Thema: Angstfänger

  1. #1
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    Angstfänger


    Ich fresse Deinen Kummer auf
    mit Dornen und mit Stacheln
    und statte Deine Zimmer aus
    mit Eierkuchenkacheln

    Ich stehle Dir die Sorgen
    und stecke sie ins Dämmerlicht,
    die Freude kannst Dir borgen
    aus meinem Pool von Fröhlichkeit

    Ich steh in Deiner Geisterstadt,
    erschrecke Ungeheuer,
    erlaube Dir nicht mehr die Angst
    und fürchte nicht das Feuer

    Verwehrst Du mir das Streiten
    für Deine stete Heiterkeit,
    erinn're Dich an Zeiten,
    als ich die eig'nen Nöte sah-



  2. #2
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    gefällt mir recht gut ...
    Eierkuchenkachel sind ne echt gute Idee.
    zu formatierung oder Metrik kann ich noch net viel sagen da kenn ich mich (noch) net aus mit, aber es hat etwas das einen Berührt.
    Das einzige was für mich keinen zusammenhang darstelle is die Zeile "und fürchte nicht das Feuer" ... belehre mich

  3. #3
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    Hallo Schwarzer.Spiegel!

    Etwas berühren sollte das Gedicht, auch wenn ich selbst nicht recht zufrieden damit bin. Daß es mir dennoch gelungen ist, freut mich natürlich.

    Die Zeile "und fürchte nicht das Feuer" sollte eigentlich nicht so schwer zu verstehen sein. Sicher kennst Du Sprichwörter wie "Für jemanden oder etwas durchs Feuer gehen" oder "Für jemanden die Hand ins Feuer legen" Hier bedeutet es also nichts anderes, als daß das lyr.Ich bereit ist für das lyr.Du auch Schmerzen aufzunehmen, solange es dadurch Glück erfahren kann.

    alles liebe
    gott

  4. #4
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    Dein Reimschema wirkt etwas verwirrend. Die Wortwahl ist sehr schön geworden.
    Die Metaphern sind sehr schön und orginell. Wobei ich auch Eierkuchenkacheln zu meinen Favoriten zähle.
    Metrik hab ich zu dieser Zeit irgendwie keine Lust drauf.
    Auf den ersten Blick seh ich aber auch keine?
    xXxXxXxx
    xXxXxXx
    xXxXxXxx
    xXxXxXx

    ... ok ich seh sie
    Naja, wer sieht schon mitten in der Nacht Metrik?


    Tu was du willst, das ist das ganze Gesetz - Aleister Crowley

  5. #5
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    Hallo Demon_Wolf!

    Als ich Deinen Namen las, hatte ich ja schon fast mit einem Verriß gerechnet Daß Du mir den Gefallen nicht getan hast, überrascht mich zwar, aber ich fühle mich mal geehrt.

    Das Reimschema mag verwirrend wirken, korrespondiert aber mit der Metrik (was Dir eventuell aufgefallen wäre, hättest Du Dir auch noch die zweite Strophe angetan, aber das mag man Dir wegen der nachtschlafenden Zeit verzeihen ). So lautet es ABCB ABAC ABCB ABAC... also m.E. absolut regelmäßig, wenn auch variierend. Es soll auch den inhaltlichen Bruch des Endes unterstrichen, da ich noch immer mit dem Gedanken spiele, das ganze in die Trauer verschieben zu lassen. Aber da grübele ich noch.

    Deine Worte zur Sprache freuen mich, wenn ich schon nicht durch die Form überzeugen kann, bin ich froh, wenn nicht auch noch die Sprache langweilig wirkt.

    Danke für Dein Lob und Deine Kritik
    gott

  6. #6
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    Hallo gottchen,

    wie angedroht gebe ich heute auch hier meinen Senf dazu.

    Zum Formalen: Wieder einmal, wie gewohnt, eine saubere Leistung, und wenn man zum Erkennen von Reimschema und Metrik ein wenig Hirnschmalz investieren muss, dann ist dieser gut angelegt.

    Die Eierkuchenkacheln finde ich übrigens auch eine sehr gelungene Wortschöpfung, auch wenn ich beim ersten Mal lesen ein wenig stutzig war, da sie - im Kontrast zu den Dornen und Stacheln - etwas überraschend kommen.

    Die ersten beiden Strophen sind eine freundschaftliche Umarmung mit Schulterklopfer, sehr leicht, flüssig und aufbauend zu lesen.

    In Strophe 3 kippt das Gedicht dann langsam, aber spürbar ins Düstere. Während du in Strophe 1 die Wände noch mit Eierkuchen tapezierst hast, stehst du in Strophe 3 plötzlich in der Geisterstadt und hast Ungeheuer vor dir. Zwar ist die Intention des Tröstens und des Beistandes immer noch die Gleiche, jedoch ist die Wortwahl nun anders. Auch verschiebt sich die Wirkung ein wenig - vom schulterklopfenden Wird-schon-wieder zu einer kämpferischen Trotzreaktion.

    Ich sehe das so (und vermutlich wieder mal falsch ): Die erste Empfindung, die man gegenüber einem geliebten Menschen in Not hat, ist Mitleid und man versucht, durch Trost und Zuspruch die Stimmung zu heben. Dann beschäftigt man sich mit dem Grund des Kummers an sich, wenn man sieht, dass all der Trost nicht anschlägt. Man sieht die Hintergründe, erkennt die Ungerechtigkeit, die dem Gegenüber widerfahren ist und als Reaktion folgt Wut auf die Ursache des Kummers. Ob nun tatsächlich eine Konfrontation mit dem Verursacher des Leides stattfindet oder nicht sei dahingestellt - zumindest ist der Wunsch danach vorhanden. Strophe 4 ist für mich der Hinweis auf diese Sichtweise.

    So, das ist mir also zu deinem, wie immer sehr gelungenen Gedicht eingefallen. Wie weit war ich dieses Mal daneben?

    Liebe Grüße

    Thomas
    "Man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist."
    Jorge Luis Borges


    Mein Wiedereinstiegsgedicht nach all der Zeit: So ist mein Herz ein dunkler Teich

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  7. #7
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    Hallo Roderich!

    Danke für Dein Lob und Deinen Kommentar.

    Da die Verschlüsselungsebene den Grad der Unverständlichkeit nicht erreicht hat, kannst Du getrost auf Deine Interpretation vertrauen. Sie ist am Text nachzuvollziehen und deckt sich auch weitestgehend mit meiner Intention (anbei, sind für mich falsche Interpretationen nur die, die sich nicht am Text beweisen lassen. Alle anderen sind richtig, auch wenn sie sich unter Umständen nicht mit der gewünschten/beabsichtigten Aussage decken... siehe Regenland ).

    Tatsächlich begann ich das Gedicht noch recht fröhlich, wollte ausnahmsweise mal etwas aufbauendes und erheiterndes schreiben. Diese Stimmung kippte dann jedoch gegen Ende der Anfang der zweiten Strophe, was man dann - und da stimme ich Dir vollends zu - in der dritten Strophe bemerkt. Wurde die düster anmutenden Dornen und Stacheln in Strophe eins noch mit den Palatschinkenkacheln ausgeglichen, wird die Stimmung hier immer aggressiver. Allerdings ist es weniger die Wut gegen das Unheil, sondern das aktive Entgegentreten desselbigen.

    Was die vierte Strophe anbelangt: Da hast Du Dich ja fein rausgeredet. Gerade hier erfolgt der bereits erwähnte inhaltliche Bruch... entweder Du konntest ihn nicht finden oder nicht einordnen.... Ich könnte Dich ja jetzt herausfordern, Dich der vierten Strophe zu stellen - zumal ich immer noch am überlegen bin, ob das Werk nicht in die trauerecke gehört. Aber das würde ich natürlich nie tun

    alles liebe
    gott

    P.S.: kompletter Stimmungswandel in zehn Minuten, lyrisch festgehalten

  8. #8
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    Hallo,

    da bin ich schon mal ganz zufrieden mit meiner Auffassungsgabe. Bei Strophe 4 habe ich schon gemerkt, dass hier mehr dahintersteckt, aber du musst verzeihen: Ich bin heute ohne meine heißgeliebte Tasse Schwarztee intus zu haben aus dem Haus gegangen. Ich bin also nicht ganz ich selbst.

    Ich werde aber gerne noch eine Teilanalyse von Strophe 4 vornehmen - nur nicht heute. Morgen werde ich dann etwas früher aufstehen, sodass sich zwei Tassen Schwarztee ausgehen - dann bin ich fit wie ein Turnschuh!

    Also: Fortsetzung folgt.

    Liebe Grüße

    Thomas

    PS: Bist du gut im Leute manipulieren! Nur ein kleiner Wink von wegen herausreden und schon springe ich darauf an.
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  9. #9
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    Hallo Roderich!

    Ich? Manipulativ? Wovon redest Du eigentlich?

    Ich wäre zumindest über die spezielle Wahrnehmung der vierten Strophe dankbar, denn damit steht und fällt eine mögliche Fortsetzung.

    alles liebe
    gott

  10. #10
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    Hallo,

    die spezielle Wahrnehmung der 4. Strophe kommt noch, aber ein bisschen musst du dich noch gedulden - nämlich bis heute Abend.

    Liebe Grüße

    Thomas
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  11. #11
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    Hallo noch einmal,

    wie versprochen nun mein etwas längerer Blick auf die 4. Strophe. Ich möchte gleich einmal vorwegschicken, dass ich das nur zu deiner Erheiterung mache, weil ich jetzt schon weiß, dass ich wieder mal wundervoll daneben schießen werde.

    Strophen 1 bis 3 lasse ich einfach mal so stehen, da bin ich wahrscheinlich mit meiner Interpretation nicht ganz daneben gelegen. Aber du hast recht, nach Strophe 3 ist mir die Puste ausgegangen und Strophe 4 einfach in meine Interpretation von Strophe 3 reingenudelt. Kommt nicht wieder vor, *schwör*! (Dass ich gerade meine Finger hinterm Rücken überkreuzt halte, siehst du nicht).

    Also, Strophe 4. Was hätten wir denn da?

    Verwehrst Du mir das Streiten
    für Deine stete Heiterkeit,
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    Interessant ist zunächst einmal der Wechsel der aktiven Person. Während das in den ersten drei Strophen das lyr. Ich war (ich fresse, ich statte aus, ich stehle, ich steh etc.), ist das nun in Strophe 4 das lyr. Du, das dem lyr. Ich nun verwehrt, zu streiten. Man könnte meinen (und das tue ich hiermit), dass das lyr. Du durch den Zuspruch in den Strophen 1 bis 3 aus der Lethargie gerissen wurde und nun selbst wieder das Heft in die Hand nimmt. Und plötzlich haben wir die Situation, dass das kleine lyr. Du, das vorher quasi kümmerlich in der Ecke hockte, nun dominant wird, über das lyr. Ich, das zuvor noch tröstend auf die Schulter geklopft hat, dominiert. Allein dadurch kippt die Stimmung spürbar. Plötzlich ist es das lyr. Ich, das sich vor dem lyr. Du rechtfertigen muss. Höchst interessant!

    Für was wollte das lyr. Ich eigentlich streiten? Für die stete Heiterkeit des lyr. Dus. Stete Heiterkeit? Ist das überhaupt möglich? Halst sich das das lyr. Ich nicht etwas auf, was es unmöglich erfüllen kann? Natürlich sollte man immer nach Heiterkeit streben, aber für stete Heiterkeit streiten, ist wohl doch etwas zu viel verlangt im Normalfall. Ist das der Grund, warum das lyr. Du dem lyr. Ich das Streiten verwehrt? Weil es um die Aussichtslosigkeit eines solchen Unternehmens Bescheid weiß? Ist es so, dass das lyr. Du aus seiner Lethargie erwacht, weil es das lyr. Ich vor Unglück bewahren will? Stellt es sich deshalb nun plötzlich über das lyr. Ich? Wenn man danach strebt, einen Menschen stets glücklich zu sehen, dann wird man irgendwann darüber unglücklich, da kein Mensch immer glücklich ist. So würde ich das jedenfalls sehen. Das Verwehren des Streitens sehe ich als Freundschaftsdienst.

    Das lyr. Ich hat in diesem Fall aber kein Verständnis dafür, wie es scheint. Das zeigen Zeilen 3 und 4. Das lyr. Ich spricht von den eigenen Nöten, die es erlebt hat und die das lyr. Du auch mitbekommen hat. Es möchte vermeiden, dass das lyr. Du die selbe Not leidet wie damals das lyr. Ich, daher wird es sich immer bemühen, das lyr. Du glücklich zu machen (bzw. glücklich zu sehen), was letztendlich aber eben nicht möglich ist und so werden beide unglücklich. Das lyr. Ich, weil das lyr. Du nicht stetig heiter ist und das lyr. Du, weil das Scheitern des lyr. Ichs in einer unmöglichen Mission das lyr. Ich unglücklich macht.

    Ich hoffe, du blickst da zwischen all den "lyr." noch durch und kannst meinem Gedankengang folgen. Ich kann mir selbst inzwischen nämlich kaum noch folgen, daher wird es wohl Zeit für eine Kurzzusammenfassung:

    Das lyr. Du hat Kummer, das lyr. Ich versucht zu trösten. Die beiden stehen sich sehr nahe, einer würde für den Anderen durchs Feuer gehen. Daher möchte das lyr. Ich das lyr. Du - gerade eben, weil es jetzt so eine schwierige Phase durchmacht - stetig heiter sehen und auch dafür kämpfen. Stetige Heiterkeit ist aber nicht möglich, das weiß auch das lyr. Du und verwehrt dem lyr. Ich daher das Streiten. Am Ende scheitern beide mit dem, was sie vorhatten (das lyr. Ich wird trotzdem für die stetige Heiterkeit streiten und das lyr. Du wird trotzdem versuchen, ohne die Hilfe des lyr. Ichs klarzukommen), was dazu führt, dass am Ende beide unglücklich sind.

    So, und nun stelle ich mir eine schöne, kreisrunde Zielscheibe vor, die auf einer saftig grünen Wiese vor einem kleinen, knorrigen Wald steht, ich habe mein Gewehr angelegt, gründlichst gezielt, tief durchgeatmet, dann den Atem angehalten, ich bin ganz ruhig geworden, fast wie ein Stein, habe auf das Schwarze in der Zielscheibe vor mir gezielt, abgedrückt und damit meinen Hund hinter mir erschossen ...

    Liebe Grüße

    Thomas
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