1. #1
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    Wintermärchen

    Wir waren wohl fünf. Als wir einzeln durch Sturm und Schnee kämpfend diesen Ort erreichten, lag hinter jedem von uns schon eine Menge an Erlebnissen. Wir begannen sie erzählend wie Glasperlen zu tauschen.
    Der Geist malte mit seinen Händen Bilder von fernen Ländern und seltsamen Wesen in die feuerstickige Luft. Wir sahen ihm mit von Staunen geöffneten Mündern zu. Ab und an entschwebte er durch die Decke des niedrigen Holzhauses und ein jedes mal fragten wir uns besorgt, ob er den Weg zum Boden wiederfinden würde.
    Die Unbedarftheit pflegte immer unruhig auf und ab zu wandern. Ein wenig gehetzt war sie, wenn auch von bestechendem Intellekt. Nur auch von allzu wankelmütigen Glauben. Eines jeden kurzen Tages verkündete sie neue Sichtweisen, änderte Namen und Erscheinungsbild ihren Anwandlungen passend. Wir alle bewachten ihren leichten Schlaf.
    Die Fürsorglichkeit war freudig lachend, von Kummer gezeichnet. Doch anstatt darin zu vergehen sog sie die Sorgen und Nöte von uns anderen vier auf, blies Seifenblasen aus Fröhlichkeit, balancierte sie zu unserem Entzücken auf der Spitze ihres Schwertes. Manchmal ließ sie es fallen.
    Ich, die Struktur, lachte. Lehrend flüsterte ich Wintermärchen in die kalte Morgenluft und verirrte mich alsbald im tiefen Schnee. Schneekristalle staunend fand ich den Weg zurück. Warmes Licht der Hütte wies mir ein daheim. Als die anderen mich fragten, was ich gesehen habe, erkannte ich, daß ich es nicht mehr wußte.
    Zweifel kauerte immer etwas unschlüssig in einer Ecke. Mal war sie begeistert, mal schüttelte sie resigniert den Kopf. Wir wollten sie Sanftmut nennen, doch sie zweifelte an der Richtigkeit dieses Namens.
    Wir hatten uns die Hütte wohnlich gemacht. Sie nahm vor unseren Augen Form an, wuchs an unseren Erfahrungen. Wir vertrauten auf unsere Einigkeit. Die ersten Stürmen zerrten an den Holzbrettern, doch sie hielt stand. Eindringlinge kamen, als Besucher getarnte Unruhestifter. Wir strauchelten ein wenig, wiesen ihnen die Tür und vergaßen sie schnell.
    Wir fühlten uns wohl.
    Doch nun? Nachts wenn die anderen schlafen, setze ich mich neben die Fürsorglichkeit und wir flüstern. Wann es anfing, kann ich nicht sagen. Irgendwann haben wir wohl beide im Schlaf gesprochen und unsere Träume haben sich überrascht geantwortet.
    Fürsorglichkeit: "Ich kann die anderen nicht mehr sehen."
    Struktur: "Ja, ich weiß. Aber sie müssen direkt vor uns liegen."
    Fürsorglichkeit: "Wenigstens der Geist könnte mal deutlicher werden. Er hat mir vom Himmel erzählt. Ich glaube dort gefällt es ihm besser, als in dieser engen Hütte."
    Struktur: "Er ist schon lange gegangen, genau wie die anderen. Sie wissen es nur noch nicht."
    Fürsorglichkeit: "Und was sollen wir nun tun. Wenn es nur noch uns beide gibt? Wenn die anderen noch hier sind, aber an andren Orten weilen?"
    Ich seufze: "Ich gehe."

    Und eine ging....

  2. #2
    apple Guest
    Guten Morgen Gott,

    sprachlich überzeugst Du wie stets durch originelle Be- und Umschreibungen und wunderbare Bilder und Wortgewalten, die einen an Deine Zeilen heften, so daß man nicht einen einzigen Moment vom Lesen ablassen will.

    Auch der Aufbau der Geschichte ist derart gut, daß Du den Leser nicht einen Moment von der Hand läßt, ohne ihn jedoch dreist am Ärmel zu ziehen, sondern man folgt Dir freiwillig durch und zwischen die Zeilen.

    Inhaltlich stehe ich noch ein wenig auf dem Schlauch. Aus irgendeinem Grunde (wohl der magischen 5 wegen) will ich unbedingt die fünf Tugenden der Handlung und des Geistes hier einweben, schaffe es aber nicht. Also zurück in die Kiste damit

    Frage ist, was wir hier haben: 5 "Protagonisten", und zwar

    Geist
    Unbedarftheit
    Zweifel
    Fürsorglichkeit und
    Struktur

    Alle erreichen zusammen einen Rückzugsort, der in einer bitterlich kühlen Kulisse ansiedelt wird. Zuerst ist es die Unbedarftheit, die sich zu wandeln vermag. Ihr einstiges Naturell verfällt dem leichten Schlaf, entschwindet somit und gibt dem Zweifel die Hand, der schlußendlich auf dem Schlaf obliegt. Fürsorglichkeit und Struktur bleiben zurück, der Geist hat diesen Ort der inneren Einkehr während der beschriebenen Wandlungsphasen ebenso verlassen.
    Also was bleibt, wenn der Zweifel entschlafen, der Geist in andere Gefilde entschwunden ist und die Unbedarftheit eben keine mehr ist? Alte Konstrukte, einistige Verwebungen sind aufgelöst - letztlich muss also die Struktur dann auch ihren Hut ziehen. Erkenntnis gebiert neue Horizonte, an denen man sich neu zusammenfindet.


    Wenn auch noch nicht entschlüsselt, nichtsdestotrotz schon jetzt mehr als nur gerne gelesen.

    Liebe Grüße
    apple

  3. #3
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    Hallo,

    ich kann mich nur begeistert tief verbeugen. Dein kurzes "Märchen" ist mitunter das Beste, was ich in diesem Forum bisher gelesen habe. Allerdings stehe ich - ähnlich wie Apple - interpretationsmäßig noch ein wenig auf der Leitung. Ich werde mir wohl eine Tasse Kaffee gönnen, dann deine Erzählung noch einmal lesen, den ganzen Tag darüber grübeln, am Abend meinen Geist durch ein gemütliches Beisammensitzen mit Freunden entlasten, morgen dann bei hoffentlich gutem Wetter noch einmal darüber nachdenken, während ich am Bodensee sitze und den Wellen zuschaue und, falls mir von den Wellen eine schlüssige Interpretation zugetragen wird, am Sonntag noch einmal schreiben.

    Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


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    Meine Werke und meine Empfehlungen.

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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  4. #4
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    Hallo Ihr beiden!

    Erst einmal Dank für Eure lieben Antworten!

    @ apple: Da bittet man Dich um einen Ratschlag und bekommt dafür so eine Kritik
    Ich bin etwas in der Zwickmühle. Einerseits will ich Dich nicht länger auf dem Schlauch stehen lassen, andererseits widerstrebt es mir das Märchen völlig zu entzaubern. Außerdem entginge mir dann wohl Roderichs Interpretation...
    Nun aber vielleicht läßt Du Dich von mir einfach in die eine oder andere Richtung schubsen.
    Deine Analyse gefällt, sie hat mir mögliche Bedeutungsebenen gezeigt, die ich selbst nicht so beabsichtigt habe, aber das ist ja fein. Unbedarftheit mag einen Wandel erleben, aber siehst Du tatsächlich einen leichten Schlaf als Anzeichen dafür? Das Märchen umfaßt einen Zeitraum von mehreren Wochen, wenn nicht gar Monaten. Selbst wenn man in den einzelnen Protagonisten nur bloße Personifikationen sieht... eindeutig haben sie menschliche Bedürfnisse, wozu auch der Schlaf gehört.
    Auch möchte ich, wenn Du magst, Deine Aufmerksamkeit auf den zwiespältigen Dialog am Ende lenken. Die anderen sind da, aber weg. Der Geist ist entschwebt, aber kann noch immer von fremden Landen/ dem himmel erzählen? Und warum verläßt Struktur die Fürsorglichkeit ausgerechnet in einem Moment der verletzlichkeit?
    So, ich hoffe, meine obskuren Fragen beantworten in sich einige Rätsel

    @ Roderich: Ja, schwärme mir ruhig etwas von Deinem Wochenende vor... Du bist ja nicht gerade sparsam mit Lob. das ehrt mich und ich bin gespannt auf Deine Gedanken zu dem kleinen Märchen.

    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Hallo noch einmal,

    der Samstag ist wetterbedingt nicht so toll verlaufen wie ich ihn geplant habe und so sind mir auch keine Interpretationen von den Wellen des Bodensees zugetragen worden. Allerdings tröpfelten ein paar Ideen/Möglichkeiten/Ahnungen vom Himmel herab ...

    Ich revidiere nach wiederholter Lektüre im Übrigen meine vorhin bekundete Meinung, dass dein "Märchen" mitunter das Beste ist, was ich bisher im Forum gelesen habe. Es ist nämlich ganz und gar das Beste, nicht nur mitunter! Dein Text hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Meine Hochachtung, Verehrteste!

    Aber nun mal rangewagt an das Werk. Ich muss gestehen, dass ich es immer noch nicht ganz schlüssig interpretieren kann und so werde ich mich Wort für Wort, Satz für Satz durcharbeiten um Fragen zu stellen und vielleicht Antworten anzudeuten. Viel mehr kann ich nicht.

    Es beginnt meiner Ansicht nach schon beim ersten Satz. "Wir waren wohl fünf". Da zeigt sich, dass in dem ganzen Märchen der Teufel im Detail steckt. Warum dieses "wohl"? Warum nicht einfach "Wir waren fünf"? Und wer sind diese fünf? Apple hat es ja schon herausgearbeitet: Geist, Unbedarftheit, Zweifel, Fürsorglichkeit und Struktur. Diese fünf scheinen sich zu widersprechen. Kann Geist neben Unbedarftheit existieren? Wie verhält es sich mit Zweifel und Fürsorglichkeit? Umgelegt auf menschliche Eigenschaften: Kann ein zweifelnder Mensch fürsorglich sein? Und wie passt die Struktur in diesen Rahmen? Irgendwas fehlt hier, das verbindende Element, wie mir scheint. Vielleicht auch deshalb dieses "wohl" - genau kann man es nicht sagen, wer nun wirklich dort in der Hütte war. Das heißt, man kann schon sagen, dass diese fünf in der Hütte waren und sie waren es sicher nicht zufällig, aber was du damit (vielleicht) anzudeuten versuchst, ist, dass diese fünf nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein müssen, sondern eher exemplarisch herausgepickt sind. So würde ich das zumindest verstehen.

    Interessant ist auch, dass sie sich einzeln durch den Schnee gekämpft haben. Sie kamen nicht gemeinsam dort an, sondern jeder für sich und jeder brachte eine Menge an Erlebnissen mit. Das verstehe ich so, dass die Protagonisten hier Sammelbegriffe für alle Menschen sind: Der Geist repräsentiert den Geist aller Menschen, die Unbedarftheit repräsentiert die Unbedarftheit aller Menschen usw. Das würde die Menge an Erlebnissen erklären, die hinter ihnen liegt. Dass sie einzeln angestiefelt kommen, untermauert meine oben aufgestellte These, dass sie sich eigentlich zu widersprechen scheinen, dass ein verbindendes Element fehlt. Vielleicht komme ich später noch drauf, wie diese Verbindung aussehen könnte.

    Nun folgt deine Beschreibung der fünf Protagonisten, wie sie sind, was sie tun.

    Der Geist malt Bilder von fernen Ländern und seltsamen Wesen. Der Geist besitzt Vorstellungskraft und Fantasie, er kann Eindrücke aufnehmen, umgestalten und ausschmücken. Der menschliche Geist hat die Gabe zur Immagination, das ist es vermutlich, was du andeuten möchtest. Deutlich wird das in der Zeile "Ab und an entschwebte er durch die Decke ...". Die Fantasie trägt den Geist von der Wirklichkeit davon, man "hat seinen Kopf in den Wolken".

    Die Unbedarftheit wandert unruhig auf und ab. Sie wirkt gehetzt, verfügt aber über einen bestechenden Intellekt. Ich muss sagen, diese Figuren hat mir am meisten Kopfschmerzen bereitet. Wie kann die Unbedarftheit über einen bestechenden Intellekt verfügen? Unruhig und gehetzt? Für mich ist ein unbedarfter Mensch jemand, der sich - aufgrund eines sonnigen Gemüts oder mangelnder intellektueller Problemerfassungskompetenzen - kaum Sorgen macht, der arglos durchs Leben stapft. Die Wankelmütigkeit lasse ich mir noch einreden, da ein unbedarfter Mensch vielleicht nicht immer eine klare Linie erkennen lässt, er lebt heute so und morgen anders - immer in den Tag hinein. Vielleicht lässt du aber gerade deshalb die Unbedarftheit gehetzt und unruhig erscheinen: Die Personifikation der Unbedarftheit ist unruhig und gehetzt, weil sie auf immer neue Situationen, die unbedarfte Menschen hervorrufen, reagieren muss. Ein bestechender Intellekt könnte dafür nötig sein, sich auf all diese Änderungen einstellen zu können.

    Die Fürsorglichkeit, die lachend, aber vom Kummer gezeichnet ist, ist meiner Ansicht nach wieder etwas leichter zu durchschauen. Die Fürsorglichkeit muss ein freundliches, sonniges Wesen haben, um den Kummer der Menschen auf sich laden zu können. Umgelegt auf die Realität: Ein Mensch, der nicht eine grundsolide Einstellung zum Leben hat und das Leben gerne lebt, kann nur schwer fürsorglich sein, da ihn sonst die Sorgen der anderen Menschen zu sehr bedrücken würden. Wo ich aber wieder mal gehörig ins Straucheln gekommen bin: Das Schwert! Was, zum Geier, macht das Schwert hier? Warum hat die Fürsorglichkeit ein Schwert? Mal sehen ... ein Schwert ist eine Waffe, mit der man verletzen, töten kann. Die Fürsorglichkeit verwendet das Schwert aber nicht als Waffe, sondern um Seifenblasen aus Fröhlichkeit auf der Spitze balancieren zu lassen. Viel weiter weg kann man von der ursprünglichen Intention eines Schwertes gar nicht entfernt sein. Ich nehme an, du wolltest ausdrücken (oder hättest ausdrücken können - ich formuliere lieber mal etwas vorsichtiger), dass man der Fürsorglichkeit auch mit Gewalt nichts anhaben kann. Ein fürsorglicher Mensch bleibt ein fürsorglicher Mensch, auch in Extremsituationen. Was ich aber nicht entschlüsseln kann (nicht einmal mit viel Fantasie, die diesem Interpretationsversuch ohnehin schon zu Grunde liegt): Warum lässt sie das Schwert ab und zu fallen? Die Symbolik dahinter verstehe ich nicht, da kann ich mir nicht einmal etwas zusammenreimen.

    Die Struktur: Beim ersten Mal lesen hatte ich gröbere Probleme, die Struktur in das Gesamtbild einzusetzen. Auf den ersten Blick passt sie nicht zu den anderen Protagonisten - wahrscheinlich auch, weil sie der Erzähler der Geschichte ist und das Geschehen distanziert kommentiert. Doch genau darin könnte ein Schlüssel für das Ganze liegen: Die Struktur ist eben wirklich distanziert von den anderen Figuren: Mit einem allzu fantasiebegabten Geist kann die Struktur nicht viel anfangen, auch die Unbedarftheit widerspricht der Struktur (wie vorhin schon skizziert lässt es ein unbedarfter Mensch an klarer Linie missen), über die Fürsorglichkeit lacht die Struktur (ich sehe das als gutmütiges, überlegenes Lachen). Ich sehe das so, dass sehr strukturierte Menschen in ihrem Lebens- und Tagesplänen kaum Zeit für Fürsorglichkeit haben, da Fürsorglichkeit nicht geplant werden kann. Interessant ist hierbei auch, dass die Struktur lehrend Wintermärchen erzählt - sie tut es nicht aus Freude am Erzählen oder um die anderen zu unterhalten, sondern sie fühlt sich überlegen und belehrt daher. Jetzt kommt ein wirklich sehr interessanter Teil: Die Struktur flüstert Wintermärchen und verirrt sich darauf im Schnee. Warum? Nun, um Märchen erzählen zu können, muss man Fantasie haben, etwas, was der Struktur meines Erachtens nach fehlt. Daher verirrt sie sich in ihren eigenen Geschichten, es fehlt der Struktur an Struktur in den Märchen. Mein Lieblingssatz: "Schneekristalle staunend fand ich den Weg zurück." Die Struktur ist von der fantastischen Welt, die sie durch ihre Erzählungen selbst geschaffen hat, erstaunt und erkennt, dass es auch etwas anderes gibt, was mit klaren Linien und Formen nicht begreifbar ist. Dadurch ist die Struktur auch in der Lage, ein daheim zu erkennen - das warme Licht der Hütte steht im Kontrast zu der eigenen Gefühlskälte (bzw. der Gefühlskälte, die sehr strukturierten Menschen oft zu eigen ist). Weil sich die Struktur hinaus in den Schnee gewagt hat und durch die Fantasie praktisch einen Schritt zur Seite treten konnte und damit den eigenen Horizont erweitert hat, kann sie auch den Weg zurück ins Warme finden. Allerdings bleibt die Struktur die Struktur und Ausflüge in das Reich der Fantasie passen nicht zu ihr, also kann sie sich auch nicht an das Gesehene erinnern.

    Zweifel ist Außenseiter. Die Symbolik ist klar: Unschlüssigkeit, das Sitzen in der Ecke fernab der anderen; mal begeistert, mal resigniert weiß der Zweifel nicht so recht, was er will. Warum sollte der Zweifel Sanftmut genannt werden? Zweifelnde Menschen sind auch im Zweifel über sich selbst und über ihre Wünsche. Oftmals erscheint es daher so, als hätten sie gar keine Wünsche und Träume. Da sie keine eigenen Wünsche kund tun, versuchen sie zwischen den anderen Menschen zu vermitteln, sind auf Harmonie bedacht, da Konflikte in der Außenwelt ihre eigenen Zweifel noch nähren würden. Dadurch könnten zweifelnde Menschen aber fälschlicherweise für sanftmütig gehalten werden - eben wegen der vermittelnden Position. Da Zweifel weiß, dass die Sanftmütigkeit eine durch ihre Zweifel verursachte ist, zweifelt sie auch an der Richtigkeit des Namens (herrje, warum hast du die Figuren nicht einfach Hans und Sepp usw. nennen können - der vorige Satz ist ja dramatisch kompliziert).

    So viel zu den Figuren. Die Beschreibung der Figuren nimmt schon mal die Hälfte deines Wintermärchens ein und man hat gesehen, dass es diese Figurenbeschreibung in sich hat.

    Wie geht es nun weiter? Die fünf Figuren haben es sich in der Hütte wohnlich eingerichtet und diese nimmt durch ihre Erfahrungen Form an und wächst. Hoppla, schon wieder etwas, was nicht in Gedankenschema F passt. Warum wächst die vermaledeite Hütte jetzt? Ich versuche es mal so: Du beschreibst, dass die Figuren auf ihre Einigkeit vertrauen. Genau diese Einigkeit hat mir aber am Anfang Kopfzerbrechen bereitet. Dadurch, dass sie zu einer Einigkeit gefunden haben, scheinen die Figuren also gewachsen zu sein. Wir haben gesehen, dass die Struktur die Fantasie kennengelernt hat, vielleicht haben die anderen Figuren ähnliche Erfahrungen gemacht. Und genau diese Erfahrungen, die das Wachstum der Figuren erklären, führen letzten Endes zu einem Wachstum der Hütte, da diese nun der zunehmenden Größe ihrer Bewohner nachkommen muss. Umgelegt auf die Realität: Sehen wir die Hütte als Symbol für den Menschen, in dem Geist, Zweifel, Unbedarftheit, Fürsorglichkeit und Struktur wohnen bzw. wohnen können (sie müssen ja nicht in allen Menschen zu gleichem Maße vorhanden sein). Nehmen wir an, ein sehr strukturierter Mensch löst sich ein wenig von seinen fixen Strukturen, er spielt mit der Fantasie, gibt ihr Raum sich zu entfalten. Sein Leben wird dadurch bereichert und er gewinnt an Größe, er wird zu einem besseren bzw. eher vollständigeren Menschen. So verhält es sich mit allen Eigenschaften, die ein Mensch haben kann. Ich will nicht behaupten, dass ein extrem fürsorglicher Mensch dadurch gewinnt, dass er emotional kühler, gewissermaßen sorgloser wird, aber eine extreme Überfürsorglichkeit kann zu viel des Guten sein. Wenn man dann ein wenig leiser tritt und sich nur noch um die Menschen kümmert, die es wirklich benötigen anstatt wahllos nach dem Gießkannenprinzip jedem Menschen Gutes tun, kann man dadurch an Größe gewinnen.

    Ich sehe in dem langen Zusammenleben der fünf an und für sich widersprüchlichen Figuren gerade diesen Effekt. Der Geist wird ein wenig realistischer durch das Einwirken von Struktur, die Unbedarftheit könnte durch den Zweifel an Ernsthaftigkeit gewinnen, die Fürsorglichkeit durch die Struktur in geordnete Bahnen gelenkt werden, die Struktur wird durch den Geist angeregt und die Zweifel vielleicht durch Unbedarftheit ein wenig gelockert.

    Was es allerdings mit diesen Eindringlingen auf sich hat, dafür ist mein armes, geplagtes Gehirn um diese Uhrzeit völlig überfordert ... Wer könnten diese Unruhestifter sein? Und warum strauchelten die Figuren ein wenig? Das weiß Gott allein ...

    Und nun ist es Nacht, Fürsorglichkeit und Struktur reden miteinander. Sie haben durch ihre Träume zueinander gefunden. Welche Träume könnten das sein, die Fürsorglichkeit und Struktur teilen? Ist es der Wunsch nach Ordnung auf der Welt, wobei die Fürsorglichkeit unter Ordnung eher Gerechtigkeit und Wohlbefinden für alle verstehen könnte, während die Struktur in dieser Ordnung eher ein klares Regelwerk, das für alle gilt sieht? Die Träume haben sich überrascht geantwortet, denn obwohl sie auf den ersten Blick leicht voneinander abzuweichen scheinen, ergänzen sie sich doch: Ein klares, für alle geltendes Regelwerk ist nötig, damit Gerechtigkeit und Wohlbefinden für alle Menschen auf Erden entstehen kann. Das ist der große, gemeinsame Traum von Fürsorglichkeit und Struktur. Deshalb reden sie auch miteinander, denn sie ergänzen sich in ihren Träumen.

    Der Schlussdialog, ein einziges Mysterium ... Dieser Dialog ist das Kernstück deines Textes, das große Finale. Mal sehen, was ich aus dem Hut, den ich vor dir gezogen habe, zaubern kann.

    Die Fürsorglichkeit ist besorgt, weil sie die anderen nicht mehr sehen kann. Die anderen: Geist, Unbedarftheit und Zweifel. Das könnte man so verstehen: Der fürsorgliche Mensch hat schon zu viel an Leiden und Kummer gesehen, als dass seine Fantasie ihm noch schöne, tolle Visionen des perfekten Lebens vorgaukeln könnte. Auch fehlt es ihm an Unbedarftheit, eben weil er schon so viel Dreck gesehen hat. Und die Zweifel sind auch ausgeräumt, der fürsorgliche Mensch weiß, wo er steht.

    Die Struktur antwortet dann, dass die fehlenden Figuren direkt vor ihnen liegen müssen. Die Struktur verlässt sich hier wieder auf die Ordnung der Dinge: Geist, Unbedarftheit und Zweifel waren immer da und so sind sie es auch jetzt.

    Der Wunsch der Fürsorglichkeit, dass der Geist deutlicher werden sollte, ist für mich der Wunsch fürsorglicher Menschen, dass ihre Visionen von Gerechtigkeit Wirklichkeit werden. Sie wissen, dass eine gerechte Welt nur ein Fantasieprodukt ist, aber sie halten sich an dem fest, da es für sie ein Ziel darstellt, das sie anstreben können. Wenn der Geist nun deutlicher werden soll, dann beziehe ich das darauf, dass die Visionen einer besseren Welt deutlicher und klarer werden müssen, damit konkrete Ziele abgesteckt werden können. Eine bloße vage Vision, wie die Welt aussehen könnte, wenn sich alle Mühe geben, ist als Ziel zu wenig. Der Geist hat vom Himmel erzählt. Nun, der Himmel ist der Ort absoluter Gerechtigkeit, zumindest stellt unsere Fantasie sich den Himmel so vor. Himmlische Gerechtigkeitsmaßstäbe auf Erden, das ist nun also die Vision der Fürsorglichkeit, die vom Geist (Fantasie) vermittelt wurde.

    Und nun folgt der absolute Knaller deines Märchens, nämlich die Antwort der Struktur und der Schluss. Wenn ich mich bis jetzt mühsam irgendwie über Wasser halten konnte, dann ist das nun die Stelle, bei der ich endgültig wie ein Stein absaufe ...

    Der Geist ist also schon lange gegangen, ebenso Zweifel und Unbedarftheit. Aber sie wissen es nicht. Sie glauben also, dass sie noch hier sind, was aber nicht der Fall ist. Zurück bleiben Fürsorglichkeit und Struktur wobei eine von den beiden auch noch geht ... Höchst seltsam. Versuchen wir es mal so: Wenn wir beim Thema Gerechtigkeit bleiben, dann ist es der Geist (synonym hier: die Fantasie), der zwar Ansprüche darauf erhebt, wesentlich für die Lösung des Gerechtigkeitsproblems zu sein, faktisch aber nichts zu melden hat. Mit bloßen Visionen lässt sich keine Gerechtigkeit erzielen. Auch Zweifel tragen nicht zum Aufbau einer gerechten Welt bei, auch wenn man das vielleicht glauben möchte (zweifeln im Sinn von kritischem Hinterfragen). Die Unbedarftheit ist hier auch fehl am Platz. Der unbedarfte Mensch glaubt zwar, die Welt zum Besseren ändern zu können, allerdings gelingt ihm das durch seine Naivität und Sprunghaftigkeit nicht. Was brauchen wir also, um die Welt zum Besseren zu gestalten? Fürsorglichkeit und Struktur. Aber warum möchte dann die Struktur gehen? Und ist sie wirklich gegangen, denn es heißt ja "eine ging" und nicht "ich ging"? Überlegen wir weiter. Könnte es nicht so sein, dass Struktur die Fürsorgleichkeit im Bestreben der Schaffung einer gerechteren Welt behindern könnte? Wenn alles strukturiert abläuft, dann bleibt kaum noch Platz, um auf Einzelschicksale eingehen zu können und weitere Ungerechtigkeit wäre die Folge. Andererseits: Könnte nicht gerade auch übertriebene Fürsorglichkeit gut strukturierte, theoretisch funktionierende Pläne zunichte machen? Was ist nun wichtiger, wenn man soziale Gerechtigkeit für alle erzielen möchte? Strukturiertes Vorgehen oder die Fürsorglichkeit von einzelnen? Hier beißt sich der Hund wohl in den Schwanz. Es ist kaum möglich, eine klare Antwort auf diese Frage zu finden und insofern geht auch "eine", die nicht näher bestimmt ist.

    Puh, jetzt bin ich durch. Als Zusammenfassung würde ich mal sagen, dass es darum geht, wie einzelne Menschen an Größe gewinnen können und wie sich diese Größe zum Bemühen um eine bessere, sozial gerechtere Welt zusammenfügen kann. Fazit: Jeder Mensch muss wachsen, muss versuchen, seine Fehler zu beheben um ein vollständigerer Mensch zu werden. Dann kann auch im größeren Rahmen etwas Gutes entstehen. Wie das dann allerdings wirklich geschehen kann, bleibt offen.

    So, das hat sich mein krankes Gehirn beim Lesen deines "Märchens" zusammengereimt. Kann gut sein, dass du dich ob meiner Interpretationsversuche in Lachkrämpfen auf dem Boden windest, aber so würde ich die Sache halt sehen. Jedenfalls ist dein Text wirklich eine verdammt harte Nuss gewesen, die ich aber sehr, sehr gerne versucht habe zu knacken und wenn dabei ein paar Zähne draufgegangen sind, dann war's mir das wert.

    Liebe und bewundernde Grüße

    Thomas
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  6. #6
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    Hallo Roderich!

    Puh, da bin ich ja froh, daß ich apples Ratschlag befolgt habe und das Ding doch nicht wieder gelöscht habe. Dann wäre mir diese umfangreiche und interessante Interpretation entgangen

    Bevor ich auf Deine Worte eingehe, erkläre ich vielleicht, zum besseren Verständnis, zumindest im Ansatz die Entstehungsgeschichte. Dieses Märchen entstand in einem Zustand von Frustration und Wut. Tatsächlich verbergen sich hinter den einzelnen Protagonisten reale Personen und da ich mal wieder nicht in der Lage war meinen Frust in angemessene - und verständliche - Worte zu fassen, griff ich zu dem Kunstgriff des Märchenerzählens.
    Nun bin ich aber ein Mensch, der gern verschlüsselt, wenn es sein muß, oder besser wenn es möglich ist, bis zur Unkenntlichkeit. Und ich lege auch gerne so viele Bedeutungsebenen wie möglich in meine Worte. Das ist, so hoffe ich doch, interessanter für den Leser. So hab ich einiges, was du hinausgelesen hast, durchaus beabsichtigt, bei anderen Stellen war ich nicht nur amüsiert, sondern auch ehrlich überrascht

    Dann mal ran ans Werk: Das "wohl" ist natürlich bewußt gewählt. Da es sich um einen Rückblick auf das Vergangene handelt, ist die Beurteilung durch das lyr. Ich ebenso nüchtern wie analytisch. "Wir waren wohl fünf" - Waren wir es tatsächlich? Oder ist es nicht vielmehr so, daß es selten so war, daß es tatsächlich eine Einigkeit von fünf war? Haben sich nicht vielmehr immer mal wieder zwei oder drei zusammengetan? Das "wohl" ist Ausdruck von Unsicherheit. Das lyr. ich hat sich diese Einigkeit immer eingeredet, ist sich nun aber nicht mehr so sicher, ob dies nun wirklich jemals der Fall war.

    Warum nun aber gerade Geist, Unbedarftheit, Fürsorglichkeit, Struktur und Zweifel?
    Schauen wir uns mal Deine Interpretation der Protagonisten an:
    Geist. Ja, er repräsentiert die Fantasie, Vorstellungskraft, aber auch Weltfremdheit. Das Entschweben ist nicht das bloße Träumen, sondern durchaus auch die Schwelle zum Wahnsinn. Die Besorgnis der anderen vier, bezieht sich auf das mögliche Verlieren in den Visionen. Er droht nicht mehr mit den Füßen den Boden zu erreichen.
    Dennoch ist er elementar wichtig für den Zusammenhalt der Fünf. Er als erstes schafft es, die anderen zu beeindrucken. Seine Erzählungen laden die anderen zum verweilen ein. Die Hütte wird erst durch ihn zu Beginn ein Ort zum Bleiben.
    Unbedarftheit. Hier hat mich Deine Analyse überrascht. Nicht weil sie abwegig ist, sondern da sie stärker zutrifft als ich erhofft hatte auszudrücken. Unbedarftheit darf nicht mit Naivität verwechselt werden, sondern eher mit mangelnder Lebenserfahrung. Die Unbedarftheit repräsentiert die Jugend, das Innere Kind. Kein Wunder das es unruhig ist. Es ist als einziges etwas eingezwängt in der Hütte, eigentlich will es nur raus zum spielen, doch außerhalb der Hütte herrscht eine lebensfeindliche Umgebung. Daher auch mein Hinweis an apple, daß hier der Schlaf keineswegs einen Wandel beschreibt, sondern mehr die Tatsache, daß alle der anderen vier in Hinblick auf die jüngste fürsorglich und behutsam agieren.
    Fürsorglichkeit. Ja, nicht nur eine grundsolide Einstellung zum Leben, sondern auch diejenige mit den meisten unangenehmen Erfahrungen. Bis auf Struktur (aber dazu komme ich später), die einzige die echten kummer erlebt hat. Sie wurde davon gezeichnet, aber hat erst die Erfahrung von Verlust die Fürsorglichkeit ausgeprägt. Erst ein Mensch, der sich der Endlichkeit des Lebens bewußt ist, vermag sich einzig dem Schutz des selbigen zu verschreiben.
    Und das Schwert. Warum das Leben, die anvertrauten Menschen nicht auch mit Gewalt schützen... oder der Umkehrschluß: Kann Fürsorglichkeit nicht selbst zur Waffe werden. Menschen begeben sich schnell und gerne in Abhängigkeit. Nur sehr zögernd wollen sie einen wohlwollenden Schutz aufgeben. Das Fallenlassen des Schwertes mag hier repräsentieren, daß jemand von der fürsorglichkeit abhängig geworden ist - ohne daß sie es beabsichtigt hätte.
    Struktur: Hier will ich Dir in einigen Punkten widersprechen, in anderen zustimmen. Die Struktur ist gar nicht so abwegig. um genauer zu sein, ist sie diejenige, die auch auf längere Hinsicht den Zusammenhalt gewährt. Dabei bezieht sich die Struktur nicht nur auf die anderen vier, sondern auch auf die Stabilität der Hütte, die, wenn sie auch ein reines Gedankenkonstrukt ist, das Materielle repräsentiert. Die Struktur lehrt nicht nur, sie schafft durch ihre Lehren auch ein Gleichgewicht der so unterschiedlichen Protagonisten. Dies darf nicht mit Phantasielosigkeit verwechselt werden. Vielmehr unterwirft sie das Geistige einer strengen Analyse und "katalogisiert" es. Die Struktur ist das Ordnungsprinzip, dies hast Du erkannt. Dein Satz "...sie tut es nicht aus Freude am Erzählen oder um die anderen zu unterhalten, sondern sie fühlt sich überlegen und belehrt daher." Trifft den kern der Sache. Während sich der Geist nicht ordnen kann, übertreibt die Struktur es dahingehend. Erst durch das verirren findet sie wieder einen Anhaltspunkt. Du hast jedoch die Schneekristalle falsch verstanden. Jede Schneeflocke zeichnet sich durch eine einzigartige aber strikte Struktur aus. Die Tatsache und Erkenntnis, daß die Natur beziehungsweise die Außenwelt ganz gut alleine Ordnung schaffen kann, nimmt der Struktur ein wenig von ihrer Bürde. Sie ist fähig in die Hütte zurückzukehren, da sie nun weiß, daß sie nicht alleine in ihrem Ordnungsstreben ist. Das Nichterzählen der Erlebnisse ist hier ein Charakterfehler. Die Struktur mag ihre überhebliche Überlegenheit nicht gerne aufgeben. dies jedoch ist ein verteidigungsmechanismus. Sowohl ihr Wahn alles in Schemata zu pressen, als auch die Überlegenheit, sind Ergebnis von vergangenen Enttäuschungen. Nur so ist sie fähig, den anderen gegenüberzutreten. Hier ist auch die Verwandschaft zwischen ihr und Fürsorglichkeit zu sehen. Sie haben ähnliche negative Erfahrungen machen müssen, kompensieren sie aber auf unterschiedliche Art und Weise.
    Zweifel: Für mich die schwierigste Protagonistin. Um sich Wortspielchen zu bedienen, an ihr wäre ich fast verzweifelt. Zweifel ist hier nicht der rational begründete Zweifel, sondern die Mischung aus mangelndem Selbstvertrauen und fehlendem Glauben an, na sagen wir mal, das gute in der Welt. Es grenzt an Verzweifelung und sie stellt gleichzeitig die härteste Nuss für die anderen Protagonisten dar. Dem Geist kann man durchaus Struktur nahelegen. der Unbedarftheit an eigenen Erfahrungen teilhaben lassen. Auch Fürsorglichkeit ist zuweilen zu gesundem Egoismus fähig und Struktur staunt durchaus über die phantastischen Erzählungen. Zweifel jedoch glaubt an gar nichts. Egal was man ihr erzählt, sie wird es hinterfragen ohne jedoch zu einem Punkt zu kommen. Selbst das Vorhalten eines Spiegels, die Analyse der anderen, daß sie eigentlich von Grund auf eine liebenswerte Person sei (die Sanftmut), wird angezweifelt. Zweifel ist also nicht zu helfen.

    Warum nun aber treffen die fünf einzeln in der Hütte ein? Nun, wären sie gemeinsam dort angekommen, hätten sie sich vorher schon austauschen können und sie hätten sich vielleicht zu zweien oder dreien zusammengefunden, aber niemals zu fünft. Denn obwohl sie sich einzeln widersprechen, so ergänzen sie sich doch, zumindest eine zeitlang, zu fünft sehr gut. Das hast Du ja selbst an einigen Punkten schon herausgearbeitet.
    Daß die Hütte wächst... nun ja, sie ist ein Gedankenkonstrukt. So sind auch die eindringlinge zu verstehen. Hier sind neue Erfahrungen gemeint, die nicht in dieses Gedankenkonstrukt passen wollen. Sie werden bekämpft und vergessen und genau hier beginnt die Einigkeit der Fünf zu zerbröckeln. Sie erkennen nicht, daß sie sich durch ihre Bande neuen Horizonten verschließen. Alles neue zerrt an den gewohnten Strukturen. Am Anfang mag das noch gutgehen, aber schließlich, von allen unbemerkt, ist die Hütte nur noch eine Farce, da sich alle Protagonisten weiterentwickelt haben.
    Zum Schluß, dem großen Mysterium : Wie schon erwähnt, haben Struktur und Fürsorglichkeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Das bindet sie aneinander und so widersprüchlich sind die beiden gar nicht. im gegenteil. Sie sind die einzigen beiden die sich sogar wirklich ergänzen können. Die Fürsorglichkeit gleicht die strengen Gedankenmuster der Struktur aus, während Struktur etwas Ordnung in das Chaos der vor allem durch Emotionen geprägten Fürsorglickeit bringt. Sie finden einen gemeinsamen Nenner und dieser ermöglicht es ihnen zu erkennen, daß die Hütte an Substanz verloren hat. Die anderen drei weilen zwar immernoch da, aber sie haben sich, ob auf positive oder negative Art und Weise sei dahingestellt, weiterentwickelt ohne noch mit den anderen wirklich kommunizieren zu können. Am deutlichsten wird das an geist. er hat längst den boden unter den Füßen verloren und ist dem Wahnsinn verfallen, da er nur noch in seinen Phantasiewelten lebt.
    Diese Erkenntnis ist für Fürsorglichkeit und Struktur hart. So entschließt sich Struktur den Ort zu verlassen. Daß sie nicht sagt: "Komm doch mit mir!" Mag seltsam anmuten, entspricht aber ihrem Naturell. Sie fühlt sich noch immer überlegen und eine Aufforderung sie zu begleiten, käme einem Eingeständnis von Schwäche gleich.

    So auch die Betonung auf "Und eine ging". Die Struktur hat sich gewandelt, wie alle anderen auch. Sie sieht sich nicht mehr als dieselbe Person an, daher die Distanz. Sie beharrt aber selbst in dieser distanzierten Erzählweise auf ihren Entschluß. Eine ging. ob Fürsorglichkeit gefolgt ist oder nicht und was aus den anderen wurde, spielt für sie, zumindest in diesem Moment keine Rolle mehr, denn sie hat ihre Geschichte erzählt, nicht die der anderen.


    Puh, jetzt schlauer. Ich fürchte an manchen Stellen habe ich wieder etwas zu sehr geschwafelt. aber Deine Interpretation hat mir wirklich freude bereitet. Vielleicht siehst Du noch immer einige Sachen anders

    alles liebe
    gott


  7. #7
    Registriert seit
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    Hallo,

    vielen Dank für deine umfangreiche Aufschlüsselung. Einiges ist jetzt wirklich klarer, vor allem das Schwert und die Eindringlinge, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet haben.

    Da bin ich ja zum Teil in eine ganz andere Richtung gegangen als du. Teilweise habe ich scheinbar auch in die richtige Richtung denken können. Da sieht man wieder, zu welch unterschiedlichen Auffassungen und Interpretationen die Leser bzw. der Autor und die Leser kommen können. Doch gerade das hat einen unheimlichen Reiz, nicht?

    Schlusswort: Die Beschäftigung mit deinem Text hat mir eine Menge Freude bereitet und mein an und für sich durchschnittliches Wochenende aus diesem Durchschnitt herausgehoben. Vielen Dank dafür - und bitte mehr davon!

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

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