1. #1
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    Sei versichert, daß...

    Heute Nacht habe ich Dich gesehen, glaube ich. Du hocktest in der Birke vor meinem Fenster und schautest mich mit einer gehässigen Ruhe an. Ich stand da, in der Dunkelheit meines Zimmers und versuchte mir mit aufsteigender Panik einzureden, daß Du nur eine Sinnestäuschung bist. Ein Schatten, ein willkürliches Knäuel aus Ästen und Zweigen. Aber umso länger ich mich nicht regte, umso mehr wurde ich mir Deines kalten Grinsens gewiß. Du hobst eine Hand und hast gewunken. Wie man einem Bekannten auf der Straße winkt.
    Ich spielte alles mögliche durch, was zu unternehmen sei. Ich hätte die Polizei rufen können und mich auslachen lassen können. Oder nach Batterien für die Taschenlampe suchen, die ich nie benutze. In der Küche sind genügend Messer.
    Ich bin ins Bett gegangen. Das erschien mir am schlüssigsten. Ich habe Dir ohnehin nichts entgegenzusetzen, also warum einen Gedanken darauf verschwenden, was Du alles anstellen könntest. Dann doch lieber die trügerische Sicherheit des Schlafes.
    Und während ich jetzt hier stehe, am helllichten Tag, etwas verträumt und reichlich übermüdet die Birke betrachte, werde ich etwas sauer auf Dich. Ich dachte, ich hätte noch etwas Zeit. Ich habe damals meine Frist bekommen und habe mich damit abgefunden, auch wenn diese Aussicht nicht gerade verlockend war. Schön und gut. Aber jetzt tauchst Du des Nachts einfach auf und winkst mir überheblich zu. Hast Du nun doch entschlossen, ich hätte lange genug meine Freiheit genossen oder wolltest Du mich nur daran erinnern, wo ich hingehöre?
    Ich gebe zu, daß ich unsere Abmachung etwas überstrapaziert habe. Du sagtest damals, ich solle bloß nicht denken, daß Du nicht die Mittel hättest, mich nach Belieben jederzeit wieder zurückzuholen. Und ich habe genickt und mir dann in aller Seelenruhe mein Zuhause eingerichtet, bin Verpflichtungen eingegangen, all der Kram, den man als normaler Mensch so macht. Und ja, es hat mir Spaß gemacht, weil ich wußte, daß das alles an Dir hängen bleiben würde. Im Ernstfall.
    Und das ist es jetzt doch? Der Ernstfall. Was auch immer Dich bewogen hat, hier aufzukreuzen, Du wirst heute Nacht zurückkommen und mich an alte Versprechen erinnern. Mit Deinem spitzzähnigen Lächeln und dem unheilvollen Klacken Deines Kehlkopfes.
    Nun gut, ich hatte es ja nicht anders erwartet. Aber gib mir noch ein paar Stunden Zeit. Du hast ja keine Ahnung wieviele Versicherungen und Kaufverträge man in dieser Zeit unterschreiben kann. Du sollst ja auch Deinen Spaß haben.

  2. #2
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    Ehrlich? ich habe keinen bloßen Schimmer und was es in der Geschichte geht… Ich habe es versucht, bin aber nur auf eine Weise gescheitert, die Andere ist - sich durch den gelungenen Einsatz von erzählerischer Sprache fesseln zu lassen… Das hat genug Kraft um die Leser, sprich mich, mit dem Werk auf eine genießerische Weise auseinanderzusetzen… zu verweilen… Die Weile als sinnvoll gesetzt anzusehen... Das genügt mir… Fazit: Gelungen
    Grüß

  3. #3
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    Sei versichert, dass ich auf deine Geschichten antworte!

    Hallo,

    wieder einmal eine harte Nuss, deine Erzählung. Ich muss schon sagen: Du hältst mich auf Trab!

    Nach einem kurzen, unschuldigen Blick würde ich als Schuss ins Blaue mal sagen, dass es sich hierbei um den Tod handelt, der auf dem Baum sitzt. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass du das nicht gemeint hast und hinterlistigerweise irgendwas auf diesen Baum gesetzt hast, worauf wir Normalsterblichen nicht kommen, aber aus Mangel an Alternativen richte ich meine Interpretation mal auf das Gevatterchen aus.

    Wie ich darauf gekommen bin? Die schlüssigste Handlung, die man angesichts des Todes setzen kann: Man legt sich ins Bett. Alte Versprechungen? Wahrscheinlich eine Krankheit, bei der man knapp mit dem Leben davongekommen ist.

    Der Spaß, den unser Baumliebhaber durch Kaufverträge und Versicherungen hat? Nun, da dachte ich an Lebensversicherungen und an all das Kuddelmuddel, das entsteht, wenn jemand unerwartet ablebt. Bis eine Person heutzutage wirklich nicht mehr auf dieser Welt ist, dauert es eine Weile - sie geistert immer noch in Computersystemen, als Kunde, als Wähler herum. Vielleicht meintest du das damit. Wahrscheinlich aber nicht.

    So, das ist es, was ich aus deiner sprachlich wie immer wunderschönen und inhaltlich Gehirnkrämpfe verursachenden Erzählung herausgelesen habe. Und es hat wie immer eine Menge Spaß gemacht!

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  4. #4
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    Nachtrag: Du hast mich ja nach einem Titel gefragt. Was mir spontan dazu einfällt:

    Alte Versprechen
    Birke
    Du auf dem Baum

    Auch nicht wirklich die Reißer. Im Übrigen habe ich mich mittlerweile mit deinem Titel anfreunden können.

    Grüße

    Thomas
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  5. #5
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    Hallo Ihr beiden!

    Danke für Eure Kommentare!

    @ Athera: Fein, daß es Dir gefallen hat. Verstehen muß man die Geschichte nicht unbedingt. Wahrscheinlich ging es mir auch um das leicht nagende Gefühl, der Sache nicht auf den Grund gehen zu können... Deine Bemerkungen zur Sprache ehren mich natürlich, wobei ich da ehrlich gesagt hier etwas unzufrieden mit mir selbst bin... Aber solange es den Leser zu fesseln vermag, halte ich mit meinen Selbstzweifel natürlich ganz brav die Klappe

    @ Roderich: Der Titel bleibt jetzt doch, eine Nacht drüber geschlafen und mir gefällt er doch
    Wie immer interessante Interpretation, am Text nachzuvollziehen und logisch begregründbar und wie Du schon vermutet hast falsch
    Die Geschichte ist wie so oft ein netter Selbstläufer, die Inspiration dazu fand ich in einem ungewollten Wiedersehen mit einer Person und der Lektüre eines schlechten Gedichtes (ja auch die können inspirieren).
    Doch diesmal mag ich mein Werk nicht entschlüsseln. Das verschwommene Knäuel im Baum soll genau das auch bleiben und dem leser mehr Fragen als Antworten aufgeben. Man muß ja nicht jedes eigene Werk zerstückeln....

    alles liebe
    gott

  6. #6
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    Du kannst ebenfalls von mir versichert sein, dass ich dies Werk bereits vor mehreren Tagen gelesen habe, aber bisher zog ich es vor konsequent die Schnauze zu halten.
    Warum? Wahrscheinlich spielten in meinen Gehirnwindungen ähnliche Gedanken wie bei Roderich und Athera eine Rolle: Ich konnte den Text interpretorisch und thematisch nicht erfassen, geschweige denn einordnen. Ehrlich gesagt, hasse ich es, wenn mich ein Text derart in die Knie zwingt, aber du hast dies erfolgreich geschafft. Gratulation...

    Trotz aller Verwirrtheit, welche wahrscheinlich lustig in einer Birke vom Winde hin und her geschubst wird, bin ich zutiefst beeindruckt (mal wieder) von deinen sprachlichen Fähigkeiten. Du verwendest eine recht simple Sprache, die einem so klar vorkommt. Dennoch ist dein Schreibstil irgendwo eigenwillig, obwohl so klar formuliert, absolut undurchdringlich.

    Auch jenes Werk las ich gern und freue mich stets auf neues deinerseits.


    Gruß
    dopamin

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