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  1. #1
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    Sanft getarnt sie meinen Leib umspielen
    Wellen sich in meine Locken schmeicheln
    Wirbel sich an Bögen glücklich finden

    Fühle Schaumes Finger nach mir tasten
    Beuge mich verführenden Gezeiten
    Lasse meine Sinne in dich tauchen

    Nehmen mich hinfort die tragend Wogen
    Frage ich nicht nach dem Meeres-
    Grund


    *
    [Geändert durch therzi am 12-08-2005 um 23:45]

  2. #2
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    Hallo therzi,

    Soviel ich weiss, habe ich dich bei meinen bisherigen Einträgen jeweils über den grünen Klee gelobt. Höchste Zeit dies mal zu ändern und da eignet sich m.E. dieses Gedicht ganz gut .

    Zunächst mal muss ich aber sagen, dass ich das Grundkonzept sehr gut finde. Du lässt schön durch themenkonsistente Bilder (Meer) assoziativ Bilder entstehen. Bei mir sind dies Bilder der Geborgenheit (S1V1&2) der Liebe (S1V3) und der Leidenschaft (S2V1&2). Besonders schön finde ich die Wirbel, die sich an Bögen glücklich finden.
    Auch der Aspekt dass die Liebe nicht erklärt werden will und dass befreiende loslassen lese ich heraus (S2V3 und S3). Alles sehr schön – gefällt mir sehr gut (natürlich auch der Clou mit dem „nach dem Meeres-Grund fragen“ und der Titel).

    So.

    Nun folgt mein Knackpunkt:

    Ich finde einfach nicht, dass der Inhalt durch die Form getragen und unterstützt wird. Du bedienst dich reinen fünfhebigen Trochäen und lässt alle Verse durch (die klingenden Kadenzen) gefugt ineinander übergehen, was den Fluss natürlich unterstützten soll.
    Meines Erachtens „ächzen“ aber die Trochäen hier recht stark und sie führen bei mir nicht zum gewünschten wellenförmigen, fliessenden Leseerlebnis. Dass die Inversion zum Programm erklärt und zum fast schon vorherrschendes Stilmittel emporsteigt (wahrscheinlich den weiblichen Kadenzen zuliebe) verstärkt dies hier zusätzlich (Vor allem Strophe 1). Es ist wohl – wie so vieles – sehr subjektiv, aber wenn ich mir die erste Strophe in Jamben zusammenbastle und die Inversionen so weit wie möglich vermeide, dann habe ich einfach das Gefühl, dass es den Inhalt besser trägt (sogar bei stumpfen Kadenzen). Hier hätte ich eh die Sprache so einfach wie möglich gehalten, da die schönen Ideen und Bilder (die ich oben erwähnte) in den Vordergrund rücken würden.

    Wär’s dir mit Jamben schlicht zu seicht ausgefallen?

    Freundliche Grüsse

    Andvari

  3. #3
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    Hallo Andvari,


    ja, da hast Du mit deiner Kritik bei mir tatsächlich stundenlanges Schweigen verursacht. Insbesondere, was den Rhythmus angeht.

    Ich empfinde es anders. Wie ich das erklären soll? Es ist fast unerklärbar. Zunächst empfinde ich den Jambus bei derart sinnlichen Aussagen selten als tragend genug, er spielt zu sehr, zieht eine Schrittfolge, während der Trochäus mehr Platz lässt, weil man ihn langsamer beginnt, er ist irgendwie dehnbarer. dazu kommt, dass die Wörter/Worte bei mir einfach entstehen und geschrieben werden, sie haben ihren Rhythmus schon. Ich könnte sicherlich als Metrikaufgabe das ganze in den flotten, marschierend-tänzelnden Jambus übernehmen, der mir aber wirklích das Sanfte zu sanft trüge.

    Die Inversionen sind mir nicht einmal aufgefallen. Und das meine ich ernst. Ja, es sind Inversionen, sogar Ellipsen, aber ich habe es nicht gemerkt, weil ich in jedem Wort und jedem Vers nicht nach einer vollständigen Geschichte suche. Es fiel mir erst durch deine Anmerkung auf; ich denke, dass Du weißt, das Grammatik nicht meine Schwäche ist...

    Ich weiß nicht, was sonst antworten, außer, dass, wenn ich es lese, es seinen Rhythmus hat. Und seine Tiefe. Ich rufe Dich besser bei Gelegenheit mal an und lese es Dir vor . Oder ich mache ein Hör-File dazu. Grins, nicht wirklich.


    Danke für die intensive Auseinandersetzung,

    liebe Grüße
    Anke

  4. #4
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    Hallo Anke,

    Also zunächst mal finde ich die Änderung bei S1V2 gut. Ich war das erste Mal auch etwas über den Gleichklang gestolpert, wie es anderenorts angemerkt wurde.

    Mmm, also „stundenlanges Schweigen verursachen“ war nicht gerade die Intention meiner Kritik – da hab’ ich wohl irgendwie was falsch gemacht. Wenn mir aber so was auffällt, dann schreib ich’s auch und vermeide den üblichen, leichter verdaulichen „toll und tschüss“-Eintrag.

    Ein mp3-File wäre tatsächlich gar nicht so schlecht. Würde sich auch auf deiner HP gut machen.
    Ja, oder ruf mich doch einfach an: 0190 69 69 66 66 (12 Euro/Einheit) – dann können wir noch etwas über Gott und die Welt plaudern

    Einstweilen werde ich es mir halt einfach noch so 50-60x durchlesen - irgendwann wird auch mich die rhythmische Erleuchtung noch heimsuchen.

    Dass es keine Tiefe und/oder keinen Rhythmus hat, habe ich übrigens nicht behauptet, den Schuh lass ich mir nicht anziehen.

    Freundliche Grüsse

    Andvari

  5. #5
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    Dies müssen die Worte der schaumgeborenen Venus gewesen sein, als die sanften Wassermassen ihr göttlich jede Rille ihres Körpers umschmeichelten. Der Text ist schön, hochartifiziell die Sprache (ein paar Kommata mehr, wären da echt hilfreich). Doch warum erschlägst du mich armen, kleinen Leser denn mit dieser brockigen Überschrift. Wie unsensibel!

    Ich finde es übrigens sehr spannend (dies ist schon der zweite Text, bei dem mir das auffällt), wie du durch die formelle Gestaltung deiner Schlüsse es schaffst, deren deutliche Aussagen immer wieder in Frage zu stellen. Der Sprecher sagt: Ich frage nicht nach dem Grund. Doch der Fakt, dass der Grund da so allein am Schluß steht (was er ja nicht grundlos tut), sagt etwas ganz anderes. Das ist sehr reizvoll für einen Leser, wie mich.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
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    Hallo Andvari,

    es freut mich, dass Dir die Änderung gefällt. Ich habe auch immer wieder über deine Worte nachgedacht, dass der Rhythmus nicht "fließe". Nun, er hat immer wieder eine Pause, an jedem Zeilenende, durch die Neuorientierung am Zeilenanfang. Das finde ich aber passend, ein sanftes Stocken, hervorgerufen durch einen nicht ganz erwarteten Beginn des neuen Verses. Ich hätte ja durchaus das gleiche mit harten Kadenzen erreichen können. Ich nenne es mal periodisch!? Die Inversionen stören mich immer noch nicht, Strophe eins baut sich um die Wellen und Wirbel auf. Vielleicht hätte ich die Interpunktion mit hineinnehmen sollen, aber sie erschien mir als optisch sehr störend und teilweise auch ablenkend. Ich zieh Dir den Schuh gern wieder aus .

    Liebe Grüße,
    Anke
    (Und Du bist kein kleiner Fisch.)



    Hallo levampyre,


    ich danke Dir sehr für eine erneute Kritik. (Ich habe Deine andere ausführlich beantwortet, habe mich aber nun entschlossen, in jenem Forum nicht mehr aktiv zu sein.)

    Die Interpunktion, das ist hier tatsächlich eine Frage gewesen. Wie ich bereits oben erläuterte, empfand ich sie als störend, obwohl ich normalerweise zumindest innerhalb der Verse Kommata setze. Aber hier würden sie Schwerpunkte erzeugen und den kurzen Fluss innerhalb der Verse vielleicht stocken lassen, als optische Merkmale. Die bereits von Andvari bemängelten Inversionen, (die ich nicht als solche empfinde, die ich aber durchaus nachvollziehen kann und sogar mit Ellipsen ergänzen kann) diese sind sicher durch die fehlenden Kommata begründet. So ist für mich Strophe eins ein Satz, der Wellen und Wirbel beschreibt, für ihn sind es mehrere, denen etwas fehlt.

    Ich werde versuchen, meine Überschriften dezenter zu gestalten, Danke für den Hinweis. Bei meinen längeren Gedichten stößt dieses nicht so auf, aber hier stimmt es sehr .

    Die letzten Verse sind natürlich nicht aus Versehen in diese Form gegossen. Zwar nimmt V2 scheinbar die Form aus S2 wieder auf, jedoch ist hier das Konstrukt als Frage lesbar. Ein weiterer Grund (für weiteres Sinnen), in diesem Text keine Interpunktion zu nutzen. Wenn nun also das Meer als Personifizierung stünde, dann wird entweder nicht nach dem Grund (oder dem Bild für...?) gefragt, oder es wurde bereits danach gefragt und nun erneut darauf hingewiesen. Also, je nach gusto, vier mögliche Gedanken zum nach Hause nehmen. Es freut mich, dass Du es gesehen hast und noch mehr, dass Du das reizvoll findest.


    Liebe Grüße an Euch
    und vielen lieben Dank für Eure Auseinandersetzung!
    Anke

    [Geändert durch therzi am 12-08-2005 um 23:39]

  7. #7
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    Hallo therzi,
    raffiniert Mehr zu wünschen und mit dem Meer auszudrücken.
    Hat mir gut gefallen.
    Liebe Grüße,
    Dana

  8. #8
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    Danke schön, Dana.

    Ja, der Wunsch wäre da , deswegen auch die Frage am Schluß, die ja auch nach einer anderen Art der Ergründung fragen kann...


    Liebe Grüße,
    Anke

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