Thema: Vorsicht

  1. #1
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    Auch wenn du auf den ersten Blick
    mich nicht zu kennen meinst;
    und mit mir fröhlich, hemmungslose
    Poeseien schreinst,
    verhelf ich dir zur Ketzerpose

    Sei gewahr ich offenbare
    mich Geübten schnell.
    Der Lohn, der deiner harrt sind klare
    Ausbrüche - Gebell
    sogar - ob deinem Missgeschick.

    Kollege, präg dir eines ein:
    Mich braucht’s nicht - längst passé.
    Sieh dich vor, ich such dich heim.
    Mit Grüssen
    Das Klischee

    [Geändert durch satchmo am 03-08-2005 um 08:34]
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  2. #2
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    tolles gedicht. dan der kompakten kürze liest man es sich gerne ein zweites mal. muss man ja wohl, da erst der schluss dem sprecher eine identiät gibt.
    die -ich sage mal coole haltung des sprechers gibt dem text noh ein augenzwinkern obendrauf. er kann sichs sogar leisten, sich "längst passee" zu nennen; mit der gewissheit, dass er sich um seine garantierte anwesenheit nicht zu ängstigen braucht. müsste es in s1z5 nicht "verhelf" heissen?
    gefällt mir.
    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  3. #3
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    Hallo satchmo,

    Sehr originell – vom Inhalt über das Reimschema bis zur stilistischen Ausführung. Es liest sich auch wunderbar. Ein klarer Fall für meine persönliche Favoriten-Sammlung (wenn’s denn erlaubt ist).

    Grosses Kompliment und ich versuche es mir zu merken.

    Gruss Andvari

  4. #4
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    Danke für die Rückmeldungen, freut mich, dass es euch gefällt

    Lepi: Danke, war ein Tippfehler. Ist korrigiert

    Andvari: Wow, natürlich
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  5. #5
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    Hallo Satchmo,
    mal eine formale Analyse...

    Die Metrik geht so:

    xXxXxXxX
    xXxXxX
    xXxXxXxXx
    XxXxX
    xXxXxXxXx

    XxXxXxXx
    XxXxX
    xXxXxXxXx
    XxXxX
    xXxXxXxX

    xXxXxXxX
    xXxXxX
    XxXxXxX
    xXx
    XxX

    Soweit, so langweilig - das ist wirklich durchgezogen, sogar über Zeilen- und Strophenenden hinaus. Es gibt nur eine Stelle an der es nicht so ist, in III3/4 folgen zwei betonte Silben aufeinander.

    Reimschema sind Kreuzreime mit einem Klammerreim um die ersten beiden Strophen. Die letzten beiden Zeilen sehe ich als formal zusammengehörig, daß sie untereinander stehen schiebe ich darauf, daß es so eher wie ein unterzeichneter Brief wirkt. Dann hat man also
    abcbc dedea fgfg
    Mit 14 Zeilen ist es auch wie ein Sonett (*tröst* *5-Zeilen-Symmetrie zerstör* *nachdenk* hattest du das beabsichtigt? - Gut daß man hier den Dichter direkt fragen kann...).

    Ein paar Vertipper am Rande: es heißt glaube ich "Poesien", nach "Ketzerpose" sollte ein Punkt und nach "Grüßen" könnte ein Komma stehen, und nach "ob" folgt der Genitiv. Wenn du stattdessen "bei" benutzt, ist der Kompromiß aber nur zugunsten des Inhalts anstatt zugunsten der Grammatik geschlossen, naja, das bleibt wohl Geschmackssache. Mich persönlich irritiert auch das Komma nach "schreinst", ohne das würde ich flüssiger weiterlesen.

    Inhaltlich sind die ersten beiden Strophen auch sehr parallel aufgebaut, daher paßt das Schleifenband des Klammerreims gut. In beiden ist die Ambivalenz oder Trügerischkeit (das Wort hab ich mir jetzt extra ausgedacht) des lyr. Ich enthalten: verhelfen vs. Ketzerpose und Lohn vs Ausbrüche. In der ersten Strophe geht es darum, wie man sich reinreiten kann, wenn man nicht weiß mit wem (d.h. womit) man zu tun hat, in der zweiten darum daß man erkennt, wie drohend sich das Klischee auch über einen selbst erhebt, wie grundlos es sich an einen haftet und was die Konsequenzen sind (sein können).

    In der dritten Strophe ist dann die Warnung: Vorsicht! Ich hänge gleich einem Damoklesschwert über deinem Haupte, genauso nutzlos wie fatal. Damit sind die Unbeschwertheit in I und die Ahnung in II der Gewißheit gewichen.

    In der letzten Strophe bin ich aber ein wenig über den Sinn gestolpert:

    Mich braucht’s nicht - längst passé.
    Sieh dich vor, ich such dich heim.
    Wenn "es" doch schon längst passé ist, wieso sucht es einen dann heim? Wenn es so heißen würde:

    Mich braucht’s nicht - längst passé.
    Doch sieh dich vor, ich such dich heim.

    würde find ich klarer, daß das passé sich auf das Brauchen bezieht. Außerdem ist dadurch die xX/Xx Stelle zu xX/xXx abgewandelt.

    Gefällt mir jedenfalls gut, das Gedicht, obviously.
    Für Kritik der Kritik wär ich auch dankbar.

    LG, Phona
    Jemand der Drogen kauft unterstützt damit Kriminelle, und das sind gewöhnlich keine netten Menschen und haben das Geld nicht verdient.

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