Thema: Maria Blini

  1. #1
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    „Der Duft der Blumen ist weit süßer in der Luft als in der Hand.“ (Sir Francis Bacon)

    Maria Blini

    Dem bleichen Bühnenstück (voll ausdrucksloser Leichen),
    verlieh dein bebend weicher Tanz den Funken Leben,
    der meine Dürre traf um mich mit sinnesreichen,
    aparten, stummen Gesten hoch emporzuheben,

    bis über allen Operngläsern mein Verstand
    im Brennpunkt deiner reinen Ausdruckskraft verblieb
    und schliesslich, ob dem lichterlohen Sinnesbrand,
    von dir entflammt im fulminanten Kraftfeld trieb.

    Doch der letzte Vorhang kappte jäh den Strahl,
    der mich zuvor mit deinem Mienenspiel verband
    und tausend Hände reichten laut dem Modersaal
    ein kopflos schrilles, falsches Wirbelsturmgewand.

    Nur eine blieb final – auf meiner Hand.



    [Geändert durch Andvari am 03-10-2005 um 21:57]
    Geändert von Andvari (06.12.2006 um 22:24 Uhr)

  2. #2
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    Sälü Andvari.

    Hast du Andrea De Carlo gelesen? Ansonsten wüsste ich nicht, wie ich den Namen "Maria Blini" zu deuten habe.

    Kurzer Blick auf die Uhr: Meiner Müdigkeit zufolge wird das heute ein kurzes Re.

    Es gefällt mir bis jetzt nach dem ersten Lesen wirklich gut: Lesefluss, Wirkung des Inhalts, Verarbeitung des Zitats etc.
    Ich stolperte einzig über das Wort "Modersaal": Es ist relativ ungewöhnlich; rein vom Schriftbild liesse sich Mode, Mörder.. vermuten. Ansonsten hatte ich ein wenig das Gefühl du würdest von einem Bild ins andere flüchten, aber das muss ich mir zuerst noch genauer ansehen.

    Es wird noch mehr folgen, sobald ich Zeit und einen klaren Kopf aufbringen kann.

    Afange a lieba Grues,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  3. #3
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    Hallo olaja

    Ja, du hast es erraten – Andrea de Carlos „Techniken der Verführung“ stand hier Pate (ähem, ist nicht ganz so schlimm wie der Titel es erahnen lässt – es geht um die Verführung in den verschiedensten Facetten ). Das lyr. ich ist Mario Bata (ein wunderbarer gezeichneter Charakter) der zum ersten Mal Maria Blini auf der Bühne sieht – aber die Protagonisten sind natürlich austauschbar. Es geht einfach um die Macht des Moments, um die unvermittelte Anziehung und Faszination - darum, dass man sich gegenüber Dingen, die man (vermeintlich) nicht haben kann, wie ein zu ihnen gegenpoliger Magnet verhält und sich unweigerlich in ihr Kraftfeld begibt.

    Mmm – Modersaal – ja, kann man beim ersten Lesen drüberstolpern. Ich wollte den typischen Theatergeruch einfangen (fällt mir auch immer auf, wenn ich ins Kino gehe ).

    Vielen Dank für dein Re

    Una schöna Gruess vo hie

    Andvari

  4. #4
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    Da büni ummi.

    Leider hab ich es nicht früher geschafft, aber dafür hatte ich dementsprechend mehr Zeit, um noch einmal über dein Gedicht (zumindest im Hinterkopf) nachzudenken.

    Inhaltlich scheint mir dein Werk sehr ersichtlich. Ein lyr. Ich als Theater-/Operbesucher(in), welche(r) vom lyr. Du (Maria), der Schauspielerin, in den Bann gezogen wird.
    Somit passen auch: Bühnenstück, Gesten, Operngläsern, Vorhang, Minenspiel, Modersaal.

    In der ersten Strophe würde ich zwei weitere Kommata setzen:
    Dem bleichen Bühnenstück (voll ausdrucksloser Leichen),
    verlieh dein bebend weicher Tanz den Funken Leben,
    der meine Dürre traf, um mich mit sinnesreichen,
    aparten, stummen Gesten hoch emporzuheben,

    Das Wort "Dürre" halte ich eher für unpassend. Wahrscheinlich spielst du damit auf einen inneren Durst (geistig, erfüllend, aber auch sinnlich, sexuell) des lyr. Ichs an. Diesen Gedanken finde ich gut, nur kann ich "Dürre" nicht gut mit deinem restlichen Bildausführungen einer Schauspieldarstellungsszene verknüpfen. Allerdings bleibt das eine rein subjektive Anschauung.
    Im Werk selbst gliederst du die Dürre auf alle Fälle ein: Funken Leben - Dürre - Glas - Brennpunkt - Sinnesbrand - entflammt etc. Dennoch will mir das Wort nicht gefallen.

    Und noch eine kurze Verständnisfrage:
    "Nur eine blieb final – auf meiner Hand."

    Welche, eine? Auf was könnte sich das beziehen? Es muss zumindest ein weibliches Substantiv der letzen Strophe sein. Die Auswahl ist beschränkt: Hand oder Mine. Letztere dürfte es sein, dennoch wird das nicht klar ersichtlich, zumindest beim ersten Lesen (bei mir auch nicht beim zweiten Lesen, aber es ist Freitagabend, das erklärt so manches...).

    Ich revidiere meine Vermutung der fluchtartigen Vermischung innerhalb der Metaphorikebene. Auf alle Fälle ein schönes Kleid für das Zitat.
    Das Werk an sich gefällt mir immer noch gut, hat sich somit in der Wertungsskala nicht nach oben hin verbessert. Die Gründe dafür sind nicht in deinem Gedicht zu suchen, vielmehr spricht mich der Inhalt weniger an. Falls du den Erwartungen eines Titels wie "Techniken der Verführung" rund um die Maria einmal lyrisch nachkommen solltest, dürfte sich das ändern.

    As schös Wùchenend,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  5. #5
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    Hallo ,

    Ich hätte das Zitat wohl hinschreiben sollen: „Der Duft der Blumen ist weit süßer in der Luft als in der Hand.“ (Sir Francis Bacon).

    Ja, ich bin mit dir einig, dass der (vordergründige) Inhalt sehr überschaubar ist und dass man keine grossen Bild- oder Chiffrierdschungel mit der Machete niedermachen muss, um die dargestellte Szene vor sich zu haben. Das ist grundsätzlich mal eine wertungsfreie Aussage, auch wenn ich es eigentlich liebe, mir zu gegebenen abstrakten, bildhaften Gedichten meine Verstehenswelt zu errichten.

    Was mich hier geritten hat war weniger der Versuch einer poetisch bildhaften Verschlüsselung als viel mehr das Spiel mit dem Zitat (insbesondere mit dem Motiv der Hand und "in der Luft") und dessen Übertragbarkeit. Dass man da grundsätzlich das eine dem andern vorzieht – und vielleicht deshalb hier nicht gerade vom Hocker fällt kann ich nachvollziehen. Äehm, dass soll natürlich jetzt nicht heissen, dass man das Gedicht nicht auch aus einem anderen Grund scheisse finden darf .
    „...immer noch gut, hat sich somit in der Wertungsskala nicht nach oben hin verbessert“ finde ich sehr schön und ein wenig zu diplomatisch gesagt (also ich suche dann die Gründe dafür doch eher im Gedicht, da habe ich mehr Einfluss als auf den/die Leser/in )

    Zu deiner Frage bezüglich dem eine:

    Vom Leichenschauspiel (pseudoavantgardistische „möchtegern“ Kunst war’s übrigens) ist das lyr. Ich ja nicht so sehr begeistert, weshalb sein Fokus auch auf den vermeintlich einzigen Funken Leben auf der Bühne fällt etc.

    Am Schluss reichen die Hände dem Modersaal ein falsches Wirbelsturmgewand (immer aus der Sicht des Ichs natürlich) – nur die eine (Hand) verbleibt final auf der Hand des lyr. Ichs (die Hand war also gemeint). Dies soll den Kreis des Zitates schliessen.
    Hier sehe ich die Blume, die in der Hand des lyr. Ich’s ist (also z.B. seine Begleiterin) und nicht in der Luft (wie M.Blini, oder er selbst noch während der Vorstellung) und die vermeintlich nicht so süss duftet (weil sie „erreichbar“ ist, ja gar körperlich berührt wird). Andererseits deutet es auch auf eine Verbundenheit und Loyalität hin (zusammen stimmen sie nicht in das Wirbelsturmgewand ein) und das Ich könnte gespalten sein zwischen den luftigen, unerreichbaren Höhen – die eine so wunderbare Projektionsfläche bieten (da man nicht viel über sie weiss) und den sicheren, bekannten Blumen in der Hand.

    Ob nun die Hand wirlich im Saal anwesend ist, ist auch nicht ganz sicher (im Buch war sie's nicht). Es kann auch bildlich verstanden werden.

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und schönes Wochenende

    Andvari

  6. #6
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    Hallo Andvari,
    die Sprache selbst und die Bilder darin haben mich sehr angesprochen; nur meine Ahnungslosigkeit hinderte mich an einer Äußerung dazu.
    Jetzt, "schlau gemacht", kann ich nur loben und "preisen".
    Deine Sprache zieht förmlich an, groß und erhaben.
    Liebe Grüße,
    Dana

  7. #7
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    Salut Andvari.

    Also doch die Hand. Ich zog beide Möglichkeiten in Erwägung, dennoch konnte ich aus dem Kontext nicht richtig erschliessen, warum es ausgerechnet die Hand oder die Mine sein sollte. (Zugegeben: Die letzte Zeile an und für sich konnte ich nicht recht in den restlichen Inhalt einordnen). Danke für deine Erläuterung.

    Mir liegt es eigentlich nicht oder zumindest nicht immer, diplomatisch zu sein. Aber vielleicht wertest du meine Worte etwas gar (zu) negativ? War jedenfalls nicht so gemeint - und ich stufte auch noch nie eines deiner Werke in die Skala "scheisse" ein, da müsstest du schon arg tief sinken, diese Vorstellung liegt tief verborgen im Unermesslichen meiner Gedanken oder so.

    Was wollte ich sagen? Ich finde das Gedicht gut, d.h. die Gedanken, welche hinter dem Gedicht stehen, die inhaltliche und formale Umsetzung der Thematik etc., nur eben mit der Thematik selbst kann ich weniger anfangen.

    A gueti Wucha,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  8. #8
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    Hallo ,

    @Dana
    Ja ich hätte das Zitat gerade zu Beginn hinschreiben sollen. Das Ding entstand für einen Gedichte-Wettbewerb auf einem anderen Forum und das Zitat war ein mögliches „Thema“.
    Vielen Dank für dein (äehm - etwas beängstigend überschwängliches) Lob. Gern gelesen

    @olaja
    Von deinem ersten Re habe ich noch zwei Dinge offen gelassen:
    a) Ich glaube mit den Kommata hast du Recht. Das erste habe ich schon mal eingefügt und das zweite werde ich wohl auch noch einfügen (evtl. irgend wann mal klammheimlich ).
    b) >> (olaja): Falls du den Erwartungen eines Titels wie "Techniken der Verführung" rund um die Maria einmal lyrisch nachkommen solltest, dürfte sich das ändern.
    Das klingt ja fast wie eine thematische Auftragsarbeit. Sehr verlockend, aber dann müsste ich wohl stark von der Vorlage abweichen um dem/r geneigten Leser/in nicht allzu sehr mit dem Messer in den Rücken etwaiger romantischer Vorstellungsbilder zu fallen .

    Und – nein, ich habe deine Kritik nicht zu negativ aufgefasst, sondern mich darüber gefreut, dass es dir gefällt. Dein „Thema“-Argument verstehe ich schon, ich habe mich da ein wenig dumm gestellt (oder tue jetzt so also ob ich mich dumm gestellt habe und war es in Tat und Wahrheit wirklich – wie auch immer ).

    Schön dass du nicht für die Diplomatie geboren bist – dann kannst du gegebenenfalls auch problemlos mal ein Werk als “Kuhscheisse“ oder so titulieren, wenn du es dafür hältst, denn Vorstellungen, die man tief verborgen wähnt, könnten ja ganz schnell mal zu Tage treten . Tu dir da also nur keinen Zwang an.

    Mit der Diplomatie ist es so ne Sache: Oft denke ich, dass uns die alltägliche, falsche Diplomatie bremst und kaum Luft zum atmen lässt (da reinigenden Gewitter ausbleiben) und andererseits sieht man dann auf globaler Ebene so viele Konflikte, die brachial und offen ausgetragen werden, dass man kaum weiss, wo einem der Kopf steht... Mmm, ein Gedankenfetzen und offtopic – ich weiss, ich weiss .

    Merssi ùf au Fäù ùna hüùba no

    Andvari

  9. #9
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    Hallo Andvari,
    mein Lob war echt, Dein Werk zeichnet sich durch eine erhabene Sprache aus (zumindest für mich).
    Zur Doplomatie: lieber eine zunächst gebremste als gar keine.
    Die ungebremste Fahrt richtet zu oft ein endgültiges Unheil an, da bleibt kaum noch Energie für ein reinigendes Gewitter.
    Liebe Grüße,
    Dana

  10. #10
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    Hi.

    Ich würde meine Hand für die beiden Kommata nicht ins Feuer legen, aber meinem relativ sicheren Gefühl zufolge, sind sie angebracht.

    Solangs keine Zwangsarbeit wird.

    Bezüglich Diplomatie: Gedanken dazu werde ich dir per PN schicken, sobald ich Zeit habe.

    psst, ganz klammheimlich: Mienenspiel (hab' ich auch erst gerade bemerkt, als wäre es nicht schon genug im Deutschunterricht heute den Spruch gehört zu haben "viele von Ihnen hätten in der Erörterung, was Zeichensetzung und Orthographie anbelangt, eine 1, wenn ich nicht gnädig gewesen wäre...")

    A lieba Grues,
    olaja
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  11. #11
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    Hallöle,

    Keine Angst, Zwangsarbeit ist zwar schon mein Metier - aber üblicherweise bin ich nicht derjenige der sie ausführt, sondern derjenige der sie verhängt .

    Danke auch für das "e". Wenn noch mehr Peinlichkeiten auftreten, bitte per Mikrofilm auf die Grösse eines Satzpunktes reduzieren

    A Schööna, vonera Überdoosis Einschtein
    verwirrta Gruess,

    Andvari

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