Thema: Liebe

  1. #1
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    Liebe

    Das Salz brannte in den Augen, die Kälte machte die Muskeln steif. Jede Welle brachte ihn dazu die schmerzenden Lider zu schließen und danach erneut die geschwollenen Augen zu reiben. Wenn er nicht aufpasste und zum falschen Zeitpunkt Luft holte drang das Salzwasser in seinen Mund. Sein Rachen war wie ausgedörrt und sein Magen rebellierte. Er blickte zu Roberta die neben ihm schwamm. Sie öffnete die Augen nur noch sehr selten. Auf ihrem Gesicht lag eine gewisse Art von Frieden, als habe sie sich mit dem Schicksal abgefunden, ja sogar angefreundet. Das konnte er nicht zulassen! Aber seine Kraft versagte allmählich. Die Besuche in den Trainingszentren hatten ihm nicht nur einen ansehnlichen Körper, sondern auch noch Ausdauer und Kraft verliehen, aber die verflixte Kälte...

    Frederik riss sich zusammen Er durfte nicht müde werden. Trotzdem konnte er nicht verhindern das seine Gedanken abschweiften. Wie konnte er Roberta und sich nur in diese Gefahr bringen? Was wollte er ihr nur beweisen? Sie waren jetzt 3 Jahre verheiratet, hatten leider noch immer keine Kinder, obwohl Roberta es sich so wünschte. Deswegen hatten sie sich spontan zu diesem Urlaub entschlossen. Sonne, Meer, Strand, die Ruhe, vielleicht würde es ja klappen. Er dachte an die Nächte mit ihr, an die Versuche eine vollständige Familie zu zeugen... Er liebte Roberta über alles. Sie war hübsch, intelligent, erfolgreich im Beruf wie er und -obwohl sie mitunter sehr wenig Zeit füreinander hatten- immer für ihn da, machte seine verrückten Späße mit und setzte mitunter sogar noch einen drauf. Sie ergänzten sich trotz hoher Übereinstimmung im Denken und teilweise sogar Handeln. Viele ihre Freunde bewunderten sie, waren sogar neidisch. Wenn sie beim geselligem Essen -ohne das der eine auf den anderen achtete- immer gleichzeitig fertig wurden, obwohl er das Gemüse und sie das Fleisch auf ihren Tellern nach imaginären Fremdkörpern mit Messer und Gabel, solange traktierten und dann angewidert an den Rand schoben. Sie griffen synchron zu den Weingläsern, zu den Servietten als hätten sie es einstudiert. Sie selbst bemerkten es nicht, wenn ihre Freunde sie nicht darauf aufmerksam gemacht hätten.

    Eine Welle überschlug ihn, drückte ihn unter Wasser, er riss die offenen Augen auf und sah gerade noch wie Robertas blonden Haarspitzen versanken. Freddy (wie ihn seine Freunde nannten, wenn sie ihn ärgern wollten) sog tief die Luft ein und tauchte hinab. Mit drei, vier kräftigen Schwimmstößen hatte er ihren Kopf erreicht und packte zu. Erwischte sie von hinten an Nacken und seine Hände griffen zu. Er erwischte sie am Kinn und zog. Langsam tauchten sie auf. Er prustete die Luft aus seinen Lungen und Roberta würgte das geschluckte Salzwasser ins Meer. Sie schlug die Augen auf und ihre harten Blicke trafen seine besorgten Augen. 'Warum tust du das?' Sie spuckte den mit Salzwasser vermischten Schleim aus ihrem Mund ins Meer und in sein fragendes Gesicht sagte sie im schroffen Ton: 'Du weißt doch das wir beide es zusammen nie schaffen werden. Du kannst mich nicht retten. Sehe zu das wenigstens du es alleine schaffst.' Sie hatte recht. Er konnte sie nicht mehr unterstützen, brauchte seine Konzentration um selbst einigermaßen über Wasser zu bleiben und auf das immer mehr in der Dunkelheit verschwimmende Ufer zu schwimmen. Er schrie sie an 'Rede mit mir, nicht einschlafen, sonst...' eine Welle lies den Rest seiner Worte untergehen. Sie schüttelte den Kopf 'ich habe nicht mehr die Kraft zum Reden, geschweige denn zum Schwimmen' sagte Roberta resignierend, um dann lauter, fast wütend 'es hat doch keinen Sinn das wir beide sterben!' hinzu zu fügen. Er schwamm dichter an sie heran, damit sie die Luft nicht für lautes reden verbrauchen musste.

    Zuerst stellte er ihr einfache Rechenaufgaben. Sie verweigerte trotzig jegliche Antworten. Er fragte sie nach den Erfolgen ihrer Tätigkeit, sprach sie darauf an wie gut doch ihre letzte Kampagne bei den Kunden angekommen ist, wie sie gemeinsam nackend im Bett liegend die Einfälle zu Papier brachten und wie sie sich darüber amüsierten, was ihr Kunde wohl sagen würde, wenn er wüsste wie diese Ideen entstanden. Er merkte wie sie ihm nicht zu hörte und langsam wieder einen entspannten Gesichtsausdruck bekam. Robertas spärlichen Bewegungen stellte sich ganz ein und er griff zu, bevor ihr Kopf wieder unter Wasser ging. Sie stieß in weg. Feuer lag in ihren Augen 'fass mich nicht an!' brüllte sie. Er redete weiter ohne auf die Themen zu achten. Sprach darüber wie sie sich kennen lernten auf der Hochschule, vom ersten Date mit ihr und ihrer Laufmasche in den Strümpfen danach. Lies ihre Hochzeit noch einmal Revue passieren. Nannte den von ihr verhassten Kosenamen Robby mehrmals und betonte ihn auch noch verächtlich dabei. Als sie erneut von einer Welle in die Tiefe gerissen wurde und er sie am Arm wieder hochzog wehrte sie sich so vehement, das ihre Fingernägel tiefe Kratzer auf seiner Haut hinterließen. Er achtete nicht darauf. Es brannte höllisch in dem Salzwasser. Er konnte in der Dunkelheit ihr Gesicht und ihre jetzt zusammen gepressten Lippen erkennen, verkniff sich aber den Wunsch sie auf diese zu küssen. Frederik redete von seiner Arbeit, von ihren gemeinsamen Freunden. Unmerklich langsam schob er seinen Körper an ihren, so das durch die Bewegungen des Meeres sporadischer Körperkontakt entstand, zufällig, ungewollt sollte sie glauben. Er erinnerte sich daran, dass Roberta ihn gerne mit ihrer Freundin Vera foppte, die er nicht ausstehen konnte. Sie drohte sogar mal scherzhaft ihr für eine gewisse Zeit das Gästezimmer zu überlassen als sie die Beziehung zu Jason löste und nicht wusste wohin. Sie kannte seine Abneigung gegenüber Vera und hatte einen Riesenspaß daran, wenn er sich aufregte. In Wirklichkeit mochte sie Vera auch nicht besonders. Zu schlampig, besserwisserisch und teilweise schrill, wenn nicht gar vulgär war sie manchmal und der Kontakt zu ihr war anstrengend. Frederik beschlich manchmal das Gefühl, das seine Frau nur deswegen den Kontakt aufrecht erhielt um ihn ärgern zu können, um ihm vor Augen zu führen was für ein Glück er doch mit seiner Frau hatte.
    Er erzählte ihr, dass er Vera einmal auf einen seiner vielen Dienstreisen getroffen hatte. Er bemerkte das ein leichtes Zucken durch Robertas Körper ging. Er erzählte ihr, wie er Vera zu einem Drink einladen musste. Robertas Interesse war geweckt! Ohne das es ihr selbst bewusst war, machte sie Schwimmbewegungen. Langsame zwar, etwas eckig, unbeholfen wirkend und sie bemühte sich darum Frederiks Worte zu verstehen , hob den Kopf höher aus dem Wasser. Die Augen waren geschlossen, aber über ihrer Nase bildete sich eine kleine Falte. Frederiks Tonfall änderte sich. Er bekam einen sanften Ausdruck, als wolle er sich für etwas entschuldigen. Er erzählte Roberta davon, dass Vera mit dem einen Drink nicht zufrieden war und sie an der Bar versackten. Das sie beide vom Alkohol benommen ins Hotel torkelten und plötzlich vor seinem Zimmer standen. Die Schwimmbewegungen von Roberta wurden kräftiger. Frederik musste fast hinterher schwimmen. Er beichtete ihr das Vera ja nur ein Bett zum Schlafen brauchte und das sie ohne das er es wollte plötzlich zusammen nackend im Bett nebeneinander lagen. Er schilderte ihr alles woran sich sein durch den Alkohol vernebeltes Gehirn noch erinnerte. Auch von der Liebe mit Vera nach dem späten Frühstück. Wie unersättlich sie war, wie fordernd und gleichzeitig freizügig, offen, so wie er es noch nie erlebt und sich immer gewünscht hat.

    Roberta öffnete die Augen, die Blicke die ihn trafen waren voller Mitleid und gleichzeitigem Abscheu. Mit ein paar kräftigen Schwimmstößen war sie sofort zwei Meter von ihm entfernt. Er wusste das jetzt jeglicher -auch zufälliger- Körperkontakt zu seiner Frau einer Katastrophe gleichkam. Trotzdem schwamm er auf sie zu und wollte sie fassen, berühren. Roberta schwamm nicht um ihr Leben, aber von ihm wollte sie nie mehr berührt werden! Er bat seine Frau um Verzeihung für diesen Ausrutscher. Flehte und bettelte und der Mitleidsausdruck in Robertas Gesicht wurde in dem Masse weniger wie der Ausdruck des Abscheus zunahm. Er trieb schwimmend seine Frau vor sich her.

    Halb taumelnd und mit den Beinen einknickend bewegte er sich auf das Licht zu. Er musste die Augen mehr geschlossen als offen halten, blinzelte, sosehr brannte das Salz in den Lidern. Frederik lies sich einfach gegen die Tür fallen, versuchte zu rufen, aber es kam nur ein gewürgtes Röcheln hervor. Tränen vor Schmerz und Enttäuschung füllten seine Lider. Er wollte klopfen, seine Fäuste gegen das Holz hämmern, doch es war mehr ein Scharren, Schaben bis die Splitter seine Handknöchel blutig aufgerissen hatten. Sein Blick ging zu Roberta die sich übergebend, noch halb im Wasser liegend an dem Strand wälzte. Als er wach wurde bemerkte er als erstes seine Zunge. War es seine Zunge oder ein Stück Holz? Sein Kopf wurde angehoben und etwas drückte seine Lippen auseinander. Er bemerkte das Wasser was ihm eingeflößt wurde erst als es aus seinen Mundwinkeln herauslief. Sein Rachen war völlig gefühllos. Er versuchte vergeblich die Augen zu öffnen, das einzige was er noch verschwommen wahrnahm, waren flüsternde Stimmen.

    Der Fischer an dessen Haus er geklopft hatte wurde reichlich belohnt für seine Mühe. Roberta sprach nicht ein Wort. Weder zu ihm noch zu irgendjemanden anderen. Die Ärzte diagnostizierten als Ursache einen Schockzustand. Er bezahlte das Hotel, kümmerte sich um den Rückflug, seine Frau saß oder stand teilnahmslos neben ihm bei allen was er tat. Er versuchte sie zum Sprechen zu bewegen. Er versuchte ihren Gesichtsausdruck zu verändern in dem er ihr spöttische Sprüche, Beleidigungen an den Kopf warf. Nur wenn er versuchte sie zu berühren gab sie ihre Apathie auf und floh. Einmal bedrohte sie ihn sogar mit einem Messer. Des Nachts lag sie auf der äußersten Kante in ihrem gemeinsamen Bett. Wenn sie schlief versuchte er sich ihr zu nähern. Sie sprang auf und rannte zum Sofa, noch bevor er ihre Haut berühren konnte. Peinlich achtete sie darauf, dass jeglicher körperlicher Kontakt zu ihm vermieden, ja ausgeschlossen war. Im Taxi zum Flughafen saß sie entgegen ihrer Gewohnheit vorne beim Fahrer auf dem Beifahrersitz. Sie hatte nicht die Sprache verloren, stand nicht unter Schock wie die Ärzte meinten. Er hörte es nicht aber seine Frau muss mit dem Begleitpersonal des Flugzeuges gesprochen haben. Wie gewohnt hatte er die Sitzplätze nebeneinander gebucht. Sie am Fenster, er am Gang. Als er seiner Frau im Flieger den Vortritt lassen wollte, damit sie sich auf ihren Fensterplatz setzen konnte war sie verschwunden, stand nicht hinter ihm wie er glaubte. Die Stewardess schob eine korpulente, dunkelheutige Frau durch den Gang zu ihm und gab Frederik zu verstehen, das dieses seine Richtigkeit habe. Nach dem Start fand er seine Frau eingezwängt auf einem Mittelsitz zwischen zwei kräftigen Männern wieder, denen die Verwandtschaft zu seiner ungeplanten Sitznachbarin im Gesicht geschrieben stand. Die Blicke der Männer zu ihm ließen jedes Wort überflüssig werden. Als er Luft holte um seine Frau anzusprechen erhoben sie sich nur ganz kurz, das reichte.

    Er wollte ihr Zeit geben sich zu erholen. Ihre Arbeit würde schon wieder für eine gewisse Normalität sorgen. Am dritten Tag nach ihrer Ankunft war seine Frau verschwunden aus dem gemeinsamen Haus, aus dem Garten den sie so liebte. Frederik machte sich sorgen und telefonierte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen erfuhr er von ihrem Arbeitgeber, dass seine Frau sich für einen längeren Auslandsaufenthalt freiwillig zur Verfügung gestellt hatte. Diese Information erhielt er mehr beiläufig, denn direkt nachgefragt hatte er nicht. Er wollte sich nicht die Blöße geben, einzugestehen, das er nicht wusste, wo seine Frau ist. Frederik tat so als wäre er ein bisschen im Stress und deshalb habe er automatisch ihre alte Rufnummer gewählt. Natürlich wird er seine Frau jetzt im Ausland, auf ihrem neuen Arbeitsplatz anrufen. Wenn er nur wüsste wo?
    14 Tage nach dem Urlaub fand er das Schreiben des Rechtsanwaltes in der Post. Seine Frau hatte den Advokaten beauftragt die Scheidung von ihm durchzuführen. Sie verzichtet auf sämtliche Ansprüche ihm gegenüber, das Haus einfach auf alles. Die einzige Bedingung war lediglich, dass jeglicher Kontakt zu ihm unterbleibt und er auch nicht versuchen darf mit ihr in Kontakt zu treten oder Nachforschungen nach ihr und ihrem Verbleib betreiben darf. Der Rechtsanwalt äußerte sich optimistisch, dass eine Scheidung schon nach ein paar Tagen über die Bühne sei, wenn er, Frederik, durch seine Unterschrift der beigefügten Vertrag -der außerdem aus finanzieller Sicht für ihn äußerst günstig wäre- bestätigte. Nach drei Tagen sandte er das Schriftstück unterschrieben zurück.

    Frederik hörte nie wieder etwas von Roberta. Trotz des geschlossenen Vertrages in dem er sich verpflichtete jeglichen Versuch einer Kontaktaufnahme zu seiner Ex-Frau zu unterlassen, stellte er vorsichtige Nachforschungen an. Nichts erfuhr er von den ehemaligen gemeinsamen Freunden. Vera kannte ihn auf einmal nicht mehr. Über eine Arbeitskollegin von Roberta erfuhr er nach Monaten, als er sie zufällig bei einer Veranstaltung traf, das Roberta schon kurz nach ihrer Versetzung ins Ausland zur Verwunderung Aller, gekündigt hatte. Das war alles.

    In den Träumen der einsamen Nächte dachte er sehr oft an seine Frau. Der tragische Urlaub lief wie ein Film im Kino vor ihm ab. Er verliebte sich nicht mehr, obwohl genügend Angebote vorhanden waren. Er wurde immer verschlossener, zog sich immer mehr zurück. Frederik wechselte die Arbeit, verkaufte das Haus und lies sich in der Provinz als Steuerberater nieder. Finanziell ging es ihm gut. Auch gesundheitlich gab es keine Klagen. Die Menschen bewunderten seinen Sachverstand und suchten seinen Rat. Insgeheim wunderten sie sich allerdings darüber, das er nie lachte und immer ein wenig traurig war. Fragen nach dem Grund seines Verhaltens wies er schroff zurück und verwies auf Erlebnisse in der Vergangenheit über die er nicht zu reden gedenke.

    Irgendwann wird er sterben und sein Vermögen einer gemeinnützigen Stiftung hinterlassen. Keiner, auch Roberta und sein Sohn, der in diesem Urlaub gezeugt wurde, würde je erfahren, dass die Geschichte die er im Meer seiner Frau erzählte, ein Produkt seiner Fantasie war. Das er ihr Leben retten wollte. Das Leben des einzigen Menschen den er liebte.

  2. #2
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    ...oh man..was für eine Geschichte!!!Die hat mich jetzt irgendwie so richtig traurig gemacht!
    sie gefällt mir aber trotzdem supergut!Vorallem dieses Ende!!
    Alles Liebe,
    violett

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