Das soll meine Geschichte sein!

Hallo erst mal. Ich heiße Samira, bin 17 Jahre jung und lebe in der „geteilten Stadt“ Jerusalem. Zurzeit ist es wirklich nicht einfach eine Palästinenserin zu sein, denn wenn ihr ab und zu die Nachrichten verfolgt habt, wisst ihr wohl in etwa, dass täglich viele junge Menschen sterben. Menschen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind. Menschen, die nicht wissen, was das Morgen bringen wird. Menschen wie du und ich, die…
„Samira, wo bist du? Komm sofort her. Umm Shadi ist gekommen.“ Ya Allah , warum tust du mir das an? Diese alte Umm Shadi hat mir gerade noch gefehlt! Aber was soll’s, man soll ja seine Eltern nicht warten lassen!“
„Ja, Samira, weißt du schon das Neueste? Kennst du noch Mohammed El-Moussa?“ „Na klar, wir sind zur selben Schule gegangen. Er war schon immer etwas rundlich, aber tief im Innern ein guter Mensch. Was ist denn mit ihm? Du schaust do entsetzt! Er, er ist doch nicht etwa, nein, sag’ nicht, dass das stimmt, was ich glaube. Nein, er kann doch nicht, nein, Umm Shadi, sag’ doch was!“ Aber Umm Shadi schaut nur kopfschüttelnd zur Erde. „Möge Allah ihn bald zu sich nehmen! Er wurde heute, als er von der Schule kam, angeschossen. Die Kugel sitzt im Kopf…“ „Nein, erzähl so eine Lüge nicht, wie kannst du nur? Hast du keine Gefühle? Nein, das kann nicht sein, nicht Mohammed.“ „Samira, bitte beruhige dich…“ „Wie soll ich mich beruhigen Mama, wenn ein Freund von mir im Sterben liegt? Das verlangst du von mir? Umm Shadi, in welchem Krankenhaus, in welchem liegt er? Sag’ es mir! Ich will ihn noch einmal sehen!“ „Er liegt, er liegt auf der Intensivstation im El-Roussou-Krankanhaus! Aber Samira, ich bitte dich, gehe dort nicht hin. Ich glaube nicht, dass du das verkraften kannst, du bist noch so jung.“ „Ja, jung genug um der Realität ins Gesicht zu sehen.“

Ich weiß selbst, dass ich dem Tod nicht – zumindest jetzt – in die Augen sehen kann und will. Aber bei Mohammed ist das was anderes!
Allah, sag’ mir, warum musste es ausgerechnet Mohammed treffen? Er kam doch nur von der Schule, oder nicht? War er einer dieser mutigen jungen Menschen, die alltäglich mit Steinen auf die schwerbewaffneten Israelis werfen? Wird er als Märtyrer sterben, wie schon so viele vor ihm? Sag’ es mir Allah!
Samira, du musst wahnsinnig sein, dass du dich aufmachst, um Mohammed noch einmal zu sehen, aber andererseits bist du doch auf gewisse Weise tapfer… Allah, ich bitte dich, lass mich nicht so absurde Gedanken denken. Schütze mich lieber, dass ich heil im Krankenhaus ankomme.

Schluck! Krankenhäuser sehen immer so steril und kalt aus. Ohne jeglichem Gefühl und ohne Herz. Einfach nur kalt, aber, ich muss durch diese Türen, die dich von der einen Welt zur anderen Welt führen. Kaum bin ich drinnen, nehme ich diese andere Welt deutlich wahr. Überall die verzweifelten Gesichter der Mütter, die Allah bitten, ihre geliebten Söhne noch nich zu sich ins Paradies zu nehmen. Plötzlich öffnet sich eine Tür. Ärzte und Krankenschwestern schieben ein neues Bett mit einem neuen Patienten herein. Wieder ein Kind. Wie zufällig kann ich in paar Brocken des Dialogs des Sanitäters und der Ärztin aufnehmen: „Seine Freunde verständigten uns, sie haben mit Steinen nach den Soldaten geworfen. Plötzlich eröffneten die Soldaten das Feuer, er, Rami, wurde dabei schwer getroffen. Zwei Kugeln sitzen in der Schulter, eine dritte durchbohrte den rechten Flügel des Herzens, er ist doch erst 14…!“

„Entschuldige, aber kann ich dir helfen? Du siehst so blass aus!“ Ich sehe der Krankenschwester in ihr freundliches Gesicht. „Oja, es wäre nett, wenn Sie mir sagen könnten, in welchem Zimmer Mohammed El-Moussa lieg. Er wurde heute eingeliefert. Er, er hat eine Kugel im Kopf“, mir kullern die Tränen über die Wangen. Erst jetzt, in diesem gefühlstotem Gebäude kommt ihr, erst wenn du den Tod an dir vorbei husche fühlen kannst, erst dann kommt ihr. Als ob ihr genau wisst, wann es Zeit für euch ist!
„Mohammed El-Moussa? Einen Augenblick bitte, ich muss grad’, was ist mit dir?“
Nein! Nein, Allah! Nein! Nein! Nein! Lass das einfach nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein. Tu mir das nicht an. Die Sanitäter schieben soeben ein neues Bett herein. Der Junge der im Bett zu verbluten scheint ist – ich kann es nicht glauben – mein kleiner Bruder Omar!
„Omar, was, was ist passier?“ „Entschuldige, aber du misst gehen, er…!“ „Er ist mein Bruder und Sie wollen mich wegschicken?“ „Nein, ich wusste doch nich, dass du…“ „Omar, was ist passier? Omar, hörst du mich?“ „Samira? Bist du’s wirklich? Du siehst so schön aus. Samira, lass mich nicht alleine Hörst du mich? Samira, ich habe soviel Angst , ich will nicht sterben. Bitte Samira, lass mich nicht im Stich, bitte, ich habe soviel angst…“
Nein Allah! Nein, Omar, nein! Nein! Bitte nicht, nein, Allah, nimm ihn nicht zu dir! Nein, tu’ mir das nicht an! Nein Omar, komm, mach die Augen wieder auf und sag’ dass das nur ein Scherz war! Bitte Omar, bitte! „Diagnose: zwei Schüsse im Hinterkopf. Er ist tot!“

Diese zwei Sätze zerreißen mir das Herz in tausend Stücke. Mein kleiner Bruder erschossen von den Israelis! Warum? Könnt ihr einfach keine Kompromisse schließen? Müssen wir erst unsere Brüder opfern, damit ihr was ändert? Müssen so viele Kinder sterben, um als eigentliche Gewinner in die Geschichte einzugehen? Warum nur? Warum?

Wir, die wir in der Neuzeit soviel litten, müssen am meisten opfern um nichts außer ein Unrecht nach dem anderen zu bekommen? Nur um euer Mitleid zu bekommen? Und die guten Ratschläge, von denen ihr so überzeugt seid? Ihr wisst doch überhaupt nicht, was hier abgeht. Ihr lebt in Frankreich, Deutschland, England oder in den Vereinigten Staaten. Und dann glaubt ihr, etwas an unserer Situation ändern zu können. Ihr kennt sowas nicht. Ihr wollt sowas nicht kennen. Sowas muss einfach aus der Welt geschaffen werden. Und sowas wollt ihr noch nicht mal in den Mund nehmen. Aber ich, ich Samira, sage euch, was sowas ist.

Sowas ist Hoffnungslosigkeit.
Sowas ist Hunger.
Sowas ist Unterdrückung.
Sowas nennt man auch keine Perspektiven haben, wer weiß, ob ich morgen noch lebe?!

„Mohammed El-Moussa? Tut mir leid, aber er ist schon vor zwei Stunden verstorben.“

Und dann frag’ ich euch, soll auch ich an gebrochenem Herzen sterben, weil meine Brüder für unser Palästina kämpfen, das es nur in unseren Köpfen gibt? Soll ich? Ich frage dich, ich frage euch. Soll ich?

Mein Herz habt ihr schon gebrochen. Wollt ihr jetzt noch mein Leben? Das, was ich am Liebsten liebte, habt ihr soeben genommen. Aber meinen Stolz eine Palästinenserin zu sein, werdet ihr nie kriegen. Das schwöre ich bei Allah!