Thema: Schneegesicht

  1. #1
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    Schneegesicht


    Steter grobgekörnter Morgen
    spiegelt trübe beinah blind sich
    Seelenfluss singt taugeboren
    vom erworbnen Leichenstamme
    lodernd Glut der trunknen Sorgen
    Fleisches Säfte schlafgegoren

    Sehnenvoll des Knaben Geist
    folgt den Nebelkindern leise
    wo geliebt von Zeit gespeist
    wieder endet Wortes Reise

    Grabgedenkend schwarz von Samt
    haucht gebleichtes Antlitz dich
    würgen aufgegebne Ängste mich
    Regen fleht um Diebessommer
    haltlos schweigt ein stiller Morgen
    Wärme ruht im Eis geborgen

    Windzerzaustes Land mir heute
    formet sanft geschalte Hände
    gibt die Seele frei zur Beute
    schenkt den Körper in sein Ende

    Klammerung der Lichtbereiten
    tosend durch die Dunkelheiten
    Nachtgarten birgt Erdengeister
    steigt die Wut im Henkersmeister
    Schneegesicht auf Hoffnungsweiten
    Lass im Sturm dich zart begleiten

    Mondes Tag verrinnt zum Traum
    gleicht kadavervollem Mutterleib
    führt zurück in lebenslichten Raum
    mich wo Schnee ich morgen bleib


    © by Herbert Gerke 2005


    [Geändert durch Herbert Gerke am 16-08-2005 um 11:46]

  2. #2
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    Hallo Herbert,

    als ich heute Mittag gesehen habe, dass du wieder mal ein Gedicht reingestellt hast, habe ich mich gefreut. Ah, der neue Gerke. Das ist für mich schon ein Qualitätssigel. Dann flugs einmal drübergelesen, scharf abgebremst und die erste Strophe noch einmal, dieses Mal aber mit Bedacht angegangen. Reaktion? 50 % Begeisterung und 50 % Verwirrung. Also habe ich das in alter Roderich-Manier mal beiseite gestellt und mir die Hände gerieben, mögen sich doch die anderen mal interpretativ austoben. Jetzt ist es Abend und noch immer hat keiner dieses schöne Gedicht kommentiert. Also bleibt der Kelch wohl bei mir. Diese lange Einleitung schicke ich quasi als vorweggenommene Entschuldigung für etwaige interpretatorische Entgleiser meinerseits ins Rennen.

    Doch nun zum Gedicht. Wie schon gesagt, ich war/bin begeistert und verwirrt. Die Bilder sind sehr ausdrucksstark, die Wortkreationen einprägsam (wunderschön: Seelenfluss, Nebelkinder, Diebessommer und natürlich das Schneegesicht), die Gliederung in drei sechszeilige und drei vierzeilige Strophen gelungen. Hier aber auch mein ein kleiner Kritikpunkt: Bei den sechszeiligen Strophen kann ich kein klares Reimschema erkennen. Angesichts der gelungenen Bilder, die einen fesseln, ist das aber nicht weiter störend, wie ich finde.

    Ein echter Kritikpunkt: Durch das Weglassen von Satzzeichen wirkt dein Gedicht optisch zwar sehr elegant, aber zum Teil stürzten mich fehlende Beistriche noch mehr in meine ohnehin nicht geringe Verwirrung.

    Zum Inhaltlichen: Das ist der eigentliche Grund für mein Rätseln. Meine armen, stupid arbeitsgeplagten Gehirnzellen kriegen das einfach nicht mehr hin. Ich versuche es hier noch einmal (quasi eine a capella-Interpretation), aber ich fürchte, das Gold, was in deinem Gedicht eingeschlossen ist, werde ich auch jetzt nicht heraushämmern können.

    Also, hier ist nun Rodis verzweifelter Interpretationsversuch:

    Strophe 1: In der Nacht ist jemand gestorben, der Morgen trägt quasi seine Seele fort. Mehr fällt mir dazu im Moment nicht ein.

    Strophe 2: Unterstreichung von Strophe 1. Der Geist des Knaben (nun wissen wir, dass es sich um einen Jungen handelte), folgt den Nebelkindern leise. Die Nebelkinder sind die Seelen früher verstorbener Kinder, die nun die Seelen ins Totenreich führen. Mit "Wortes Reise" habe ich aber so meine Probleme.

    Strophe 3: Das ist für mich irgendwie die schizophrenste Strophe. Am Anfang würgen Ängste, haucht gebleichtes Antlitz - dann ruht Wärme im Eis? Den ersten Teil verstehe ich so, dass ein Teil der Verstorbenen auf der Erde bleibt und den Hintergebliebenen spürbar wird. Gebleichtes Antlitz ist das Antlitz des Toten, aufgegebne Ängste verstehe ich als die Ängste des Hintergebliebenen um den Sterbenden, die nach dessen Tod nun keine Bedeutung mehr haben und trotzdem im Schlaf wiederkehren. Die Wärme, die im Eis geborgen ruht, verstehe ich als das warme Andenken an den Verstorbenen, als die schönen Erinnerungen.

    Strophe 4: Diese Strophe kann ich bestenfalls gefühlsmäßig erahnen. Man lässt den Toten in Gedanken los, gibt seine Seele frei. Man bewahrt sich die schönen Erinnerungen, aber die unmittelbare Wut auf den Tod, dass er einen geliebten Menschen viel zu früh geholt hat, ist verraucht.

    Strophe 5: Aus der Strophe werde ich nicht schlau. Wieder sagt mir mein Gefühl, dass es um die endgültige Reise der Seele des Toten in das Totenreich geht, wobei diese Reise eine beschwerliche ist. Klammerung der Lichtbereiten tosend durch die Dunkelheiten würde ich dahingehend interpretieren, dass die Seele des Verstorbenen aufgrund der unmittelbaren, noch nicht zur Gänze überwundenen Trauer der Hinterbliebenen, gewaltsam auf der Erde festgehalten wird - quasi eine Art "Magnetismus" durch Trauer. Die Lichtbereiten sind für mich diejenigen, die die absolute Dunkelheit des Todes noch nicht kennengelernt haben, also die Lebenden. Das Schneegesicht ist der Verstorbene - blass, weiß und rein wie der Schnee. Die Hoffnungsweiten: Die Hoffnung auf ein Leben danach. Wie aber der Henkersmeister da rein kommt, ist mir rätselhaft.

    Strophe 6: Mondes Tag ist die Nacht, meiner Ansicht nach. Die Nacht verrinnt zum Traum. Der kadavervolle Mutterleib könnten Alpträume sein, die den Hinterbliebenen heimsuchen (Alpträume als Kadaver). Andererseits ist ein Mutterleib auch wieder etwas Positives, steht für den Anfang, den (Neu)beginn. Man könnte das so auffassen, dass der eben Verstorbene in den Mutterleib zurückgeführt wird, in den lebenslichten Raum, also das Leben selbst. Reinkarnation in einem anderen Leib - aus dem blassen toten Schneegesicht wird ein blasses embryonales Schneegesicht.

    Soweit also meine krampfhaften Bemühungen, dir hinter die Schliche zu kommen. Das Gedicht ist sehr verschachtelt und verschlüsselt. Ich denke, da habe ich mir ein paar ganz schöne Zähne ausgebissen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du im Moment des Lesens meiner Interpretation einen breiten Grinser aufgesetzt hast.

    Wie auch immer, mir hat das Gedicht sehr gut gefallen. Ich wäre aber um eine Deutung deinerseits sehr dankbar. Sagen wir mal so: Ich habe mich ehrenhaft entblättert, nun musst du die Hosen runterlassen.

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Oha, ich glaube ich muss meine Meinung von dir als Dichter echt revidieren. Wieder ein wirklich schönes Gedicht. Die Wortwahl weiss zu überzeugen, die Metaphern gefallen mir absolut. Ist blöd zu sehen wenn man sich mit der Meinung irrt
    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  4. #4
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    May I have your attention please?

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  5. #5
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    Hallo Rodi, hallo Wolf!

    Hallo Rodi, hallo Wolf!

    Entschuldigt bitte die Mordsverzögerung. Ich hatte es ja
    bereits angekündigt.
    Es mangelt mir an Zeit, da augenblicklich einige sehr
    drängende Dinge zu erledigen sind.
    Gerade deshalb kann ich auf deine, lieber Rodi, ausgezeichnete, interessante und
    mühevolle Interpretation
    nicht wirklich eingehen.
    Eines vielleicht: Ich hasse es, dem Leser ein Bild vorzu"schreiben" ... Eigentlich interessiert
    es gar nicht, was ich ursprünglich dabei im Kopf hatte. Viel spannender
    sind doch die vielschichtigen und miteinander konkurrierenden Bilder,
    die später erst beim Lesen durch andere entstehen.

    Dafür also Danke und

    bis in Kürze wieder


    Herbert

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