1. #1
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    Bibliothek

    Es schweigt die ganze Bibliothek, verhalten atmen Bücher
    Und über dieser Stille liegen staubige Gerücher
    Von holzigen, vergilbten Seiten, längst nicht mehr gelesen,
    Die dort oben im Regal ganz unbemerkt verwesen;
    Von neuen Werken, Paperback, so bunt und glanzimprägniert
    Von deren beißend schönen Farben man beim Lesen vergiftet wird.

    Hier sitze ich tagaus tagein, und füll den Kopf mit Wissen,
    Lese, blättre, verzweifel, notier mir alles ganz beflissen
    Und wie in einem schlechten Film geht draußen Regen nieder
    Durch den ich gleich nach Hause muß, und morgen komm ich wieder.
    Doch wenn ich nur recht fleißig bin dann wird es sich rentieren
    Riech durch den Staub die Lorbeern schon: das Ziel lohnt sich anzuvisieren.



    [Geändert durch Phonona am 07-08-2005 um 18:59]
    Jemand der Drogen kauft unterstützt damit Kriminelle, und das sind gewöhnlich keine netten Menschen und haben das Geld nicht verdient.

  2. #2
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    Hi Phonona,

    also die Idee finde ich echt klasse. es ist die Beschreibung eines stinknormelen Vorgangs und doch ist es sehr reizvoll geschrieben. Allerdings finde ich, dass du in der ersten Strophe viel besser mit sprachlichen Mitteln arbeitest als in der zweiten. In der zweiten Strophe sinkt der Interpretationsspielraum ab, dass ist schade, zumal ich in der ersten strophe viele schöne Ansätze gefunden habe.

    Alles in allem gefällt es mir trotzdem

    LG Herrin vom See
    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
    Friedrich Nietzsche

  3. #3
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    Danke, Herrin, fürs Lesen und vor allem auf die Kritik. Ich habe noch nie auf die Ausgeglichenheit von Bildern geachtet, aber jetzt fällt es mir auf. Also habe ich mich noch ein paar Tage in die Bib gesetzt und die zweite Strophe fast ganz verändert. Hier nochmal (als ganzes):


    Es schweigt die ganze Bibliothek, verhalten atmen Bücher,
    Und über dieser Stille liegen staubige Gerücher
    Von holzigen vergilbten Seiten, längst nicht mehr gelesen,
    Die dort oben im Regal ganz unbemerkt verwesen;
    Von neuen Werken, Paperback, so bunt und glanzimprägniert,
    Von deren beißend schönen Farben man beim Lesen vergiftet wird.

    Hier sitze ich, tagaus tagein, mein Bleistift wispert leise.
    Durchdrungen ist alles von Konzentration, die ich genauso speise
    Und wie in einem schlechten Film geht draußen Regen nieder
    Durch den ich gleich nach Hause muß, doch morgen komm ich wieder,
    Verschmelze mit der Anderwelt aus Stille, Staub und Seiten -
    nur diesen einen Sommer lang bin ich Teil der Ewigkeiten.



    [Geändert durch Phonona am 13-08-2005 um 13:32]
    Jemand der Drogen kauft unterstützt damit Kriminelle, und das sind gewöhnlich keine netten Menschen und haben das Geld nicht verdient.

  4. #4
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    Hi Phonona,

    mag sein, dass du noch nicht 100% zufrieden bist. Aber das ist auch der Tod für jeden Dichter.

    Die Strophe wirkt so schon viel schöner und tiefer. Es ist nicht mehr so abgeflacht und simel was ich beim vorangegangen ja kritisiert habe.

    Schön finde ich den wispernden Bleistift. Er kratzt über das Papier und erzählt eine Geschichte, schönes Bild.
    Nur in der letzten Zeile das Wort Prüfung ist wieder zu nahe an der Realität. Das an sich ist ja nicht schlecht, aber dann muss auch die erste Zeile der ersten Strophe so realitätsnah sein, damit das Gedicht abgerundet wirkt.
    Entweder dein Gedicht ist insgesamt wie ein Traum oder es beginnt und endet real.
    Das würde ich hier noch mal etwas kritisieren, aber ansonsten finde ich es besser, obwohl ich ja auch deinen ersten Versuch gut fand.

    LG Deine Herrin vom See
    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
    Friedrich Nietzsche

  5. #5
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    Jetzt habe ich die letzte Zeile abgeändert, und das gefällt mir jetzt eigentlich ganz gut.

    Was ich ja auf jeden Fall darstellen wollte, ist der Gegensatz zwischen dem Ideal einer majestätischen Bibliothek und der Realität des Verstaubens, Vergessens und der Zweckmäßigkeit. Man tritt in diese Welt ein weil man muß, verweilt und genießt die Andersarteigkeit eine Weile, am Ende aber steht die (äußerst reale) Prüfung und dann kehrt man wieder ins normale Leben zurück. Deshalb hatte ich vorher dieses Ende, aber es stimmt schon, daß der Gegensatz zu groß ist.

    Der einzige rein deskriptive Teil sind die mittleren Zeilen in S2, da habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht die zu ändern... Naja, da denk ich noch mal drüber nach.
    Jemand der Drogen kauft unterstützt damit Kriminelle, und das sind gewöhnlich keine netten Menschen und haben das Geld nicht verdient.

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