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Thema: Acer negundo

  1. #1
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    Acer negundo


    Dem Erdgeist gewidmet

    Deine Äste
    stahlblau Himmel zeichnend
    mir Heimstatt
    ruhte ich

    Dein Stamm
    blutrot Winde lehnend
    mir Stütze
    fußte ich

    Deine Wurzeln
    aschgrau Wüsten schlingend
    mir Bindung
    begriff ich

    Deine Samen
    grasgrün Landschaft keimend
    uns Schmerzen
    jäte ich

    [Geändert durch gott (thanks admin) am 13-08-2005 um 22:13]

  2. #2
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    Guten Morgen!
    So etwas kann man Kunstwerk nennen.schoene Bilder in minimaler Sprache.Optisch guter Aufbau,denn es unterstuetzt die Wirkung,der Gedankenfolge und Verbindung.
    Gratulation.
    Amrei-lyrics
    Licht ist Nahrung fuer die Seele

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  3. #3
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    Hallo Amrei!

    Danke für Dein überschwengliches Lob.
    Ich hätte es nur schön gefunden, wenn Du vielleicht in ein zwei Sätzen auch geschrieben hättest wie der Inhalt auf Dich wirkt. Denn gerade die letzte Strophe könnte - so meine Befürchtung - doch reichlich mißverstanden werden.

    alles liebe
    gott

  4. #4
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    Hi,

    auch ich kann mich Amrei nur anschließen.
    Wunderschöne Bilder (aschgrau Wüsten schlingend), auf einander abgestimmt, puante drin... was soll man sagen: sehr gelungen.

    Ganz ehrlich

    MFG Willo
    Erkennen selber braucht einen Augenblick, die Erkenntnis auszudrücken ein Leben.

  5. #5
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    Hallo Willo!

    Grins, langsam überlege ich mir, ob ich das ganze nicht doch in "Trauer und Düsteres" hätte setzen sollen, denn eine Pointe würd ich den Schluß nicht gerade nennen. Eher eine Wendung im Geschehen.

    Dennoch danke für die lieben Worte.
    gott

  6. #6
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    Is ne Puante zwangsläufig komisch?
    Wenn ja nenn ichs anders.

    MFG Willo
    Erkennen selber braucht einen Augenblick, die Erkenntnis auszudrücken ein Leben.

  7. #7
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    Es ist toll für mich,komme aber mit der letzen Strophe absolut nicht klar,denn dort verbirgt sich für mich der Sinn.
    Kleine Bitte um Erleuchtung nun.Suse
    Windsbraut

  8. #8
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    Acer negundo - scharf oder Ahorn, aber was heißt negundo? Warum ein lateinischer Titel oder ist es kein Latein? Ich kenne negundo nicht - negare, verweigern, verneinen, aber negundo... Ich bin am Grübeln.

    Was den Text selbst betrifft, so kombinierst du die finiten Verben nicht mit den grammatikalisch zu erwartenden Objektformen. Die Konstruktionen als solche ergeben semantisch Sinn, obgleich es schwerlich vorzustellen ist, auf einem, sich gegen den Wind lehnenden Stamm zu laufen.

    Der Text ist unglaublich gut strukturiert, nicht nur, was die Gestaltung der Verse betrifft. So gleicht nicht nur der erste Vers jedem ersten Vers der Strophe, der zweite jedem zweiten u.s.f. vom grammatischen Bau her, sondern auch der Redeverlauf wird von der Baumkrone hin zu den Wurzeln aufgefächert, um dann Aussicht auf den Samen, den Keim allen Lebens zu lassen. Man kann das Ganze daher schwerlich als Buchstabensuppe abwerten.

    Der Reiz liegt in der letzten Strophe, die ihn nicht etwas durch eine Variation der Form entwickelt, wie man es nach so viel Wiederholung erwarten könnte, sondern in der Semantik und das ist spannend. Denn der Schmerz ist der erste abstrakte Begriff in dem Text, der erste emotive Begriff, der erste im lyr. Ich begründete Begriff u.s.f, der zugleich eine Idee von Gemeinschaftlichkeit, von "uns" vermittelt. Alles kann man gemeinsam erleben, wie man in Ästen schläft, auf Stämmen schreitet und sich an Wurzeln bindet, aber der Schmerz, diese subjektive Kleinigkeit ist es, die dem Sprecher die Zweisamkeit vor Augen führt. Eigentlich eine bedauerliche und bedrückende Aussicht.

    Dennoch ein sehr interessanter Text.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  9. #9
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    Ursprünglich eingetragen von levampyre
    Acer negundo - scharf oder Ahorn, aber was heißt negundo? Warum ein lateinischer Titel oder ist es kein Latein? Ich kenne negundo nicht - negare, verweigern, verneinen, aber negundo... Ich bin am Grübeln.
    Acer negundo = Eschen-Ahorn. Manchmal ist Google dem grübelnden Geist doch überlegen ...

    Ich kann mich im Übrigen der positiven Kritik meiner Vorredner nur bedingungslos anschließen und möchte mich gleich auch einmal bei LeVampyre bedanken, die gezeigt hat, wie viel mehr noch in diesem wunderschönen Text steckt als ich zunächst wahrgenommen habe.

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  10. #10
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    Hm, negundo klingt dennoch nach einem Gerundium im Dativ oder Ablativ. Aber gut, dafür, dass ich die lateinische Entsprechung von Eschen-Ahorn nicht kenne, muß ich mich vielleicht nicht schämen. Danke für die Übersetzung.
    --LeV

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  11. #11
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    Hallo und guten Morgen!

    Da ist man einen halben Tag nicht da und dann darf man sich über solche Kritiken freuen

    @ Willo: Ja, also eigentlich ist eine Pointe schon eher witzig angelegt. Die deutsche Wikipedia dazu: "Eine Pointe (v. französ.: pointe Spitze, aus spätlat.: puncta Stich) ist ein geistreicher überraschender Schlusseffekt als Stilfigur in einem rhetorischen Ablauf z. B. eines Witzes"
    Wie Du das Ende nun stattdessen nennen magst, sei Dir überlassen

    @ Windsbraut: Danke für Dein Lob. Die letzte Strophe ist wie schon erwähnt der Wendepunkt im Gedicht. Hier kannst Du ruhig levampyres Interpretation trauen, sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen

    @ levampyre: Acer negundo, ja ich hab mir auch den Spaß erlaubt und versucht herauszufinden, ob sich da nicht irgendeine Verwandschaft zu "negare" finden läßt, konnte aber nichts finden. Tatsächlich leitet sich negundo von "Nirgundo", einem bengalischen Baum ab, der eine ähnliche Blattform hat... Doch kein netter verneinender Ahorn
    Zu Deiner Analyse und Interpretation: Ich bin entzückt. Ich hätte nicht gedacht, daß sich jemand die Mühe macht, den doch recht einfachen Aufbau, auf noch dazu so treffende Weise auseinanderzunehmen und mit dem Inhalt in Verbindung zu bringen. Ich danke Dir dafür und mit etwas Phantasie und einem ordentlich geneigten Baum, klappt das mit dem über den Stamm laufen auch...

    @ Roderich: Auch Dir dank für das Lob und das Erspüren der Titelwahl. Ich hätte das Gedicht auch mit der deutschen Bezeichnung betiteln können, lernte diesen Baum aber von Kindesbeinen an als "Weidenahorn" kennen. Da wollte und konnte ich nicht einlenken.

    alles liebe
    gott

  12. #12
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    Nein, eine Verbindung zu negare kommt höchstens, wie bei mir, durch die klangliche Nähe assoziativ zustande, aber wie dem auch sei. Solche inhaltlichen Strukturierungsmodelle, wie man sie hier findet, nehmen viele Leser (und Dichter) leider gar nicht mehr wahr. Weshalb ich es natürlich als meine Aufgabe betrachte, diese in meinen Komms vor Augen zu führen. Oftmals haben (auch metrische) Texte hahnebüchende Abläufe und die Dichter glotzen dann blöde, wenn ich sage, die Texte seien chaotisch. "Was ist denn daran unlogisch, dass er erst liebt und dann hasst?", fragen sie, ohne einen Blick für die Gesamtheit ihres eigenen Textes und eine Idee von sprachlichen Strukturen zu bekommen.

    Dein Gedicht würde sich darum auch hervorragend als Analysebeispiel für die semantische Ebene eignen, die ich in meinem Essay zur Form (s. Sig.) beschrieb. Ich werde darauf vielleicht zurückkommen.
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  13. #13
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    Hallo levampyre!

    Sollte sich das Gedicht wirklich für Deinen Essay eignen (den ich bisher, nebenbei gesagt, sehr spannend finde), steht es Dir zur freien Verfügung.

    alles liebe
    gott

  14. #14
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    Hallo gott!
    einmal hast Du mir ein gedicht gewidmet und wieder einmal bin ich begeistert. trotz des düsteren Abschlußes ist das Gedicht gelungen und wirft - zumindest für mich - neue betrachtungsweisen auf ein altbekanntes Thema....
    So kann ich nur sagen das ich beeindruckt bin und nun weiter darüber nachdenken werde....

    Danke meine Geistverwob`ne
    [Geändert durch Uk am 16-08-2005 um 13:48]
    Though Earth and moon were gone
    And suns and universes ceased to be
    And Thou wert left alone
    Every Existence would exist in thee
    -Emily Bronte

  15. #15
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    Hallo Uk, meine Muse!

    Und ich hatte schon mit entsetzten Blicken und Kontaktabbruch gerechnet... Schön, daß Dir das gedicht gefallen hat. zum Ausgleich erwarte ich nach Beendigung Deiner Schreibblockade ein mir gewidmetes Gedicht (oder auch zwei oder drei)

    alles liebe
    Deine Zusammenbrucherlebende

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