Thema: Winterschlaf

  1. #1
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    Winterschlaf


    In dünnen Schichten trägst du mich
    ab wie ein Flöz von rauer Kohle,
    damit ich dir die Wärme wiederhole,
    die es umsorgt, dein Winter Ich.

    Als zartgeflockter Leichenschnee
    fall ich zu Füßen deiner Pracht,
    vertrink mit dir die Reste meiner Macht,
    jag fort den Frost vom alten See.

    Was mich umgibt, ist lüstern pure Dunkelheit,
    die ungestüm an deinem Leid sich labt,
    in deren Krallen Kinderseele narbt…
    wie süß sie schmeckt, des Keimes Reinheit.

    Mein scharfes Schwert hat dich getrennt
    vom Leben, das du nie gewollt hast,
    wo hart nun Schlag um Schlag die Last
    als Blutmeer mir aus deinem Körper rennt.

    In dünnen Schichten wurd` dies Grauen
    aus meinem Fels geschält, seitdem du lebtest,
    hier lies ich, wo du erste kleine Träume webtest,
    von ungebornen Kindern Mausoleen bauen.

    Ich trage dich dies eine letzte Mal noch
    hinein ins Schreien horizontner Bläue,
    wickle dich ein in meine tiefe Reue,
    wie unerklärbar liebe ich dich doch.


    © by Herbert Gerke 2005


  2. #2
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    262
    Hallo Herbert!

    Zur Abwechslung habe ich dich am Anfang gar nicht verstanden. Ich meine, sprachlich gefällt mir dein Gedicht und auch der Anfang ist schön.
    Aber schon beim "Leichenschnee" habe ich leicht verwirrt die Stirn gerunzelt und ich muss sagen, zum Ende hin wurde das Gedicht immer gruseliger. Der Schlusssatz hat mich dann zutiefst getroffen, so dass ich das Gedicht noch zweimal sehr intensiv gelesen habe.
    Dabei fing es an, den ersten erschreckenden Eindruck zu verlieren - hinter den ziemlich kompakten und abstarkten Bildern glaube ich einen tiefen Schmerz und große Trauer zu spüren.
    Ich denke, es geht auf jeden Fall um einen Menschen, der gestorben ist. Aufgrund der "Kinderseele" und der "ungeborenen Kinder" auf der einen und wegen dem Satz "vom Leben, das du nie gewollt hast," auf der anderen Seite, drängt sich die Vermutung auf, dass es es um ein Kind geht, vielleicht sogar um ein Baby, dass früh gestorben ist. Dieser Eindruck wird noch durch die fünfte Strophe verstärkt.
    Außerdem klingt hier eine Art Vorahnung mit, als hätte es nie eine Chance gegeben.
    Ebenso in "wickle dich ein in meine tiefe Reue", was aber auch Selbstvorwürfe vermuten lässt. Auch die vierte Strophe lässt das vermuten.

    Ich mag nicht weiter interpretieren, ich weiss nur, dass es unendlich traurig ist, wenn man sich aus das Gedicht einlässt.

    Bitte sag was,
    traumfänger


  3. #3
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    Du hast die Tiefe des Schmerzes in dein Bild aufgenommen

    Du hast die Tiefe des Schmerzes in dein Bild
    aufgenommen, traumfänger.
    Mit den Sinnen eines Sehenden konntest du
    etwas ertasten, das weit jenseits der
    Vorstellungskraft geboren wurde.
    Eindrucksvolle Interpretation.
    Was wäre die Gefühlsexplosion eines
    Glücksfeuerwerks, wenn es diesen unendlichen
    Schmerz nicht gäbe?

    Ich lasse dein Bild dort stehen... inmitten eines
    frostigen Wintermorgens. Sonnenlos.


    Danke dafür.


    H e r b e r t

  4. #4
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    "...inmitten eines frostigen Wintermorgens.
    Sonnenlos."


    Schweigend blicke ich ins Leere
    Schneeflocken mischen sich
    unbemerkt mit meinen Tränen -
    der Wind singt sein einsames Lied.

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