Thema: Ödland

  1. #1
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    Ödland

    Nächtlich schwarz verbrannt die nackte Erde,
    schwefelgelber Rauch entsteigt den Spalten.
    Dieses toten Tieres kalte Augen
    scheinen rote Flammen einzusaugen.
    Mondlicht leuchtet kalt und leicht verhalten.

    Graue Berge fallen laut zu Staub
    gleich der Asche aller toten Kinder.
    Kaum verhallter Todesschrei der Münder
    sterbender Engel unter Höllenqual.
    Nächtens leuchten ihre Knochen fahl.

    Wind weht leise über graue Felder.
    Einst erblüht; nach tausend Jahren Schmerzen
    alles Asche, alles kahl gebrannt.
    Staub bedeckt pulsierend schwarze Herzen:
    Blumen, hier im selbst erschafften Ödland.


    Wäre sehr dankbar, wenn mir jemand die Metrik aufschlüsseln könnte. Bin vor kurzem darauf gestoßen, dass es so etwas überhaupt gibt (selig sind die Ahnungslosen ...) und mich mal frisch daran gemacht, mein Gedicht Ödland darauf abzustellen. Ich habe also schon einen Verdacht, wie es hier um die Metrik bestellt ist, möchte das Ganze aber von einem Könner verifiziert haben.

    Und dann wäre es natürlich nett, wenn ihr mein Werkl auch sonst kritisieren könntet. Vielen Dank!

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

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  2. #2
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    Zarathustra,

    ich danke dir! Den metrischen Bruch in S2Z4 habe ich auch bemerkt, wollte das bestätigt haben. Wobei ich folgendes vorschlagen darf:

    sterbender Engel unter Höllenqual
    XxxXxXxXxX

    Ich zermartere jedoch seit geraumer Zeit, wie ich das am besten beheben kann, was ich aus diesem "sterbend" machen kann. Vielleicht fällt mir ja noch was ein.

    Andere Frage: Der Wechsel von männlichen und weiblichen Kadenzen in S2 und S3: Stört der?

    Was die Reime betrifft: Die erste Verszeile steht immer für sich, danach folgen abba in S1, ccdd in S2 und efef in S3. Ist wahrscheinlich schwer zu erkennen. Auch habe ich in S3 wahrscheinlich das Problem, dass ich in S3V2 eine männliche Kadenz und in S3V4 eine weibliche Kadenz habe. Wenn das stört, dann werde ich es wohl noch einmal überarbeiten.

    Aber grundsätzlich freut es mich, dass ich nach einem Tag Beschäftigung mit der Metrik zu einer gleichen Aufschlüsselung wie du komme. Ich scheine auf einem (formal gesehen) guten Weg zu sein.

    Sonstige Kommentare zum Gedicht an sich? Würde mich freuen!

    Grüße

    Thomas
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  3. #3
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    Hallo Roderich!

    Ich werde mich mal an eine Metrikanalyse Deines Gedichtes wagen. Aber zuerst widme ich mich dem Inhalt und dem Reimschema.
    Das Thema, welches Du aufgegriffen hast, gefällt mir. Du hebst Dich mit dem Gedicht von der Masse ab, es ist nicht so ein ausgelutschtes Thema. Allerdings benutzt Du dafür den verhassten "Herz-Schmerz-Reim" Ich muss aber sagen, dass er in Deinem Gedicht gar nicht so negativ auffällt, da Du nicht von unerfüllten Gefühlen in einem kitschigen Liebesgedicht schreibst. Außerdem hast Du den Reim irgendwie gut verpackt, er ist mir beim ersten Mal lesen gar nicht aufgefallen.

    So, bei Deinem Reimschema steige ich allerdings nicht wirklich durch. Es ist ein wenig chaotisch.

    1.Strophe:
    a
    b
    c
    c
    b

    2.Strophe
    a
    b
    b (mit gutem Willen )
    c
    c

    3.Strophe
    a
    b
    c
    b
    c

    Vielleicht könntest Du versuchen, ein durchgehendes Reimschema zu finden.

    Nun zur Metrik:

    Nächtlich schwarz verbrannt die nackte Erde,
    schwelfelgelber Rauch entsteigt den Spalten.
    Dieses toten Tieres kalte Augen
    scheinen rote Flammen einzusaugen.
    Mondlicht leutet kalt und leicht verhalten

    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx

    Dies würde ich doch mal eine gute Metrik nennen
    Du beginnst jeden Vers mit einer betonten Silbe und endest mit einer unbetonten weiblichen Kadenz. Wenn ich das richtig sehe schreibst Du jede Strophe mit einem 5-hebigen Trochäus. (Ich bitte darum mich zu verbessern, wenn dies falsch ist)

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    XxXxXxXxX
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx
    XxXXxXxXxX
    XxXxXxXxX

    Wenn ich nicht falsch analysiert habe, hast Du hier in der 4. Zeile einen kleinen Metrikbruch. Es folgen zwei betonte Silben aufeinander. Ich denke aber, dass es in diesem Fall nicht so schlimm ist, denn man kommt beim Lesen nicht ins Stolpern. Du beginnst wieder jede Zeile mit einer betonten Silbe. Deine 1. und 5. Strophe haben keine Kadenzen, die 2. und 3. enden weiblich und die 4. hat eine männliche Kadenz. Wenn Du Dich ganz nach der ersten Strophe richten willst, müsstest Du dies noch ändern. Jeder Vers, ausser der 4. besteht wieder aus einem 5-hebigen Trochäus.

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    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxX
    XxXxXxXxXx
    XxXxXxXxXx

    Hier ist die Metrik wieder nahezu perfekt, wie in der ersten Strophe. Nur in der 3.Strophe fehlt Dir eine weibliche Kadenz, falls Du diese zwei Strophen genau gleich gestalten willst. Auch hier ist wieder der 5-hebige Trochäus.


    So...ich hoffe, ich konnte Dir weiterhelfen. Dir ist das mit der Metrik wirklich ganz gut gelungen.

    Falls ein erfahrenerer User meine Metrikanalyse liest und irgendwelche Fehler entdeckt, bitte ich darum, mich darauf hinzuweisen. Das war meine erste Analyse und ich möchte Roderich nichts falsches schreiben!

    LG Ashtray


    Naja, da war wohl jemand schneller als ich
    [Geändert durch AshtrayGirl am 31-07-2005 um 13:51]
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  4. #4
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    Hallo Ashtray,

    vielen lieben Dank für deine Analyse!

    Zum Reimschema: In Strophe 1 würde ich selbst sagen: abccb (Spalten - verhalten). In Strophe 2 holpert es bezüglich des Reimes ein wenig bei Münder - Kinder, ich weiß.

    Was mich an der Sache gereizt hat, war die Verlockung in drei Strophen drei unterschiedliche Reimschemata zu verwenden. Dass man nicht allen Verlockungen nachgeben sollte, sehe ich durch deinen Kommentar bestätigt ...


    Zu der Metrik: Den Bruch in Strophe 2 hat Zarathustra auch schon angesprochen. Wie vorhin schon erwähnt, bin ich da noch am überlegen, wie ich das am besten in den Griff bekomme. Vielleicht lasse ich es aber auch so, wenn mir nichts Gescheites einfällt. Wenn es dich nicht sonderlich gestört hat, ist das schon mal ein erfreuliches Zeichen, dass ich mich wieder meiner heißgeliebten Faulheit hingeben kann. Nein, im Ernst: Wenn ich was eine Möglichkeit finde, ändere ich es, ansonsten lasse ich es.

    Bei S3V3 werde ich um die männliche Kadenz wohl nicht herum kommen. Wenn ich daraus eine weibliche Kadenz mache, dann komme ich um den Reim mit S3V5. Wird also so bleiben.

    Zum Inhaltlichen: Es freut mich sehr, dass dir das Thema gefällt. Was den Herz-Schmerz-Reim betrifft, so ist der abgelutscht, ich weiß. Aber bei mir geht es um physische, körperliche Schmerzen und Herzen und die Schmerzen beziehen sich ja nicht direkt auf die Herzen - ich hoffe, dass ich dadurch den ausgezutzelten Reim retten kann.

    Jedenfalls ein Riesendankeschön für die Analyse, die Vorschläge und natürlich die Blumen!

    Grüße

    Thomas
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  5. #5
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    Oh, entschuldige bitte, den Reim "Spalten-verhalten" hab ich doch tatsächlich übersehen. War keine Absicht, ich werde es in meinem vorherigen Beitrag auch sofort umändern. Wenn Du die unterschiedlichen Reimschemata beabsichtigt hast, sieht es ja auch schon wieder ganz anders aus. Ich dachte, Du hättest einfach nicht darauf geachtet. Doch trotzdem weiß ich nicht, ob mír das gefällt Aber das ist wohl Geschmacksache.

    Wie schon gesagt, der Metrikbruch in Strophe 2 hat, meines Empfinden nach, keine große Bedeutung. Ich denke, Du kannst es ruhigen Gewissens so stehen lassen. Auch die männliche Kadenz in S3V3 ist nicht störend, auch die könnte so stehen bleiben, da man trotzdem nicht ins Stolpern gerät.

    Ich bin beeindruckt, dass Du nach so kurzer Beschäftigung mit der Metrik schon so gut bist. Auch ich befasse mich erst seit kurzer Zeit mit diesem Thema und muss sicherlich noch eine Menge lernen. Ich hoffe, ich habe Dir keine falsche Analyse analysiert

    LG Ashtray
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  6. #6
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    Hi Roderich,

    hab n bisschen bei dir rumgestöbert und dann bin ich auf dieses düstere schöne Gedicht gestoßen, das innerlich bewegt und mitreißt.

    Danke für dein Feedback, so bin ich leicht auf eines deiner Werke gestoßen, das ... ja, das wirklich was hat.

    Schöne Grüße

    Nofretete

  7. #7
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    Hallo Nofretete,

    habe deinen Kommentar erst jetzt entdeckt. Vielen Dank dafür! Schön, wen dich mein Gedicht bewegt und mitreißt. Was kann der Dichter mehr erwarten?

    Grüße

    Thomas
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