Thema: Kellertanz

  1. #1
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    Kellertanz


    Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Die Gebäude sind verfallen. Und die Sonne wirft letzte wärmende Strahlen auf die Bruchstücke und uns, die wir hier warten.
    Ich fühle mich an mein jüngeres Selbst erinnert. Ich habe lange nicht mehr auf einer dreckstarrenden Schaumstoffmatratze gesessen und gewartet, daß etwas beginnt. In diesem Fall, eine Veranstaltung zweifelhafter Art, von jemandem mitgenommen, den ich kaum kenne.
    Später werde ich in einem kleinen abgetrennten Raum abseits der Fabrikhalle sitzen. Die Party wird noch nicht ganz angefangen haben und ich sitze nur da, weil es überall sonst zu dunkel sein wird, man vergessen hat Kerzen zu kaufen und die Schwarzlichtbeleuchtung in diesem Raum mir die einzige Möglichkeit sein wird, zu erkennen, was ich schreibe.
    Natürlich werde ich schreiben wollen. Ich finde fast immer eine Nische, einen Hohlraum, ein Exil abseits der anderen, um zu schreiben.
    Aber in diesem Raum, umnebelt vom Duft indischer Räucherstäbchen, nach zu viel Essen und zu viel Alkohol aus unbeschrifteten Flaschen. Eingehüllt in die Drogenausdünstungen der anderen, werde ich mich verlieren. Ich werde nicht schreiben. Ich werde mich irgendwann dabei ertappen, daß ich zwei Stunden auf einen schmalen Streifen zwischen zwei der Schwarzlichtbilder gestarrt haben werde. Entweder dies oder die Zeit wird einen Sprung getan haben. Aber dann hätte ich nicht realisieren können, wie die Musik vom Keller durch den Boden die Wände hinaufkriecht, über meinen Körper in mein rechtes Ohr. Um nach übelerregendem Wirbeln in meinem Kopf aus meinem linken Mundwinkel zu tropfen wie zäher Schleim.
    Das wird an diesem Abend natürlich nicht das einzige bleiben. Irgendwann werde ich zum Tresen gehen. Und da wird sie stehen. An dem Topf und an der tragbaren Heizplatte. Und sie wird sich vor meinen Augen in eine alte, häßliche Frau verwandeln. Sie wird mir mit zahnlosem Lächeln einen Becher Tee reichen und ich werde. Ich werde lächeln.
    Dann bin ich im Keller und tanze mit ihr und ich. Ich werde. Die harten Bässe tanzen, die mir die Beinknochen brüchig wie Asche zertrümmern. Sie wird die sanfte Melodie tanzen und geschmeidig wie eine Wolke die Form verändern.
    Zwischen fluoreszierenden Spinnenweben und Neonraupen. Und wir werden uns ergänzen und es wird nicht gut sein. Dann wird mein Blick auf einer Lücke in der Dekoration verharren, die die Mauer preisgibt.
    Dann werde ich mich in meinem Bett wiederfinden und mich fragen wo die letzten dreihundert Kilometer geblieben sind. Ich werde mich an den Keller erinnern und mir wird bewußt werden, daß das nicht nur irgendein Fabrikkeller gewesen ist, sondern daß dieser Keller jemandem gehört. Daß das ein fremder Keller ist.
    Dadurch werde ich mich vorher an das Vorher erinnern.
    Ich sitze auf einer dünnen Schaumstoffmatratze. Die Matratze liegt auf Betonplatten. Der ehemalige Innenhof eines ehemaligen Fabrikgeländes. Und ich erinnere mich an all die Dinge, die geschehen werden. Aber ich entschließe, daß es heute anders sein wird.
    Weil ich in Kellern wühlen werde. In fremden Kellern.


  2. #2
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    Hallo,

    nachdem ich ein bisschen Hintergrundwissen dazu habe, habe ich natürlich beim Lesen breit grinsen müssen. Ich würde mal sagen, dass ohne diesem Hintergrundwissen deine kleine Geschichte vermutlich wieder einmal absolut undurchdringlich ist, so aber kann ich mich doch ganz gut zurechtfinden, obwohl es bei deinen Geschichten natürlich grundsätzlich unmöglich ist, diese wirklich zu verstehen.

    Sprachlich wie immer herausragend, dein Stil ist wirklich beeindruckend. Du spielst mit den Zeitformen und Konjunktiven wie Jongleure mit ihren Bällen und niemals fällt dir ein Konjunktiv runter. Saubere Arbeit (in diesem Fall muss man fast sagen: allen Umständen zu Trotz )!

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1

    Und hier noch auf Wunsch von Nachteule etwas von ihm (als Dank für die Hilfe im Mod-Faden): Nachteule

  3. #3
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    Hallo Roderich!

    Ich sollte Dich nicht mehr mit Hintergrundwissen füttern. Das bringt mich nur um Deine allgemeine Ratlosigkeit angesichts meiner Werke . Aber so konnte ich Dir wenigstens anschaulich beweisen, daß mein Schriebskram durchaus seine Hintergründe hat.

    Danke für Dein wie immer überschwengliches Lob und die netten Worte.

    alles liebe
    gott

  4. #4
    apple Guest
    Moin Gott,

    da kann ich mich Roderich nur vollends anschließen. Lesespaß pur mit sprachlichen und bildlichen Leckerbissen.

    Dank dafür - ein prima Einstieg in den Tag

    Sehr, sehr gerne gelesen

    Liebe Grüße
    apple

  5. #5
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    Danke auch Dir, apple, für Deine lieben Worte. Da macht das Schreiben doch gleich noch mal so viel Spaß

    alles liebe
    gott

  6. #6
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    He, das ist nicht schlecht geschrieben. Ausreichende Wortwahl und guter Textfluss, aber ich finde das Wort "werde", auch wenn es so gewollt ist, klingt nach einer Zeit etwas schläfrig. Der ganze Text bekommt daher den Anklang einer Aufzählung und das hat ihn, zumindest für mich, etwas von der Quintessenz weggetragen und fast schon eine Schlafphase injiziert. Ich meine damit, man wird unaufmerksamer, um sehr mehr man es liesst und daher verliert der Text an seiner ganzen Kraft.

    Trotzdem find ich dein Textfluss sehr faszinierend!
    Angenehmen Jahreswechsel!
    Geändert von JBHart (31.12.2006 um 19:23 Uhr)

  7. #7
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    Hallo JBHart!

    Da hast Du ja was altes ausgegraben.

    Zum "werde": Jepp, es wird extrem monoton mit der Zeit. Gerade wenn man den Text leise liest, geht der beabsichtigte Effekt verloren. Das Ding wurde (was eher ungewöhnlich für mich ist) eher zum Sprechen als zum still Lesen geschrieben. Das "Werde" erzeugt neben der etwas unmöglichen Zeit-Struktur eben jene Monotonie, die den Hörer einlullen soll - was durch die Syntax-Eigenheiten (Satzabbrüche und Wiederholungen) durchbrochen wird. Inwieweit das so wirkt, wie ich das haben wollte, weiß ich nicht.

    alles liebe
    gott

  8. #8
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    Moin Gott,

    Dein "Kellertanz" ist das erste Werk dieser Kategorie, das ich in geraumer Zeit lese. Dies hat natürlich nicht zuletzt mit deiner Visitenkarte zu tun - man weiss, dass man auf seine Kosten kommt, liest man einen "gott"

    Bei diesem Stück störte mich anfänglich die Fokalisierung, vor allem in Kombination mit dem Präsenz. Mit der Zeit kommt man jedoch gut in diese - mehr einer Beschreibung von Gedankengängen, als einer Erzählung gleichenden - Geschichte und der von dier gewählten Perspektive rein. Das kann am langsamen Erzähl- und Texttempo und dem sich darin dann gemütlich aufbauenden Spannungsbogen liegen - tut es wahrscheinlich auch.

    Ganz gut gefallen mir die Ellipsen nach der Mitte des Textes. Dadurch scheint die Erzählung noch mehr auf Gedanken hinzuweisen als sie es ohnehin schon tut und die angedeutete Trunkenheit kommt dadurch auch sehr schön zum Tragen.

    Ich persönlich hätte die letzten zwei Sätze weggelassen - aber das kann natürlich auch daran liegen, dass ich den Hintergrund nicht kenne.

    Gerne gelesen und wohl noch Stammgast hier über die nächsten Tage und Wochen

    Alles gute Dir und den Deinen zum neuen Jahr und liebe Grüsse aus der Schweiz
    Satch
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

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