Thema: Reise

  1. #1
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    Gleich einmal ein Hallo an die Community!

    Das ist mein erster Eintrag, mal sehen, was zurück kommt. Gleich einmal vorweg: Ans Schreiben wage ich mich erst seit kurzer Zeit, seit einem dreiviertel Jahr vielleicht. Ich habe mich immer schon gerne auf Papier ausgedrückt, aber dass ich mich privat - abseits schulischer und universitärer Verpflichtungen - selbst an den Schreibtisch gesetzt hätte um meine Gedanken in Worte zu fassen, war mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe es immer mehr mit dem Lesen anderer Gedanken gehabt. Aber seit einigen Monaten schreibe ich - nicht viel, aber immerhin. So viel also als Einleitung. Allzu Hochwertiges darf man von mir also nicht erwarten und ich erwarte mir auch nicht allzu überschwängliche Kritiken (salopp ausgedrückt). Aber ich bin für jede Kritik dankbar.

    Nun genug geschwafelt. Hier mein erstes Gedicht:


    Reise

    Welch Starrsinn springt mir ins Gesicht.
    Hast du wirklich noch geglaubt,
    ich kenne dich nicht?

    Deine Augen blitzen metallisch kalt,
    einem Eismeer gleich.
    Du weißt es, wir sind alt.

    Wie viele Äonen mögen wir unterwegs sein,
    immer zusammen,
    Hand in Hand und doch allein?

    Was uns trotz allem noch zusammenhält
    ist das Wissen, dass nirgendwo
    ein Zweiter ist auf dieser Welt.

    Im Laufe der Gezeiten lernten wir
    uns kennen.
    Du die Fremde in meinem Revier,

    ich der Eindringling in deinen Sphären,
    wenn wir doch nur sterblich wären.


    PS: Ja ja, die Metrik ...
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  2. #2
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    Manchmal lernt man jemanden kennen und weiss,man kennt ihn schon viel laenger,als es irden moeglich ist.
    Es gibt auch neuere Gedanken auf der Welt,dass nicht nur Menschenseelen hier auf Erden inkarnieren,sondern auch andere Wesen,die hier in einen menschlichen Koerper inkarniert wurden.
    Ob du das wirklich in deinem Gedicht erzaehlt,oder gemeint hast weis ich nicht,doch es hat mich an solches erinnert.
    Es erinnert mi9ch etwas an Stargate,oder aehnliches.
    Klaere mich bitte auf,was du wirklich meintest,denn es ist schoen formuliert und sehr inspirierend.
    Amrei-lyrics
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  3. #3
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    Hallo Amrei,

    vielen Dank fürs Gelese meines Geschreibsels, die positive Kritik und deine Interpretation. Habe mich sehr darüber gefreut!

    Zunächst einmal: Interpretationen sind frei, insofern ist auch deine Interpretation meines Gedichtes legitim, auch wenn nicht so von mir gedacht. Aber es ist eine von vielen möglichen Interpretationen.

    Mir war von Anfang an klar, dass man das Ganze mythologisch-theologisch aufrollen kann, aber - ganz ehrlich - an Stargate habe ich dabei nicht gedacht ... Da war ich dann doch etwas erstaunt, aber okay.

    Jetzt möchte ich dir aber gerne meine Interpretation (die, wie gesagt, eine von vielen denkbaren ist) anbieten:

    Welch Starrsinn springt mir ins Gesicht.
    Hast du wirklich noch geglaubt,
    ich kenne dich nicht?


    Es geht eindeutig um zwei Menschen in einer Beziehung. So viel ist klar ersichtlich. Starrsinn: Erster Hinweis, dass die beiden Menschen schon lange zusammen sind. Die kleinen Nicklichkeiten einer erkalteten Beziehung treten zu Tage. Deutlich wird das dann durch "Hast du wirklich noch geglaubt, ich kenne dich nicht?"

    Deine Augen blitzen metallisch kalt,
    einem Eismeer gleich.
    Du weißt es, wir sind alt.


    Deine Augen blitzen metallisch kalt: Das Feuer in ihnen ist erloschen, die Liebe ist erloschen.

    Einem Eismeer gleich: Sie sind weit, tief, unergründlich, aber kalt. Das lyrische Ich sollte den Menschen vor sich eigentlich kennen, ist er doch schon lange mit ihm zusammen, aber trotzdem kann er nicht in den Augen des Partners lesen. Das "Hast du wirklich noch geglaubt, ich kenne dich nicht" ist nicht mehr als eine kleine Nicklichkeit, eine übliche Standardfloskel in der erkalteten Beziehung, die aber durch nichts bewiesen werden kann.

    Du weißt es, wir sind alt: Die erste Stelle, bei der sich, wie man gesehen hat, interpretationsmäßig die Geister scheiden können. Ich sehe das alt als relativen Begriff an, nicht als absolut Quantifizierbar: Das lyrische Ich fühlt sich alt - zumindest in der Beziehung - und reflektiert das auf den Partner. Durch die Unterstellung, der Partner würde ebenfalls wissen, dass sich beide alt fühlen, kommt kurz das Vertraute zwischen den beiden zum Vorschein, das aufeinander eingespielt Sein in den Taten und Gewohnheiten.

    Wie viele Äonen mögen wir unterwegs sein,
    immer zusammen,
    Hand in Hand und doch allein?


    Deine Interpretation ist bei dieser Strophe klar nachzuvollziehen. Allerdings habe ich diese Zeilen wie die vorherigen auch wieder symbolisch gemeint: Äonen als unbestimmbar lange Zeit, die aus Liebe Gewohnheit und aus Gewohnheit Apathie gemacht hat, unterstrichen durch "immer zusammen, Hand in Hand und doch allein"

    Das "unterwegs" in dieser Strophe ist im Prinzip der einzige Hinweis auf die Reise, die im Titel angedeutet wird. Die Reise versteht sich hier wieder als Reise durch das Leben, die man gemeinsam tätigt. Doch nach Jahren der Gewohnheit und letztendlichen Entwöhnung voneinander muss man sich fragen, ob es eine Ende für diese Reise gibt, oder ob beide schon bereits so weit fort von "zu Hause" sind, dass Umkehr nicht mehr möglich ist?

    Was uns trotz allem noch zusammenhält
    ist das Wissen, dass nirgendwo
    ein Zweiter ist auf dieser Welt.


    Hier wieder das Motiv der Gewohnheit: Man ist schon so lange zusammen, dass man zwar die Gründe vergessen hat, warum man sich mal geliebt hat, aber andererseits kann man sich nicht mehr aus der Beziehung lösen, weil man durch die langjährige Erfahrung bereits dermaßen geprägt worden ist, dass die Aufgabe des Partners einer Selbstaufgabe gleich kommen würde.

    Im Laufe der Gezeiten lernten wir
    uns kennen.
    Du die Fremde in meinem Revier,

    ich der Eindringling in deinen Sphären,
    wenn wir doch nur sterblich wären.


    Im Laufe der Gezeiten: Ebbe und Flut - symbolisch für das Auf und Ab einer Beziehung.

    Du die Fremde, ich der Eindringling: Hier erfolgt eine Rückbesinnung auf Strophe 2, das Eismeer in den Augen. Man hat so lange Zeit miteinander gebracht, und doch ist man sich menschlich nicht wirklich näher gekommen. Schmerzhaft bewusst wird das, wenn aus Liebe Gewöhnung wird, da die rosarote Brille von einem abfällt. Traurig, wenn man dann feststellen muss, dass man den Menschen an seiner Seite eigentlich nicht versteht.

    Wenn wir doch nur sterblich wären: Auch diese Zeile habe ich eher symbolisch gesehen. Wie oben bereits beschrieben wurde, gibt es praktisch keine Möglichkeit, aus diesem Dilemma, in dem man sich befindet, auszubrechen. Man möchte zwar, kann aber nicht. Und so empfindet man die Zeit, die man noch vor sich hat mit dem Partner, den man nicht mehr liebt, aber von dem man sich trotz allem nicht lösen kann, als Ewigkeit.

    So, das wäre nun meine Interpretation meines Gedichtes. Aber deine gefällt mir auch ganz gut, du bringst einen Aspekt zur Sprache, den ich eigentlich gar nicht so richtig bedacht habe. Mein kleines Gedicht ist also flügge geworden, ich als Dichtervater kann es nicht mehr im Nest halten. Gute Reise, kleines Gedicht!

    Noch einmal vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinen Zeilen und freut mich, dass sie gefallen konnten.

    Grüße

    Thomas
    [Geändert durch Roderich am 03-08-2005 um 19:44]
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

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