Thema: Auf Netzfang

  1. #1
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    Auf Netzfang


    Vor einiger Zeit verhedderte ich mich mitten in einer zugegebenermaßen belanglosen Konversation. Ich versuchte meinem eigenen Gedankengang zu folgen und mich an den Wortketten, aus denen Sätze und dann später Argumente werden, entlangzuhangeln. Ich stolperte, stotterte ein wenig herum und brach dann verwirrt kurzerhand das Gespräch ab.
    Denn es stimmte nicht mehr. Ich hatte wohl schon zu einem früheren Zeitpunkt angefangen, die Wortketten neu zu verbinden und vor meinem inneren Auge bildeten sie nun gitterförmige Strukturen. Ich hatte die eindimensionalen Wortstränge hinter mich gelassen und war unversehens auf dem neuen ungewohnten zweidimensionalen Wortparkett ausgerutscht. Ich betrachtete die Gitter etwas ungläubig. Sie schienen nicht wirklich Sinn zu ergeben und dennoch, wenn ich mit den Fingerkuppen über die einzelnen Worte strich, ich ihrem Klang nachspürte und vorsichtig an ihnen schnupperte, dann ergaben sich ganz neue Sinnesebenen. Die Worte bildeten untereinander fremde Bedeutungsebenen, die Leerräume waren angefüllt mit noch nicht erfundenen Wortzygoten. Auch wenn ich das ganze noch nicht verstand, gefiel mir diese neue Struktur und ich knüpfte neue Gitter, Netze aus Worten.
    Doch bald stellte ich fest, daß Wortstränge einfach auszusprechen sind, denn auch der Redefluß ist eindimensional. Wie aber sollte ich verbal Netze in ein Gespräch werfen. Sie aufzuschreiben und meinem gegenüber in Zettelform zu geben, stieß weder auf Verständnis noch auf Gegenliebe.

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    Ich mußte wohl eine andere Möglichkeit der verbalen Artikulation finden. Ich verband probeweise zwei Worte miteinander und siehe da, man verstand meine, wenn auch seltsam anmutenden, Neologismen. Ich ging zaghaft einen Schritt weiter, nahm noch ein Wort und scheiterte kläglich. Flexibel. Mobile. Experimente. Flexibilimente. Nun ist es nicht schwer, darin ein flexibles Experiment zu erkennen. Manch einer sieht vielleicht auch noch die Beweglichkeit eines Mobiles. Aber wer würde je auf die Idee kommen, daß ich unweigerlich mit einem Mobile Messingtürknäufe assoziiere?
    Ich grübelte weiter über meine Netze nach, versuchte in ihnen ein Muster zu erkennen. Ich begann mich der Mathematik zu bedienen. Ordnete Buchstaben Zahlenwerte zu. Addierte, subtrahierte. Zog Wurzeln und bildete Potenzen. Vielleicht barg sich hinter dem Wortwirrwarr ein Art phonetischer Satz des Pythagoras. Ich entwickelte gewisse Vorlieben zu einzelnen Zahlen, die sich immer wieder in meinen Netzen verfingen. Doch schlau wurde ich daraus nicht. Auch fiel mir ein Satz ein, den meine Deutschlehrerin damals sehr gern benutzte: “Die Mathematiker stehlen uns Buchstaben um Zahlen zu erklären, die sie selbst noch nicht gefunden haben.” Hatte ich nicht genau das gleiche gemacht.
    Ich sah etwas resigniert ein, daß meine Gitter nicht zu definieren waren. Daß sie auch nicht für den alltäglichen Sprachgebrauch zu gebrauchen waren. Wozu dann aber?
    Ich besah sie mir genauer, noch genauer. Netze. Wortnetze. Mir wurde klar, daß ich nach etwas fischte. Nur was, war mir nicht bewußt. Gefühle? Nun, die hat man oder nicht, Worte sind kein adäquates Mittel sie zu umschreiben. Ebenso verhält es sich mit Momenten. Mir kam der Gedanke, daß ich wohl schöne Netze hatte, selbst aber ein verdammt schlechter Fischer sei. Einer, der nicht einmal wußte, wonach er fischte. Wahrscheinlich würde mir irgendwann ein Delphin ins Netz gehen und ich würde ihn für einen Thunfisch haltend ohne schlechtes Gewissen verspeisen.
    Abgesehen davon, ist mir bis jetzt auch noch nichts ins Netz gegangen. Vielleicht habe ich die Worte noch nicht richtig angeordnet, oder die Zwischenräume sind zu groß und alles entschlüpft mir. Ich werde wohl noch ein wenig an ihnen arbeiten und darüber nachdenken, was ich eigentlich fangen will. Bis ich das herausgefunden habe, werfe ich die Netze blind aus. Und wer weiß, vielleicht lasse ich auch eines Tages die Zweidimensionalität hinter mir und ich beginne Wortreusen zu bauen. Dann fange ich bestimmt etwas brauchbares.

  2. #2
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    Hallo,

    sehr, sehr interessant, dein Text und sehr außergewöhnlich! Ich habe viel Freude beim lesen gehabt. Die Idee, über die Möglichkeit bzw. das Scheitern, Sprache zu verdichten, zu schreiben, finde ich sehr gut. Das hebt sich wohltuend ab von der breiten Masse.

    Was ich sehr gelungen finde, ist, dass im Text mit der Sprache gespielt wird, die Sprache der Erzählung selbst aber immer klar bleibt. Das bildet einen schönen Kontrast heraus, wie ich finde, die Sprache wird dadurch, dass sie in deutlichen Worten beschrieben wird, zum anfassen.

    Wo sind die Grenzen für Sprache? Was kann man mit Sprache ausdrücken, was nicht? Alte Fragen, auf die du ein vollkommen neues Licht wirfst. Wunderbar!

    Beeindruckte Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Guten Morgen!

    @ Roderich: Es freut mich, daß Dir die Geschichte gefallen hat. Tatsächlich hatte ich diesmal den Eindruck, daß es doch teilweise etwas zu kompliziert geworden ist. Wenn es mir doch gelungen ist, es einfach und verständlich zu halten, atme ich mal erleichtert durch

    @ groper: Ach, Walfisch, was bleibt mir Dir zu sagen, Dir, der Du bis zu diesem Zeitpunkt immernoch der einzige bist, der mich mit einem völligen Verriß eines meiner Werke beglückt hast (oh ja, erinnere mich immernoch voller Stolz)? Was außer: Danke für dieses nette kleine Zitat. Ich stecke es ein und hole es bei passender Gelegenheit wieder vor... greetz from the south-eastern Berlin suburbia...

    @ nizza:

    alles liebe
    gott

  4. #4
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    Zur Zeit tummel ich mich verhältnismäßig selten in den Gewässern der Kurzgeschichte, doch heute bin ich dir doch glatt ins Netz gegangen.

    Ähnlich wie Roderich empfand ich deinen Text als sehr interessant, auch wenn ich während dem Lesen angestrengt über den Gehalt deiner Worte sinnierte.
    Letztenendes kam ich jedoch auf eine andere Interpretation.

    Eine Inhaltsangabe erscheint für mich absolut dämlich, da dein gesamtes Wortkonstrukt derart abstrakt und metaphorisch wirkt, dass einem beinahe Angst und Bange wird.
    Nach meiner bescheidenen Interpretation beschreibst du hier unter Umständen auf eine sehr unkonventionelle Art und Weise die allseits beliebte Schreibblockade, welche einen jeden Schreiberling früher oder später heimsucht.
    Der Erzähler scheint mir hier auf der Suche nach einer Idee, wirft seine Netze, seine Satzkonstruktionen aus, um eine beschreibenswerte Thematik zu finden, jedoch scheitert jenes Unterfangen, sodass sich der Protagonist schlussendlich dazu entschließt, andere Methoden der Ideenfindung zu erproben.

    Sehr ungewöhnliche Angelegenheit dein Text, aber dennoch las ich ihn mit Vergnügen.



    Gruß
    dopamin

  5. #5
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    Hallo dopamin!

    Hier meine, wenn auch etwas verspätete, Antwort:

    Dein Interpretationsansatz ist wirklich gut, nur war meine eigentliche Intention (wie blöd eigentlich mag ich es, wenn jemand etwas anderes liest als ich beabsichtigt hatte), etwas gegenteilig. Nämlich eher eine Phase von Kreativität, der man nicht die richtigen Worte entgegensetzen kann. Unter Schreibblockade sehe ich immer einen Mangel an Ideen. Aber zu viele Ideen können auch mitunter eine Blockade auslösen. Die andere Seite der Medaille...

    Deine Gedanken zu lesen war aber sehr interessant.
    Danke
    gott

  6. #6
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    Jetzt, wo du es erwähntest, scheint mir deine Intention ebenfalls als logisch und nachvollziehbar.
    Ich denke, jeder kennt jenes Phänomen. Haufenweise huschen die Ideen durch den eigenen Kopf, aber man weiß nicht, wie man diese umsetzen und auf das Papier bekommen soll. Allerdings ist mir persönlich dieser Schwall der Über - Kreativität lieber, als vollkommene Flaute...



    Gruß
    dopamin

  7. #7
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    Hi
    Hmm, sehr viele ichs in deinem Text, meiner Meinung nach hättest du da etwas mehr mit Passivsätzen spielen sollen.
    Die Idee die hinter deinem Werk steht gefällt mir sehr gut, die Wortwahl ist gut gewählt, und zeigt auch, an welche Art von Leser dieses Werk gerichtet ist. Also mir hat das Lesen wirklich Spass gemacht.
    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  8. #8
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    Hallo Demon_Wolf!

    hmm, jetzt wo Du es sagst, stimmt, die "Ichs" sind schon sehr vielzählig... Mag daran liegen, daß es doch ein recht egozentrischer Text ist. Vielleicht finde ich mal die Muse, Deinen Vorschlag mit den Passivsätzen in die Tat umzusetzen...
    Danke für das Lob und die konstruktive Kritik
    gott

  9. #9
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    Hallo,

    also, mich stört die egozentrische Sichtweise des Textes überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich habe mich dadurch besser in den Text werfen können, besser hineinversetzen. Man verstrickt sich selbst ein wenig mehr in deinem Wortnetz - ein schöner Effekt, wie ich meine.

    Ich denke, dass Passivsätze den Text vielleicht ein wenig zu kalt, abstrakt wirken lassen würden. Im Zweifelsfalle einfach mal ausprobieren und die beiden Alternativen vergleichen.

    Grüße

    Thomas
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