heruntergekommenen Absteige deine Zeit zu verschwenden, du siehst aus, als müsstest du morgen zur Schule und du hörst dich auch genauso an."
    "M'am, hätte ich Lust, mir Moralpredigten anzuhören, würde ich morgen vielleicht echt zur Schule gehen."
    Sie musste lächeln und ihm fiel auf, dass sie ihre besten Jahre zwar wirklich schon gehabt hatte, dass diese aber vielleicht doch noch nicht vergessen waren.
    "Okay, aber das ist nur eine Ausnahme", sagte sie und versuchte sich dabei an einem strengen Blick.
    "Danke, M'am."
    Sie schmiss mit gespielter Unfreundlichkeit einen Untersetzer vor ihn, der für eine andere Sorte Bier warb als der Aufdruck auf dem Glas, in dem sich wahrscheinlich wiederrum eine ganz andere Sorte befand, was ihm aber reichlich gleichgültig war.
    "Und ich will das Geld sofort haben!", als hätte er seine vorherigen Drinks nicht alle zu ihrer Überraschung ohne Umschweife bezahlt, jeden mit einem reichlichen Trinkgeld.
    "Natürlich, M'am."
    "Und hör auf, mich M'am zu nennen. Ich bin nicht deine Lehrerin."
    "Wer weiß."
    "Wie?", fragte sie gedankenlos, als sie die Scheine in ihre Bauchtasche stopfte, mehr, als es hätten sein müssen.
    "Ich sagte, wer weiß."
    "Uh?"
    "Ich meine - warum sagten Sie, dies hier sei eine heruntergekommene Absteige? Sie arbeiten hier doch - sind Sie denn nicht glücklich mit Ihrer Arbeit?"
    "Hm. Naja", zögerte sie. "Ich frage mich manchmal, ob ich schon unglücklich war, als ich hier anfing, oder ob ich erst hier anfing und, du weißt schon...", antwortete sie, tief in Gedanken versunken und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf, wie um all diese Gedanken von sich abzuschütteln und ging dazu über, mit einem Lappen die Theke zu wischen, die Bierpfützen des vergangenen Tages zu entfernen, um für neue Platz zu machen.
    "M'am, haben Sie manchmal das Gefühl, dass sich alle Tage wiederholen?"
    Sie blickte überrascht und ein wenig ärgerlich auf, ärgerlich wohl darüber, dass er sie erneut dazu brachte, nachzudenken.
    "Naja, klar, ich meine, ich stehe auf um die gleiche Zeit, gehe zur gleichen Zeit zur Arbeit..."
    "Das meine ich nicht."
    "So. Was denn dann?"
    "Ich meine - denken Sie nicht manchmal, dass es kein Gefühl gibt in diesem Leben, welches Sie nicht schon einmal gehabt hätten, nicht irgendeine Sorte Mensch, die Sie nicht schonmal getroffen hätten?"
    "Vielleicht. Ja, kann sein. Aber was hat das damit zu tun, dass alle Tage gleich sind?"
    "Nunja, sehen Sie, wenn Ihnen nichts neu ist, kann dann noch irgend etwas für Sie aufregend sein, kann Sie - noch mit einer gewissen Art Erregung füllen für das Leben?"
    "Hör zu, Kleiner, Plato, oder wie auch immer - es ist nach vier, ich bin müde, der Laden müsste schon längst geschlossen sein und ehrlich gesagt erregt es mich ziemlich, dass du hier immer noch rumhängst. Geh nach Hause zu deinen Eltern, okay?", antwortete sie, mehr sanftmütig als wirklich gereizt.
    "Bitte beantworten Sie doch meine Frage!"
    "Okay, wenn du dann verschwindest."
    "Sicher, M'am."
    "Nein, es gibt hier nichts mehr, was mich irgendwie noch überrascht oder sonst irgendwas. Mein Leben ist grau. Und ehrlich, ich würde mir wünschen, ich könnte mich für immer dazu zwingen, nicht dran zu denken. Aber manchmal geschieht es doch. Ist das das, was du hören wolltest von einer abgetakelten Barkeeperin? Du hast es gehört, jetzt geh."
    All ihre Freundlichkeit war plötzlich weggewischt, ohne Grund, wie es schien.
    "Sorry, M'am, es ist nicht so, als ob ich - naja, irgendwie Vorurteile hätte oder so, aber ich hab mich halt gefragt."
    "Ja. Hau jetzt ab", antwortete sie kalt.
    Er nickte stumm und stand auf, um die Bar zu verlassen und in die finsteren Schatten dieser Großstadt zu tauchen, die trotz der vielen Menschen, die in ihr wohnten, viel zu leer wirkte.


    II
    In einer Seitenstraße blieb er stehen, gut versteckt im Schatten zündete er sich eine Zigarette an und beobachtete, wie die Barkeeperin den Laden verließ, ihn abschloß, kurz den Kopf gegen die Tür lehnte, eine Geste der Erschöpfung, aus der er nicht lesen konnte, ob sie körperlich oder geistig bedingt war, als ihm plötzlich jemand eine Hand auf die Schulter legte. Er erschrak, wurde sich zum ersten Mal klar, in welchem Viertel er eigentlich war und wollte sich schon mit dem Ellbogen zur Wehr setzen, als er bemerkte, wie sanft die Hand war, die sich auf seine Schulter gelegt hatte.
    Überrascht drehte er sich um.
    "Was machst du hier?", fragte das Mädchen, welches hinter ihm stand.
    Er kannte sie, sie ging auf seine Schule, eine Klasse über ihm, wenn er sich recht entsann. Im Schatten konnte er sie fast gar nicht richtig sehen und er wunderte sich, wie es ihr gelungen war, ihn in dieser Finsternis zu erkennen, doch war er mehr überrascht, sie überhaupt hier anzutreffen.
    "Das Gleiche könnte ich dich fragen, weißt du."
    "Ja. Aber denkst du, zuhause wäre es besser?", fragte sie und er hörte das Lächeln und das Blitzen in ihren Augen, von denen er sich erinnerte, dass sie braun waren, mehr, als das er es sah.
    "Auch wahr."
    "Hast du mal eine Zigarette für mich?"
    "Du rauchst?"
    "Ja. Gelegenheitsraucherin, sozusagen."
    "Oh, klar."
    Er griff in seine Hemdtasche, nur um feststellen zu müssen, dass er keine Zigaretten mehr hatte.
    "Sorry, das hier ist die Letzte."
    Er reichte sie ihr, sie nahm sie an und als sie an ihr zog, wurde ihr Gesicht beleuchtet, diese Augen, die ihn schon immer in der Schule durchdringlich angeschaut hatten, auf ihn gerichtet.
    "Und du?"
    "Was?"
    "Was machst du hier. Um diese Zeit?" Und er konnte sie diesmal wirklich lächeln sehen.
    "Ich suche etwas", erwiderte er und kam sich im nächsten Moment vor, als sei es lächerlich, ihr so zu antworten, doch schien sie in der Tat ernsthaft interessiert.
    "Was suchst du?"
    "Naja, es ist... Also, eigentlich ist es nur eine Antwort...", druckste er herum. Er spürte wieder ihren Blick auf sich, obwohl ihr mittlerweile die schwarzen Haare ins Gesicht gerutscht waren, ihre Augen fast vollkommen verdeckend, und er drehte seinen Kopf zur Seite, denn er hatte im Gefühl, dass sie ihn erröten sehen konnte.
    "Was ist die Frage?", und ihre Stimme klang so süß wie nichts, was er jemals vorher in seinem Leben gehört hatte.
    "Ob... Hast du nicht manchmal das Gefühl, also, als ob... Als ob jeder Tag gleich wäre? Ich meine, weißt du..."
    "Ja. Ich weiß, was du meinst."
    Dann lachte sie. Lachte laut und schallend und irgendwo ein paar Stockwerke über ihnen ging ein Licht an. Er drehte sich langsam um, wollte langsam davongehen, doch sie hielt ihn am Arm.
    "Nicht so schnell. Ich weiß was du meinst, ich weiß, was du fühlst. Komm, lass mich dir das Gegenteil beweisen." Und sie zog ihn an sich und küsste ihn, so unerwartet, dass er nicht einmal die Augen schloss, nur um zu beobachten, dass zwischen den Hochhäusern, die die Skyline dieser Stadt bildeten, die Sonne aufging, hell und leuchtend.
    Nein.

  2. #2
    Plaristo ist offline Hier könnte Ihre Werbung stehen!
    Registriert seit
    Jul 2005
    Ort
    Hier
    Beiträge
    732
    Wunderbar. Zu Kurzgeschichten habe ich noch nie Kritik abgegeben (mein erstes mal ).
    Aber ich muss schon sagen das es dir gelungen ist, die Situation und den Flair des Ganzen genauestens einzufangen und wiederzugeben.
    Das Ende jedoch überraschte mich. Wobei es das einzige ist was den ganzen Text durchleuchten und einen tieferen Sinn geben könnte.

    mfg
    Plaristo

    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (F. Nietzsche)

  3. #3
    Registriert seit
    Mar 2005
    Beiträge
    539
    Danke.
    Nein.

  4. #4
    Plaristo ist offline Hier könnte Ihre Werbung stehen!
    Registriert seit
    Jul 2005
    Ort
    Hier
    Beiträge
    732
    Ha, ich entschuldige mich ja schon für kurze Kritik - aber ein einfaches "Danke" bricht alle Maßstäbe.
    Knapp, aber gut.
    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (F. Nietzsche)

  5. #5
    Registriert seit
    Mar 2005
    Beiträge
    539
    Naja - was soll ich sagen? Mich freut es sehr, dass die Story jemandem gefällt.
    Nein.

  6. #6
    Registriert seit
    Jul 2005
    Ort
    Wien
    Beiträge
    2.656
    Hallo,

    Wahnsinnsgeschichte, wirklich! Hat mir sehr, sehr gut gefallen, vor allem, da die Reise schließlich in eine andere Richtung ging, als man ursprünglich dachte.

    Zunächst einmal der erste Gedanke: Ach, irgend so eine Trucker-Kneipen-Geschichte.

    Doch gleich merkt man, dass man hier doch nicht so richtig lag und der nächste Gedanke ist dann: Die Reifeprüfung - vor allem zu Beginn von Absatz 2.

    Und dann der Schluss mit dem Mädchen, der tiefere Sinn. Wow! Bis kurz zuletzt, bis zu dem Kuss, habe ich den eigentlichen Sinn der Geschichte nicht so wirklich mitbekommen, habe immer nur Schmutziges zwischen dem altklugen Schüler und der abgetakelten Barkeeperin erwartet, aber bei dem Kuss ging dann wirklich ein Licht auf - nicht nur bei der Geschichte, sondern auch bei mir. Respekt!

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  7. #7
    Registriert seit
    Mar 2005
    Beiträge
    539
    Um - wow? Sehr, sehr vielen Dank dafür.
    Nein.

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Großstadt
    Von Silke im Forum Diverse
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 07.12.2014, 07:07
  2. Großstadt
    Von Elektra im Forum Gesellschaft
    Antworten: 22
    Letzter Beitrag: 20.08.2013, 16:47
  3. Großstadt
    Von nimmilonely im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 06.09.2011, 22:12
  4. Die Großstadt
    Von Knalltüte im Forum Gesellschaft
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 03.10.2010, 18:13
  5. Großstadt
    Von Luka-Maus im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 11.02.2007, 22:23

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden