Thema: Brodem

  1. #1
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    Brodem


    -gewidmet-

    Gesehnte Süchte springen
    aus Deinem Dunstgebaren
    umschlingen starren Flüchte gleich
    entlehnte Klänge meines Seins

    Entseelte Orte lehren
    mich tiefes Hauchverhalten
    begehren kalten Worte statt
    erwählte Taten Deines Scheins

    Verluste Mächte streben
    entgegen Gischtverlangen
    verweben bangen Nächte wach
    bewußte Leiden dieses Neins




    [Geändert durch gott (thanks admin) am 04-09-2005 um 09:46]

  2. #2
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    Servus Gottchen,

    wenn du es schon bei deiner letzten Kurzgeschichte nicht so ganz geschafft hast (da ich dich zuvor ja fieserweise nach Hintergrundwissen ausgequetscht habe), bin ich hier wieder genau da, wo du mich haben willst: In einem Zustand totaler Ratlosigkeit ...

    Mir bleibt nur übrig, mich vor dieser Sprachgewalt zu verbeugen - allerdings nicht, ohne dich zuvor auf einen kleinen Fehler hinzuweisen: "... umschlingen starren Früchten gleich ..." Gotcha!

    Liebe Grüße

    Thomas

    PS: Ja, ja, kringel dich nur am Boden vor Lachen ...
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

    Meine Werke und meine Empfehlungen.

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  3. #3
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    Hallo Roderich!

    Du solltest nach der aufmerksamen Lektüre meiner Werke eigentlich bemerkt haben, daß ich mich gern in Neologismen ergehe.. so auch hier und das "Flüchte" ist natürlich kein grammatikalischer Fauxpas, sondern durchaus so gewollt.

    Da dies Deine Ratlosigkeit nur weiter bestärken wird (übrigens Schande über Dich nur an dieser einen Stelle zu mäkeln ), kann ich mich ja entspannt zurücklehnen und Dich und den anderen Lesern der "Sprachgewalt" überlassen

    Danke für Deine lieben Worte
    gott

  4. #4
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    Ui, da habe ich nicht ordentlich gelesen. Ich werde mich jetzt in eine dunkle Ecke stellen und mich schämen.

    Ansonsten kann ich mich nur wiederholen: Mein Zustand - eine fatale Mischung aus Hingerissenheit (vielleicht auch etwas Hirnzerissenheit) und totaler Verwirrung. Danke dir dafür!

    Grüße

    Thomas
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  5. #5
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    Hallo Lia,


    immer mal wieder klebe ich an Brodem fest und habe nun endlich meinen Ansatz, es zu interpretieren gestartet. Ich kann Dein Gedicht nicht einfach unkommentiert in den Tiefen der nachfolgenden Seiten verschwinden lassen .

    Kurz zur Form, die mich sehr anspricht. Sie wirkt zwar optisch zunächst frei, ist aber metrisch tadellos und von dem Reimen und Assonanzen sehr ansprechend gearbeitet. Hier eine kurze Anlayse, nachfolgend ein paar Anmerkungen zu Auffälligkeiten, die mir in den Sinn kamen.

    Brodem
    Xx

    -gewidmet-

    Gesehnte Süchte springen
    aus Deinem Dunstgebaren
    umschlingen starren Flüchte gleich
    entlehnte Klänge meines Seins

    xXxXxXx A
    xXxXxXx B
    xXxXxXxX C
    xXxXxXxX D

    Entseelte Orte lehren
    mir tiefes Hauchverhalten
    begehren kalten Worte statt
    erwählte Taten Deines Scheins

    xXxXxXx E
    xXxXxXx (Ass-b) Fast-Assonanz zu B
    xXxXxXxX F
    xXxXxXxX D


    Verluste Mächte streben
    entgegen Gischtverlangen
    verweben bangen Nächte wach
    bewußte Leiden dieses Neins

    xXxXxXx (Ass-E) Assonanz zu E
    xXxXxXx (Ass-b) Assonanz zu b
    xXxXxXxX (Ass-F) Assonanz zu F
    xXxXxXxX D
    Brodem
    Archaismus, zudem Wortspiel aus Brodeln und Odem, was sich an die mittelhochdeutsche und britische Bedeutung des Atmens anlehnt, schön

    -gewidmet-

    Gesehnte Süchte springen --> Sehnsüchte, schön
    aus Deinem Dunstgebaren --> Alliteration
    umschlingen starren Flüchte gleich --> „Flüchten“, bzw. „Fluchten“ , hm vllt. sollte nur kleingeschrieben werden?
    entlehnte Klänge meines Seins

    Entseelte Orte lehren --> Wiederholung „ent“; Seelenorte, schön
    mir tiefes Hauchverhalten --> Hauch verhalten, Atem anhalten, das ist gut
    begehren kalten Worte statt --> Grammtik: kalte Worte, statt oder kalten Worten (an)statt
    erwählte Taten Deines Scheins

    Verluste Mächte streben --> ist wohl adjektivisch gemeint, ich würde verlorene schreiben? oder Aufzählung?
    entgegen Gischtverlangen--> entgegen streben, schön
    verweben bangen Nächte wach
    bewußte Leiden dieses Neins
    An einigen Stellen scheint mir die Grammatik doch sehr stark gebeugt. Dadurch, daß durch fehlende Satzzeichen die Aufteilung der Wortgruppen nicht wirklich klar ist, bleibt auch die Grammatik etwas hakelig, Andererseits muß man sich den Bezug der Worte auf einander selbst herbeisuchen und findet mehrere schlüssige Konstellationen, das gefällt mir. (Hab ich auch schon mal gemacht.) Eine fein ausdetaillierte inhaltliche Deutung, denke ich, wird sehr schwer, aber mein subjektives Verständnis des Ganzen kann ich ja mal zu erklären versuchen: Ich sehe das ganze als eine tragische Beziehungsgeschichte. Etwas, was beendet ist, aber doch nicht so ganz, es steckt noch voller Gefühl. Ein lyr. Ich betrachtet zunächst das lyr. Du. Es sieht unterdrückte Gefühle, die dennoch wieder hoch brodeln und versuchen, an das lyr. Ich zu reichen. Auch das lyr. Ich ist sehnsüchtig und versucht, in den Taten des lyr. Du etwas Warmes zu finden. Die verlorenen Gefühle drängen immer wieder hoch, sind also nicht wirklich verloren. Doch eine bewußte Entscheidung gegen eine Beziehung, so schwer sie auch durchzuhalten ist, verhindert ein zusammentreffen und macht die tage und Nächte zur Qual. Der Grund für das Beziehungsende ist mir aber nicht erkenntlich, daher könnte ich also mit meiner Interpretation auch richtig daneben gegriffen haben.

    Jedenfalls sehr gern gelesen, es ist für mich etwas zum mitfühlen rumgrübeln und versinken! Danke dafür, Lia.


    Liebe Grüße an Dich,
    Anke

  6. #6
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    Hallo Anke!

    Ich habe Deine Zeilen ja mit einem gewissen Schmunzeln gelesen, nicht zuletzt weil ich eigentlich dachte, Du hättest eine Analyse bereits lange aufgegeben. Umsomehr haqbe ich mich natürlich darüber gefreut.

    Was den formalen Kram anbelangt, da äußerte ich mich ja bereits, daß die Grammatik hier mit Absicht gebeugt wurde, da wie Du auch meintest, entsprechende Stellen auch in anderen Konstellationen zu lesen sind. Daß dies nur ein klein wenig aus dem Lesefluß auszubrechen vermag, beruhigt mich dann doch

    Zum Inhalt: Da kann ich (ausnahmsweise) mal wirklich nichts hinzufügen, da Du den Punkt getroffen hast, was mich nicht nur überrascht (kommt ja allgemein so selten vor) sondern auch entzückt.

    Ich danke Dir jedenfalls für die Arbeit und Deinen Kommentar.

    alles liebe
    Lia/gott

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